Statusupdate 2-26: Eine neue Bindung und schon ein Auszug?
Alosa und Vinzenz sind viel zusammen unterwegs - Zierli fühlt sich in den benachbarten Loferer Steinbergen wohl
© Christian Steiger
Ein wichtiger Bestandteil des Auswilderungsprojekts ist das lückenlose Monitoring vor Ort. Unsere Beobachtungen wollen wir natürlich auch mit Euch teilen. Im heutigen Statusbericht blicken wir auf den gesamten August zurück – einen Monat, in dem aus zwei unerfahrenen Jungvögeln schon zwei etwas selbstbewusstere junge Bartgeierdamen geworden sind.
Alle Angaben stammen aus den Monitoringbögen unseres Teams und aus den GPS-Senderdaten.
Der Juli endete mit ersten gemeinsamen Thermikflügen und den ersten zaghaften Erkundungen außerhalb der Halsgrube. Der August hat daraus richtige Bartgeierleben gemacht: mit stundenlangen Flugzeiten, Rangeleien in der Luft, Auseinandersetzungen mit den Revier-Steinadlern – und mit einer Entwicklung, die uns besonders freut: Alosa und der ältere Bartgeier Vinzenz (ausgewildert 2024) sind inzwischen ziemlich viel zusammen unterwegs!
Flugentwicklung: Von wenigen Minuten zu Stunden
© Christian Steiger
Wie schnell sich die Flugmuskulatur und vor allem das Gefühl für Thermik entwickeln, lässt sich an den dokumentierten Flugzeiten gut ablesen. Ende Juli lagen Alosas Flüge noch überwiegend bei zwei bis drei Minuten. Bereits am 3. August kreiste sie über 25 Minuten am Stück, am 5. August folgte mit rund 34 Minuten der längste von uns beobachtete Einzelflug des Monats. Zierli zog nur einen Tag später nach: Am 6. August war sie 38 Minuten ununterbrochen in der Luft und legte an diesem Tag insgesamt fast zwei Stunden Flugzeit zurück.
Wichtig ist dabei die Einordnung: Es handelt sich immer nur um die sichtbaren Flugzeiten. Sobald die Vögel hinter Knittelhorn, Predigtstuhl oder Teufelskopf verschwinden, endet unsere Stoppuhr – die tatsächlichen Flüge dauern mumaßlich deutlich länger. Genau das zeigt sich ab Mitte August auch in den Beobachtungsprotokollen: Die Einträge „nicht sichtbar“ nehmen zu, weil beide Jungvögel schlicht zu weit fliegen. Hierfür müssen die GPS-Daten noch intensiver analysiert werden.
Auffällig ist außerdem, wie stark sich das Flugverhalten ausdifferenziert. Neben dem klassischen Kreisen in der Thermik dokumentierten wir zunehmend Streckenflüge, Hangkonturflüge und – besonders schön zu beobachten – gezielte Abwärtsflüge und Rollen. Zierli flog am 4. August über dem Daumen mehrere Rollen und lag dabei kurzzeitig auf dem Rücken; am 24. August wiederholte sie das über dem Böselsteig. Solche Manöver sind kein Übermut, sondern Training: Sie schulen Reaktionsvermögen und Körperkontrolle – Fähigkeiten, die im Umgang mit Steinadlern entscheidend sein können.
Zwei Jungvögel - zwei Charaktere
© Christian Steiger
Zu Beginn des Monats waren beide noch häufig gemeinsam unterwegs. Am 4. August kreisten sie zusammen über dem Böselsteig und ruhten anschließend gemeinsam in einer großen Wandhöhle. Am 5. August flogen sie lange Passagen zusammen.
Dabei ging es keineswegs immer friedlich zu. Zierli, die schon in der Auswilderungsnische die meisten Konflikte initiiert hatte, blieb auch in der Luft die Forschere: Am 2. August „stupste“ sie Alosa mehrfach im Flug, am 6. August landete sie am Futterplatz sogar direkt auf ihr. Alosa wiederum schubste Zierli an demselben Tag vom Stein und attackierte sie bei einer Landung. Solche Rangeleien gehören zum normalen Repertoire junger Bartgeier und dienen durchaus auch der Klärung der Rangordnung.
