Bartgeier
Gypaetus barbatus
Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) ist eine der am stärksten spezialisierten Vogelarten Europas – angepasst an ein Leben im Hochgebirge und an eine nahezu einzigartige Ernährungsweise. Als auf Knochen spezialisierter Aasfresser nimmt er im alpinen Ökosystem eine besondere Rolle ein und unterscheidet sich in Biologie und Verhalten deutlich von anderen Greifvögeln und Geiern.
Über Jahrhunderte von Irrglauben begleitet und intensiv verfolgt, wurde der Bartgeier im Alpenraum (und vielen anderen Regionen Europas) vollständig ausgerottet. Heute ist er dank international koordinierter Wiederansiedlungs- und Schutzprogramme wieder Teil der alpinen Vogelwelt. Dieses Artenportrait bietet einen aktuellen, wissenschaftlich fundierten Überblick über Biologie, Lebensweise, ökologische Bedeutung und Schutzstatus dieser außergewöhnlichen Art.
Die wichtigsten Merkmale und biologischen Eckdaten des Bartgeiers sind im folgenden Steckbrief zusammengefasst. Ausführlichere Erklärungen zu Lebensweise, Anpassungen und Schutzstatus finden sich in den nachfolgenden Abschnitten.
Taxonomie und Verwandtschaft
Bartgeier gehören zusammen mit dem Schmutzgeier (Neophron percnopterus) und dem Palmgeier (Gypohierax angolensis) zur Unterfamilie Gypaetinae. Diese gehört zu einer früher abgetrennten, basalen Entwicklungslinie, die sie von den restlichen Altweltgeiern (vereinfacht zusammengefasst unter Aegypiinae) unterscheidet. Die jeweiligen Gattungen sind monotypisch und besitzen jeweils nur eine Art. Beim Bartgeier unterscheidet man noch eine Unterart, Gypaetus barbatus meridionalis. Sie kommt ausschließlich im östlichen und südlichen Afrika vor und unterscheidet sich durch eine andere Gesichtszeichnung, einem etwas kleinerem Körperbau und weniger befiederten Beinen aus.
Die Besonderheiten dieser Unterfamilie zeigt sich z.B. durch ungewöhnliche Nahrungsspezialisierungen (Knochenverzehr von Bartgeiern; Palmgeier sind überwiegend Vegetarier und ernähren sich zu einem großen Teil von den Früchten der Ölpalmen) und der kosmetischen Nutzung von mineralischen Farben bei Bart- und Schmutzgeier.
- Ordnung: Greifvögel (Falconiformes);
- Familie: Habichtartige (Accipitridae);
- Unterfamilie: Gypaetinae
- Gattung: Gypaetus
- Art: Bartgeier (Gypaetus barbatus barbatus)
Blick ins Geschichtsbuch
Als „Lämmergeier“ lange vom Menschen gefürchtet, wurde es dem Bartgeier nachgesagt, Vieh, Wild und selbst kleine Kinder davonzutragen und zu töten. Die damit verbundene Verfolgung führte dazu, dass der Bartgeier zu Beginn des 20. Jhd. im gesamten Alpenraum ausgerottet wurde.
Die heutigen Vorkommen gehen auf Wiederansiedlungen zurück, die im Jahr 1986 in Österreich begonnen wurden und bis heute in mehreren Ländern Europas fortgeführt werden.
Vielfältige Namensgebung
Bartgeier besitzen vielfältige Namen, die zum Teil auf Verhaltens- oder äußerliche Merkmale zurückzuführen sind. Sie wurden im Alpengebiet u.a. als Gold-, Berg-, Gemsen-, Joch-, und Steingeier bezeichnet. Eine weitere Bezeichnung des Bartgeiers ist auch Knochenbrecher (in Tirol: Boabrüchl). Sein markantes Verhalten, größere Knochen zum Zertrümmern auf Felsen abzuwerfen und die Bruchstücke zu Verspeisen, wurde schon seit Urzeiten bei den menschlichen Bewohnern der Bartgeierlebensräume beobachtet. Dieser Name kommt z.B. auch im spanischen (Quebrantahuesos) und auf Französisch (Ossifrage) vor.
Weitere Namensgebungen beziehen sich auf die äußerliche Ähnlichkeit zu Adlern, wie die Begriffe Bartadler oder Greifadler zeigen.
