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Ein faszinierendes Naturschauspiel Vogelzug VOGEL- UND NATURSCHUTZ IN BAYERN magazin Nonstop-Flüge Viele Zugvögel sind rekordverdächtig unterwegs Vielflieger Bevor Mauersegler abheben, werden sie beringt Zwischenlandung Wichtiger Schutz der Rastgebiete in Afrika 3|2026

2 LBV MAGAZIN 3|26 Öffnungszeiten Museum: Dienstag bis Samstag, 09:00 bis 17:00 Uhr | Rapunzel Welt • Rapunzelstr. 2 • 87764 Legau Interaktives Museum und Öl-Museum Bistro/Café mit Schaukaffeerösterei Wir machen Bio aus Liebe seit 1974. Kommt vorbei 50 % Rabatt auf deinen Museumseintritt.* *Gültig bis 30.12.2026 bei Vorlage | LBV Bio erleben in der Rapunzel Welt im Allgäu Bio-Markt Veranstaltungen Kochkurse, Kaffee-Erlebnisse, Yogastunden u.v.m. DE-ÖKO-006 Kakaoausstellung Neu

LBV MAGAZIN 3|26 3 fast jeder weiß, dass es Zugvögel gibt. Trotzdem merke ich in Gesprächen immer wieder, wie wenig viele Menschen über den Vogelzug wissen. Ein verbreiteter Irrtum lautet: Im Herbst ziehen einfach alle Vögel in den Süden. So einfach ist es nicht. Entscheidend ist vor allem, ob eine Art im Winter bei uns genügend Nahrung findet. Mehlschwalben jagen Insekten. In der kalten Jahreszeit fänden sie bei uns nichts zu fressen, weshalb sie vorher in den Süden ziehen. Kohlmeisen dagegen ernähren sich auch von Samen und Nüssen. Sie kommen meist gut durch den bayerischen Winter. Wer beim nächsten Gespräch mit etwas Angeberwissen glänzen möchte, kann Zugvögel nach der Länge ihrer Strecke unterscheiden. Kuckucke und Mauersegler gehören zu den Langstreckenziehern. Viele von ihnen verlassen Bayern bereits im August und fliegen bis ins südliche Afrika. Arten wie der Star ziehen später los und überwintern als Mittelstreckenzieher etwa im südlichen Mittelmeerraum. Kurzstreckenzieher wie Buchfinken lassen sich sogar noch mehr Zeit. Sie fliegen oft erst im Spätherbst über die Alpen. Warum sich Zugstrecken und Überwinterungsgebiete verändern, wie Zugvögel Tausende Kilometer weit navigieren und welchen Gefahren sie unterwegs begegnen, erfahren Sie in dieser Ausgabe. Liebe Leserinnen und Leser, Ab in den Süden? Viel Spaß beim Lesen! Ihr Markus Erlwein Chefredakteur Der neue mobile LBV-Infostand bringt Artenvielfalt und Naturschutzwissen direkt dorthin, wo Menschen sind. Die nachhaltig in Bayern produzierten „Schubvögel“ sind inzwischen in alle Regierungsbezirke ausgeflogen und können ab sofort von LBV-Gruppen und Aktiven ausgeliehen werden. Für mehr Infos: katharina.hubmann@lbv.de Halb Schubkarre, halb Zugvogel EDITORIAL FOTO: ALBERT KRAUS Tagesaktuelle Nachrichten finden Sie unter VOGEL- UND NATURSCHUTZ IN BAYERN LBV magazin lbv.de/newsletter lbv_bayern lbv.de WhatsApp

4 LBV MAGAZIN 3|26 6 Im Fokus Staren-Wolke 8 Leserbriefe 9 Kurzmeldungen 10 Standpunkt Dr. Norbert Schäffer 12 Faszination Vogelzug Überlebensstrategien und Gefahren auf der langen Reise 18 Rekordverdächtig Beeindruckende Fakten über Zugvögel 20 Alle Vögel sind noch da Der Klimawandel verändert den Vogelzug 22 Reportage „Übers Nest geschaut“ Kleine Ringe vor großer Reise 26 Spendenaktion Die Rückkehr der Wiesenweihe Einhefter • Spenden-Überweisungsträger • Mitgliederwerbekarte 12 22 INHALT Ganz nah dran: Mauersegler werden für die Wissenschaft beringt. INHALT Dieses Druckerzeugnis ist mit dem Blauen Engel ausgezeichnet. www.blauer-engel.de/uz195 · ressourcenschonend und · umweltfreundlich hergestellt · emissionsarm gedruckt XW1 überwiegend aus Altpapier Titelbild: Bienenfresser (Mehrfachbelichtung) von Ralph Sturm FOTOS: HANS CLAUSEN, DR. CHRISTOPH MONING, ZDENEK TUNKA, TOBIAS TSCHAPKA, FRANK DERER, SWAROVSKI OPTIK Die wichtigsten Erkenntnisse über die strapaziöse Reise unserer Zugvögel Kraniche 20 Wie der Klimawandel unsere Zugvögel beeinflusst Was Sie noch nicht über Zugvögel wussten 18 Pfuhlschnepfen Hausrotschwanz Im Rahmen der Herstellung dieses Druckproduktes wurde ein finanzieller Beitrag an das Klimaschutzprojekt „Solar, Indien“ zertifiziert nach GoldStandard geleistet.

LBV MAGAZIN 3|26 5 38 Portrait über ein globales Netzwerk zum Schutz der Vögel 28 LBV AKTIV 34 NAJU Neues von der Naturschutzjugend 36 Schutzgebiet Wiederbegrünung in der Sahel-Zone 38 Politik Über die Arbeit von BirdLife International 40 LBV-Projekte Mit KI dem nächtlichen Vogelzug auf der Spur 41 LBV-Projekte Amphibienschutz in bayerischen Abbaugebieten 42 Aus dem LBV • Teamgeist und Naturschutz • Ergebnisse der Stunde der Gartenvögel 43 Erbschaft Ein Versprechen an kommende Generationen 44 Umweltbildung Natur erleben, Wissen mehren 46 Stiftung Förderschwerpunkte der LBV-Stiftung Bayerisches Naturerbe 47 Test Mit dem BTX von Swarovski Optik im Gebirge 48 Medien Empfehlungen 50 Impressum und Kontakte 09174-4775-7023 naturshop@lbv.de lbv-shop.de Maskenbiene, Julia Moning Insektenstation Granicium® Wildbienen-Bude NEU Wow-Wissen: 300 Tiere & Pflanzen 50 Mitmachideen Familien Naturführer - ANZEIGE - 47 Erfahrungsbericht: Spektiv mit zwei Einblicken Flamingo

STARENSCHWARM | FOTO: ZDENEK TUNKA 6 LBV MAGAZIN 3|26

Was wie eine schwebende dunkle Wolke am Himmel wirkt, ist die raffinierte Schutzstrategie der Stare: In einem sich ständig bewegenden Schwarm können Beutegreifer wie etwa der Wanderfalke kaum einzelne Vögel ins Visier nehmen. Dabei orientiert sich jeder Star an bis zu sieben Schwarmnachbarn und hält zu ihnen einen ähnlichen Abstand. Ändert ein Vogel die Richtung, reagieren die anderen blitzschnell. STAREN-WOLKE LBV MAGAZIN 3|26 7