Besonderes Ereignis am 8. August - Luftkampfakrobatik am Predigtstuhl:
Nach fast zehn gemeinsamen Kreisminuten über Sulzenkopf und FP4 startete Zierli am Vormittag eine ganze Serie von Scheinangriffen: Immer wieder ging sie mit ausgestreckten Fängen von oben auf Alosa los. Alosa reagierte verblüffend souverän, drehte sich mit einer Rückenrolle aus den Attacken heraus und wehrte ihrerseits mit den Krallen ab. Am Nachmittag desselben Tages traf Zierli am Futterplatz 4 erstmals ausgiebig auf den älteren Vinzenz – die beiden verhakten sich im Flug mit den Krallen ineinander und trudelten ein Stück gemeinsam nach unten. Solche „Greifkämpfe“ sehen dramatisch aus, verlaufen bei Bartgeiern aber fast immer verletzungsfrei.
Nahrungsfindung: Knochen, Haxen – und ein neuer Futterplatz
© Fotofalle LBV & NP Berchtesgaden
Am 5. August richtete das Team einen zusätzlichen Futterplatz ein (FP2). Wie schnell Bartgeier neue Nahrungsquellen erschließen, zeigte sich unmittelbar: Bereits am nächsten Morgen hatte Zierli den Platz aus der Luft entdeckt und kreiste rund zehn Minuten darüber. Beide Vögel flogen FP2 an diesem Tag mehrfach an.
Beim Fressen zeigt sich Alosa inzwischen ausgesprochen routiniert: Sie zupft Fleisch gezielt von Knochen, entfernt die Haare, transportiert Stücke um und schluckt regelmäßig ganze Knochen. Insgesamt lässt sie sich viel Zeit an den Futterplätzen. Am 6. August verschlang sie eine komplette Haxe, am 14. August fraß sie an FP1 innerhalb einer Stunde einen großen Knochen, zwei große Fleischstücke und zahlreiche abgezupfte Fetzen. Am 28. August verbrachte sie zwei Stunden an FP3.
Zierli tat sich lange schwer beim Landen. Am 4. August scheiterte sie fünfmal am Anflug auf FP1 und landete am FP3 schließlich unterhalb des Futters. Insgesamt hat sie die Futterplätze deutlich weniger benutzt als Alosa. Am 22. August rutschte sie beim Hinaufflattern zweimal ab, schaffte es im dritten Anlauf – und arbeitete danach rund drei Stunden an einer großen Haxe, bis sie diese schließlich komplett schluckte. Präzises Landen im steilen oder unebenen Gelände ist für junge Bartgeier kein leichtes Unterfangen.
Knochen werfen und Gewölle
© Fotofalle NP Berchtesgaden & LBV
Über dem Futterplatz 4 kreiste Zierli am 9. August immer wieder mit einem Knochen in den Fängen und ließ ihn mehrfach gezielt aus zunehmender Höhe fallen. Unser Team konnte beobachten, dass die abgeworfenen Stücke von Mal zu Mal kleiner wurden – das Verfahren schien also erfolgreich. Am Folgetag wiederholte sie das Ganze zweimal. Dieses Fallenlassen von Knochen auf Felsplatten, um sie zu zersplittern, ist das namensgebende und weltweit einzigartige Verhalten der Art („Knochenschmiede“). Dass ein knapp drei Monate alter Jungvogel es bereits zeigt, ist ein schöner Entwicklungsschritt – erlernt und verfeinert wird die Technik über Jahre.
