Wanderer zwischen den Kontinenten

Was uns Ringfunde bayerischer Zugvögel erzählen

Viele unserer heimischen Brutvögel sind Zugvögel, die den hiesigen Winter in südlicheren Regionen verbringen. Für den Schutz ziehender Arten ist es unbedingt erforderlich zu wissen, wo sie überwintern und auf welchen Wegen sie ihre Wintergebiete erreichen. Denn auch Faktoren außerhalb der Brutgebiete beeinträchtigen die Bestände und ihre Entwicklungen

Eine Rauschwalbe sitzt auf einem Ast und sieht mit leicht nach oben gedrehtem Kopf in die Kamera | © Andrea Kammer © Andrea Kammer
Die weiteste Rauchschwalbe schaffte es bis in die Demokratische Republik Kongo

Bestandsveränderungen bei Zugvögeln lassen sich oft nur dann verstehen, wenn wir unseren Blick über das Brutgebiet hinausrichten. So hängt beispielsweise für Arten wie Weißstorch und Schilfrohrsänger das Überleben von den Niederschlagsmengen in der Sahelzone ab. Beim Weißstorch ist sogar der hiesige Bruterfolg davon abhängig, wie die ökologischen Bedingungen im vorangegangenen Winter in der Sahelzone waren. Für britische Kuckucke wurde kürzlich gezeigt, dass über eine westliche Route nach Zentralafrika ziehende Vögel eine höhere Sterblichkeit während des Herbstzuges haben als die Kuckucke, die eine südöstliche Route nach Zentralafrika wählen.

"Klassische" Beringung ist an Vögeln jeder Größe und Anzahl möglich

Nahaufnahme eines silbernen Vogelring an einem Uhu-Bein mit der Nummer 24959 | © Christiane Geidel © Christiane Geidel
Klassischer Ring an einem Uhu

Um solche Zusammenhänge und Wanderungen erkennen und nachvollziehen zu können, sind individuelle Markierungen notwendig. Lange Zeit war dies ausschließlich die Beringung von Vögeln; heute kommen neue Methoden dazu, die uns die Vögel während ihrer Reise teilweise nahezu „in Echtzeit“ verfolgen lassen. Satelliten-Telemetrie, GPS-Logger, GMS-Mobilfunk und Licht-Dunkel-Geolokation sind Stichworte dafür.

Nachteile dieser neuen Methoden sind das für viele Zugvogelarten noch zu hohe Gewicht der Geräte und hohe Kosten sowie teilweise die Notwendigkeit, die Vögel wieder fangen zu müssen, um an die Datensammlung heranzukommen. Oft werden daher nur wenige Vögel mit Sendern oder Loggern versehen.

Die „klassische“ Beringung mit einem kleinen Metallring mit individueller Nummer und Adresse der Beringungszentrale ist dagegen grundsätzlich an Vögeln jeder Größe und massenhaft möglich. Gerade bei kleinen Arten müssen sehr viele Tiere beringt werden, da die Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher Vogel nach seinem Tod wiedergefunden wird, gering ist.

Dennoch haben die vergangenen gut 100 Jahre Vogelberingung faszinierende Einblicke in das Zugverhalten ergeben. Allerdings ist auch Vorsicht geboten. Funde beringter Vögel sind zwar ein Beleg dafür, dass Zugvögel durch eine Region ziehen. Den „wahren“ Zug spiegeln sie aber nicht unbedingt wider, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein beringter Vogel gefunden und gemeldet wird, ist nicht überall gleich hoch. Die Funde von in Deutschland mit Ringen markierten Vögeln wurden kürzlich in einem „Atlas des Vogelzuges“ zusammengestellt. Von in Bayern beringten Vögeln liegen insgesamt 6.932 Funde außerhalb Bayerns vor. Für die Frage nach der Winterverbreitung bayerischer Zugvögel wurden nur Beringungen zur Brutzeit (bei den meisten Arten die Monate MaiJuli) und Funde dieser Vögel aus den Monaten Dezember bis Februar berücksichtigt. Insgesamt verblieben so 1.320 auswertbare Ringfunde.