8 LBV MAGAZIN 3|26 LESERBRIEFE FOTOS: CHRISTIAN STEIGER, LBV, CHRISTOPH BAUER Ihre Meinung ist uns wichtig! Schreiben Sie uns unter leserbriefe@lbv.de oder an Redaktion LBV magazin, Eisvogelweg 1, 91161 Hilpoltstein. Wir freuen uns auch über besondere Schnappschüsse Ihrer Naturbeobachtungen. Die Redaktion behält sich aus Platzgründen eine Auswahl und das Kürzen von Leserzuschriften vor. Leserbriefe geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. i Post Wanderfalken und Störche auf Augenhöhe In Weiden in der Oberpfalz nisten zwei Vogelarten in direkter Nachbarschaft. Am Marktplatz, im Turm der Michaelskirche, zieht ein Wanderfalkenpaar seine Jungen auf. Gleich gegenüber, auf dem Dach des Alten Schulhauses, thront der Horst der Weidener Störche. Wanderfalke und Storch können quasi gegenseitig in das Wohnzimmer des Nachbarn blicken. Wer weiß, wo die Falken am Kirchturm sitzen, kann manches Mal Wanderfalken und Störche mit einem Blick gleichzeitig bewundern. Ich freue mich immer, wenn ich die wunderschönen Vögel sehe. Volker Spies, 92637 Weiden Achtung, besetzt! Ein Hausrotschwanz-Pärchen brütet in meinem Zeitungsrohr, obwohl rundherum genug Bäume, Sträucher und Hecken vorhanden sind. Simone Först, via Facebook Waschtag bei der Wasseramsel Dieses Bild habe ich bei einem Spaziergang am Lech in Augsburg aufgenommen. Thomas Eppler, 86153 Augsburg Brütendes Türkentaubenpaar Auf unserem Balkon brütet ein Türkentaubenpaar auf der Außenlampe. Sie stört es auch nicht, wenn wir den Balkon betreten. Im Winter kamen acht Pärchen zur Futterstelle. Wolfgang Koch, 93336 Altmannstein, Ortsteil Tettenwang Artenreiches Hochbeet In unsrem Hochbeet steht ein großer Blumentopf mit Allium und ich hatte das Glück, diesen Faulbaumbläuling fotografieren zu können sowie die Hummeln mit gefülltem Pollenhöschen! Renate Blaudszun, 91056 Erlangen

Tag der offenen Tür in der Vogelstation Regenstauf Vor 20 Jahren zog die Regenstaufer Vogelauffangstation an den Masurenweg. Zusammen mit der staatlich anerkannten Umweltstation bildet die Einrichtung ein bayernweit einmaliges Kompetenzzentrum. Seit 2006 wurden mehr als 18.000 Tiere aufgenommen. Die Vogelstation ist die größte Einrichtung ihrer Art im süddeutschen Raum. Das Jubiläum wird im Rahmen eines Tages der offenen Tür gefeiert. Am Sonntag, 20. September, lädt der LBV von 11–17 Uhr alle Naturinteressierten nach Regenstauf ein. Das Team der Vogelstation stellt dabei seine Arbeit vor. Es können Federn bestimmt bzw. erworben werden. Auch die dortige Umweltstation bietet ein buntes Programm für Kinder. Außerdem gibt es Infos zum „Vogelfreundlichen Garten“. Gezwitscher Alosa und Zierli neu im Klausbachtal Mit „Alosa“ und „Zierli“ haben der LBV und der Nationalpark Berchtesgaden erneut zwei junge Bartgeier im Klausbachtal ausgewildert. Seit Projektstart 2021 wurden damit bereits zwölf Geier in Berchtesgaden in die Freiheit entlassen. Die Jungvögel stammen dieses Jahr aus der französischen Zuchtstation Asters und dem Tierpark Pairi Daiza in Belgien bzw. dem französischen Zoo Beauval. Ihre Namen erinnern an die Naturschutzstiftung Alosa, die das Bartgeierprojekt seit vielen Jahren unterstützt, sowie an Hubert Zierl, den ehemaligen Leiter des Nationalparks Berchtesgaden. Nach dem selbstständigen Ausflug der beiden Geier aus der Nische lassen sich ihre Flugrouten per GPS-Sender nachverfolgen unter lbv.de/bartgeier-auf-reisen. Eisvogel auf dem neuen 10-Euro-Schein? Wie sollen die künftigen Euro-Banknoten aussehen? Insgesamt zehn Entwürfe stehen zur Auswahl, fünf davon unter dem Motto „Flüsse und Vögel“. Noch bis zum 21. September können Sie auf der Webseite der Europäischen Zentralbank für Ihren Favoriten abstimmen. Die Vogelserie zeigt sechs eindrucksvolle Arten: den Mauerläufer auf dem 5-Euro-Schein, den Eisvogel als LBV-Wappenvogel auf dem 10-Euro-Schein, den Bienenfresser auf 20 Euro, den Weißstorch auf 50 Euro, den Säbelschnäbler auf 100 Euro und den Basstölpel auf 200 Euro. Die Ergebnisse der Befragung fließen in die endgültige Auswahl des neuen Designs ein. Die Entscheidung soll voraussichtlich Ende 2026 fallen. Jetzt abstimmen unter https://surveys.ecb.europa.eu/10b/banknotes/share/. KURZMELDUNGEN Gesucht: Vogel des Jahres 2027 Wer wird der Nachfolger des Rebhuhns? Von 8. September bis 15. Oktober 2026 suchen der LBV und sein bundesweiter Partner NABU den Vogel des Jahres 2027. Auch in diesem Jahr erfolgt die Wahl öffentlich. Aus fünf Kandidaten können Sie online unter vogeldesjahres.de eine Stimme für Ihren Favoriten abgeben. Jeder der Vögel steht für ein Naturschutzthema, das unsere Aufmerksamkeit braucht. Wer antritt, wird erst mit dem Start der Wahl bekannt geben. So viel sei aber schon verraten: Unter den Kandidaten sind bekannte Stimmen ebenso wie heimliche Publikumslieblinge. LBV MAGAZIN 3|26 9

10 LBV MAGAZIN 3|26 THEMA DR. NORBERT SCHÄFFER LBV-VORSITZENDER An unserer LBV-Landesgeschäftsstelle im mittelfränkischen Hilpoltstein gibt es seit vielen Jahren eine Brutkolonie von Mauerseglern mit über ein Dutzend Paaren. Der Sommer beginnt für mich jedes Jahr mit der Ankunft dieser Vögel Anfang Mai. Wochenlang schießen Gruppen von Mauerseglern mit lauten „Srihsrih“-Rufen um unser Gebäude und fliegen mit atemberaubender Geschwindigkeit ihre Nistkästen an. Ein wunderbares Naturschauspiel buchstäblich unmittelbar vor unseren Augen. Seit dem 22. Juli ist es wieder still. Die Mauersegler sind abgezogen, ihre Brutsaison ist zu Ende. Aber natürlich verschwinden unsere Mauersegler nicht einfach. Aus mittlerweile langjährigen Forschungsarbeiten wissen wir, wohin Mauersegler aus Mittelfranken nach ihrer Brutzeit ziehen und wo sie den Winter verbringen. Im August sollten die Vögel bereits südlich der Alpen sein, dann geht es über das Mittelmeer nach Afrika. Monatelang werden die Vögel dann Zehntausende von Kilometern entfernt über dem tropischen Regenwald auf beiden Seiten des Äquators kreisen, in der Luft fressen, in der Luft trinken und sogar in der Luft schlafen. Mauersegler verbringen die gesamte Zeit in der Luft und kommen nur zum Brüten wieder auf den festen Boden. „Unsere“ Mauersegler halten sich nur rund drei Monate im Jahr in Bayern auf. Erfolgsgeschichte Wiesenweihe In der Mitte dieser Ausgabe finden Sie einen Spendenhinweis zur Rückkehr der Wiesenweihe. Anfang der 2000er Jahre zählten wir gerade noch 50 Brutpaare in Bayern. Dank unserer Arbeit sind es heute wieder rund 220 Brutpaare. Das ist ein großer Erfolg, der vor allem durch das große Engagement ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer möglich wurde. Sie suchen die im Getreide gut versteckten Nester und vereinbaren mit Landwirten eine Verschiebung der Mahd im unmittelbaren Umfeld. Wir beschreiben die Saison der Greifvögel zwar von April bis August, aber natürlich hat die Zeit außerhalb dieser Monate einen ebenso entscheidenden Einfluss auf unsere Wiesenweihen. Im Winterhalbjahr halten sie sich in Westafrika auf. Neben dem Bruterfolg ist für den Bestand dieser Vogelart auch die Überlebensrate im Winterhalbjahr von entscheidender Bedeutung. Verantwortung für Zugvögel Dies sind nur zwei Beispiele aus der Gruppe unserer Langstreckenzieher. In diese Gruppe gehören auch Neuntöter, Braunkehlchen, Kuckuck, Wendehals oder Gartengrasmücke. Selbstverständlich müssen wir intensive Schutzmaßnahmen in den bayerischen Brutgebieten durchführen. Es wäre falsch zu sagen: „Die Situation im Winterquartier ist schuld am desolaten Zustand unserer Vogelbestände.“ Gleichzeitig dürfen wir aber die Situation im Winterquartier nicht aus dem Blick verlieren. Aus diesem Grund will sich der LBV, zusätzlich und ergänzend zu den Aktivitäten in Bayern, in Zukunft mehr um unsere Zugvögel in den Winterquartieren kümmern. Unsere Arbeit stellen wir unter den Schirm der weltweit tätigen Organisation BirdLife International. Uns ist bewusst, dass unser Einfluss in anderen Ländern begrenzt ist. Hand in Hand mit den nationalen BirdLife Partnerorganisationen und dem Dachverband BirdLife International können wir aber durchaus eine Rolle spielen. EU-Naturwiederherstellungsverordnung EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (EU-Naturwiederherstellungsverordnung) – das ist zugegeben ein ziemliches Wortungetüm. Kurz zusammengefasst verpflichtet die EU-Naturwiederherstellungsverordnung die Mitgliedstaaten, geschädigte Ökosysteme wie Moore, FlüsSTANDPUNKT zuhause schützen Zugvögel nicht nur Wir dürfen die Situation der Brutvögel in ihren Winterquartieren nicht aus dem Blick verlieren

