Zierli hebt ab: Zweiter junger Bartgeier startet in die Lüfte

Nach frühem Start fliegt Alosa inzwischen souverän – kostenlose Führungen ermöglichen Einblicke in das Auswilderungsprojekt

Am 17. Juli um 12:03 Uhr war es auch beim zweiten jungen Bartgeier des gemeinsamen Auswilderungsprojekts des LBV und des Nationalparks Berchtesgaden soweit: „Zierli“ segelte im arttypischen Alter von 118 Tagen aus der Auswilderungsnische im Klausbachtal. Mittlerweile ist auch durch einen Bluttest bestätigt, dass der Jungvogel ein Weibchen ist.

Ihre gleichaltrige, bereits kurz nach der Auswilderung extrem früh ausgeflogene Artgenossin „Alosa“ verfolgte den Erstflug ihrer Kameradin aus den höhergelegenen Wandstufen am Knittelhorn. „Wir sind glücklich, dass nun auch der zwölfte Vogel unseres gemeinsamen Projekts erfolgreich in die Lüfte gestartet ist. Das Expertenteam vor Ort wird die weitere Entwicklung von ‚Zierli‘ und ‚Alosa‘ genau beobachten, um das Wohlergehen der beiden jungen Bartgeier sicherzustellen“, erklärt Nationalpark-Projektleiter Ulrich Brendel. Das Auswilderungsprojekt wird in diesem Jahr maßgeblich vom Bayerischen Naturschutzfond finanziert.

Bartgeier Alosa 11.07.2026 | © Christian Steiger © Christian Steiger
Bartgeier Alosa wagte ihren Ausflug sehr früh mit 97 Tagen.

Die aus dem französischen Zoo Beauval stammende „Zierli“ entwickelte sich nach ihrer Ankunft Ende Juni ähnlich wie die zuvor in der Nische ausgewilderten Junggeier: schrittweise mit immer häufigeren Flugübungen bis hin zum Jungfernflug. Dagegen stellte die im französischen Zuchtzentrum Asters geschlüpfte „Alosa“ das Projekt-Team vor Herausforderungen. „Der sehr ambitionierte Erstflug mit nur 97 Tagen bereitete „Alosa“ im Nachgang sichtliche Schwierigkeiten. Es ist eine Sache, mit ein paar Flügelschlägen loszusegeln, aber etwas ganz anderes, dann in den noch völlig unbekannten Steilflanken, Latschenfeldern und Geröllhalden mit unerwarteten Hangwinden und Thermiken umzugehen,“ sagt LBV-Bartgeierexperte Toni Wegscheider.

Erfahrene Trainingspartnerin Alosa

Bartgeier Alosa 11.07.2026 | © Christian Steiger © Christian Steiger
Bei ihren ersten Flugübungen wurde „Alosa“ von Aufwinden bis in die Hochlagen der Reiteralm getragen und dort von Experten im steilen Gelände mit Nahrung versorgt.

Noch ohne jegliche Erfahrung wurde „Alosa“ bei ihren Flugübungen innerhalb weniger Tage von den Aufwinden immer weiter in die Hochlagen der Reiteralm getragen, wo sie von den Experten in anspruchsvollen Aufstiegen im teils weglosen Steilgelände mit Nahrung versorgt werden musste. Wie üblich achtete das Projektteam beim Auslegen des Futters auf eine möglichst heimliche Vorgehensweise, damit die Vögel keine Verbindung zwischen Mensch und Nahrung herstellen.

„Es war eine ziemliche Erleichterung für das Team, mental und körperlich, als „Alosa“ letztlich doch wieder den Weg hinab Richtung Auswilderungsnische und Futterplätze fand“, berichtet Ulrich Brendel. Allerdings hatte sich „Zierli“ in der Zwischenzeit offenbar an ein Leben allein in der Nische gewöhnt und reagierte auf alle Annäherungsversuche „Alosas“ ausgesprochen abweisend.