Gut erforscht - Der Weißstorch

Elf Weißstörche sitzen versammelt auf einer weiten grünen Wiese und suchen nach Futter | © Zdenek Tunka © Zdenek Tunka

Die meisten Funde gibt es von Weißstörchen. Bayerische Weißstörche fanden sich im Winter zwischen Süd-West-Deutschland und Südafrika. Die Winterfunde in Mitteleuropa sind dabei vielfach die Folge von Vergesellschaftung mit nicht mehr ziehenden Störchen in der Nähe von Pflegestationen oder Zoos oder es handelte sich um nicht mehr voll flugfähige Vögel. Von diesen Vögeln abgesehen, zeigt sich aber eine interessante Aufteilung der Winterorte bayerischer Weißstörche.

Ein Teil zieht nach Südwest bis ins Winterquartier in Westafrika, ein anderer über eine südöstliche und südliche Route bis ins östliche Südafrika, wobei sich die Winterorte hauptsächlich von Kenia südwärts erstrecken.

Viele „Westzieher“ fanden sich im Winter aber auch in Spanien, meist auf Müllkippen. Von anderen Arten liegen nur sehr wenige Winterfunde aus Afrika südlich der Sahara vor, hauptsächlich von Rauchschwalben.

Sorgenkinder im Fokus

Ortolan mit Futter im Schnabel | © Hans-Joachim Fünfstück © Hans-Joachim Fünfstück
Über einige Vögel wie z.B. den Ortolan gibt es gar keine Ringfunde

Besonders interessant sind dabei Arten, deren Bestandssituation große Sorgen macht, wie Schwarzstorch, Großer Brachvogel, Kiebitz oder auch Ortolan. Leider gibt es aber für die meisten dieser Arten keine oder kaum Funde, meist weil sie auch nur selten beringt worden sind. So liegen vom Schwarzstorch nur drei Funde vor, alle aus Zentralfrankreich, wo ihre Ringe jeweils schon Ende Juli/Anfang August abgelesen wurden. Sie zeigen zwar nicht an, wo ihre Winterquartiere liegen, aber immerhin, dass junge Schwarzstörche schon sehr früh ihre Geburtsorte verlassen. Alle drei waren Mitte Juni beringt worden.

Vom Ortolan gibt es überhaupt keine Funde.

Vom Großen Brachvogel liegen fünf Funde vor. Sie zeigen, dass bayrische Brachvögel zwischen Portugal und West-Marokko überwintern.

Immer noch vergleichsweise stabil sind die Brutbestände des Stars. Während diese in den letzten 25 Jahren bundesweit rückläufig waren (Quelle: DDA, unveröffentlicht), sind sie in Bayern eher gleich geblieben. Mit dem Beispiel des Stars zeigt sich ein Dilemma. Aufgrund nachlassenden Interesses an der Beringung häufiger Arten stammen die allermeisten Funde von Vögeln, die vor 1980 beringt wurden. Damit zeigen sie zwar an, wo Stare damals überwinterten und dies sicherlich auch teilweise heute noch tun, doch die aktuellen Winterquartiere kennen wir dadurch nicht.

Denn gerade in den letzten drei Jahrzehnten haben sich aufgrund des Klimawandels mit zahlreichen sehr milden Wintern die Zugwege einer Reihe von Mittelstreckenziehern verkürzt, was auch für die bayerischen Stare gilt.

Beringung als wichtige Informationsquelle

Angesichts derzeitiger Veränderungen in Landschaften und Klima kann die Beringung gerade häufiger Arten einen wichtigen Beitrag zum Monitoring von Veränderungen im Zugverhalten, aber auch in den Verlustursachen liefern. Besonders aber trägt die heutige wissenschaftliche Vogelmarkierung dazu bei, Ursachen für Bestandsveränderungen aufzuklären.

Denn um Populationen verstehen und gegebenenfalls wirksam schützen zu können, ist es erforderlich zu wissen, in welchem Ausmaß und weshalb die Bestände abnehmen. Dazu braucht es neben Daten zum Bruterfolg Informationen zu Überlebensrate, Zu- und Abwanderung und Altersstruktur einer Population. Diese Daten können nur mittels individueller Markierung (vor allem Beringung) ermittelt werden.

(Autor Prof. Dr. Franz Leibl. Dieser Artikel wurde im LBV-Magazin 03/17, S. 13 - 15 abgedruckt)

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