LBV MAGAZIN 3|26 11 se, Wälder, Agrarflächen und Meeresgebiete schrittweise zu renaturieren und ihren ökologischen Zustand bis 2050 deutlich zu verbessern. Eigentlich nichts Neues. Bei Mooren haben wir bereits jetzt viel ambitioniertere Ziele. Und unser Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“ zahlt an vielen Stellen auf die Ziele der EUNaturwiederherstellungsverordnung ein. Es sollte eigentlich in unserem Interesse sein, dass die in Bayern vereinbarten Ziele jetzt auch EU-weit verpflichtend sind. Doch weit gefehlt: Seit Monaten läuft eine intensive Kampagne von Waldbesitzerverbänden und der Bayerischen Staatsregierung gegen die Verordnung. Interessant ist, dass die Ziele eigentlich von allen getragen werden, nur der Weg dahin entzündet die Gemüter. „Zu teuer, zu bürokratisch, technisch nicht gut gemacht“, so lautet die Kritik. Meine Antwort: Die Kritik an der Vorgehensweise ist vielleicht in Teilen berechtigt – aber dann muss man diese Punkte konstruktiv angehen und Lösungen finden, und nicht in Brüssel die gesamte EU-Naturwiederherstellungsverordnung in Frage stellen. Bayern muss wieder, wie damals nach unserem erfolgreichen Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“, zu einem Motor im Natur- und Artenschutz werden und nicht zu einem Bremsklotz. Hitzewelle in Europa Während ich diese Zeilen schreibe, liegt die Hitzewelle Ende Juni, Anfang Juli unmittelbar hinter uns. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) befürchtet schon jetzt eine neue Hitzewelle. In Frankreich und Spanien fressen sich gigantische Feuer durch das Land und bringen Leid und Vernichtung. In Deutschland, auch in Bayern, wurden Temperaturen jenseits der 40 Grad Celsius gemessen, Temperaturen, die es bei uns noch nie vorher gab. An einem dieser heißen Tage stand ich auf einem Parkplatz in Hilpoltstein in der sengenDr. Norbert Schäffer den Sonne. Die Hitze strahlte zurück vom Teer. Ein Stück weiter standen ein paar Bäume auf einem kleinen Stück offenen Boden. Wie in einem Selbstversuch habe ich mich unter diese Bäume gestellt. Mir sind die segensreiche Fähigkeit dieser Bäume, Schatten zu spenden, und der fast frische Boden noch nie so bewusst geworden. Die EU-Naturwiederherstellungsverordnung fordert für Städte und Vororte, dass es bis 2030 keinen Nettoverlust an städtischer Baumüberschirmung geben darf. Bis zum Jahr 2050 müssen alle Städte und Vororte eine Mindest-Baumkronenbedeckung von zehn Prozent aufweisen. Klingt bürokratisch? Mag sein. Aber an diesem Tag wurde mir bewusst, wie wichtig vor allem innerstädtisch jeder einzelne Baum für unsere Lebensqualität ist. Und lassen Sie uns nicht vergessen: Die Bäume, die wir heute pflanzen, werden erst in frühestens zwanzig oder dreißig Jahren ihre Wirkung entfalten. Dann aber wird man uns für jeden heute gepflanzten Baum und die Umsetzung der EU-Naturwiederherstellungsverordnung dankbar sein! LBV-LANDESGESCHÄFTSSTELLE HILPOLTSTEIN | FOTO/BILDMONTAGE: ALBERT KRAUS | FOTOS MAUERSEGLER: ZDENEK TUNKA Seit Monaten läuft eine intensive Kampagne der Staatsregierung gegen die wichtige EU-Verordnung Folgen Sie mir auf LinkedIn unter Dr. Norbert Schäffer

THEMA FOTO (KRANICHE IM VORDERGRUND): ROSL RÖSSNER 12 LBV MAGAZIN 3|26

Faszination Vogelzug FOTO (KRANICHE IM HINTERGRUND): NADINE WOLF Auf ihren alljährlichen Wanderungen überwinden Millionen von Zugvögeln zum Teil extrem weite Strecken über Ozeane, Wüsten und Gebirge. Diese erstaunliche Leistung beeindruckt Menschen seit Jahrhunderten – schon Aristoteles und Kaiser Friedrich II. haben sich mit dem jahreszeitlichen Erscheinen von Vögeln beschäftigt. Bis heute ist der Vogelzug Gegenstand intensiver Forschung. Doch woher die Vögel kommen oder wohin sie fliegen, blieb lange ein Mysterium. Das änderte sich erst mit der institutionellen Etablierung der wissenschaftlichen Vogelberingung zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den deutschen Vogelwarten Rossitten (heute: Vogelwarte Radolfzell Alljährlich machen sich Millionen von Zugvögeln auf in ihre oft weit entfernten Sommer- oder Winterquartiere. Wie sie sich dabei orientieren und wie sie diese strapaziöse Reise überhaupt überstehen, beschäftigt bis heute die Wissenschaft. Klar ist mittlerweile, dass ohne engagierten Natur- und Artenschutz dieses Naturschauspiel zu verschwinden droht. am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell) und Helgoland (heute: Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven). Bei der Beringung werden Vögel mit kleinen nummerierten Metallringen an den Beinen markiert, auf denen eine Adresse eingeprägt ist, an die ein nachfolgender Fund gemeldet wird. Viele weitere sogenannte Beringungszentralen folgten. Seither wurden Millionen von Vögeln beringt, die zahlreiche Wiederfunde erbrachten, mit denen sich die Zugwege und Wintergebiete vieler Arten beschreiben lassen. Ihren großen Erfolg verdankt die wissenschaftliche Vogelberingung dabei zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Lange Zeit war die Beringung die wichtigsKraniche ziehen in V-Formation in ihre Überwinterungsgebiete. LBV MAGAZIN 3|26 13 Überlebensstrategien und Gefahren auf der langen Reise