Dennoch dürfte „Zierli“ auch von ihrer zwischenzeitlich gut trainierten Artgenossin profitieren: „Alosa hat auf ihren mittlerweile sehr souveränen Flügen durch die Halsgrube bereits mehrere wichtige Futterplätze entdeckt. Somit könnte sie schnell als Trainingspartnerin für die weitere Entwicklung „Zierlis“ wirken. Diese wird sich erfahrungsgemäß an den Flugrichtungen ihrer Gefährtin orientieren und so ebenfalls schnell Schlüsselbereiche in ihrem neuen Lebensraum finden“, hofft Toni Wegscheider.

Zuversicht trotz kurzer gemeinsamer Zeit

Auch wenn die meist drei bis vier Wochen dauernde gemeinsame Zeit in der Auswilderungsnische in diesem Jahr nur zwei Tage betrug, geht das Expertenteam davon aus, dass die beiden Jungvögel durchaus noch Kontakt aufnehmen können, gemeinsam fliegen oder auch mal am gleichen Futterplatz zu beobachten sind. Bei LBV und Nationalpark Berchtesgaden herrscht große Zuversicht, dass auch die beiden diesjährigen Bartgeier eine wichtige Rolle für die Rückkehr der gefährdeten Aasfresser in die Alpen spielen werden.

Führungen und Beobachtungsmöglichkeiten

Am offiziellen Bartgeier-Infostand im Nationalpark am Wanderweg zur Halsalm können sich in den kommenden Wochen alle Besuchenden täglich bei den Projektmitarbeitenden erkundigen, wo genau sich „Alosa“ und „Zierli“ gerade aufhalten und wo man sie beim Beobachten am wenigsten stört. Sowohl der LBV als auch der Nationalpark Berchtesgaden bieten jeden Dienstag bzw. Donnerstag kostenlose Bartgeier-Führungen an, für die eine Anmeldung erforderlich ist. Informationen gibt es unter www.nationalpark-berchtesgaden.bayern.de im Bereich „Veranstaltungen“ sowie unter bartgeier@lbv.de.

Projekthintergrund

Logo Bartgeierprojekt

Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) zählt mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern zu den größten, flugfähigen Vögeln der Welt. Anfang des 20. Jahrhunderts war der majestätische Greifvogel in den Alpen ausgerottet. Im Rahmen eines großangelegten Zuchtprojekts werden seit 1986 im Alpenraum in enger Zusammenarbeit mit dem in den 1970er Jahren gegründeten EEP (Europäisches Erhaltungszuchtprogramm) der Zoos junge Bartgeier ausgewildert.

Das europäische Bartgeier-Zuchtnetzwerk wird von der Vulture Conservation Foundation (VCF) mit Sitz in Zürich geleitet. Während sich die Vögel in den West- und Zentralalpen seit 1997 auch durch Freilandbruten wieder selbstständig vermehren, kommt die natürliche Reproduktion in den Ostalpen nur schleppend voran. Ein vom bayerischen Naturschutzverband LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz e.V.) und dem Nationalpark Berchtesgaden gemeinsam initiiertes und betreutes Projekt zur Auswilderung von jungen Bartgeiern im bayerischen Teil der deutschen Alpen greift dies auf und unterstützt die alpenweite Wiederansiedelung.

Dafür werden in den kommenden Jahren im Klausbachtal junge Bartgeier ausgewildert – im Jahr 2021 erstmals in Deutschland. Der Nationalpark Berchtesgaden eignet sich aufgrund einer Vielzahl von Faktoren als idealer Auswilderungsort in den Ostalpen.

Mehr Informationen zum Projekt unter www.lbv.de/bartgeier-auswilderung

Das Projekt wird vom Bayerischen Naturschutzfonds gefördert. Die ersten zwei Projektphasen (von 2020 bis Ende 2025) wurden zu einem großen Teil vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz (StMUV) gefördert.

 

 

 

 

 

von Stefanie Bernhardt | lbv.de,

Wiesenweihe im Feld mit fünf Jungvögeln im Dunenkleid | © Zdenek Tunka © Zdenek Tunka
© Zdenek Tunka

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