Lebensraum Moor in Bayern
Bedrohte Natur und CO2-Senke
Viele von uns empfinden Moore als mystisch, vielleicht sogar als unheimlich. Doch Moore sind eine faszinierende Welt voller tierischer und pflanzlicher Spezialisten – und sie könnten uns erheblich beim Klimaschutz helfen. Voraussetzung ist aber eine Wiedervernässung und Renaturierung. Wir erklären Ihnen wie faszinierend und wichtig Moore für unsere heimische Natur sind.
Moore als unverzichtbare Archive der Vergangenheit
Moore sind wie Gletscher. Sie entstehen und wachsen nur dort, wo das Klima und das Gelände ihre Bildung zulassen und sie verschwinden auch genauso schnell, wenn die Verhältnisse nicht mehr passen. Beide sind unverzichtbare Archive der Vergangenheit und sie speichern unsere wichtigste Ressource: Wasser.
Im Moor bewegen wir uns mit jedem Schritt auf meterhoch angehäuften Pflanzenresten, Torfmoosen, Sauergräsern, Schilf und Bäumen, die bereits in wenigen Zentimetern Tiefe braun und abgestorben wirken, aber doch im Zusammenspiel mit Wasser als Torf seit Jahrtausenden weiterleben und sich ihren eigenen Lebensraum formen.
Moore können noch mehr. Sie speichern Kohlenstoff in großer Menge. Mit ihrem Torf aus abgestorbenen Pflanzen sind sie die Vorstufe zu Braun- und Steinkohle, also Lagerstätten, in denen Kohlenstoff durch die pflanzliche Fotosynthese für Jahrmillionen der Atmosphäre entzogen wird. Umgekehrt wird dieser Kohlenstoff in Form von CO2 wieder freigesetzt, wenn wir Kohle oder Torf verbrennen, aber auch, wenn Torf einfach nur mit Sauerstoff in Kontakt kommt, insbesondere wenn das Moor entwässert wird. Dann beginnen Mikroorganismen und Pilze den Torf zu zersetzen, also durch Stoffwechselprozesse zu „verbrennen“.
Nur dort, wo so viel Wasser da ist, dass der Torf unter Wasser ist, kommt er nicht mit Sauerstoff in Kontakt und kann nicht von Mikroorganismen abgebaut werden. Wie das Eis der Gletscher schmilzt, wenn das Klima zu warm wird, „schmilzt“ der Torf der Moore dahin, wenn das Wasser fehlt.
95% aller Moore in Bayern nachhaltig geschädigt oder zerstört
Moore waren über Jahrhunderte für den Menschen weder Kohlenstoffsenke noch Biotop oder Ort der Entspannung, sondern zunächst einmal eine ungenutzte Flächenressource und willkommene Brennstoffquelle. Vor dem Hintergrund von Hungersnöten, Missernten und stark begrenzten Energiequellen wird verständlich, warum man solches Unland schon immer urbar machen wollte. Das geschah im Kleinen durch Bauern oder im großen Stil staatlich gelenkt und galt aus damaliger Sicht als lebensnotwendige große Kulturleistung.
So wurden allein in Bayern etwa 95 Prozent aller Moore durch eine tiefgreifende Entwässerung und die nachfolgende Nutzung nachhaltig geschädigt bzw. zerstört. Dort wo die Entwässerung nur unvollständig gelang, entstanden aber auch wertvolle Biotope wie Streuwiesen und andere halbnatürliche Landschaftselemente.
Niedermoor oder Hochmoor?
Nutzung von Mooren
Wie entwässerte Moore genutzt werden können, hängt ganz wesentlich davon ab, ob es sich um ein Hoch- oder um ein Niedermoor handelt. Da diese beiden Begriffe immer wieder für Verwirrung sorgen und nichts mit ihrer Höhenlage zu tun haben, sollte man Hochmoore besser als Regenwassermoore und Niedermoore als Grundwassermoore bezeichnen. Denn damit wird schon klar, woher das Wasser kommt, das zur Moorbildung geführt hat.
Grundwassermoore
Da Grundwasser im Vergleich zu Regenwasser relativ viele Nährstoffe enthält, wachsen auf Grundwassermooren Pflanzen wie Schilf, Sauergräser und andere Blütenpflanzen sowie Laubbäume. Die entwässerten Flächen werden als Acker und Grünland genutzt, für Gärtnereien und sogar für die Rollrasenproduktion. Oft ist nur noch an der schwarzen Erde erkennbar, dass hier einmal ein Moor war. Aber auch unsere wertvollen Streuwiesen sind durch Rodung, Mahd und Teilentwässerung überwiegend aus Grundwassermooren entstanden.
Regenwassermoore
Ganz anders die Regenwassermoore. Sie entstanden meist aus Grundwassermooren, bei denen die fortwährende Torfbildung dazu geführt hat, dass die Pflanzen das Grundwasser nicht mehr erreichen können und ausschließlich auf das Regenwasser angewiesen sind. Sie sind dem Grundwasser regelrecht entwachsen, was aber nur dort funktioniert, wo die Niederschläge hoch und die Verdunstung gering ist. Nur ganz wenige Pflanzenarten können ausschließlich von Regenwasser, das kaum Nährstoffe enthält, leben. Und Regenwassermoore haben noch eine weitere Besonderheit: Sie sind durch den Stoffwechsel der Torfmoose- sie geben nämlich Wasserstoff an ihre Umgebung ab - extrem sauer. Daher wurden Regenwassermoore nach der Entwässerung auch nur selten als Ackerland genutzt. Stattdessen wurden sie zur Brenntorfgewinnung abgegraben, für die Gewinnung von Blumenerde abgefräst, mit Fichten aufgeforstet oder zur Streunutzung gemäht.
