Statusupdate 1-26: Die ersten aufregenden Tage nach der Auswilderung

Alosa fliegt außergewöhnlich früh aus!

Ein wichtiger Bestandteil des Auswilderungsprojekts ist das lückenlose Monitoring vor Ort. Unsere Beobachtungen wollen wir natürlich auch mit Euch teilen und veröffentlichen in loser Reihenfolge neue Informationen an dieser Stelle. Im heutigen Statusbericht berichten wir über die Entwicklungen seit der Auswilderung.

Die ersten Tage nach der Auswilderung unserer beiden neuen Bartgeier Alosa und Zierli am 24. Juni zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich Jungvögel ihren Start in die Freiheit gestalten – und wie schnell sich ihre Entwicklung vollziehen kann.

24. Juni: Ankunft, erste Interaktionen und ein „Unfall“

Alosa nach der Rückholaktion |© Toni wegscheider, LBV © Toni wegscheider, LBV
Die Rückholaktion gestaltete sich als unkompliziert. Hier ein Bild von Alosa direkt als das Team die Auswilderungsnische wieder verlässt.

Schon kurz nach der Auswilderung zeigte Alosa ein hohes Maß an Aktivität und Neugier. Ähnlich wie Wally war sie schon kurz nach dem Verlassen des Nischenteams auf den Beinen und erkundete das neue Zuhause relativ weiträumig.

Zierli war anfangs deutlich eingeschüchterter und verblieb erst einmal länger im Horst liegen. Dies änderte sich jedoch plötzlich am Nachmittag. Relativ unvermittelt stand er/sie (Geschlecht noch unbekannt - Ergebnisse der Blutuntersuchung werden wir demnächst erhalten) auf und bewegte sich mehr oder weniger zielstrebig auf Alosa zu. Die darauffolgenden Konfrontationen gingen von ihm/ihr aus, blieben jedoch allesamt recht harmlos.

Jedoch hatte die letzte eine unerwartete Entwicklung zur Folge: Alosa fühlte sich bedrängt und schlug mit dem rechten Flügel über den Zaun, der dort hängen blieb. Gleichzeitig strampelte sie sich mit den Krallen die Zaunlaschen nach oben. Nach einem kurzen Moment stieg sie dann höher und plumpste auf die andere Seite außerhalb der Nische. Das Nischen- und Trägerteam war gerade erst unten im Klausbachtal angekommen, als wir schon die Nachricht erhielten, dass sich Alosa außerhalb des Zauns befand.

Nach einer kurzen Krisensitzung wurde entschieden, Alosa dort erst einmal zu beobachten und die weitere Entwicklung abzuwarten. Sie bewegte sich zuerst auch tatsächlich weiter hinaus in heikleres Gelände, und es bestand die Sorge, dass sie von dort nicht mehr zurückkäme. (Dies hätte die ungünstige Situation zur Folge, dass der Jungvogel in dem Alter – normalerweise – noch nicht fliegen kann und es für uns sehr schwierig wäre sie an solchen Stellen mit Futter zu versorgen. Die Folge wären aufwändige und anspruchsvolle Rettungsaktionen wie damals bei Dagi.

25. Juni: Kurze Rückholaktion und Interaktionen

Am nächsten Morgen zeigte sich eine günstige Situation: Alosa war aus dem Steilgelände wieder zurück an den Nischenrand geklettert und versuchte auch sichtlich wieder hineinzugelangen. Sofort startete ein Team und konnte sie sehr problemlos einfangen und wieder hineinsetzen. Im Zuge der Aktion wurde der Zaun an mehreren Stellen erhöht bzw. verstärkt und gestrafft. Zierli verhielt sich derweil sehr ruhig und blieb auf der anderen Seite der Nische.

Zierli suchte wiederholt die Nähe zu Alosa und initiierte mehrheitlich die Interaktionen und Konflikte. Dadurch beeinflusste er/sie sichtbar ihre Reaktionen. Insgesamt waren diese Zusammentreffen jedoch nie ausgesprochen aggressiv.

Auffällig war, dass beide schon zu diesem Zeitpunkt intensiv die Tränke nutzten und Alosa sogar ein Bad nahm. So früh vollzog das bisher nur Vinzenz. (Bei Zierli folgte das allerdings auch nur einen Tag später). Da wir auch in diesem Jahr wieder auf die ausgetrocknete Wasserstelle angesprochen wurden, hier bei FAQ 14 auf der Webcamseite noch einmal die Erklärung dazu.

