Bartgeier Alosa auf Abwegen

Vor kurzem ausgewilderter Junggeier hält Projektteam auf Trab und ist bereits außerhalb der Auswilderungsnische unterwegs

Der erst am 24. Juni vom LBV und vom Nationalpark Berchtesgaden ausgewilderte junge Bartgeier Alosa hat die umzäunten Felsnische in 1.300 Meter Höhe erstaunlich früh verlassen. „Alosa überrascht uns mit ihrem ungewöhnlichen Verhalten jeden Tag aufs Neue. So etwas haben wir im Projekt in den vergangenen fünf Jahren bisher nicht erlebt“, erzählt LBV-Projektleiter Toni Wegscheider. Der Junggeier ist bereits nach zwei Tagen außergewöhnlich früh abgeflogen und versucht sich seither in der direkten Umgebung zurechtzufinden.

Alosa | © Hansruedi Weyrich © Hansruedi Weyrich
Alosas ungewöhnliches Verhalten überrascht das Projektteam jeden Tag aufs Neue.

Alosa ist wohlauf - trotz mangelnder Erfahrung

„Derzeit geht es ihr gut und sie hat gefressen. Doch das ungewöhnliche Verhalten von Alosa stellt uns durchaus vor Herausforderungen. Durch ihren verfrühten Abflug fehlt ihr noch jegliche Erfahrung. So kann sie zwar schon kurze Strecken fliegen, aber noch nicht gezielt an Futterstellen landen, wie es für sie notwendig wäre. Auch bei der Erkundung des Geländes tut sie sich aufgrund der aktuell schwierigen Thermikverhältnisse schwer. Wir beobachten sie daher engmaschig, um zeitnah auf jede Entwicklung reagieren zu können“, so Wegscheider weiter. Das Auswilderungsprojekt wird in diesem Jahr maßgeblich vom Bayerischen Naturschutzfond finanziert.

Wehrhaft, furchtlos und temperamentvoll

Seit der Auswilderung Mitte letzter Woche war dem Bartgeier-Projektteam vor Ort im Klausbachtal keine Ruhe vergönnt. „Während sich Junggeier Zierli ohne große Auffälligkeiten und sehr ähnlich zu den bisher ausgewilderten Geiern im Projekt verhält, war Alosa von Anfang an deutlich temperamentvoller", berichtetet Nationalpark-Projektleiter Ulrich Brendel.

Schon während der Vorbereitung zur Auswilderung, für die die Aasfresser mit Markierungsringen an den Beinen und GPS-Sendern versehen werden, demonstrierte das junge Weibchen seinen ausgesprochen wehrhaften Charakter.

Auch beim Herausheben aus der Transportbox in der Felsnische zeigte sich der Vogel wenig kooperativ. „Wir waren ausgesprochen verwundert, dass Alosa am Auswilderungstag noch in Anwesenheit des Teams begann, die Nische zu erkunden und in ihrem neuen Heim furchtlos herumspazierte", erläutert Brendel weiter.

Alosa am 30.062026 auf Abwegen | © David Schuhwerk © David Schuhwerk
Alosa auf Erkundungstour (mittig links).

Doch damit nicht genug: Bei einer harmlosen Auseinandersetzung mit Zierli ließ sie sich etwas später über den unmittelbar neben ihr stehenden Begrenzungszaun drängen. Davon unbeeindruckt machte sie sich sogleich an die Erkundung der dortigen Felsplatten außerhalb der umzäunten Auswilderungsnische und kletterte über dem Abgrund hin und her.

„Da wir Alosa in diesem gefährlichen Gelände nicht gut mit Futter hätten versorgen können, haben wir eine günstige Gelegenheit am nächsten Tag genutzt und sie wieder eingefangen. Als wir sie zurück in die Nische gesetzt haben, haben wir dabei auch gleich noch den Zaun verstärkt“, so Toni Wegscheider.