FOTOS: WILLIAM VALLÉE - STOCK.ADOBE.COM, ZDENEK TUNKA, DR. CHRISTOPH MONING THEMA te Methode, um den Vogelzug zu untersuchen. Heute ermöglichen moderne Trackingmethoden wie GPS-Sender, Satellitentechnik und Fahrtenschreiber deutlich präzisere Einblicke. Sie zeigen nicht nur den exakten Zugverlauf des einzelnen Vogels, sondern auch seine Fluggeschwindigkeit, Zughöhe und sogar das Verhalten während des Fluges. Innerer Antrieb Junge Gänse, Kraniche oder Störche folgen bei ihrem ersten Zug den Eltern. Junge Rotkehlchen dagegen ziehen – wie die meisten Zugvögel – alleine und nachts. Woher weiß nun ein junges Rotkehlchen oder gar ein junger Kuckuck, der seine Eltern nicht einmal kennt, wann es Zeit ist, zum Zug aufzubrechen? Wie findet er sein Winterquartier und den richtigen Zugweg dorthin? Lange Zeit herrschte die Annahme, dass der Vogelzug unmittelbar durch Umweltfaktoren ausgelöst wird. So wurde beispielsweise die massenhafte Winterflucht von Buchfinken durch das Auftreten von Kaltfronten oder Schneefall erklärt. Ganz anders ist dies jedoch bei den Langstreckenziehern, die in den Tropen überwintern, wie Rauchschwalbe, Gartenrotschwanz, Trauerschnäpper oder Gartengrasmücke. Sie verlassen ihre Brutgebiete bereits im Sommer, wenn noch ausgezeichnete Umweltbedingungen herrschen und nicht erst, wenn es kalt wird oder die Nahrung knapp wird. Der Grund dafür ist ein „angeborener innerer Kalender“, der ihnen den Zeitpunkt zum Aufbruch vorgibt. Dies wurde entdeckt, als einige junge Zugvögel von Hand aufgezogen und unter kontrollierten Bedingungen gehalten wurden. Ihr Verhalten entsprach dem von frei lebenden Vögeln: Sie waren im Käfig nur dann nachts aktiv, als Ausdruck ihres nächtlichen Zuges, wenn sie auch im Freiland gezogen wären. Die Intensität der nächtlichen Zugunruhe eines Vogels wird auch durch die Entfernung bestimmt, die er zurückzulegen hat. Arten wie das Rotkehlchen, die nur sehr kurze Strecken ziehen, zeigen entsprechend wenig Zugunruhe, die von Deutschland aus nach Westafrika ziehenden Arten dagegen viel. Werden Vögel in runden Käfigen gehalten, versuchen sie, den Käfig in der Richtung zu verlassen, die sie im Freien einschlagen würden. Auch die Zugrichtung ist also angeboren, sodass erstmals ziehende, noch unerfahrene Jungvögel quasi automatisch ihre Winterquartiere erreichen: Sie fliegen so lange in die „angeborene“ Richtung, wie ihnen dies ihr inneres Zugzeitprogramm vorgibt, und erreichen so exakt ihr Ziel. Die richtige Richtung finden sie mithilfe sogenannter biologischer Kompasse. Am Tag ziehende Trotz einzelner anderslautender Erklärungsversuche und Beobachtungen glaubte man in Europa lange, dass Zugvögel am Grund von Gewässern überwintern. Es gibt sogar einen Holzschnitt, auf dem dargestellt ist, wie Eisfischer Schwalben aus dem Wasser holen. Die Annahme wurde wohl dadurch gestützt, dass sich Rauchschwalben im Herbst und Frühjahr in Schilfgürteln sammeln. Konkrete Hinweise auf ein „sehr entferntes Winterquartier“ lieferte 1822 der sogenannte Rostocker Pfeilstorch: Nachdem ein Weißstorch, in dessen Hals ein etwa 80 Zentimeter langer Stock steckte, tagelang die Neugier der Bevölkerung geweckt hatte, wurde er geschossen, präpariert und untersucht. Der Stock stellte sich als afrikanischer Jagdpfeil heraus, ein Beleg dafür, dass der Storch den Winter in Afrika verbracht hatte. Vom Schwalbenfischen Rauchschwalbe 14 LBV MAGAZIN 3|26 Auch Weißstörche ziehen teilweise in sehr großen Gruppen.

FOTOS: ZDENEK TUNKA, FRANK DERER Vögel wie zum Beispiel viele Finkenarten orientieren sich an Landmarken wie Küsten, Flüssen und Gebirgen oder nutzen den Sonnenstand. Nachts ziehende Arten wie Rotkehlchen oder Gartengrasmücken dagegen greifen auf die Gestirne und das Magnetfeld der Erde zurück. Die Wahrnehmung des Magnetfeldes geschieht im Auge mittels magnetsensitiver Moleküle. Fett als Treibstoff Die energetischen Kosten während des Zuges sind immens. Insbesondere solche Arten, die große ökologische Barrieren wie Meere und Wüsten überwinden müssen, benötigen enorme Energiereserven. Den Treibstoff für den aktiven Flug, also die Energie, liefert hauptsächlich Fett. Ohne entsprechende Fettreserven sind lange Flüge nicht möglich. Eine der auffälligsten Anpassungen vieler Zugvogelarten ist eine ausgeprägte Zunahme des Körperfetts, die sogenannte zugzeitliche Fettdeposition. Manche Arten wie zum Beispiel der Steinschmätzer verdoppeln dabei ihr Körpergewicht. Sie ziehen aus ihrem Brutgebiet in Nordostkanada in einem einzigen Nonstop-Flug über den Atlantik nach Westeuropa und von hier weiter nach Westafrika. Ebenso bereitet sich die Gartengrasmücke auf ihren Zug über die Sahara vor. Die zugzeitliche Fettdeposition ist ebenfalls angeboren. Auch unter konstanten Haltungsbedingungen werden solche Zugvögel immer dann fett, wenn sie im Freiland ziehen würden. Männlicher Buchfink Weiblicher Buchfink Männchen und Weibchen, aber auch Jung- und Altvögel, ziehen häufig zu unterschiedlichen Zeiten und überwintern teilweise auch an unterschiedlichen Orten. Der Buchfink hat seinen wissenschaftlichen Namen (der „ledige Fink“) wahrscheinlich daher, dass im Winter bei uns fast nur Männchen zu beobachten sind. In der Regel ziehen Buchfink-Weibchen weiter als die Männchen. Bei manchen Arten, in Deutschland zum Beispiel bei der Amsel, zieht ein Teil der Brutvögel nicht weg, sondern überwintert vor Ort, während der andere Teil wegzieht. Ein Teil der Löffler, die in den Niederlanden brüten, überwintert in Portugal, der andere Teil in Westafrika. Dies macht einen Unterschied von knapp 2.500 Kilometern pro Zugstrecke aus. Der Vorteil solch unterschiedlichen Zugverhaltens ist, dass sich durch versetzte Ankunftszeiten im Frühjahr in den Brutgebieten starke Schwankungen in den Umweltbedingungen besser abfedern lassen. Allerdings bedeutet die Vielfalt der Überwinterungsgebiete und Zugzeiten innerhalb einer Art auch, dass z.B. Männchen und Weibchen unterschiedlichen Gefahren auf dem Zug oder in den Überwinterungsgebieten ausgesetzt sein können. Unterschiede im Zugverhalten LBV MAGAZIN 3|26 15

