Hör mal, wer da singt: LBV forscht mit Aufnahmegeräten und KI zu den letzten Ortolanen in Bayern
Zum Tag des Artenschutzes am 3. März richtet der LBV den Fokus auf eine der seltensten Vogelarten Bayerns: den Ortolan. Auch wenn der farbenfrohe Ammernvogel mit dem olivgrünen Kopf erst Ende April aus seinen südlichen Winterquartieren zurückkehrt, bereiten die Naturschützerinnen und Naturschützer des LBV in Unterfranken bereits jetzt alles für die kommende Brutsaison vor.
„In diesem Jahr nehmen wir die Rufe der Vögel zum ersten Mal mit speziellen Geräten auf und werten sie mit KI aus. So wollen wir erfahren, wie viele Ortolane in die fränkischen Brutgebiete zurückkehren, wo sie sich dort ansiedeln und wie sie brüten“, sagt Elena Weber, LBV-Biologin im Bayerischen Artenhilfsprogramm Ortolan. Mit dieser innovativen Bioakustik und bewährter Zusammenarbeit mit den Landwirtinnen und Landwirten der Region will der LBV die Zukunft des vom Aussterben bedrohten Bodenbrüters sichern.
Der Ortolan ist in Bayern akut vom Aussterben bedroht. „Unterfranken beherbergt in den Mainfränkischen Platten zwischen Würzburg und Schweinfurt das letzte Vorkommen im gesamten süddeutschen Raum“, erklärt Elena Weber. „Wir tragen deshalb eine besondere Verantwortung, dieses letzte Vorkommen in Bayern zu bewahren.“ Deutschland hat sich im Rahmen der EU-Biodiversitätsstrategie das Ziel gesetzt, den Bestand bis 2030 zu verbessern. Doch im Freistaat stagniert dieser seit Jahren bei rund 80 Revieren, insgesamt mit abnehmender Tendenz.
Bioakustik und KI sollen neue Erkenntnisse liefern
© Lisa Gill
In der kommenden Saison setzt der LBV erstmals auf einen neuen Ansatz: Im Rahmen eines bioakustischen Monitorings erfasst er die Rufe der Ortolane in ihren Lebensräumen mit digitalen Geräten, sogenannten Horchboxen. Die gewonnen Daten werden dann mit Hilfe künstlicher Intelligenz ausgewertet. „Forschende aus Polen und Italien konnten zeigen, dass sich einzelne Ortolane anhand ihres Gesangs eindeutig unterscheiden lassen – gewissermaßen wie an einem akustischen Fingerabdruck“, so die LBV-Biologin. Auf dieser Grundlage wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des LBV nun prüfen, inwieweit sich diese Erkenntnisse auf das fränkische Vorkommen übertragen lassen und wie die neue Methode systematisch im Monitoring eingesetzt werden kann.
Die Ortolane an ihrem individuellen Gesang zu erkennen, kann Aufschluss darüber geben, wie viele Vögel den Zug nach Afrika überleben und in die fränkischen Brutgebiete zurückkehren sowie in welcher Entfernung zu ihrem Geburtsort sie sich ansiedeln. Die Analyse von Warn-, Kontakt- und Bettelrufen hingegen kann Rückschlüsse darauf ermöglichen, wie sich Paare bilden und wie das Brüten verläuft – Informationen, die bisher nur durch invasive Methoden wie die gezielte Nestersuche gewonnen werden können.
Der Vorteil der Bioakustik ist, dass das Brutgeschehen nicht gestört wird. Die Aufnahmegeräte zeichnen unabhängig von Tageszeit und Wetter auf und liefern dadurch ein wesentlich vollständigeres Bild der Situation vor Ort, als es durch punktuelle menschliche Beobachtungen möglich wäre. „Unsere ehrenamtlichen Kartiererinnen und Kartierer leisten seit vielen Jahren unverzichtbare Arbeit. Die bioakustische Erfassung soll ihre Beobachtungen ergänzen und vertiefen“, erklärt Weber.
Ein eigener fränkischer Dialekt
© Heinz Tuschl
Besonders spannend: Das fränkische Ortolan-Vorkommen liegt rund 400 Kilometer vom nächsten Bestand entfernt und hat einen völlig eigenen Dialekt. „Sogar Menschen, die die vogeltypischen Frequenzen viel schlechter hören als die Vögel selbst, können diese Dialekte unterscheiden“, so Weber. „Das zeigt, wie stark der Gesang bei dieser Art geprägt ist und welche Bedeutung akustische Analysen für den Artenschutz haben können.“
Enge Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft
Neben der neuen Technik im Monitoring bleibt die enge Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft das Herzstück des Artenhilfsprogramms. Der Ortolan brütet am Boden und ist auf vielfältige, extensiv bewirtschaftete Agrarflächen angewiesen. Gemeinsam mit rund 80 Landwirtinnen und Landwirten setzt der LBV ortolanfreundliche Bewirtschaftungsmaßnahmen um und pflanzt zum Beispiel Bäume als neue Singwarten. Von diesen aus kann der Ortolan Feldfrüchte und Nahrungsflächen gut erreichen und sein Nest besser beobachten und sichern. „Die langjährige Zusammenarbeit vor Ort ist eine wichtige Grundlage dafür, dass der Bestand in Bayern bislang erhalten werden konnte“, betont Weber.