Besonders unglücklich war der im deutschsprachigen Raum einst vergebene Name „Lämmergeier“, der auf den dramatischen Irrglauben zurückzuführen ist, dass Bartgeier Lämmer erlegen würden. Leider wurde dieser Name in zahlreiche andere Sprachen übernommen (u.a. Englisch: Lammergeier, Niederländisch: Lammergier, Skandinavische Sprachen) und ist dort z.T. immer noch gebräuchlich.
Inzwischen setzt sich erfreulicherweise der Name Bartgeier immer mehr durch, der nach dem charakteristischen Federbart benannt ist, der über dem Schnabel nach unten hängt.
Status
Potenziell gefährdet (NT) laut IUCN. Streng bzw. besonders geschützt nach BNatSchG [BG] und Vogelschutzrichtlinie 2009/147/EG [VSR] Anhang I (Auf die in Anhang I aufgeführten Arten sind besondere Schutzmaßnahmen hinsichtlich ihrer Lebensräume anzuwenden, um ihr Überleben und ihre Vermehrung in ihrem Verbreitungsgebiet sicherzustellen).
Das Vorkommen des Bartgeiers (Gypaetus barbatus barbatus) in Bayern ist historisch verbürgt. Daher soll er künftig auch in die Rote Liste aufgenommen werden. In der Referenzliste der bayerischen Vogelarten der EU-Vogelschutzrichtlinie ist er enthalten. Auch in der Artenliste der Vögel Deutschlands ist der Bartgeier als ausgestorbener Brutvogel gelistet (BARTHEL & KRÜGER 2018).
Der letzte Bartgeier in Deutschland wurde 1879 bei Berchtesgaden erschossen (SCHIRM 1883).
Aussehen - Charakteristischer Bart und Kosmetik
Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,9 Metern zählt der Bartgeier zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Er ist neben dem etwa gleich großen (aber mit bis zu 12 kg deutlich schwereren) Mönchsgeier der größte Greifvogel Europas. Damit ist er in Bezug auf die Spannweite deutlich größer als der Steinadler.
Charakteristisch für sein Erscheinungsbild sind der lange, keilförmige Schwanz, die schlanken Flügel und die gelb-rötlichen Brustfedern. Diese Merkmale grenzen das Erscheinungsbild deutlich vom Steinadler ab. Die meist orange-rötlichen Gefiederpartien an Bauch, Brust und Nacken sind bei erwachsenen Vögeln eigentlich weiß und werden von den Tieren selbst durch Bäder in eisenoxidhaltigem Schlamm gefärbt.
Der schwarze Federbart, welche dem Bartgeier borstenartig über den Schnabel hinaus nach unten stehen, gaben ihm seinem Namen.
Im Gegensatz zu anderen Geierarten ist der Hals dicht befiedert, da er diesen bei der Nahrungsaufnahme von Knochen nicht verklebt oder verschmutzt.
Unterschiede im Aussehen zwischen den Geschlechtern sind beim Bartgeier für den Menschen nahezu nicht zu erkennen. Tendenziell sind Weibchen etwas größer und schwerer, jedoch bei weitem nicht so deutlich und offensichtlich wie bei vielen anderen Greifvogelarten. Es gibt Anzeichen dafür, dass es unterschiedliche Kopfformen gibt, die jeweils ausgeprägt sind, aber auch dies ist ein äußerst vages Merkmal und für das menschliche Auge schwer zu unterscheiden.
Veränderung des Federkleids
Junge Bartgeier unterscheiden sich markant von adulten Tieren. Sie besitzen ein deutlich wuchtigeres Flugbild mit breiteren Flügeln und einem kürzeren Schwanz. Auch die Färbung ist unterschiedlich: Jungvögel haben einen schwarzen Kopf und eine graue Körperunterseite. Diese auf den ersten Blick auffallenden Unterschiede dürften ihnen bei ihren ausgedehnten Streifzügen in den ersten Lebensjahren einen gewissen Schutz vor möglichen Angriffen territorialer Altvögel bieten.
Da die Gefiederentwicklung und die Mauser nach einem relativ einheitlichen Schema ablaufen, ist das jährliche Alter bis zum Erwachsensein sehr gut einschätzbar.
© Hansruedi Weyrich
Stimme des Bartgeiers
Bartgeier sind insgesamt eher stille Vögel im Vergleich zu manch anderen Greifvögeln, ihre Lautäußerungen sind aber wichtig für soziale Bindungen und das Verhalten zwischen Eltern und Jungtieren. Typisch sind beispielsweise die schrillen Unmutslaute der Jungvögel, die z.B. bei Konfrontationen in der Auswilderungsnische häufiger geäußert werden und oftmals gut über die Webcam wahrzunehmen sind. Auch Bettellaute werden häufiger ausgestoßen. Eher selten kommen Alarmrufe vor, die längeren Pfiffen ähneln. Adulte, v.a. männliche Bartgeier stoßen mitunter auch Laute während der Balzzeit aus.