Ein weiteres, interessantes Verhalten, welches beobachtet werden konnte: Am 22. und 24. August würgte Alosa jeweils gegen Mittag mehrere kleine Knochen wieder aus, bearbeitete sie erneut und fraß sie anschließend ein zweites Mal. Bartgeier verdauen Knochen mit extrem aggressiver Magensäure; das Wiederhochwürgen und erneute Bearbeiten von Gewölle, in dem zwischen unverdaulichen Resten auch noch wertvolle Knochennahrung steckt, ist eine übliche Verhaltensweise und sorgt für eine effizientere Nahrungsaufnahme.
Zierlis erste größeren Ausflüge: Vom Hochkalter zum Hochkönig
© Hubert Hagn
Der 9. August markiert für Zierli den Beginn eines neuen Entwicklungsabschnitts. Nachmittags flog sie gemeinsam mit Vinzenz Richtung Hochkalter – und beide kehrten aber erst einmal nicht um. Die Senderdaten zeichnen eine beeindruckende Route: über das Wimbachtal und den Watzmann ins Steinerne Meer, einmal rund um den Hochkönig und schließlich ins Blühnbachtal, wo sie über Nacht blieben. Am Folgetag waren sie wieder in der Halsgrube.
Am 13. August folgte der nächste Schritt: Nach einem zehnminütigen Flug verabschiedete sie sich mittags in die Loferer Steinberge – und blieb dort. Zwischen dem 19. und 24. August kehrte sie noch einmal für einige Tage in die Halsgrube zurück, nutzte dabei intensiv den Futterplatz 2 und übernachtete auch wieder im Gebiet. Seit Ende August hält sie sich jedoch fast durchgehend in „ihren“ Steinbergen auf. Für unser Monitoringteam heißt das: Zierli ist inzwischen überwiegend ein Fall für die Senderdaten. Allerdings waren wir auch schon vor Ort unterwegs und haben sie beobachtet und zumindest eine sehr wertvolle Meldung kam aus der Region von ihr herein. Auch bei einer anfangs etwas besorgniserregenden Position im Saalachtal in der Nähe einer Straße bzw. Siedlung war das Monitoringteam sofort unterwegs und konnte Zierli aufspüren. Durch ein paar Tage anhaltend schlechtes Wetter war sie aufgrund mangelnder Thermik immer weiter nach unten "gedrückt" worden und kam mit ihrem nassen Gefieder nicht mehr hoch. Nach zwei Tagen stapfte sie aber einen dicht bewaldeten Hügel wieder hinauf, startete und kam selbstständig wieder in die Halsgrube zurück. Ähnliche Episoden erlebten wir nahezu jedes Jahr mit einzelnen Jungvögeln einmal, durch die engmaschige Kontrolle der Senderdaten und ein rasches Monitoring an dem jeweiligen Einsatzort können wir aber eine bestmögliche Einschätzung der Lage und eventuelle Betreuungsmaßnahmen sicherstellen.
Auch Alosa weitet ihren Radius aus, wenn auch weniger konsequent. Nachgewiesen sind unter anderem Abstecher Richtung Hochkalter (15. August), ins westliche Steinerne Meer (29. August) und ein Ausflug nach Nordwesten bis zum Sonntagshorn (30. August). Ihr Lebensmittelpunkt bleibt aber klar die Halsgrube.
Zierli
© Christian Steiger
Alosa und Vinzenz - Die Entwicklung einer Beziehung
© Stella Kretschmann
Eine spannende Entwicklung spielte sich zwischen Alosa und dem älteren, 2024 ebenfalls in Berchtesgaden ausgewilderten Vinzenz ab. Dabei lassen sich verschiedene Phasen feststellen:
Phase 1 – Abtasten (8. bis 9. August):
Am 8. August wollte Vinzenz neben Alosa landen, startete aber wieder durch; Alosa reagierte auffallend gelassen. Am 9. August kam es zur ersten echten Rangelei in der Luft, ausgehend von Vinzenz, begleitet von lautem Keifen. Am Boden saßen beide anschließend aufgeplustert da – bis Alosa nach einer halben Minute auf ihn zuging und Vinzenz das Feld räumte.
