Wie gut schützt uns die Natur noch?

Der neue Grün-Feucht-Kühl-Index zeigt, wo Landschaften noch kühlen, Wasser speichern und Klimaextreme abfedern – auch in Bayern besteht Handlungsbedarf

Deutschland verliert die natürliche Schutzfunktion seiner Landschaften: Der heute vom NABU und dem ECONICS Institut vorgestellte Grün-Feucht-Kühl-Index (GFKI) 2026 zeigt bundesweit, wie leistungsfähig Natur bei Kühlung, Wasserrückhalt und Klimaanpassung ist. Das Ergebnis alarmiert: Viele Regionen verlieren ihre Fähigkeit, Hitze zu mildern, Wasser in der Landschaft zu halten und die Folgen der Klimakrise abzufedern. Der LBV warnt vor den Folgen dieser Entwicklung für Bayern.

Urwald Bayerischer Wald | © Dr. Eberhardt Pfeuffer © Dr. Eberhardt Pfeuffer
Lebendige Urwälder wie der Bayerische Wald sind unverzichtbar für eine lebenswerte Zukunft.

Wiedervernässte Moore, lebendige Wälder und strukturreiche Agrarlandschaften sind unverzichtbar für eine lebenswerte Zukunft“, betont der LBV-Vorsitzende Dr. Norbert Schäffer. „Wir können es uns nicht mehr leisten, den Schutz unserer Natur als freiwillige Zusatzaufgabe zu sehen. Der Erhalt und die Wiederherstellung intakter Lebensräume müssen endlich die notwendige Priorität erhalten, damit Bayern lebenswert bleibt.“

Der GFK-Index macht sichtbar, wo Landschaften Schutz und Wiederherstellung brauchen

Moor Weidfilz nahe Wolfratshausen | © Franziska Back © Franziska Back
Das Weidfilz-Moor bei Königsdorf zeigt, wie die Wiedervernässung geschädigter Ökosysteme dazu beiträgt, natürliche Landschaftsfunktionen zurückzugewinnen.

Der Grün-Feucht-Kühl-Index bewertet Landschaften anhand der drei Faktoren Grün, Feucht und Kühl. Besonders intensiv genutzte Agrarregionen, stark versiegelte Städte und ausgebaute Gewässerräume weisen häufig Defizite auf. Der bundesweite Trend ist negativ. „Die Ergebnisse des ECONICS-Grün-Feucht-Kühl-Index‘ und seines Veränderungstrends beruhen nicht auf Experteneinschätzungen, sondern werden gemessen. Es werden vor allem große Mengen hochauflösender Satellitendaten eingesetzt. Neu ist auch, dass wir sehr konkret vorschlagen, welche Gebiete mit hoher Priorität geschützt, stabilisiert oder wiederhergestellt werden müssen“, sagt Studienautor Prof. Dr. Pierre Ibisch. Gleichzeitig zeigt der Index: Renaturierung wirkt. Wo natürliche Prozesse zugelassen und geschädigte Ökosysteme wiederhergestellt werden, können Landschaften ihre Funktionen zurückgewinnen, etwa durch regenerative Landwirtschaft mit Zwischenfruchtfolgen, die Wiedervernässung von Mooren, die Renaturierung von Flüssen und Auen oder mehr Grün in den Städten.

GFKI 2026 (Grafik)
Der ECONICS-Grün-Feucht-Kühl-Index macht sichtbar, wie leistungsfähig die natürliche Infrastruktur in Deutschland ist und wo Ökosysteme Schutz und einer Wiederherstellung bedürfen.

„Auch in Bayern sehen wir, dass wir die Schutzfunktionen unserer Natur stärken müssen. Dass die Staatsregierung sich vor diesem Hintergrund lautstark für einen Abbau von Umweltstandards und gegen die Umsetzung europäischer Naturschutzgesetzte stark macht, können wir nicht hinnehmen“, so Norbert Schäffer.

(Erklärung zur Grafik: Während die Mittelgebirgs- und Alpenregion in Bayern durch ihre Höhenlage mit niedrigeren Temperaturen und höheren Niederschlägen begünstigt ist, erreichen die sich erwärmenden und austrocknenden Agrarlandschaften Unterfrankens ähnlich kritische Werte wie urbane Räume.)

Natur wiederherzustellen wirkt: Positivbeispiel aus Bayern

Im Landkreis Bad Tölz zeigt ein LBV-Projekt, wie die Wiederherstellung von funktionierenden Ökosystemen gelingen kann. Im Ebenbergfilz bei Dietramszell wurden 2024 11,5 Hektar Hochmoor renaturiert und dadurch zwischen 60 und 120 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart. „Durch die Wiedervernässung von Mooren werden große Mengen an CO2-Emmissionen eingespart und so aktiv Klimaschutz betrieben. Gleichzeitig speichern diese Flächen Wasser – was angesichts der derzeitigen Trockenperiode unverzichtbar ist“, erklärt Dr. Sabine Tappertzhofen, Leiterin der LBV-Geschäftsstelle Bad Tölz-Wolfratshausen. Nahegelegene Moore, die nicht wiedervernässt wurden, sind in den letzten Wochen trockengefallen – der Torfkörper wird zersetzt und große Mengen CO2 ausgestoßen. Die renaturierten Flächen im Ebenbergfilz hingegen speichern das Wasser, Hitze und Trockenheit zum Trotz.

In Bayern gibt es breiten gesellschaftlichen Rückhalt für die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme und für Renaturierungsmaßnahmen als wirksamen Beitrag zum Klima-, Natur- und Hochwasserschutz. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des NABU: Fast 83 Prozent der Menschen in Bayern (85 Prozent in Deutschland) befürworten das EU-Gesetz zur Wiederherstellung der Natur. „Mit dem Volksbegehren Artenvielfalt oder den Bayerischen Zielen zum Moorschutz haben wir im Freistaat bereits wichtige Grundlagen für den Schutz unserer Natur“, sagt Norbert Schäffer. „Die europäische Wiederherstellungsverordnung fordert nun die Umsetzung dieser Ziele ein und will sicherstellen, dass auch zukünftige Generationen eine leistungsfähige und lebenswerte Natur in Bayern vorfinden.“

von Stefanie Bernhardt | lbv.de,

Wiesenweihe im Feld mit fünf Jungvögeln im Dunenkleid | © Zdenek Tunka © Zdenek Tunka
© Zdenek Tunka

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