FOTOS: DENNISJACOBSEN - STOCK.ADOBE.COM, ZDENEK TUNKA, CABS THEMA Unverzichtbare Rastgebiete Ein erfolgreicher Zug hängt davon ab, dass genügend Nahrung in den Rastgebieten vorhanden ist. Damit wir uns für den Erhalt dieser Rastgebiete einsetzen können, müssen wir wissen, wo und in welchem Abstand zueinander sie sich befinden und wie viel Fett die einzelnen Arten für ihre Zugetappen benötigen. Dies ist heute noch wichtiger, weil in einer zunehmend veränderten Landschaft geeignete Rastplätze knapp werden. Viele arktische Watvögel wie Knutt oder Alpenstrandläufer verbringen den nördlichen Winter in Afrika. Für sie ist das Wattenmeer der Nordsee eine einzigartige und unverzichtbare Drehscheibe ihres Zuges. Etwa 15 Millionen Vögel halten sich hier jeden Herbst und jedes Frühjahr auf ihren Wanderungen zwischen den arktischen Brutgebieten und den Wintergebieten in Afrika auf. Für viele Arten, die aus Europa nach Westafrika südlich der Sahara ziehen, sind andere Rastgebiete überlebenswichtig. Diese liegen in Nordwestafrika, im Maghreb. Dort erfolgt im Herbst – unmittelbar vor der Überquerung der Sahara – die hauptsächliche Fettdeposition und im Frühjahr das „Nachtanken“ nach der Überquerung der Sahara, ohne das viele Arten ihre Brutgebiete nicht erreichen können. Allerdings sind die dortigen Rastgebiete heute durch Landverbrauch und Intensivierung der Landwirtschaft massiven ökologischen Veränderungen ausgesetzt. Der Verlust von Rastplätzen ist eine maßgebliche Ursache für den Rückgang vieler Zugvogelarten. Auch die afrikanischen Überwinterungsgebiete sind bedroht. So nimmt mittlerweile der Bestand von Zugvögeln, die in Afrika südlich der Sahara überwintern, durchschnittlich stärker ab als der von Zugvögeln, die innerhalb Europas ziehen, oder als der von Standvögeln. Die Fernzieher sind also zusätzlichen ökologischen Gefährdungsfaktoren entlang ihrer Zugwege und in ihren Überwinterungsgebieten ausgesetzt. Jagd und illegale Verfolgung Hinzu kommt die Verfolgung durch den Menschen. Insbesondere im Mittelmeergebiet gilt sie oft als maßgebliche Gefährdung für ziehende Arten. Eine Studie von BirdLife International schätzt, dass im Mittelmeergebiet jährlich bis zu 36 Millionen Zugvögel durch Wilderei sterben, vor allem im östlichen Mittelmeerraum. Doch nicht nur die illegale Jagd macht vielen Zugvogelarten zu schaffen. In manchen Ländern dürfen sie auch ganz legal getötet werden. Eine jüngste Auswertung zur legalen Vogeljagd in Europa schätzt die Zahl jährlich geschossener Vögel auf mehr als 50 Millionen, darunter beispielsweise 1,4 Millionen Turteltauben. Die Verfolgung von Zugvögeln durch den Menschen ist also bei manchen Arten durchaus ausschlaggebend für deren Bestandsrückgang. Doch bei vielen anderen Arten ist es nicht die Jagd, die ihren Rückgang bedingt. Denn die Mehrzahl von ihnen zieht nicht durch jene Gebiete am östlichen Mittelmeer, wo Massenjagd stattfindet, sondern gelangt über das westliche Mittelmeer in die westafrikaniVon Wilderern auf Malta gefangenes Bluthänfling-Weibchen 16 LBV MAGAZIN 3|26 Nicht jeder Vogel ist ein Zugvogel. Arten, die das ganze Jahr über in demselben Gebiet bleiben, nennt man Standvögel. Ziehende Vogelarten dagegen wechseln zwischen Brut- und Überwinterungsgebiet. Je nach Entfernung unterscheidet man zwischen Kurz- und Mittelstreckenziehern, die einige hundert bis wenige tausend Kilometer zurücklegen, so zum Beispiel von Deutschland bis in den Mittelmeerraum, und Langstreckenziehern. Sie fliegen viele tausend Kilometer weit, etwa von Bayern bis in Überwinterungsgebiete südlich der Sahara. Wer zieht wann und wohin?

FOTOS: VOLODYMYR KUCHERENKO - STOCK.ADOBE.COM schen Überwinterungsgebiete, wo die Verfolgung heutzutage weniger intensiv ist. Eine weitere große Gefahr, der alle Zug- und Standvögel ausgesetzt sind, ist die Kollision mit Glasfassaden, Stromleitungen, Windkraftanlagen oder beleuchteten Hochhäusern. Nachtaktive Zugvögel werden durch künstliche Beleuchtung irritiert und von ihrer Zugrichtung abgelenkt. Darüber hinaus leiden Zugvögel unter der Umweltverschmutzung. Pestizide verringern das Nahrungsangebot und Schadstoffe beeinträchtigen die Gesundheit der Vögel. Ein zunehmend bedeutender Faktor ist zudem der Klimawandel. Schutz von Zugvögeln Um Zugvögel zu schützen, braucht es daher einen ganzheitlichen Ansatz. Neben Schutzmaßnahmen in den Brutgebieten ist der Erhalt von Rast- und Überwinterungsgebieten unverzichtbar. Zugvögel kennen keine Grenzen. Deshalb ist wirksamer Zugvogelschutz nur auf internationaler Ebene möglich. Die dafür erforderlichen Vereinbarungen und Instrumente sind grundsätzlich vorhanden – es gilt, sie auch anzuwenden! Zur Zugzeit stellen viele Singvögel ihre Ernährung von Insekten auf Früchte und Beeren um. Dies ist nicht nur mit der Verfügbarkeit von Insekten zu erklären, sondern wurde auch in Fütterungsversuchen bei gleichzeitiger Gabe von Insekten und Beeren beobachtet. Vögel zeigen sogar Vorlieben für bestimmte Beeren, wenn sie wählen können. Die bevorzugten Beeren (z.B. Schwarzer Holunder) beinhalten Fettsäuren, die die Vögel zum Aufbau ihres Zugfettdepots brauchen. Beerenstarke Ernährungsumstellung Mönchsgrasmücke Alpenstrandläufer: Als Brutvogel der arktischen Tundra zieht er regelmäßig auch durch Bayern, vor allem von Mitte September bis Anfang November. PROF. DR. FRANZ BAIRLEIN Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des LBV E-Mail: franz.bairlein@ifv-vogelwarte.de LBV MAGAZIN 3|26 17

THEMA NORDEN STATT SÜDEN Seit den 1960er Jahren hat ein Teil der mitteleuropäischen Population der Mönchsgrasmücke ihre Zugrichtung verändert und zieht zum Überwintern gen Nordwesten nach Großbritannien und Irland statt wie bisher nach Westen bzw. Südwesten. Dort profitiert sie von der weitverbreiteten Vogelfütterung und von den recht milden Wintern. Die in Großbritannien überwinternden Vögel kehren früher in die Brutgebiete zurück als andere ziehende Mönchsgrasmücken. Dadurch verpaaren sie sich eher untereinander als mit den später aus dem (Süd-)Westen zurückkehrenden Vögeln. Die nordwestliche Zugrichtung wird so selektiv vererbt. VON POL ZU POL Küstenseeschwalben brüten von Norddeutschland, den Niederlanden und Großbritannien über Gesamt-Nordeuropa bis weit in die Arktis (Grönland, Spitzbergen, Nordrussland). Unseren Winter verbringen die Küstenseeschwalben in der (Sub-)Antarktis. Auf ihrem Zug von den arktischen Brutplätzen in die antarktischen Überwinterungsgebiete und zurück legen sie eine Strecke von bis zu 30.000 km zurück, einzelne Vögel sogar mehr als 90.000 km in einem Jahr, und dies Jahr für Jahr während ihrer Lebenszeit von bis zu 30 Jahren. Beeindruckende Fakten über Zugvögel Rekordverdächtig! Der Vogelzug ist eines der großen Wunder der Natur. Was die Vögel dabei Unfassbares leisten, zeigen Ringfunde und Kontrollen der vergangenen Jahre. Hier eine kleine Auswahl: VON DR. ALEXANDRA FINK Mönchsgrasmücke Küstenseeschwalbe FOTOS: DIETER HOPF, MARKUS GLÄSSEL 18 LBV MAGAZIN 3|26