Phase 2 – Beginnende Harmonie (ab 10. August):
Der 10. August war der Wendepunkt. Alosa fraß am FP1, als Vinzenz plötzlich neben ihr saß – sie ließ sich nicht beeindrucken und fraß weiter. Danach flogen die beiden lange gemeinsam, ohne einen einzigen Angriff, teilweise miteinander kreisend. Später saßen sie rund fünf Meter voneinander entfernt und putzten in aller Ruhe ihr Gefieder.
Phase 3 – Alosa übernimmt (13. bis 22. August):
Ab Mitte August drehte sich das Verhältnis merklich. Am 13. und 14. August vertrieb Alosa Vinzenz wiederholt von seinem Sitzplatz und setzte sich selbst darauf. Am 16. August suchte sie ihn nach anfänglichem Balgen aktiv auf und landete neben ihm. Am 22. August klaute sie ihm sogar einen Knochen. Bemerkenswert dabei: Besonders aggressiv wurde sie nie – ein leichtes Aufplustern und ein zielstrebiger Hüpfer genügten.
Gemeinsame Mahlzeiten und Schlafplätze
© Stella Kretschmann
Das erste Mal, dass Alosa und Vinzenz relativ harmonisch miteinander speisten, ereignete sich am 17. August:
Nach einem Regenschauer kamen die beiden gemeinsam vom Prünzelkopf zum Futterplatz 1 – und fraßen dort über längere Zeit vollkommen entspannt nebeneinander. Vinzenz vertilgte drei Haxen, Alosa nahm parallel kleinere Happen auf.
Phase 4 – Gemeinsame Schlafplätze (ab 23. August):
Ab dem 23. August übernachteten Alosa und Vinzenz erstmals gemeinsam unterhalb eines markanten Platzes – und wiederholten das an den Folgetagen. Am 27. August verbrachten sie die Nacht zusammen am Plateau. An manchen Tagen kann man von einem Muster sprechen: gemeinsam am Schlafplatz aufwachen, gemeinsame Flüge, gemeinsames Landen am selben Felsbereich oder an Futterplätzen. Am 27. August notierte das Team, Alosa habe auf einem Felsvorsprung offenbar auf Vinzenz gewartet – kaum kam er in die Halsgrube geflogen, startete sie ebenfalls.
Ganz spannungsfrei ist die Sache aber nicht. Alosa verscheucht Vinzenz weiterhin regelmäßig, wenn er ihr zu nahe kommt oder sich beim Fressen anpirscht – so etwa am 29. August, als er sich an ihr Frühstück heranschlich und ein Stück stibitzte. Und am 1. September konnte, wie auch in der Vergangenheit schon öfter geschehen, ein Bettelverhalten dokumentiert werden: Alosa saß direkt unter Vinzenz, Schnabel an Schnabel, und bettelte. Dies konnten wir auch bei anderen ausgewilderten Jungvögeln mehrfach beobachten.
Aus fachlicher Sicht ist diese Bindung außerordentlich wertvoll. Junge Bartgeier besitzen zwar wertvolle und tief verankerte Veranlagungen - erlernen aber durchaus auch einen Teil ihres Verhaltens durch Beobachtung. Es kann sicherlich Vorteile bei der Nahrungssuche, Thermiknutzung oder Steinadlerkonfrontationen haben, wenn man einen etwas älteren Gefährten mit dabei hat. Vinzenz, der im August mehrfach mit Futter nicht ganz geklärter Herkunft in die Halsgrube einflog, ist für Alosa damit weit mehr als nur Gesellschaft.
Alosa und Vinzenz beim gemeinsamen Flug
© Martina Nette
Kurzbesuche von Luisa
© Christian Steiger
Neben Vinzenz sorgte auch Bartgeierdame Luisa für Aufmerksamkeit. Ende Juli wurde sie mehrfach kurz im Bereich der Halsgrube beobachtet. Besonders am 31. Juli klärte sich durch spätere Abgleiche der Senderdaten eine zunächst rätselhafte Beobachtung auf: Während zunächst angenommen worden war, Alosa würde gemeinsam mit Zierli fliegen, zeigte sich später, dass es sich tatsächlich um Luisa gehandelt hatte, die mit Zierli unterwegs war. Alosa selbst saß zu diesem Zeitpunkt in der Dolomitrinne.
