LBV magazin 3-26

FOTOS: TOBIAS TSCHAPKA (3) Stadtkirche Roth „Sri-sri-sri“ höre ich es laut und schrill von hoch oben rufen, als ich an einem Samstagmorgen im Juli vom Bahnhof im mittelfränkischen Roth in Richtung Altstadt schlendere. Schon aus der Ferne erkenne ich, wer dafür verantwortlich ist: Rund um den Kirchturm, der in den blauen Himmel ragt, gleiten Dutzende Mauersegler in waghalsigen Flugmanövern durch die Lüfte. Wie schwarze Pfeile schießen sie aus dem Glockenturm und jagen in atemberaubender Geschwindigkeit über die Stadt. Heute soll ich den Mauerseglern, über die ich bisher nur aus der Ferne staunen konnte, ganz nahe kommen. Vor der Kirche warten bereits Marina und Sebastian. „Auch zum Beringen da?“, fragt mich Sebastian. Ich nicke eifrig. Marina und Sebastian kommen schon seit mehreren Jahren im Juli nach Roth, um bei der Beringung der Mauersegler zu helfen. Inzwischen besitzen beide selbst einen „Beringerschein“. Denn nur wer eine spezielle Fortbildung absolviert und die dazugehörige Prüfung bestanden hat, erhält die Erlaubnis, Vögel zu beringen. Andere Personen wie ich dürfen zwar dabei sein – allerdings nur als Helferinnen und Handlanger. Zwischen Glocken, Balken und Nistkästen Nach und nach wächst die Gruppe, bis wir zu acht vor der Kirche stehen. Jetzt geht es los. Noch bevor die Mittagshitze einsetzt, will die Gruppe im Turm fertig sein. Klaus, ein großer Mann mit kräftiger Stimme, ergreift das Wort. Seit vielen Jahren leitet er das Beringungsprojekt, das er einst selbst ins Leben gerufen hat. „Sebastian, du übernimmst oben das Kommando als Beringer“, weist er ihn an. Sebastian nickt fröhlich, während Klaus bereits den Kofferraum seines Autos öffnet und bunte Eimer auslädt. Die drückt er den übrigen Gruppenmitgliedern in die Hand. „Oben ist es eng und überall gibt’s Balken, also ned schlorchen, sonst haut’s euch hin“, gibt er uns in breitem Fränkisch mit auf den Weg. Dann geht es hinauf. Stufe um Stufe steigen wir im Gänsemarsch die immer schmaler werdende Wendeltreppe empor. Oben angekommen stehen wir in einem kleinen Raum, in dessen Mitte die schweren Glocken hängen. Obwohl draußen längst heller Tag ist, bleibt es hier duster. Nur durch die Schlitze zwischen den Holzdielen der verbretterten Wände fällt Licht. An den Wänden sind zahlreiche Kästen angebracht, auf denen jeweils eine große Nummer steht. Die meisten wissen bereits, was zu tun ist. „Markus schreibt“, sagt Klaus und blickt zu dem Mann, der schon im Schneidersitz mit dem Laptop auf dem Boden sitzt und eine Excel-Tabelle öffnet. „Sebastian beringt.“ Er zeigt auf Sebastian, der im eigentlichen Leben Bio- und Chemielehrer ist und bereits mit einer Zange bereitsteht. „Und der Rest bringt die Vögel, schaut zu und fragt nach.“ Zielstrebig steuert Marina den ersten Nistkasten an, öffnet die Klappe und stellt fest: „Oh, Altvogel.“ Mit einem gekonnten Griff nimmt sie den Mauersegler vorsichtig heraus und sucht nach einem Ring. Tatsächlich: Der Vogel wurde schon beringt. Marina kniet sich zu Markus hinunter, der mit seiner Handytaschenlampe auf das kleine Bein leuchtet. „Altvogel 9663“, liest Marina vor. „War im Kasten 957.“ Markus tippt die Zahlen in seine Liste. In den mittlerweile 20 Jahren, in denen Klaus und viele andere Ehrenamtliche die Mauersegler beringen, konnten sie durch solche Wiederfunde spannende Erkenntnisse sammeln. „Ungefähr 60 Prozent unserer Mauersegler sind standorttreu und versuchen nach zwei Jahren selbst dort zu brüten, wo wir sie als Jungvögel beringt haben“, erklärt Klaus. „20 Prozent brüten in umliegenden Kolonien, also etwa zehn bis 15 Kilometer entfernt – und die restlichen verdriften.“ Marina setzt 9663 zurück in Kasten 957 und schließt ihn. Im nächsten Kasten entdeckt Marina zwei Jungvögel. Sie sind allerdings noch zu klein, um beringt zu werden. Wahrscheinlich sind sie noch keine zehn Tage alt, schätzt sie. Im Idealfall erhalten junge Mauersegler ihren Ring erst ab einem Alter von etwa 20 Tagen. Insgesamt bleiben sie rund 42 Tage im Nest, bevor sie in die weite Welt hinausfliegen. Damit auch die noch ganz kleinen Tiere markiert werden können, wird das Team in einigen Wochen erneut vorbeikommen. LBV MAGAZIN 3|26 23

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