FOTOS: TOBIAS TSCHAPKA (3) Hoch konzentriert beringen Marina (links) und Sebastian (Mitte) unter den Augen der anderen die jungen Mauersegler. REPORTAGE Im nächsten Kasten findet Marina drei Jungvögel, die alt genug für ihren Ring sind. Behutsam setzt sie die Tiere in den roten Eimer, den ich neben den Kasten halte. Dann steige ich mit der wertvollen Fracht zwischen Glocken und Balken hindurch und bringe sie zu Sebastian. Er nimmt einen kleinen nummerierten Metallring von einer Rolle, greift geübt in den Eimer und holt den ersten Vogel heraus. Vorsichtig legt er den Ring um dessen Bein und drückt ihn mit einer Zange zusammen. „Dem Vogel tut das nicht weh. Der Ring muss so sitzen, dass er sich noch locker drehen kann“, erklärt Sebastian. Dann setzt er den geschmückten Mauersegler zurück zu seinen Geschwistern, die als Nächste an der Reihe sind. Markus notiert die Kastennummer und die Nummern der drei Ringe. Ob die Vögel nach ihrer Reise in ein Winterquartier nach Ghana, Senegal, in den Kongo oder ein anderes weit entferntes afrikanisches Land wieder in diesen Kirchturm nach Roth zurückkehren, wird sich vielleicht eines Tages zeigen. Meine erste Begegnung „Jetzt du, oder?“, ruft Marina mir entgegen und schaut mich erwartungsvoll an. Als ich sie nur verwundert anblicke, schiebt sie nach: „Willst du mal einen rausnehmen?“ Ich nicke und werde gleichzeitig nervös. Noch nie habe ich einen kleinen Vogel in der Hand gehalten. Auf keinen Fall will ich etwas falsch machen. Im Kasten sitzen zwei junge Mauersegler. Marina zeigt mir noch einmal, wie es geht. „Am besten versuchst du zuerst, eine Verbindung zu dem Vogel aufzubauen“, erklärt sie. „Dann nimmst du ihn hier zwischen die beiden Finger.“ Sie legt Zeige- und Mittelfinger auf den Rücken des Vogels. „Anschließend umschließt du ihn vorsichtig – aber auf keinen Fall drücken!“ Schon hält sie den Mauersegler sicher in der Hand und setzt ihn in den Eimer. Jetzt bin ich dran. Eine Verbindung aufbauen, hat sie gesagt. „Hallo du“, sage ich zu dem im Kasten verbliebenen Tier und strecke noch etwas unsicher meine Hand hinein. Marina spricht mir gut zu. Also greife ich den Vogel so, wie sie es mir erklärt hat, und hebe ihn langsam aus seinem Nest. Der Kleine ist warm und weich. Die frischen Federn, die ihm erst vor wenigen Tagen gewachsen sind, fühlen sich ein wenig glitschig an. Schnell setze ich ihn in den Eimer, und eine andere Helferin trägt ihn zu Sebastian. Ich bin ein bisschen stolz auf mich und grinse vor mich hin, als mich ein lauter Glockenschlag aus meinen Gedanken reißt. „DONG, DONG, DONG“, dröhnt es direkt neben meinem Ohr. Wie alle anderen halte ich mir schnell die Ohren zu. Kaum ist der letzte Ton verklungen, wuseln alle wieder umher, tragen Eimer, rufen Zahlen und öffnen Kästen. Nach etwa zwei Stunden sind alle Nistkästen kontrolliert und sämtliche Mauersegler, die alt genug waren, beringt. Doch für das Team ist noch lange nicht Feierabend. Im Schloss Ratibor lebt eine weitere große Mauerseglerkolonie, die heute ebenfalls kontrolliert werden soll. Als wir im Innenhof ankommen, wartet dort bereits Verstärkung. Auf drei Ebenen hängen im Schloss deutlich mehr Kästen als im Kirchturm. Unter den Helfenden ist Gudrun, die schon zum fünften oder sechsten Mal dabei ist. Mein Blick fällt sofort auf ihren Unterarm, über den kleine tätowierte Mauersegler ziehen. Unsere Gruppe ist inzwischen auf 15 Mauersegler-Freundinnen und -Freunde angewachsen. Gemeinsam gehen wir durch die prunkvollen Innenräume des Schlosses, vorbei an Stuck, Gold und Deckenmalereien, hinauf auf den deutlich weniger prunkvollen Dachboden. Im Gegensatz zur kleinen Fläche im Kirchturm erwartet uns hier ein riesiger Raum. An jeder Wand hängen Nistkästen. Damit es zügig vorangeht, packt nun auch Marina ihre Zange aus und arbeitet gemeinsam mit Sebastian im Beringer-Tandem. Auf einem Tisch in der Mitte des Raumes breiten die beiden ihre Utensilien aus. Klaus erklärt den Neulingen noch einmal den Ablauf, dann schwärmen wir aus. 24 LBV MAGAZIN 3|26
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