Ortolan Brutsaison 2022 in Bayern

Beinahe ein Rekord-Tief

Entwicklung der Anzahl singender - also revieranzeigender - Ortolanmännchen auf den acht langjährigen Probeflächen. Über jeder Säule steht die Gesamtanzahl der Männchen (∑).
Entwicklung der Anzahl singender - also revieranzeigender - Ortolanmännchen auf den acht langjährigen Probeflächen im Landkreis Schweinfurt, Kitzingen und Würzburg. Über jeder Säule steht die Gesamtanzahl der Männchen (∑)

Bei den jährlichen Bestandserfassungen der singenden Ortolan-Männchen, die im Rahmen des Artenhilfsprogramms auf acht ausgewählten Probeflächen durchgeführt werden, konnten 2022 nur 67 revieranzeigende Vögel gezählt werden. Damit ist der zweittiefste Wert seit Beginn der jährlichen Erfassungen im Jahr 2006 erreicht: Nur 2008 wurden mit damals 56 singenden Männchen noch weniger Revierinhaber gezählt. Da nach wie vor gemeinsam mit Landwirtinnen und -wirten zahlreiche landwirtschaftliche Maßnahmen umgesetzt werden, die der Ortolan-Population zugutekommen sollen, suchen wir seitens des AHP nach Ursachen für diesen Einbruch.

Einerseits machen sich hier die schlechten Brutbedingungen in den zwei vorangegangenen Jahren bemerkbar: Starkniederschläge haben zum Teil die Brutflächen überschwemmt, kalter, starker Wind hat die Vögel zusätzlich beeinträchtigt. Gerade in der Zeit kurz nach dem Schlupf sind die Küken sehr empfindlich: Sie schlüpfen blind und mit noch nicht wasserdichten Federn aus dem Ei und müssen permanent von den Altvögeln gewärmt und umsorgt werden. In einem feuchten Nest ist die Gefahr einer Unterkühlung sehr hoch; im schlimmsten Fall läuft die Nestmulde voll Wasser.

Nachdem im letzten Jahr die Zahlen der Ortolane noch leicht gestiegen ist, sehen wir nun im Rückgang revieranzeigender Männchen den Effekt der zwei nachwuchsschwachen Jahrgänge. Doch nicht nur die klimatischen Bedingungen während der Brutperiode, sondern auch während des Vogelzugs sind entscheidend.

Singendes Ortolanmännchen im Nebel | © Marlis Heyer © Marlis Heyer
Dieser Vogel gibt Rätsel auf: ein singendes Ortolanmännchen im Nebel

Saharastaub und hohe Niederschläge könnten Ortolane beim Rückflug behindert haben

Im Frühjahr 2022 fiel ein ungewöhnliches Ereignis in die Zeit des Rückfluges aus den afrikanischen Überwinterungsquartieren nach Europa: Bei einem starken Saharastaubereignis im März wurde eine um den Faktor 200 erhöhte Staubkonzentrationen in der Luft gemessen (Pressemitteilung DWD 18.03.2022). Solch hohe Werte sind sehr selten. Sie gingen mit starkem Sturm und Regen einher. Des Weiteren kam es in Spanien Ende März lokal zu sehr ergiebigen Niederschlägen von bis zu 200 Liter pro Quadratmeter (Pressemitteilung DWD 25.03.2022), die örtlich zu großflächigen Überflutungen und Hochwasser führten. Die zeitliche Überschneidung dieser Wetterereignisse mit dem Vogelzug könnte die Tiere bei ihrem Rückflug behindert haben. Über die Zustände in den Überwinterungsgebieten selbst liegen uns leider kaum Informationen vor; zweifelsohne entscheiden sie mit über die Entwicklung der hiesigen Population.

Aber auch hier vor Ort kann noch einiges für den Ortolan getan werden, einerseits mit entsprechenden Maßnahmen zur Optimierung der Brut- und Nahrungshabitate, doch auch darüber hinaus. Nach einer kleinen Pilotstudie im Frühjahr 2022, bei der fünf Studierende die fränkischen Ortolane im Freiland beobachteten, gehen die Mitarbeiterinnen des AHPs von einem eklatanten Weibchen-Mangel in den fränkischen Gebieten aus. Das bedeutet eine starke Schwächung für eine so isolierte Population wie die fränkische. Die Weibchen, die auf dem Nest am Boden sitzen, sind vielen Gefahren ausgesetzt: Sowohl Prädatoren wie Greifvögel, Fuchs oder Marder, als auch die landwirtschaftliche Bearbeitung der Äcker stellen ein tödliches Risiko dar, wenn die Weibchen ihr Nest zum Schutz der Eier und Jungtiere nicht verlassen wollen.

von AHP Ortolan,

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