Quelle: www.xeno-canto.org
Lebensweise des Bartgeiers
Nahrung
Bartgeier sind reine Aasfresser und ernähren sich hauptsächlich von Knochen (ca. 85% der Nahrung). Damit vermeidet der Bartgeier die Konkurrenz zu anderen Greifvögeln und erschließt eine durchaus reichhaltige Nahrungsnische - kein anderes Wirbeltier ernährt sich fast ausschließlich von Gebeinen, die mit einem Gehalt von 12% Protein, 16% Fett und 23% Mineralien äußerst nahrhaft sind.
Neben der fehlenden Konkurrenz und damit geringerem Aggressions- und dadurch auch Verletzungspotential besitzt die Knochennahrung noch einen weiteren Vorteil: Sie ist relativ lange haltbar, ohne sofort an Nährwert zu verlieren oder durch die Witterung beeinträchtigt zu werden.
Studien zeigen, dass die optimale Größe Paarhufer mittlerer Größe sind: Gämsen, Steinböcke, Schafe. Im Frühjahr spielen auch Murmeltiere eine gewisse Rolle, die den Winterschlaf nicht überlebt haben. Es konnte aber auch gezeigt werden, dass jegliche Kadaverreste angenommen werden, sofern sie denn gefunden wurden (Anmerkung: Nur aus dem Mittelmeerraum gab es Nachweise, dass Landschildkröten als lebende Beute angenommen wurden und ebenso wie große Knochen in geeigneten Knochenschmieden zertrümmert werden. Aktuell spielt das allerdings keine Rolle mehr, denn sowohl die Landschildkröten- als auch die Bartgeierpopulationen sind in diesen Regionen sind entweder komplett erloschen oder auf nur noch wenige Individuen geschrumpft).
Die Verdauung von Knochen ist aufgrund einer äußerst starken Magensäure (pH-Wert ca. 0,7) möglich, bis auf kreideartige Klumpen bleibt bei der Ausscheidung nichts übrig. Allerdings ist diese Nahrung wortwörtlich „knochentrocken“, wodurch der Bartgeier zu den wenigen Greifvögel gehört, die häufig trinken müssen.
Schnabel perfekt geeignet für Knochen
Bartgeier sind hervorragend an ihre äußerst spezialisierte Nahrung angepasst. Neben der extrem sauren Magensäure besitzen sie einen zur Bearbeitung der Kadaver hervorragend geeigneten Schnabel. Der Schnabelöffnungswinkel ist extrem weit und die Luftröhre reicht bis zur Schnabelspitze. So können Bartgeier auch 25 cm lange Knochen problemlos schlucken. Die elastische und robuste Speiseröhre verhindert Verletzungen.
Die Küken werden anfangs mit Fleisch aus Aas gefüttert, da bei ihnen die magensäureproduzierenden Drüsen erst noch entwickelt werden müssen und die flugunfähigen jungen Geier im Horst noch keine Möglichkeit haben, um selbstständig Wasser aufzunehmen. Der Anteil an Knochen nimmt dann nach und nach zu.
Fortpflanzung
Bartgeier werden in der Wildnis über 35 Jahre alt, sind jedoch erst nach 5 bis 7 Jahren geschlechtsreif und in den meisten Fällen findet eine erfolgreiche erste Brut erst im Alter von 8 bis 9 Jahren statt. Im Herbst beginnt die Balzzeit der Paare, wobei oft beeindruckende Synchronflüge und Balzspiele durchgeführt werden. In der Regel sind Bartgeier monogam und bleiben ihr Leben lang mit dem Partner zusammen. Es gibt aber auch vereinzelt Paarwechsel und in jüngerer Zeit hat man herausgefunden, dass es sogar ein paar wenige Trios und Quartette gibt, die zusammen für Nachwuchs sorgen).