Die Umstellung auf die ungewohnte Nahrung im Vergleich zu Zoo und Zuchtstation klappte auch schon sichtlich gut und die ersten Brocken wurden erfolgreich vertilgt.

26. Juni: Der große und außergewöhnlich frühe Schritt – Alosa fliegt

Alosa nach dem Ausflug  |© Seraphina Schönherr, LBV © Seraphina Schönherr, LBV
Alosa kurz nach dem Ausflug.

Am 26. Juni geschah etwas sehr Unerwartetes: Bereits am Vormittag sind beide Vögel sehr aktiv, bewegen sich viel im Gelände, trainieren die Flugmuskulatur und interagieren weiterhin regelmäßig in der gleichen konfrontativen Art und Weise.

Relativ plötzlich startet Alosa um 14:09 Uhr zu ihrem ersten Flug. Die Aktion war gewollt, aus dem hinteren, flacheren Teil der Nische ist es gar nicht so einfach auszufliegen, doch mit ein paar kräftigen Flügelschlägen holt sie sich den Schub und geht dann in einen Segelflug über. Der erste Flug dauert etwa 10 Sekunden, sie fliegt über den freien Hang, nimmt wie bei früheren Ausflügen anderer Vögel eine Rechtskurve und landet auf einem Absatz oberhalb der nahegelegenen Schuttrinne, wo sie ruhig sitzen bleibt.

Für ihr Alter ist dieser Flug bemerkenswert: Mit rund 97 Tagen gehört sie zu den an frühesten ausgeflogenen Bartgeiern im Projekt: Von 423 bekannten Ausflugsdaten steht sie damit an vierter Stelle (nur drei Weibchen kommen vor ihr mit jeweils 88, 94 und 96 Tagen. Allerdings weiß man hierbei nicht, ob es sich ebenso um eine aktiv gestartet Aktion handelte oder vielleicht doch eher um „Unfälle“).

Sie klettert an dem Tag noch ein wenig in der näheren Umgebung herum, aber bleibt auch oft an Ort und Stelle, vollführt Gefiederpflege und macht einen relativ entspannten Eindruck.

Für das Team bedeutet das nun mehr Aufwand bei der Fütterung, da nun beide Geier an unterschiedlichen Orten gefüttert werden müssen und dabei eine relative Heimlichkeit gewahrt bleiben sollte.

Alosa fliegt aus!

27. Juni: Entdecken der Umgebung, Gefiederpflege und Siesta

Alosa im Gelände |© Seraphina Schönherr, LBV © Seraphina Schönherr, LBV
Alosa klettert und erkundet an diesem Tag ausgiebig die Umgebung.

Am Tag nach dem Erstflug zeigte sich Alosa sehr aktiv, allerdings überwiegend am Boden. Sie klettert, untersucht Steine und Vegetation und betreibt ausgiebig Gefiederpflege. Der einzige Flug des Tages gegen Mittag dauerte immerhin schon ca. 30 Sekunden an.

Diese Phase ist typisch für Jungvögel nach dem ersten Ausflug, da sie sowohl ihre Fähigkeiten weiterentwickeln als auch neue Eindrücke verarbeiten müssen.

Zierli zeigt sich an diesem Tag deutlich ruhiger. Vor allem bei den sommerlich heißen Temperaturen verbringt er/sie viel Zeit mit Ruhen, frisst jedoch weiterhin regelmäßig, vollzieht Gefiederpflege und bleibt am Standort.

28. Juni: Mehr Flüge - mehr Training

Alosa vor der Fotofalle  | © LBV-NPV © LBV-NPV
Alosa spaziert an der Fotofalle eines höhergelegenen Futterplatzes vorbei. Da wir nicht mit einem so frühen Entdecken dieser gerechnet hatten, lag dort leider auch noch nichts aus.

Zwei Tage nach dem Erstflug ist die Entwicklung bei Alosa deutlich sichtbar. Bereits am Vormittag unternimmt sie mehrere Flüge und bewegt sich zunehmend sicher im Gelände. Sie fliegt über den Hang, landet, läuft weiter und nutzt die umliegenden Felsstrukturen aktiv. Teilweise hält sie sich außerhalb des direkten Sichtbereichs auf und erschließt sich ihren neuen Lebensraum Schritt für Schritt.