Abflug aus der Felsnische am vergangenen Freitag

Doch die Bemühungen waren letztlich umsonst, da Alosa bereits am Freitagnachmittag kurz nach 14 Uhr beschloss, aus der Felsnische abzuheben und in einer nahen Steilwand zu landen. Sie startete an ähnlicher Position wie ihre Artgenossen in den vergangenen Jahren, diese zeigten das Verhalten allerdings deutlich später. „Diese rasante Abfolge von Ereignissen zeigt wieder einmal die Wichtigkeit der engmaschigen Überwachung der Bartgeier durch das Projektteam. Durch die ständige Beobachtung der Tiere können wir auf alle Situationen schnell reagieren und das Wohlergehen der für die Rückkehr der gefährdeten Art so wichtigen Vögel so weit wie möglich sicherstellen", sagt Ulrich Brendel.

Normalerweise erkunden die eigentlich noch flugunfähigen Junggeier erst mal ausgiebig ihr neues Zuhause in der Felsnische und benötigen zwischen drei und vier Wochen, bis sie ihren ersten Flugversuch unternehmen. So lange müssen sie ihre Flugmuskulatur erst mal trainieren.

Führungen und Beobachtungsmöglichkeiten

Am offiziellen Bartgeier-Infostand im Nationalpark am Wanderweg zur Halsalm können sich in den kommenden Wochen alle Besuchenden täglich bei den Projektmitarbeitenden erkundigen, wo genau sich Alosa und Zierli gerade aufhalten und wo man sie beim Beobachten am wenigsten stört. Sowohl der LBV als auch der Nationalpark Berchtesgaden bieten jeden Dienstag bzw. Donnerstag kostenlose Bartgeier-Führungen an, für die eine Anmeldung erforderlich ist. Informationen gibt es hier. Veranstaltungen sowie unter .

Wie sich Zierli in der Felsnische weiterentwickelt und wie der Jungvogel seine ersten Flugübungen macht, kann jede und jeder über die Bartgeier-Live-Webcam mitverfolgen und auf der Bartgeier-Webcam des Nationalparks.

Das Bartgeier Projekt

Logo Bartgeierprojekt

Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) zählt mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern zu den größten, flugfähigen Vögeln der Welt. Anfang des 20. Jahrhunderts war der majestätische Greifvogel in den Alpen ausgerottet. Im Rahmen eines großangelegten Zuchtprojekts werden seit 1986 im Alpenraum in enger Zusammenarbeit mit dem in den 1970er Jahren gegründeten EEP (Europäisches Erhaltungszuchtprogramm) der Zoos junge Bartgeier ausgewildert.

Das europäische Bartgeier-Zuchtnetzwerk wird von der Vulture Conservation Foundation (VCF) mit Sitz in Zürich geleitet. Während sich die Vögel in den West- und Zentralalpen seit 1997 auch durch Freilandbruten wieder selbstständig vermehren, kommt die natürliche Reproduktion in den Ostalpen nur schleppend voran. Ein vom bayerischen Naturschutzverband LBV (Landesbund für Vogelschutz) und dem Nationalpark Berchtesgaden gemeinsam initiiertes und betreutes Projekt zur Auswilderung von jungen Bartgeiern im bayerischen Teil der deutschen Alpen greift dies auf und unterstützt in Kooperation mit dem Tiergarten Nürnberg die alpenweite Wiederansiedelung.

Dafür werden in den kommenden Jahren im Klausbachtal junge Bartgeier ausgewildert – im Jahr 2021 erstmals in Deutschland. Der Nationalpark Berchtesgaden eignet sich aufgrund einer Vielzahl von Faktoren als idealer Auswilderungsort in den Ostalpen.

von Kristin Machmer | lbv.de,

Erschöpfter Mauersegler in Hand | © Petra Altrichter, LBV-Bildarchiv © Petra Altrichter, LBV-Bildarchiv
© Petra Altrichter, LBV-Bildarchiv

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