Die Eiablage erfolgt zwischen Dezember und Februar, woraufhin 52 bis 58 Tage gebrütet wird. Dies bedeutet eine erhebliche Herausforderung bei den winterlichen Bedingungen im Hochgebirge. Deshalb braucht es einen gut geeigneten und geschützten Horststandort (viele Reviere besitzen aber auch mehrere Horste). Auch beim Nestbau wird eine große Sorgfalt an den Tag gelegt. Bartgeierhorste können einen Durchmesser von drei Metern erreichen. Als Fundament werden große Äste genutzt, nach oben hin kommt zusehends dünneres und feineres Material hinzu. Die wichtige Isolationsschicht wird vorzugsweise aus Fellen, Tierhaaren oder feinem pflanzlichen Material gebildet.
Insgesamt handelt es sich aber trotzdem um einen guten Zeitpunkt für die Bartgeier, denn die Jungvögel schlüpfen genau dann, wenn die Schneeschmelze einsetzt und zahlreiche Tierkadaver von im Winter umgekommenen Wildtieren freigelegt werden. Bartgeiern fällt in dieser Zeit die Nahrungsbeschaffung für den Jungvogel verhältnismäßig leicht.
Es werden in der Regel zwei Eier gelegt. Falls beide schlüpfen, ist das erste Küken dem zweiten körperlich überlegen und das jüngere wird bei der Fütterung vernachlässigt bzw. kommt weniger zum Zug. In vielen Fällen tötet der stärkere den schwächeren Jungvogel (obligater Kainismus). Das zweite Ei dient bei Bartgeiern lediglich als biologische Reserve, denn allein nur einen Jungvogel aufzuziehen fordert viel Energie. Im Schnitt verlassen junge Bartgeier nach 110 bis 120 Tagen zum ersten Mal den Horst.
Jungvögel bleiben nach dem Ausflug noch einige Wochen bis Monate im elterlichen Revier und profitieren von der Nahrungssuche der Eltern sowie von deren Schutz. Sie brechen dann selbständig zu Erkundungsflügen in die weitere Umgebung auf und verlassen vor allem im zweiten Lebensjahr die Herkunftsregion großräumig zu weiten Flügen quer durch die Alpen.
Verhalten des Bartgeiers
Jugendjahre
Von diesem Zeitpunkt an fliegen die Jungvögel selbstständig durch die Gebirgslebensräume und sind auf Nahrungssuche. Durch die Satellitendaten wissen wir, dass sie sich hierbei oft mit anderen immaturen Artgenossen zusammenschließen.
Manchmal verirren sie sich allerdings auch in völlig ungeeignete Gebiete und sind dann mit vielfältigen Problemen konfrontiert. Besenderte Vögel können dank des intensiven Monitorings und des gut funktionierenden, internationalen Netzwerks oft gerettet werden. 2025 „traf“ ein solches Ereignis auch einen unserer Jungvögel. Vinzenz geht es inzwischen aber wieder gut und er scheint diese Episode gut überstanden zu haben.
Nach den Wanderjahren zeigt sich aber ein ganz besonderes Verhalten: Etwa zwei Drittel der Jungvögel kehren wieder zurück zum Ort ihrer Herkunft und suchen sich in der Region ein Territorium. Dieses Verhalten nennt man Philopatrie. Dies gilt auch für Zuchtvögel die ausgewildert werden, was für die Wiederansiedlungsprojekte natürlich ein sehr praktisches Verhalten darstellt. Schließlich besteht dadurch eine gewisse Wahrscheinlichkeit neue Populationskerne gezielt begründen zu können.
Perfekte Segelflieger
Bartgeier sind meisterhafte Segler, die hervorragend mit den speziellen Bedingungen im Hochgebirge zurechtkommen. Sie besitzen ein optimales Verhältnis von dem relativ geringen Körpergewicht zu der äußerst großen Oberfläche der Flügel und des Schwanzes. Dadurch kann er auch geringe Aufwinde und Thermiken optimal nutzen. Des Weiteren befähigt ihn diese Eigenschaft dazu bei verhältnismäßig schlechtem Wetter auch noch flugfähig zu sein oder bei guter Thermik schneller aufzusteigen als andere Geier oder ein Steinadler.
Tierische Kosmetik
Bartgeier zeigen ein für Vögel ungewöhnliches Verhalten: Sie färben ihr ansonsten weißlich gefärbtes Brust‑ und Bauchgefieder gezielt mit eisenoxidhaltigem Schlamm oder Staub rötlich bis orange ein. Dieses sogenannte kosmetische Färben erfolgt aktiv durch Baden oder Einreiben an geeigneten Stellen. Die genaue Funktion ist noch nicht abschließend geklärt; diskutiert werden soziale Signalwirkungen, etwa im Zusammenhang mit Dominanz oder Partnerwahl, sowie ein möglicher Zusammenhang mit individueller Kondition. Sicher ist, dass die Gefiederfärbung keinen direkten Einfluss auf die Gesundheit oder Tarnung hat, sondern ein auffälliges Verhaltensmerkmal dieser Art darstellt.