Seitdem hält sich Luisa aber wieder in "ihrem" Karwendel auf, wo sie sich seit dem Verlassen Berchtesgadens im vergangenen Jahr überwiegend herumtreibt.
Luisa
© Christian Steiger
Steinadler: Zwischen Konfrontation und Koexistenz
© Fotofalle NP Berchtesgaden & LBV
Die Halsgrube liegt im Revier des altbekannten Klausbacher Steinadlerpaares und die beiden Arten müssen ihr Verhältnis jedes Jahr neu aushandeln. Im Juli war Alosa noch mehrfach, sogar am Boden attackiert worden. Im August zeigte sich auch schon ein anderes Bild.
• 6. August: Drei Steinadler waren gleichzeitig in der Grube – das Revierpaar und ein fremder, vermutlich immaturer Vogel. Das Weibchen ging auf die Geier los, erwischte keinen von beiden und wurde schließlich von Alosa vertrieben.
• 5. und 12. August: Zierli parierte einen kurzen Luftangriff souverän; Vinzenz wurde vor dem Knittelhorn kurz attackiert und zog ab.
• 15. August: Alosa lieferte sich nach dem Verlassen einer beliebten Wandhöhle am Knittelhorn mehrere gegenseitige Attacken mit einem Steinadler und zog anschließend Richtung Hohes Gerstfeld ab.
• 22. und 23. August: Hier lagen die Rollen umgekehrt. Am 22. August floh Alosa vor dem Klausbachtaler Männchen (Terzel) vom Futterplatz 1 – der Adler fraß anschließend dort. Am 23. August landete das Weibchen direkt neben ihr an FP1, attackierte sie im Sitzen und fraß weiter, während Alosa in erhöhter Position zusah.
• 20. August: Das Steinadlerweibchen kreiste gemeinsam mit Vinzenz über der Grube – ohne erkennbare Aggression.
Genau diese Bandbreite ist typisch und im allgemeinen unproblematisch. Steinadler und Bartgeier teilen sich seit jeher denselben Lebensraum; Bartgeier sind aufgrund ihrer Größe und dem erhöhten Auftrieb in der Luft überlegen (müssen sich allerdings durchaus vor den vorhandenen „Waffen“ in acht nehmen). Für einen Jungvogel ist es entscheidend zu lernen, wann Ausweichen die richtige Antwort ist und wann ein selbstbewusstes Auftreten genügt. Alosa hat im August beides gezeigt. Es ist in jedem Jahr erstaunlich, wie schnell die im Vergleich äußerst unerfahrenen Jungvögel mit dem Spitzenprädator der Lüfte zurechtkommen, bzw. sich sogar mitunter durchsetzen können.
Im Rahmen der Auswilderung nehmen wir auch die Bartgeier-Steinadler-Konfrontationen auf und analysieren diese. Durch den geringen Zeitraum und Stichprobenzahl sind die vorläufigen Ergebnisse mit Vorsicht zu betrachten, aber es scheint eine leichte Tendenz zur Abnahme von aggressiven Konfrontationen zu geben. Wir sind gespannt auf die diesjährigen Ergebnisse und die weitere Entwicklung.