Die Gefahren entwässerter Moore
Klimakrise und Artenverlust
Die Entwässerung und Neunutzung der Moore führte in der Regel dazu, dass zumindest die oberen Schichten des Torfs nicht mehr wassergesättigt sind, mit Sauerstoff in Kontakt kommen und durch die mikrobielle Tätigkeit abgebaut werden. Der Torf verliert seine ursprüngliche Struktur, vererdet, verliert an Substanz und kann nur noch wenig Wasser aufnehmen. Der Torfkörper sackt immer weiter zusammen, er löst sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auf. Entwässerte Moore sind eine erhebliche Quelle von Treibhausgasen und tragen nicht unerheblich zur Klimaerwärmung bei. Nach Angaben des Umweltbundesamtes entfielen allein im Jahr 2020 circa 53 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, also mehr als sieben Prozent aller Emissionen in Deutschland, auf trockengelegte Moorböden. Das entspricht rund einem Drittel der vom Verkehrssektor ausgestoßenen Treibhausgasemissionen.'
Zudem sollte nicht vergessen werden, zu welchem immensen Verlust an Biodiversität und an Hochwasserschutz durch fehlenden Wasserrückhalt die Entwässerung und Nutzung von über 90 Prozent unserer Moore geführt hat. Auch die Landwirtschaft verliert langfristig Böden, wenn der Humus der entwässerten Böden schwindet. Auf dem verbleibenden nassen Lehm oder Schotter gedeihen schließlich nicht einmalmehr Wiesen und Weiden.
Was tun?
Mit Blick auf die Ziele Klimaneutralität, Erhaltung der Biodiversität und eine nachhaltige Wirtschaft ist es also essentiell, die Entwässerung der Moore durch Wiedervernässung soweit wie möglich rückgängig zu machen, den noch vorhandenen Torf also wieder „unter Wasser“ zu setzen und zumindest mittelfristig erneutes Torfwachstum zu generieren sowie einen naturnahen Zustand der Moore wiederherzustellen.
Aber...
Viele Moore sind jedoch so tiefgreifend und irreversibel, also nicht wieder rückgängig machbar, verändert worden, dass sich ihre Ursprünglichkeit auch langfristig gesehen nicht wieder herstellen lässt. Doch jedes entwässerte Moor bietet Ansatzpunkte, den Moorwasserspiegel zumindest partiell wieder anzuheben, und jeder Dezimeter des Torfkörpers, der wieder unter Wasser kommt, ist ein Gewinn für den Klimaschutz. Großflächige Wiedervernässungen mit ursprünglichen Moorwasserständen bis knapp unter die Oberfläche sind sicherlich das Maß der Dinge, doch auch kleinere Maßnahmen sind immer noch besser, als gar nichts zu tun. Es ist aber nicht nur der vorgefundene Resttorfkörper mit seinen Gräben, Abgrabungen, Sackungen und Drainagen, der der Wiedervernässung häufig Grenzen setzt. Neben der oft aufwändigen Finanzierung ist vor allem die Verfügbarkeit der Flächen ein Problem.
Dazu kommt, dass zahlreiche Moorgebiete in Privatbesitz sind – das erschwert Renaturierungen oder eine Anpassung der Nutzung an höhere Wasserstände. Selbst nicht genutzte, scheinbar „wertlose“ Flächen werden aus verschiedenen Gründen – teils ideeller Natur – von ihren Eigentümern nicht zur Verfügung gestellt. Sei es, dass man den menschengemachten Klimawandel als Begründung für Maßnahmen bezweifelt, ganz grundsätzlich aus Respekt vor der immensen Kulturleistung zur Urbarmachung des Moores durch die Vorfahren oder einfach nur, weil man jeden Eingriff in die als solche empfundene „Natur“ ablehnt. Zum Glück gibt es aber auch zahlreiche Eigentümer, die dem LBV gerne ihre Flächen zur Verfügung stellen oder verkaufen, weil sie einen wichtigen Beitrag zum Klima- und Naturschutz leisten wollen und wir als Verband verantwortlich mit diesem „Geschenk“ umgehen.
Was der LBV tut
Der LBV ist an der Widervernässung und Renaturierung einzelner Moore seit fast 30 Jahren „dran“. Es ist schon viel passiert, aber oft ist die Arbeit mühsam, zeitintensiv, manchmal auch frustrierend, wenn eswegen der vielen Hürden nicht oder nur sehr kleinschrittig vorankommt. Konsequentes Suchen, ein Gespür für das Mögliche, Überzeugungskraft, Beharrlichkeit und Ideen für eine oft unkonventionelle Umsetzung sind häufig der Schlüssel zum Erfolg. Man muss Kontakte über Jahrzehnte halten und immer wieder Flächen aufkaufen, bis sich ein brauchbares Mosaik aus Eigentumsflächen und solchen von zur Renaturierung bereiten Eigentümern formt. Der Einsatz für die Wiedervernässung von Mooren lohnt sich.
Es macht unseren Landschaftspflegern und -pflegerinnen richtig Spaß, zu sehen, wie das Wasser im Moor wieder steigt. Wo sonst kann man schon so einzigartig mit dem Verschließen von ein paar Entwässerungsgräben den Klimaschutz, die Biodiversität, den Hochwasserschutz, den Bodenschutz, die Archivfunktion von Mooren und das Landschaftsbild gleichzeitig fördern!