FOTOS: DR. OLAF BRODERS, DR. CHRISTOPH MONING, ZDENEK TUNKA IM WINTER ANDERS Die Vögel, die man im Winter im Garten an der Futterstelle beobachten kann, sind nur teilweise dieselben Vögel, die auch hier brüten. So sind Bergfinken, Erlenzeisige und – seltener – Seidenschwänze Wintergäste, die zu uns kommen, weil sie vor dem Nahrungsmangel in ihren Brutgebieten flüchten. Doch auch nordeuropäische Rotkehlchen, Buchfinken oder Amseln ziehen und können so zusätzlich zu unseren Standvögeln – also Vögel, die ganzjährig am selben Ort bleiben – unsere Gärten aufsuchen. ELF TAGE OHNE PAUSE Pfuhlschnepfen, die in Alaska brüten, fliegen ohne Pause über den Pazifik, bis sie ihr Überwinterungsgebiet in Neuseeland erreichen. Den Rekord für den längsten Zug ohne Pause hält eine vier Monate alte Pfuhlschnepfe. Sie flog 13.500 km in elf Tagen, legte also täglich ca. 1.227 km mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 51 km/h zurück. Im Gegensatz zur Küstenseeschwalbe nehmen die Pfuhlschnepfen beim Flug über das Meer keine Nahrung auf. Um diesen Kraftakt zu überstehen, fliegen sie deshalb nur bei günstigem Rückenwind los. KLEIN UND OHO! Der Steinschmätzer, ein Singvogel mit gerade einmal 28 Gramm Gewicht, brütet von Nordostkanada bis Grönland und von Europa bis nach Alaska. Erstaunlicherweise ziehen alle Steinschmätzer zum Überwintern nach Afrika in Gebiete südlich der Sahara. Für die Brutvögel Alaskas bedeutet dies einen 14.500 km langen Zug über Asien nach Ostafrika. Die Brutvögel aus Nordostkanada fliegen zunächst 3.500 km nonstop über den Atlantik nach Westeuropa und von dort weiter nach Westafrika, wo auch die bei uns heimischen Steinschmätzer überwintern. Bergfink (l.) und Buchfink (r.) Pfuhlschnepfe Steinschmätzer LBV MAGAZIN 3|26 19

THEMA FOTOS: GUNTHER ZIEGER, ZDENEK TUNKA Die Mehlschwalbe (oben) gehört zu den Vogelarten in Bayern, die früher aus ihrem südlichen Winterquartier zurückkommen. Der Hausrotschwanz wiederum ist immer häufiger auch im Winter bei uns zu sehen. Hausrotschwanz Der Klimawandel verändert den Vogelzug Alle Vögel sind noch da Zahlreich sind die Belege, dass sich die menschengemachte Klimakrise auf die Vogelwelt auswirkt. Viele Arten kehren im Frühjahr früher aus ihren Wintergebieten zurück. Arten, die innerhalb Europas überwintern, ziehen nicht mehr so weit. Und schließlich verbleiben nicht wenige Arten zunehmend ganzjährig im Brutgebiet. VON PROF. DR. FRANZ BAIRLEIN Viele Zugvögel kommen heute wesentlich früher aus ihren Winterquartieren zurück als noch vor 60 Jahren und manche bleiben im Herbst länger im Brutgebiet. Ein eindrucksvoller Beleg hierfür sind die langfristigen Durchzugsdaten von Helgoland. Dort betreibt das Institut für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“ bereits seit 1911 und standardisiert seit 1960 einen „Fanggarten“. Hier werden unter konstanten Bedingungen durchziehende Kleinvögel mit Reusen gefangen und es zeigt sich, dass der Frühjahrszug mittlerweile bei der Mehrzahl der Arten deutlich früher erfolgt. Solche Veränderungen erleben wir auch bei bayerischen Vögeln. So haben sich die Erstbeobachtungen bei 32 von 35 Arten, die im Lech-Donau-Winkel zwischen 1962 und 2002 systematisch erfasst wurden, verfrüht, so bei Mönchsgrasmücke, Teichrohrsänger, Hausrotschwanz oder Mehlschwalbe. Darin unterscheiden sich Arten, die innerhalb Europas überwintern, nicht grundsätzlich von denen, die ins tropische Afrika ziehen. Hauptursache für diese Verfrühung sind die Veränderungen in der großräumigen Witterungssituation im Frühjahr. Dabei sind Kurz- und Mittelstreckenzieher besonders von der Temperatur im Brutgebiet bestimmt. Für die Langstreckenzieher, die südlich der Sahara überwintern, ist dagegen die Nordatlantische Oszillation (NAO) von Bedeutung. Sie ist 20 LBV MAGAZIN 3|26 Mehlschwalbe

FOTOS: TORBEN LANGER, HANS-JOACHIM FÜNFSTÜCK Der Teichrohrsänger (oben) zählt zu den Zugvogelarten, die nach dem Winter früher nach Bayern zurückkehren. Der Trauerschnäpper beginnt aufgrund einer früheren Rückkehr zeitiger mit seinem Brutgeschäft. Trauerschnäpper Teichrohrsänger eines der wichtigsten Wettermuster für das Klima in Europa und beeinflusst vor allem im Winter und Frühjahr die Witterung über weite Bereiche Europas. Die NAO hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert mit mehr westlichen Winden und höheren Temperaturen und damit milderen Frühjahren. Diese Veränderungen im nordatlantischen Klimagefüge haben die Bedingungen für Zugvögel in Mitteleuropa verbessert. In Südwesteuropa hingegen haben sie sich verschlechtert, denn dort wird es im Winter und zeitigen Frühjahr zunehmend wärmer und trockener. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Lebensräumen und Nahrung für die Zugvögel, die hier, nach Durchquerung der Wüste, für den Weiterzug gen Norden Fettdepots aufbauen müssen. Die Vögel reagieren darauf, indem sie nur mehr sehr kurz rasten und sofort nordwärts weiterziehen. Zugleich „profitieren“ manche Zugvögel wie Gartenrotschwanz oder Dorngrasmücke davon, dass mit der Änderung der NAO mehr südwestliche Rückenwinde einhergehen. Teilweise als Folge der früheren Rückkehr brüten viele Arten auch früher, wie Trauerschnäpper, aber auch Standvögel wie Kohlmeise und Kleiber. Da aber die für eine erfolgreiche Aufzucht der Jungvögel erforderliche Nahrung – vor allem Insekten – klimabedingt noch mehr verfrüht ist und somit fehlt, kommt es bei vielen Arten zu einer Entkopplung des Brutgeschäfts vom Nahrungsangebot – mit negativen Auswirkungen auf den Bruterfolg und die Bestände. Kürzere Zugwege – zunehmende Überwinterung Bei vielen Arten, die ziehen, aber innerhalb Europas bleiben, sehen wir eine Verkürzung der Zugwege. Sie ziehen heute nicht mehr so weit wie früher und zunehmend bleiben mehr von ihnen sogar ganzjährig im Brutgebiet. Nordostdeutsche Buchfinken zogen in den 1970er Jahren durchschnittlich noch etwa 1.200 Kilometer südwestwärts; heute zieht die Mehrzahl kaum mehr weg. Ehemals „typische“ Zugvögel wie Hausrotschwanz, Mönchsgrasmücke oder Zilpzalp sind heute auch im Hochwinter in Bayern keine Seltenheit mehr. Ebenso verlagern sich durch den Klimawandel manche Überwinterungsgebiete nach Norden und führen zu vermeintlichen Rückgängen vieler in Mitteleuropa überwinternder Wasservögel, wie bei Reiherente oder Gänsesäger. Tatsächlich aber konnten früher Wasservögel in Nordschweden und Finnland nicht überwintern, weil die Gewässer monatelange vereist waren. Heute bleiben bei milderen Bedingungen mehr von ihnen in den Brutgebieten oder in deren Nähe. Ausblick Der Klimawandel verändert das Zugverhalten und die Verbreitung vieler Arten, ohne dass wir heute vorhersagen können, wie die zukünftige Verbreitung aussehen wird. Vieles wird davon abhängen, wie die einzelnen Arten hier mithalten können. Damit die Arten mithalten können, braucht es intakte Bestände und Lebensräume. Effizienter und effektiver Naturschutz ist deshalb mehr denn je unverzichtbar. Gleichzeitig bedarf es aber auch der weiteren Entwicklung flexibler Naturschutzkonzepte, die die klimabedingten Veränderungen berücksichtigen – und gegebenenfalls veränderte Naturschutzziele. LBV MAGAZIN 3|26 21