Sanfte Riesen
Durch ihre spezialisierte Nahrungswahl gehen sie Konkurrenzsituationen an den Kadavern meist aus dem Weg. Dadurch zeigen sie in der Regel auch deutlich weniger aggressives Verhalten als andere Aasfresser. Daher gelten sie auch als „sanfte Riesen“. Sie sind sehr neugierige Tiere und behalten ihre Umgebung genau im Auge. Somit können sie mit etwas Glück dabei betrachtet werden, wie sie den menschlichen Beobachter selbst ins Auge fassen.
Diese Friedfertigkeit gepaart mit der großen Neugierde wurde ihnen aber in der Vergangenheit oft zum Verhängnis.
Ökologische Rolle: Spezialist im alpinen Nährstoffkreislauf
Als hochspezialisierter Aasfresser nimmt der Bartgeier im alpinen Ökosystem eine einzigartige ökologische Funktion ein. Er ist die einzige Vogelart, deren Ernährung nahezu vollständig aus Knochen besteht. Dadurch erschließt er eine Nahrungsquelle, die für andere Aasfresser kaum oder gar nicht nutzbar ist.
Durch das gezielte Zerkleinern und Verdauen großer Knochen trägt der Bartgeier maßgeblich zur vollständigen Verwertung von Tierkadavern bei. Er ergänzt damit die Aasfressergemeinschaft aus Gänsegeiern, Mönchsgeiern, Steinadlern und Wirbeltieren. Während diese vor allem Weichteile oder Muskelfleisch nutzen, schließt der Bartgeier die letzte, besonders nährstoffreiche Ressource im Zerfallsprozess auf.
Darüber hinaus leistet der Bartgeier einen wichtigen Beitrag zur sogenannten „Gesundheitspolizei“ der Natur: Durch den raschen Verzehr von Kadavern und Knochen trägt er dazu bei, potenzielle Krankheitskeime aus der Umwelt zu entfernen. Seine extrem saure Magensäure ermöglicht es ihm, auch Bakterien und andere Pathogene effizient zu zerstören und so die Ausbreitung von Krankheiten im Hochgebirge zu begrenzen.
Die Rückführung von Mineralstoffen aus Knochen in den Stoffkreislauf kann in nährstoffarmen Hochgebirgslandschaften lokal von Bedeutung sein. Der Bartgeier wirkt damit als spezialisierter Recycler organischer Reststoffe und ist integraler Bestandteil funktionierender alpiner Ökosysteme.
Verbreitungsgebiet und Vorkommen
Ursprünglich in den Gebirgen von Nordafrika (in Ost- und Südafrika gibt es eine eigene Unterart, Gypaetus meridionalis), Asien und Europa verbreitet, wurde der Bartgeier in den Alpen Anfang des 20. Jahrhunderts ausgerottet. Zwischen 1986 und 2025 wurden in den Alpen insgesamt 246 Jungvögel freigelassen, um einen Bestand zu etablieren, welcher ohne menschliches Zutun fortbestehen kann. Bereits 589 sind seit der ersten erfolgreichen Brut 1997 wild geschlüpft.
2024 wurde auch das erste Mal die Marke von 100 beobachteten Bruten in den Alpen überschritten (mit 61 erfolgreich ausgeflogenen Jungvögeln im gleichen Jahr). Die aufwändigen Auswilderungen dauern an und sollen fortgeführt werden, bis die Bartgeierpopulation in den Alpen wieder groß und genetisch divers genug ist für ein dauerhaftes Überleben.
Der Bestand im Alpenraum beträgt heute nach aktuellen Schätzungen zwischen 414 und 547 Individuen (Stand 2024, Quelle IBM), weltweit (Eurasien, N-O-Afrika) ca. 1,300 - 6,700 (Stand 2021, Quelle Birdlife International)
Verbreitung in Bayern vor den Auswilderungen
Auch vor den Auswilderungen im Nationalpark Berchtesgaden waren Jungvögel aus den Zentralalpen auf Nahrungssuche und bei Erkundungsflügen in den gesamten bayrischen Alpen sporadisch zu beobachten (vor dem Start des Projekts wurden für 2020 43 Sichtungen im Internationalen Bartgeiermonitoring (IBM) und 15 Sichtungen auf Ornitho.de dokumentiert). Durch das bayerische Wiederansiedlungsprojekt sind seitdem zeitweise häufige Sichtungen in der Auswilderungsregion möglich. Der Schwerpunkt der Sichtungen lag vor den Auswilderungen im Allgäu, gefolgt von Berchtesgaden.
