Halloween im Frühsommer: Gespinstmotten sorgen für Grusel-Faktor
Raupen hüllen Bäume und Sträucher in gespenstischen Schleier – LBV: Naturphänomen ist vollkommen ungefährlich
Silbrig schimmernde, kahl gefressene Bäume und Sträucher an Weg-, Straßen- und Waldrändern oder in Parkanlagen erregen aktuell in ganz Bayern Aufsehen. Verantwortlich dafür sind die Raupen einiger Gespinstmottenarten, die die Blätter der Pflanzen vollständig abfressen und Zweige, Äste sowie Stämme mit einem Gespinst überziehen.
„Am häufigsten befallen werden Traubenkirschen, aber auch Weißdorn, Pfaffenhütchen, Pappeln und gelegentlich Obstbäume“, erklärt Tarja Richter, Insekten-Expertin des LBV. „Ein milder Winter und ein trocken-warmes Frühjahr schaffen ideale Bedingungen für eine Massenvermehrung des kleinen, weißen schwarz gepunkteten Falters.“ Obwohl der Januar heuer teilweise frostig war, erreichten die Temperaturen im Frühjahr teilweise Höchstwerte und es war sehr trocken. Gefährlich sind die Gespinstmotten nicht – außerdem sorgen verschiedene Insekten dafür, dass sich die Motten nicht unkontrolliert ausbreiten. Auch die Gehölze überstehen den Befall meist unbeschadet.
Das Leben einer Gespinstmotte
Gespinstmottenarten sind auf nur ein oder zwei Baum- und Straucharten spezialisiert. Das bedeutet, dass sie sich nur über die Blätter einer oder zwei Pflanzenarten hermachen. Besonders häufig ist beispielsweise die Traubenkirschen-Gespinstmotte, die die Traubenkirsche befällt.
„Die Motten legen ihre Eier im August in den Sträuchern ab, wo sie als millimetergroße Räupchen überwintern. Im späten Frühling beginnen sie von innen heraus die Blattknospen anzufressen. Sobald die Blätter des betroffenen Baums oder -Strauchs sich entfaltet haben, legen die Larven gemeinsam ein erstes Gespinst an“, erklärt Tarja Richter. „Das ist ein seidiger Schleier, den die kleinen Raupen spinnen, um sich vor Fressfeinden wie Vögeln oder Regen zu schützen.“ Unter dem Schleier fressen die Raupen bis Mitte Juni den Baum oder Strauch kahl. Dann wandern sie zum Fuß des Baumstammes, wo sie sich im Schutz des Gespinstes verpuppen. Anfang Juli schlüpfen die weißen, schwarz gepunkteten Falter der Traubenkirschen-Gespinstmotte. Im August paaren sie sich und legen ihre Eier wieder an den Knospen der Traubenkirsche ab, wo sie bis zum nächsten Frühjahr überdauern. So beginnt der Lebenszyklus der Gespinstmotten von neuem.
Gift ist keine Lösung!
Beobachten lässt sich dieses geisterhafte Naturschauspiel schon immer in jährlicher wechselnder Häufigkeit. Insbesondere der Klimawandel fördert das massenhafte Auftreten der Gespinstmotten. „Milde Winter und ein trocken-warmer Frühling schaffen ideale Bedingungen für die Überlebensrate der Larven. Zudem begünstigen heiße und trockene Sommer die Vermehrung der Gespinstmotten, da sich die Falter bei Temperaturen ab 12 Grad Celsius in der Nacht paaren“, so die Insektenexpertin. „Allerdings verhindern bis zu 80 verschiedene Insekten, darunter Schlupfwespen, Raubwanzen sowie einige Vogelarten, dass sich die Gespinstmotten übermäßig ausbreiten.“
Davon, die Tiere mit Gift zu vernichten, rät Richter dringend ab. „Der Einsatz von Insektengift ist in den meisten Fällen nicht erfolgreich und schadet nicht nur den Faltern, sondern auch ihren natürlichen Fressfeinden.“ Die Bäume oder Sträucher tragen keine langfristigen Schäden davon, da sie die verlorenen Nährstoffe zu einem Großteil durch den auf den Boden fallenden Raupenkot zurückgewinnen. Noch im gleichen Jahr treiben sie wieder aus.
Aber: Die Motten können auch Schaden anrichten
Bei Obstbäumen kann ein Befall die Ernte verringern. Um beispielsweise Apfelbäume vor einem Befall durch die Apfel-Gespinstmotte zu bewahren, empfiehlt LBV-Biologin Tarja Richter spätestens ab April mit dem Absammeln der Tiere zu beginnen. Zudem lassen sich die Gespinste mit einem Besen entfernen oder einem Wasserschlauch herunterspritzen. Es ist wichtig, Gespinstreste und Larven vom Boden aufzusammeln, damit sie nicht zurück auf den Baum wandern können. Wer im Vorjahr einen Gespinstmottenbefall hatte, kann im Winter durch einen Rück- und Pflegeschnitt vorbeugen, dass der betreffende Baum erneut befallen wird. Der Schnittabfall sollte auf Eier und überwinternde Larven kontrolliert und nicht auf dem Kompost, sondern am Abfallhof entsorgt werden. Zusätzlich lohnt es sich, im eigenen Garten die natürlichen Gegenspieler der Gespinstmotten zu fördern. Naturnahe Gärten bieten Lebensraum für viele Insekten und Vögel, die sich von den Raupen ernähren.
Übrigens: Die Gespinste sind nicht mit denen des Eichenprozessionsspinners zu verwechseln, der ausschließlich Eichen besiedelt und niemals ganze Bäume einspinnt. Seine Verpuppungsgespinste legt er vereinzelt am Stamm dicker Eichen an, wo sie erst ab Ende Juni zu beobachten sind.
Mehr Infos zu einem naturnahen, vogelfreundlichen Garten und zum LBV -Projekt "Vogelfreundlicher Garten" finden Sie hier.
von Kristin Machmer | lbv.de,