Steigende Absatzchancen für Verbands-Biobauern
Ökolandbau erreicht Discounter
Jan Niessen ist Professor für Strategische Marktbearbeitung in der Biobranche und Studiengangsleiter für Management in der Biobranche an der Technischen Hochschule Nürnberg. Wir wollten von ihm wissen, ob 30 Prozent Ökolandbau bis 2030 wie im Volksbegehren gefordert möglich sind und was der Verbraucher dazu beitragen kann.
LBV: Bioland ist Ende 2018 eine Kooperation mit dem Discounter Lidl eingegangen. Ist das ein Durchbruch für den Ökolandbau auf dem Weg zu einem Anteil von 30 Prozent bis 2030, wie ihn das Volksbegehren Artenvielfalt gefordert hat?
Jan Niessen: Das ist zumindest ein wichtiger Schritt, um den heimischen Ökolandbau breiter im Markt aufzustellen. Bisher hatten nationale Handelsunternehmen nur mit internationalen Bioanbauverbänden zusammengearbeitet, etwa bei Zitrusfrüchten, Bananen oder Obst und Gemüse aus Südeuropa. Durch die Kooperation bekommt der Anbau heimischer, zum Teil sogar regionaler Bioware mit hohen Standards und entsprechend positiven Wirkungen für Umweltschutz, Artenvielfalt und Tierwohl einen starken Schub.
Wie hoch schätzen Sie das zusätzliche Absatzpotenzial durch Discounter ein?
Ein Beispiel: Im Jahr 2018 erzielte Lidl in Deutschland einen Umsatz von über 22 Milliarden Euro. Etwa zwei bis drei Prozent davon entfielen auf Biolebensmittel. Ziel ist sicherlich, diesen Bio-Umsatzanteil in den kommenden Jahren mindestens zu verdoppeln. Jedes Prozent macht bei weiterem Wachstum über 220 Millionen zusätzlichen Bio-Umsatz. Begleitet wird dieses Vorhaben von einer massiven Produktwerbung, wie sie die Biobranche nie geleistet hat. Lidl bietet zudem statt EU-Bio-Milch nur noch heimische Bioland-Milch an. Laut der Lebensmittelzeitung konnte Lidl im ersten Quartal den Umsatz für Biojoghurt um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigern. Davon wird ein ordentlicher Teil eigenes Bio-Zuwachsgeschäft sein, ohne andere Akteure zu kannibalisieren.
Sind Discounter-Kunden überhaupt bereit, höhere Preise für Bioware mit Verbandsstandard zu zahlen?
Nein, das brauchen sie auch nicht. Dank der effizienten Strukturen der Discounter bleiben die Endverbraucherpreise auf EU-Bio-Niveau und die Erzeugerpreise stabil. VS: Lange wollte Bioland nicht mit Discountern zusammenarbeiten, weil man sich nicht dem Preisdruck wie bei konventionellen Lebensmitteln aussetzen wollte. Niessen: Entscheidend wird sein, dass sich im Biomarkt weiterhin Angebot und Nachfrage die Waage halten. Solange wir nicht zu viel Bioware erzeugen, gibt es kein Preisproblem. Viele Bioland-Bauern und ihre Erzeugerzusammenschlüsse beliefern übrigens schon seit 15 Jahren und länger Discounter, nur wurden ihre Produkte nicht unter Verbands-Label, sondern als EU-Bio-Qualität vermarktet.
Lässt sich so ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage aktiv steuern?
Ja, dies zeigen organisierte Biobauern, die Märkte genau beobachten und ihre Kapazitäten entsprechend der Marktentwicklung ausbauen. Das funktioniert bisher ganz gut, was in Zeiten starken Wachstums nicht selbstverständlich ist. Die Biomolkereien haben zum Beispiel nach der Krise am konventionellen Milchmarkt keine neuen Milchviehbetriebe mehr unter Vertrag genommen, als bereits genügend auf Bio umgestellt hatten. Entscheidend wird es sein, bei den Landwirten keine übertriebenen Erwartungen bezüglich der wachsenden Absatzchancen zu wecken.
Dennoch wird der Kostendruck bei wachsenden Erzeugermengen sicherlich steigen. Wie können sich Betriebe dafür wappnen?
Kein Betrieb sollte allein im Markt agieren. Erzeugergemeinschaften, Genossenschaften und überbetriebliche Kooperationen sind vielmehr elementar, um die Position des Einzelbetriebs gegenüber dem Handel zu stärken. Die Obstgenossenschaften in Südtirol machen dies schon seit vielen Jahren erfolgreich vor. Der Handel hat Interesse an einer verlässlichen Rohwarenbasis. Der dauerhafte Erhalt unserer Ökosysteme ist nicht über den Preis verhandelbar, sondern über beste Praxis. Effizienz- und Größengewinne sind bei Discountern im stationären Handel weit ausgereizt, der Trend geht ja zur Qualität.
Wenn der Absatz von Verbands-Bioware durch eine Kooperation wie die mit Lidl anzieht, werden Landwirte und Verarbeiter ihre Produktion ausdehnen und zusätzliche Kapazitäten aufbauen müssen. Ist das nicht mittelfristig ein Druckmittel für die Discounter im Sinne von: „Wir nehmen euch die große Warenmenge zu diesem Preis ab. Falls euch der Preis nicht passt, sucht euch einen anderen Abnehmer“?
Jeder Biobetrieb muss sich möglichst breit aufstellen, was Absatz und Kunden angeht. Das haben auch die Bioland-Bauern und Verarbeiter seit Jahrzehnten gelernt. Zudem gibt es derzeit genügend andere Abnehmer. Weitere Discounter stehen Schlange für heimisches Premium-Bio. Darüber hinaus steht das bayerische Ziel 30 Prozent Ökolandbau und mehr bis 2030. Hier ist zum einen die Politik in der Pflicht, die richtigen Leitplanken und Anreizsysteme zu setzen. Das wird aber nicht ausreichen. Deshalb sind auch die Bürger, die für das Volksbegehren Artenvielfalt gestimmt haben aufgefordert, über ihre Lebensmitteleinkäufe Bio und damit Artenvielfalt „freizukaufen“.
Besteht die Gefahr, dass kleinere Biobetriebe abgehängt werden, weil sie ihre Produkte nicht in der Menge und Qualität anbieten können, die Discounter in der Regel verlangen?
Die Frage ist: „Wer passt zu wem?“ Wie im echten Leben. Grundsätzlich passen kleinere, individuell ausgerichtete und auf Vielfalt spezialisierte Betriebe eher nicht zum Lebensmitteldiscount. Deshalb vermarkten diese gerne direkt oder an Fachhändler, die ja für Vielfalt und Besonderheiten stehen. Gut ist, dass viele Bioland-Vermarkter bereits jahrelange Erfahrungen mit den Vor- und Nachteilen großer Handelshäuser gemacht haben und hier beraten können.
Interview: Sascha Alexander
Dieses Interview erschien zuerst im LBV-Mitgliedermagazin Vogelschutz Ausgabe 03/2019 (S. 32-33)