Seit Beginn der Auswilderungen 2021 in Bayern hat sich das natürlich massiv geändert. Vor allem im Berchtesgadener Raum sind nun das ganze Jahr über die immaturen bzw. subadulten Vögel zu beobachten. Und auch in den Allgäuer Hochalpen befliegen unsere Projektvögel stetig geeignete Gebiete, zusammen mit Wildbruten und Vögeln aus anderen Auswilderungsprojekten.
Bedrohungen
Durch das intensive Monitoring können aussagekräftige Daten zur Sterblichkeit von Bartgeiern erhalten werden. Eine Analyse aus dem Jahr 2020 konnte nachweisen, dass etwa 40% aller entdeckten Todesursachen menschlichen Ursprungs sind, dabei kommt allerdings noch eine gewisse Dunkelziffer hinzu, da nicht alle Todesursachen einwandfrei geklärt werden können. Eine Studie aus 2009 hat festgestellt, dass falls die Überlebensraten nur um einen geringen Prozentsatz sinken würden, dies äußerst negative Auswirkungen für den aktuell positiven Trend der alpinen Population nach sich ziehen würde. Dies bedeutet auch, dass es eine absolute Notwendigkeit ist, diese menschengemachten Ursachen zu erkenn und zu minimieren.
Bei den Haupttodesursachen handelt es sich um Kollisionen mit menschlicher Infrastruktur (z.B. Seilbahnkabel, Leitungen), Stromtod, Bleivergiftung, Wilderei und andere Vergiftungen. Diese Ursachen treten regional unterschiedlich auf. Manchmal handelt es sich auch um vielfältige Ursachen.
Gut nachgewiesen ist der dramatische Einfluss von bleihaltiger Munition (auch auf andere Greifvögel, wie z.B. den Steinadler). Als Aasfresser ist der Bartgeier auf Kadaver angewiesen. Werden diese mit bleihaltiger Munition oder gar Giftködern erlegt, droht auch dem Bartgeier die Vergiftung durch das im Kadaver enthaltene Gift oder im Wild bzw. in den zurückgelassenen Innereien ("Aufbruch") enthaltene Bleifragmente. Die Verwendung von bleifreier Munition bei der Jagd ist daher der wichtigste Schritt zum Schutz der Greifvögel in den Alpen.
Der LBV setzt sich besonders für die Verwendung von bleifreien Alternativen ein und kämpft durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit und der Durchführung mehrerer Kleinprojekte für ein notwendiges Bleiverbot.
Schutzmaßnahmen
Aufgrund der vielfältigen, menschlich bedingten Mortalitätsursachen sind Schutzmaßnahmen von essentieller Bedeutung für den Fortbestand der inzwischen wieder etablierten Population.
Forderungen des LBV
Der LBV appelliert dringend an alle Jäger*innen in Bayern, den Umstieg auf bleifreie Munition durchzuführen. Viele Jagdausübende nutzen seit vielen Jahren routiniert bleifreie Alternativen, ohne die oft gemunkelten negativen Eigenschaften wie erhöhte Querschlägergefahr o.ä. zu erleben. Bis auf seltene Situationen (z.B. ungewöhnlich große Distanzen), in denen auch Bleimunition an ihre Grenzen geraten würde, sind bleifreie Geschosse nach einer kurzen Umstellungsphase absolut praxistauglich.
Monitoring: Ihre Mithilfe ist gefragt!
Aufgrund der geringen Anzahl der frei im Alpenraum lebenden Tiere und ihres großen Aktionsraumes sind jegliche Hinweise zum individuellen Tier, seines Verhaltens (wie bspw. das Tragen von Nistmaterial), der exakten Uhrzeit und des Ortes äußerst hilfreich. Junge, freigelassene Tiere tragen häufig individuelle Markierungen und/oder Mauserlücken, welche dabei helfen sie eindeutig zu identifizieren. Sollten Sie eines der Tiere in der Natur beobachten, unterstützen Sie bitte das Bartgeiermonitoring und melden Ihre Sichtung hier über Online-Meldeformular.
Bildergalerie Bartgeier
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von Sonja Dölfel | lbv.de,
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