REPORTAGE Mauersegler beringen für die Wissenschaft Kleine Ringe vor großer Reise Unsere Autorin begleitet in Roth ein eingespieltes Team bei der Mauersegler-Beringung und kommt den jungen Langstreckenziehern kurz vor ihrem ersten großen Abflug hautnah. 22 LBV MAGAZIN 3|26

FOTOS: TOBIAS TSCHAPKA (3) Stadtkirche Roth „Sri-sri-sri“ höre ich es laut und schrill von hoch oben rufen, als ich an einem Samstagmorgen im Juli vom Bahnhof im mittelfränkischen Roth in Richtung Altstadt schlendere. Schon aus der Ferne erkenne ich, wer dafür verantwortlich ist: Rund um den Kirchturm, der in den blauen Himmel ragt, gleiten Dutzende Mauersegler in waghalsigen Flugmanövern durch die Lüfte. Wie schwarze Pfeile schießen sie aus dem Glockenturm und jagen in atemberaubender Geschwindigkeit über die Stadt. Heute soll ich den Mauerseglern, über die ich bisher nur aus der Ferne staunen konnte, ganz nahe kommen. Vor der Kirche warten bereits Marina und Sebastian. „Auch zum Beringen da?“, fragt mich Sebastian. Ich nicke eifrig. Marina und Sebastian kommen schon seit mehreren Jahren im Juli nach Roth, um bei der Beringung der Mauersegler zu helfen. Inzwischen besitzen beide selbst einen „Beringerschein“. Denn nur wer eine spezielle Fortbildung absolviert und die dazugehörige Prüfung bestanden hat, erhält die Erlaubnis, Vögel zu beringen. Andere Personen wie ich dürfen zwar dabei sein – allerdings nur als Helferinnen und Handlanger. Zwischen Glocken, Balken und Nistkästen Nach und nach wächst die Gruppe, bis wir zu acht vor der Kirche stehen. Jetzt geht es los. Noch bevor die Mittagshitze einsetzt, will die Gruppe im Turm fertig sein. Klaus, ein großer Mann mit kräftiger Stimme, ergreift das Wort. Seit vielen Jahren leitet er das Beringungsprojekt, das er einst selbst ins Leben gerufen hat. „Sebastian, du übernimmst oben das Kommando als Beringer“, weist er ihn an. Sebastian nickt fröhlich, während Klaus bereits den Kofferraum seines Autos öffnet und bunte Eimer auslädt. Die drückt er den übrigen Gruppenmitgliedern in die Hand. „Oben ist es eng und überall gibt’s Balken, also ned schlorchen, sonst haut’s euch hin“, gibt er uns in breitem Fränkisch mit auf den Weg. Dann geht es hinauf. Stufe um Stufe steigen wir im Gänsemarsch die immer schmaler werdende Wendeltreppe empor. Oben angekommen stehen wir in einem kleinen Raum, in dessen Mitte die schweren Glocken hängen. Obwohl draußen längst heller Tag ist, bleibt es hier duster. Nur durch die Schlitze zwischen den Holzdielen der verbretterten Wände fällt Licht. An den Wänden sind zahlreiche Kästen angebracht, auf denen jeweils eine große Nummer steht. Die meisten wissen bereits, was zu tun ist. „Markus schreibt“, sagt Klaus und blickt zu dem Mann, der schon im Schneidersitz mit dem Laptop auf dem Boden sitzt und eine Excel-Tabelle öffnet. „Sebastian beringt.“ Er zeigt auf Sebastian, der im eigentlichen Leben Bio- und Chemielehrer ist und bereits mit einer Zange bereitsteht. „Und der Rest bringt die Vögel, schaut zu und fragt nach.“ Zielstrebig steuert Marina den ersten Nistkasten an, öffnet die Klappe und stellt fest: „Oh, Altvogel.“ Mit einem gekonnten Griff nimmt sie den Mauersegler vorsichtig heraus und sucht nach einem Ring. Tatsächlich: Der Vogel wurde schon beringt. Marina kniet sich zu Markus hinunter, der mit seiner Handytaschenlampe auf das kleine Bein leuchtet. „Altvogel 9663“, liest Marina vor. „War im Kasten 957.“ Markus tippt die Zahlen in seine Liste. In den mittlerweile 20 Jahren, in denen Klaus und viele andere Ehrenamtliche die Mauersegler beringen, konnten sie durch solche Wiederfunde spannende Erkenntnisse sammeln. „Ungefähr 60 Prozent unserer Mauersegler sind standorttreu und versuchen nach zwei Jahren selbst dort zu brüten, wo wir sie als Jungvögel beringt haben“, erklärt Klaus. „20 Prozent brüten in umliegenden Kolonien, also etwa zehn bis 15 Kilometer entfernt – und die restlichen verdriften.“ Marina setzt 9663 zurück in Kasten 957 und schließt ihn. Im nächsten Kasten entdeckt Marina zwei Jungvögel. Sie sind allerdings noch zu klein, um beringt zu werden. Wahrscheinlich sind sie noch keine zehn Tage alt, schätzt sie. Im Idealfall erhalten junge Mauersegler ihren Ring erst ab einem Alter von etwa 20 Tagen. Insgesamt bleiben sie rund 42 Tage im Nest, bevor sie in die weite Welt hinausfliegen. Damit auch die noch ganz kleinen Tiere markiert werden können, wird das Team in einigen Wochen erneut vorbeikommen. LBV MAGAZIN 3|26 23

