LBV-Vogelexpertin Dr. Angelika Nelson im Interview: So war das große Zählwochenende
Nach vielen Jahren wieder bayernweit Schnee und Frost zur „Stunde der Wintervögel“ – Kraniche fliehen in den Süden, andere trieb es auf der Suche nach Nahrung ans Futterhaus
Das Zählwochenende der 21. „Stunde der Wintervögel“ neigt sich dem Ende zu. Bis 19 Uhr am Sonntagabend haben bereits rund 16.000 Teilnehmende aus mehr als 12.000 Gärten ihre Beobachtungen gemeldet. Wer mitgezählt hat, kann seine Meldung noch bis zum 19. Januar eingeben. Ab morgen sind außerdem Schulen eingeladen, sich bei der Aktion zu beteiligen. Wie das Wochenende war und was sich jetzt schon sagen lässt, weiß LBV-Vogelexpertin Dr. Angelika Nelson.
© Dr. Hubert Kluger
Das Winterwetter mit Eis und Schnee hat das Zählwochenende vielerorts bestimmt. Wie hat sich das auf die Beobachtungen ausgewirkt?
Angelika Nelson: Das Wetter am Zählwochenende hat tatsächlich einen Einfluss darauf, welche und wie viele Vögel in den Gärten beobachtet werden. Schnee und Frost erschweren Vögeln die Nahrungssuche in der Natur, weshalb sich viele Arten verstärkt an Futterstellen versammeln. Besonders häufig können bei geschlossener Schneedecke Vögel, die am Boden nach Nahrung suchen, wie beispielsweise Buchfink, Grünfink oder Stieglitz, beobachtet werden. Gleichzeitig kann extremes Wetter, wie Sturm, die Sichtung erschweren oder dazu führen, dass sich die Vögel eher verstecken. Dies führt zu regional sehr unterschiedlichen Beobachtungsmustern.
Hatte das Wetter auch Einfluss auf die vorläufigen Top 5, gab es dort Überraschungen?
Bei den fünf häufigsten Vogelarten gab es bisher keine großen Überraschungen. Erwartungsgemäß liegt der Haussperling an der Spitze, gefolgt von der Kohlmeise und dem Feldsperling. Auf Rang vier liegt derzeit die Amsel, die die Blaumeise gegenüber dem Vorjahr auf Rang fünf verwiesen hat. Das mag daran liegen, dass Amseln ihr Futter am Boden suchen, und bei Schneelage vermehrt an die Futterstellen kommen. Diese Reihenfolge kann sich jedoch noch ändern – es sind nur ein paar Hundert Vögel unterschied und es kann noch bis 19. Januar nachgemeldet werden.
Vergeblich gewartet haben viele Teilnehmende auf Wintergäste wie Bergfink, Erlenzeisig oder Seidenschwanz – gibt es eine Erklärung für deren Fernleiben?
Das Phänomen der Wintergäste macht die Vogelzählung jedes Jahr aufs Neue spannend. In manchen Jahren kommen Bergfinken, Erlenzeisige, Gimpel, Kernbeißer oder Seidenschwänze in großen Zahlen nach Bayern. Das deutet darauf hin, dass die Nahrungsquellen, also Samen oder Früchte, in ihrem skandinavischen Heimatland nicht ausreichen. Entweder weil sie sehr erfolgreich gebrütet haben und es viele Jungvögel auf Futtersuche gibt, oder weil das Nahrungsangebot in dem Jahr allgemein knapp ausgefallen. Diese Vögel wandern wie Nomaden umher, auf der Suche nach Nahrung. Es ist also gut möglich, dass sie sich diesen Winter noch bei uns zeigen werden.
Für Überraschung sorgten dafür bei einigen Teilnehmenden überziehende Kranich. Wie kommt es, dass diese jetzt noch zu beobachten waren?
Die meisten Kraniche ziehen im Winter nach Südwesten, in Richtung Frankreich und Spanien. Aufgrund der tendenziell milderen Winter versuchen jedoch immer mehr Kraniche in Deutschland zu überwintern. Bei einem Wintereinbruch, wie er durch Sturmtief „Elli“ verursacht wurde, kommt es zur sogenannten „Winterflucht“: Die Vögel verlassen schlagartig und gleichzeitig das Gebiet und fliegen nach Süden. Die Zugroute verläuft allerdings größtenteils nördlich von Bayern. Daher wurden in Bayern im Gegensatz zu einigen anderen Bundesländern nur vereinzelt ziehende Kraniche beobachtet.
In den vergangenen Jahren konnten immer wieder auch andere Vögel beobachtet werden, die den Wintern eigentlich in südlicheren Gefilden verbringen – zum Beispiel der Hausrotschwanz oder die Mönchsgrasmücke. Wie hat sich der strenge Frost der letzten Tage und Wochen bei der Zählung auf diese Arten ausgewirkt?
In milden Wintern bleiben wärmeliebende und insektenfressende Arten wie die Mönchsgrasmücke, der Zilpzalp oder der Hausrotschwanz häufiger hier, da sie ausreichend Nahrung finden. Sie können sich teilweise auf Sämereien oder Weichfutter als Winternahrung umstellen und profitieren von Futterstellen, die getrocknete Mehlwürmer anbieten. Auch Beeren von Hecken in naturbelassenen Gärten werden gefressen. In diesem Jahr verringerte jedoch strenger Frost die Chancen, solche Arten zu sehen, da sie ähnlich wie Kraniche bei einem Wintereinbruch nach Süden in den Mittelmeerraum ausweichen.
Gab es darüber hinaus besondere Sichtungen oder Auffälligkeiten?
Wenn an einem Wochenende wie bei der „Stunde der Wintervögel” so viele Menschen in ganz Bayern die Augen offenhalten, werden immer wieder ungewöhnliche Vogelarten entdeckt und gemeldet. Wir haben uns genauso wie der Beobachter über die Meldung einer Rebhuhn-Kette von acht Individuen gefreut. Das Rebhuhn ist der Vogel des Jahres 2026. In Deutschland hat es in den letzten Jahrzehnten einen dramatischen Bestandseinbruch erlebt. Außerdem wurden Wasserralle, Bekassine und Waldschnepfe jeweils mit Fotobeweis gemeldet. Dies zeigt, dass die Anzahl und Arten der gemeldeten Vögel stark vom jeweiligen Lebensraum abhängen. Besonders in naturnahen Gärten ist die Vogelvielfalt groß.
Zusammenfassend: Welches Fazit ziehen Sie vom Wochenende?
Die große Wintervogelzählung ist noch nicht zu Ende. Wir rechnen damit, dass uns in der kommenden Woche noch zahlreiche Beobachtungen vom vergangenen Wochenende erreichen werden. Ebenso beginnt morgen, am Montag, die Schulstunde der Wintervögel. Bis Freitag haben Schulklassen dann Zeit, auch eine Stunde lang Vögel zu beobachten und uns ihre Sichtungen zu melden. Wir können jedoch bereits jetzt auf ein winterliches, schneereiches und frostiges Wochenende zurückblicken – seit langem gab es einmal wieder winterliche Bedingungen zur Vogelzählung. Schnee und Frost haben die Vögel vermehrt an Futterstellen getrieben. Auch ohne große Überraschungen bestätigen die Zahlen bekannte Muster und Trends und machen deutlich, welch wichtige Rolle bürgerwissenschaftliche Mitmachaktionen spielen.