Kolkraben, Rabenkrähen und weitere Notizen
© Christian Steiger
Die alltäglichsten Auseinandersetzungen liefern sich unsere Geier allerdings nicht mit den Adlern, sondern mit Rabenvögeln. Diese klugen, frechen und findigen Gesellen klauen Futterstücke, zupfen an den Federn – am 1. August zog ein Kolkrabe Alosa direkt an einer Feder – und lassen sich nur schwer nachhaltig vertreiben. Alosa nimmt aber immer wieder den „Kampf“ auf: Am 16. August verfolgte sie Kolkraben aktiv im Flug, wurde von ihnen aber ihrerseits vom Gipfel des Reiter Steinbergs vertrieben. Am 30. August lieferte sie sich während eines Fluges vor dem Knittelhorn gegenseitige Attacken mit Raben. Auch Zierli verscheuchte die Rabenkrähen desöfteren. Beide Jungvögel zeigen bei diesen "Luftkämpfen" schon beeindruckende, fliegerische Fähigkeiten.
Am 29. August kam noch ein anderer Kontrahent hinzu: Ein Turmfalke attackierte Alosa mehrfach im Flug. Sie flog trotzdem einige Minuten mit ihm weiter.
Weitere Notizen vom Monitoring
© Webcam LBV & NP Berchtesgaden
• Alosa räumt auf: Am 26. August flog sie in die Auswilderungsnische, ordnete dort das Nistmaterial neu – und begann anschließend, den Zaun „abzubauen“. Bereits am 10. August hatte sie größere Mengen Schafwolle in die Ecke neben der Tränke transportiert. Solche Bau- und Umlagerungshandlungen sind bei Jungvögeln nicht ungewöhnlich und können als Vorläufer des späteren Nestbauverhaltens gedeutet werden.
• Vier Bartgeier – oder doch nicht? Am 10. und 12. August meldete das Team einen zusätzlichen, unbekannten „wilden“ Bartgeier in der Halsgrube. Der Abgleich der Senderdaten zeigte später: Es war jeweils Vinzenz. Ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig die Kombination aus Sichtbeobachtung und Senderdaten ist.
Fazit: Zwei unterschiedliche Charaktere, aber gute Entwicklung
Der August hat die Unterschiede zwischen den beiden Jungvögeln noch einmal deutlich verstärkt:
• Zierli ist die Entdeckerin. Sie hat sich in wenigen Wochen ein Aktionsgebiet erschlossen, das vom Watzmann über den Hochkönig bis in die Loferer Steinberge reicht, und ist nur noch selten in der Halsgrube. Ihre Landetechnik am Futterplatz war lange ihre Schwachstelle – auch das hat sie im Lauf des Monats sichtbar in den Griff bekommen. Wir wissen allerdings wenig über ihre aktuelle Nahrungsversorgung, gehen jedoch stark davon aus, dass sie dabei erfolgreich ist – ansonsten wäre der Weg in die Halsgrube aber auch nicht weit.
• Alosa ist die Gesellige. Sie bleibt der Halsgrube noch ziemlich treu, nutzt die Futterplätze intensiv und hat mit Vinzenz eine echte Bindung aufgebaut – bis hin zu gemeinsamen Schlafplätzen. Ganz nebenbei ist sie, wie die Überprüfung der Datenbank im August ergeben hat, der am frühesten ausgeflogene Jungvogel im gesamten dokumentierten Wiederansiedlungsprogramm.
Beide Wege sind verhaltensbiologisch völlig normal, und beide führen zum selben Ziel: einem selbstständigen Leben in der Alpenpopulation. Dass die beiden dabei so unterschiedlich vorgehen, macht das Monitoring für unser Team – und hoffentlich auch die Lektüre – gerade so spannend.
Wir bedanken uns an dieser Stelle ganz herzlich bei allen ehrenamtlichen und hauptamtlichen Beobachterinnen und Beobachtern, die im in den letzten Monaten in Früh- und Spätschichten am Berg standen. Ohne sie wären diese detaillierten Informationen nicht möglich und das Gemeinschaftsprojekt von LBV und Nationalpark Berchtesgaden nicht so erfolgreich. Auch den Fotografinnen und Fotografen sei ganz herzlich für ihre spannenden und begeisternden Bilder gedankt.
Wir sind sehr gespannt, wie es mit den beiden (und unseren älteren Projektvögeln) weitgeht.
von David Schuhwerk,