FOTOS: TOBIAS TSCHAPKA (3) Hoch konzentriert beringen Marina (links) und Sebastian (Mitte) unter den Augen der anderen die jungen Mauersegler. REPORTAGE Im nächsten Kasten findet Marina drei Jungvögel, die alt genug für ihren Ring sind. Behutsam setzt sie die Tiere in den roten Eimer, den ich neben den Kasten halte. Dann steige ich mit der wertvollen Fracht zwischen Glocken und Balken hindurch und bringe sie zu Sebastian. Er nimmt einen kleinen nummerierten Metallring von einer Rolle, greift geübt in den Eimer und holt den ersten Vogel heraus. Vorsichtig legt er den Ring um dessen Bein und drückt ihn mit einer Zange zusammen. „Dem Vogel tut das nicht weh. Der Ring muss so sitzen, dass er sich noch locker drehen kann“, erklärt Sebastian. Dann setzt er den geschmückten Mauersegler zurück zu seinen Geschwistern, die als Nächste an der Reihe sind. Markus notiert die Kastennummer und die Nummern der drei Ringe. Ob die Vögel nach ihrer Reise in ein Winterquartier nach Ghana, Senegal, in den Kongo oder ein anderes weit entferntes afrikanisches Land wieder in diesen Kirchturm nach Roth zurückkehren, wird sich vielleicht eines Tages zeigen. Meine erste Begegnung „Jetzt du, oder?“, ruft Marina mir entgegen und schaut mich erwartungsvoll an. Als ich sie nur verwundert anblicke, schiebt sie nach: „Willst du mal einen rausnehmen?“ Ich nicke und werde gleichzeitig nervös. Noch nie habe ich einen kleinen Vogel in der Hand gehalten. Auf keinen Fall will ich etwas falsch machen. Im Kasten sitzen zwei junge Mauersegler. Marina zeigt mir noch einmal, wie es geht. „Am besten versuchst du zuerst, eine Verbindung zu dem Vogel aufzubauen“, erklärt sie. „Dann nimmst du ihn hier zwischen die beiden Finger.“ Sie legt Zeige- und Mittelfinger auf den Rücken des Vogels. „Anschließend umschließt du ihn vorsichtig – aber auf keinen Fall drücken!“ Schon hält sie den Mauersegler sicher in der Hand und setzt ihn in den Eimer. Jetzt bin ich dran. Eine Verbindung aufbauen, hat sie gesagt. „Hallo du“, sage ich zu dem im Kasten verbliebenen Tier und strecke noch etwas unsicher meine Hand hinein. Marina spricht mir gut zu. Also greife ich den Vogel so, wie sie es mir erklärt hat, und hebe ihn langsam aus seinem Nest. Der Kleine ist warm und weich. Die frischen Federn, die ihm erst vor wenigen Tagen gewachsen sind, fühlen sich ein wenig glitschig an. Schnell setze ich ihn in den Eimer, und eine andere Helferin trägt ihn zu Sebastian. Ich bin ein bisschen stolz auf mich und grinse vor mich hin, als mich ein lauter Glockenschlag aus meinen Gedanken reißt. „DONG, DONG, DONG“, dröhnt es direkt neben meinem Ohr. Wie alle anderen halte ich mir schnell die Ohren zu. Kaum ist der letzte Ton verklungen, wuseln alle wieder umher, tragen Eimer, rufen Zahlen und öffnen Kästen. Nach etwa zwei Stunden sind alle Nistkästen kontrolliert und sämtliche Mauersegler, die alt genug waren, beringt. Doch für das Team ist noch lange nicht Feierabend. Im Schloss Ratibor lebt eine weitere große Mauerseglerkolonie, die heute ebenfalls kontrolliert werden soll. Als wir im Innenhof ankommen, wartet dort bereits Verstärkung. Auf drei Ebenen hängen im Schloss deutlich mehr Kästen als im Kirchturm. Unter den Helfenden ist Gudrun, die schon zum fünften oder sechsten Mal dabei ist. Mein Blick fällt sofort auf ihren Unterarm, über den kleine tätowierte Mauersegler ziehen. Unsere Gruppe ist inzwischen auf 15 Mauersegler-Freundinnen und -Freunde angewachsen. Gemeinsam gehen wir durch die prunkvollen Innenräume des Schlosses, vorbei an Stuck, Gold und Deckenmalereien, hinauf auf den deutlich weniger prunkvollen Dachboden. Im Gegensatz zur kleinen Fläche im Kirchturm erwartet uns hier ein riesiger Raum. An jeder Wand hängen Nistkästen. Damit es zügig vorangeht, packt nun auch Marina ihre Zange aus und arbeitet gemeinsam mit Sebastian im Beringer-Tandem. Auf einem Tisch in der Mitte des Raumes breiten die beiden ihre Utensilien aus. Klaus erklärt den Neulingen noch einmal den Ablauf, dann schwärmen wir aus. 24 LBV MAGAZIN 3|26

FOTOS: TOBIAS TSCHAPKA (4) Die ehrenamtliche Beringungsgruppe rund um Klaus Bäuerlein (rechts) In kleinen Gruppen verteilen wir uns mit Leitern und Eimern im ganzen Raum. Ich schließe mich Gudrun und ein paar weiteren Helferinnen an. Zunächst biete ich mich als Eimerträgerin an. „Drei Junge sind normal“, erklärt Gudrun. Verschiedene Faktoren könnten jedoch dazu führen, dass nur zwei oder sogar vier Jungvögel im Nest sitzen. „Vier sind dann aber schon etwas Besonderes.“ „Will von euch auch mal jemand einen rausnehmen?“, fragt Gudrun nach einer Weile. Weil die anderen nur den Kopf schütteln, packt mich der Ehrgeiz. „Ja, ich!“, höre ich mich sagen. Schon stehe ich ganz oben auf der wackligen Leiter und öffne den Nistkasten. Ich versuche mich so zu verhalten, wie ich es bei Marina und Gudrun beobachtet habe. „Zwei Jungvögel in 706“, sage ich und setze die beiden in den Eimer. Sie werden zum Beringertisch getragen. Kurz darauf kommen die Vögel zurück und ich setze sie behutsam wieder in ihr Nest. Im nächsten Kasten sitzen drei Jungvögel. Das gleiche Spiel. Langsam beginne ich, Spaß an der Sache zu finden. Auch meine Unsicherheit verabschiedet sich. Als ich einen weiteren Kasten öffnen will, rumpelt es darin plötzlich laut. Dann sind piepsende Schreie zu hören. „Da gibt’s Futter“, stellt Gudrun fest. „Das lassen wir ihnen.“ Also mache ich mit dem nächsten Kasten weiter. Als ich ihn öffne, traue ich meinen Augen kaum. Vier Mauersegler sitzen darin. „Gudrun, schau mal!“, rufe ich. „Vierergelege!“ Ich lasse Gudrun auf die Leiter. Sie holt die vier Vögel heraus, die deutlich größer sind als alle anderen, die ich bisher in der Hand hatte. Stolz marschiere ich mit dem Eimer zum Beringertisch, wo inzwischen auch Klaus mit seiner Zange sitzt. „Vier Stück“, verkünde ich und halte ihm den roten Eimer unter die Nase. Misstrauisch schaut er mich und dann die Vögel an. „Etz schau noch mal genau“, entgegnet er. „Das ist doch ein Altvogel.“ Ups. Ich bin wohl doch noch keine Mauersegler-Expertin. Da der Elternvogel ebenfalls noch keinen Ring trägt, bekommt auch er einen – ebenso wie die drei nicht mehr ganz so kleinen Jungvögel. „Die sind locker schon 42 oder 43 Tage alt“, stellt Klaus fest. „Die müssten eigentlich schon ausgeflogen sein.“ Kurze Pause. „Vielleicht sind sie zu fett“, schiebt er hinterher. Behutsam setzt er einen der drei Vögel in eine kleine Schale auf der Waage. „40 Gramm sind ideal zum Abflug.“ Auf der Anzeige erscheint eine 42. Klaus erklärt, dass junge Mauersegler sich kurz vor dem Ausfliegen gewissermaßen selbst auf Diät setzen, wenn sie noch zu schwer sind. Sie verweigern das Futter, bis sie ihr ideales Abfluggewicht erreicht haben. Für die drei wird es also bald losgehen. Bereit für die große Reise Ich trage den Eimer mit allen vier Vögeln zurück zum Nistkasten. Gemeinsam mit einer anderen neuen Helferin setze ich die Mauersegler zurück in ihr vertrautes Heim. Als sie den Altvogel hineinsetzt, fliegt dieser sofort durch das kleine Loch hinaus in den Sommertag. Anschließend setzt sie die drei Jungvögel in den Kasten. Es rumpelt. Dann schaut sie mich erschrocken an. „Jetzt ist er weg“, stottert sie. Auch ich werfe einen Blick in den Kasten. Nur noch zwei Mauersegler sitzen darin. Gudrun kontrolliert ebenfalls. „Dann war er wohl so weit“, sagt sie. Einige Zeit und viele Ringe später sind wir fertig. Als wir vor das Schloss treten, blicke ich noch einmal in den Himmel, wo die Mauersegler kreischend vorbeifliegen. Ob der Ausflieger von vorhin wohl schon unter ihnen ist? Nun wird er ein bis zwei Jahre lang fast ununterbrochen in der Luft verbringen und im Herbst bis nach Afrika ziehen. Ob er eines Tages nach Roth zurückkehren wird? Ein bisschen hoffe ich es. FRANZISKA BACK Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Landesgeschäftsstelle Hilpoltstein E-Mail: franziska.back@lbv.de LBV MAGAZIN 3|26 25

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