Auf aktive Abschnitte folgen immer wieder längere Ruhephasen. Insgesamt wirkt Alosa jedoch sehr fit und agil. Selbst den nächsten, höhergelegenen Futterplatz überfliegt sie problemlos – und spaziert daran vorbei. Dies führt zu der kuriosen Situation, dass das erste Mal ein Jungvogel auf der dort aufgestellten Fotofalle erscheint, bevor dort überhaupt Futter ausgelegt wurde. Ab dem Nachmittag vermehren sich die Ruhephasen und sie wird deutlich inaktiver.

Um sie zusätzlich zu unterstützen und die Nahrungsaufnahme zu erleichtern, wird noch in der gleichen Nacht Futter gezielt in der Nähe ihres Aufenthaltsbereichs nahe am Futterplatz ausgelegt.

Zierli bleibt weiterhin aktiv. Er/sie trainiert intensiv seine Flügel und erreicht an diesem Tag bereits 150 Flügelschläge. Außerdem frisst Zierli regelmäßig und zeigt ansonsten ein normales Verhalten. Intensive Gefiederpflege beweist seinen/ihren grundsätzlich stabilen Zustand.

29. Juni und danach: Eine neue Etage für Alosa

Alosa in einem höher gelegenen Bereich  |© David Schuhwerk, LBV © David Schuhwerk, LBV
Alosa in dem deutlich höher gelegenen Bereich kurz nach dem Futtertransport. Dies gestaltet sich nun zunehmend aufwändiger, da deutlich mehr Höhenmeter und anspruchsvolles Gelände überwunden werden muss.

An diesem Tag kommt es zu einer rapiden Steigerung der Flugfähigkeit: Ganze zwölfmal hebt sie an diesem Tag ab und gelangt so zu deutlich höheren Lagen als der übliche Bereich der Halsgrube. Dort wird es zunehmend schwieriger für das Team ein lückenloses Monitoring durchzuführen. Durch Positionswechsel und erhöhtem Personalaufwand gelingt aber auch das ganz gut.

Da Alosa in der beobachtbaren Zeit zum letzten Mal am Freitag Nahrung und Wasser zu sich genommen hatte, wurde ihr am darauffolgenden Tag dringend benötigtes Futter auf das Reiteralmplateau gebracht.

Dies funktionierte hervorragend, nach nur wenigen Minuten fraß sie ausgiebig.

Fazit: Ein gemeinsamer Start – zwei Entwicklungen

Die ersten Tage nach der Auswilderung zeigen zwei unterschiedliche, aber völlig natürliche Entwicklungsverläufe:

  • Alosa entwickelt sich sehr schnell und vollzieht bereits kurz nach der Freilassung den Schritt in die Luft.
  • Zierli bleibt zunächst stärker an den Ausgangsbereich gebunden, zeigt aber auch eine hohe Aktivität.

Wie in jedem Jahr erkennt man deutlich unterschiedliche Verhaltensweisen und Charaktere der Junggeier. Entscheidend ist: Beide Tiere sind aktiv, gesund und passen sich Schritt für Schritt an ihre neue Umgebung an.

Eines ist sicher:
Unsere beiden Schützlinge halten uns weiterhin auf Trab – und es bleibt spannend, ihre Entwicklung weiter zu begleiten.

Mitdiskutieren im LBV Forum

LBV Community Logo

Ob Sie Ihre Beobachtungen von der Webcam gerne teilen oder lediglich die bisher geschriebenen Kommentare lesen wollen: In unserem neuen Forum sind Sie richtig! Diskutieren Sie in der wachsenden Community und stellen Sie dem LBV-Team fragen!

Die letzten 12 Beiträge im Forum:

von David Schuhwerk,

Mehr aktuelle Beiträge zum Bartgeier

Newsletter

Der LBV - Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern e.V.  ist mit Freistellungsbescheid des Zentral-Finanzamtes Nürnberg, Steuer-Nr. 241/109/70060, als gemeinnützigen Zwecken dienend anerkannt und gem. § 5 Abs. 1 Nr. 9 KStG von der Körperschaftssteuer freigestellt. Ihre Spende ist steuerlich absetzbar. Mehr zur Transparenz