LBV magazin 2-26

VOGEL- UND NATURSCHUTZ IN BAYERN magazin Natur wiederherstellen Einblicke in die Renaturierung im Weidfilz Wissen teilen Erster bayernweiter LBV-Bildungstag Prozesse verstehen Prof. Dr. Matthias Drösler über Moore als CO2-Speicher 2|2026 Lebensraum, Klimaschützer, Wasserspeicher Multitalent Moor

2 LBV MAGAZIN 2|26 Weniger tragen. Mehr entdecken. ZEISS Conquest Apia 65. Bis zu 30 % leichter als vergleichbare Produkte. NEU: ZEISS Conquest Apia 65. zeiss.de/natur/apia Lange Tage in der Natur laden zu Neugier und Entdeckungen ein – nicht zu schwerem Equipment. Das ZEISS Conquest Apia 65 wurde mit einer Optik für maximale Kompaktheit und einer Mechanik für Stabilität bei geringem Gewicht entwickelt und begleitet Sie mühelos auf jeder Exkursion. Es ist leicht zu transportieren und liefert dank des ZEISS HD-Konzepts helle, klare Bilder über das gesamte Sichtfeld. Der 20 – 50 × Zoom ermöglicht Beobachtungen vom weiten Überblick bis zur präzisen Detailansicht. Das kompakte Spektiv, das die Freiheit bietet, länger draußen zu bleiben, weiter zu gehen und mehr zu entdecken.

LBV MAGAZIN 2|26 3 vielleicht sollten wir uns manchmal auch der Sprache der Wirtschaft bedienen, damit die Menschen besser verstehen, warum Natur- und Artenschutz so wichtig für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen ist. In der Wirtschaft spricht man von den sogenannten Hidden Champions. Das sind mittelständische Unternehmen, die in ihrer spezifischen Nische Marktführer, in der breiten Öffentlichkeit aber kaum bekannt sind. Oft sind sie hochspezialisiert. Und genau das gilt auch für unsere Moore. Moore gehören zu den Hidden Champions im Naturschutz. Ihr Nutzen für den Klimaschutz als CO2-Speicher ist den Menschen immer noch viel zu wenig bekannt und sie sind als hochspezialisierter Lebensraum ein absoluter Marktführer auf dem Gebiet des Klimaschutzes. Lassen Sie uns deshalb davon wegkommen, bei Mooren immer zuerst an etwas Gruseliges zu denken, sondern an etwas durchweg Positives und Erhaltenswertes. Leider wurden Moore in den letzten Jahrzehnten von der Landwirtschaft und der Politik ausgebeutet und vernachlässigt. Doch genauso wie es die Aufgabe der Politik ist, die Hidden Champions in der Wirtschaft zu fördern, so muss die Bayerische Staatsregierung zur Rettung und Wiedervernässung unserer trockengelegten Moore dringend mehr tun, um deren lebenswichtige Funktion wieder zu aktivieren und somit zu retten. In Anbetracht des fortschreitenden menschengemachten Klimawandels mit all seinen negativen Auswirkungen auf unser tägliches Leben braucht es deshalb mehr als Absichtsbekundungen und Achtungserfolge. Liebe Leserinnen und Leser, Heimlicher Held Viel Spaß beim Lesen! Ihr Markus Erlwein Chefredakteur EDITORIAL FOTO: FARKNOT ARCHITECT - STOCK.ADOBE.COM Tagesaktuelle Nachrichten finden Sie unter lbv.de/newsletter lbv_bayern lbv.de VOGEL- UND NATURSCHUTZ IN BAYERN LBV magazin Der LBV ist jetzt auch auf WhatsApp! Auf unserem Kanal posten wir regelmäßig Neuigkeiten aus dem bayerischen Naturschutz, von unseren Projekten und Aktionen. Folgen Sie uns und bleiben Sie gemeinsam mit uns auf dem Laufenden: Der LBV auf WhatsApp Link zum WhatsAppKanal

4 LBV MAGAZIN 2|26 6 Im Fokus Sonnentau 8 Leserbriefe 9 Kurzmeldungen 10 Standpunkt Dr. Norbert Schäffer 12 Lebensraum Moor Bedrohte Natur und CO2-Senke 16 Faszinierende Moorbewohner Fünf perfekt angepasste Arten 18 Interview Moorforscher Prof. Dr. Matthias Drösler 20 Reportage „Übers Nest geschaut“ Renaturierung im Weidfilz 24 Garten Torffrei gärtnern 26 Spendenaktion Ohne Moos nix los 12 20 INHALT Mit Dr. Sabine Tappertzhofen unterwegs im Weidfilz INHALT Dieses Druckerzeugnis ist mit dem Blauen Engel ausgezeichnet. www.blauer-engel.de/uz195 · ressourcenschonend und · umweltfreundlich hergestellt · emissionsarm gedruckt XW1 überwiegend aus Altpapier Titelbild: Moorfrösche von Wolfgang Lorenz FOTOS: MARCUS BOSCH, HEINZ TUSCHL, MANFRED WALDHIER, PETER BRIA, FRANZISKA BACK, ELISABETH WÖLFL 24 So gedeiht der Garten ohne Torf. Braunkehlchen Moorfrosch Was macht Moore so einzigartig und wertvoll? 16 Wahre Spezialisten: Wer lebt im Moor? Mehr Informationen zur Berechnungsmethodik, zur Kompensation und dem gewählten GoldstandardKlimaschutzprojekt finden Sie unter klima-druck.de/ID. klima-druck.de ID-Nr. Druckprodukt CO₂ kompensiert 26227958

LBV MAGAZIN 2|26 5 42 Zurück zur Natur im Breiten Moos Einhefter • Spenden-Überweisungsträger • Meldebogen Stunde der Gartenvögel 28 LBV AKTIV 34 NAJU Neues von der Naturschutzjugend 36 Umweltbildung Erster bayernweiter LBV-Bildungstag 38 Politik Bayerisches Moorbauernprogramm 40 LBV-Projekte Blühende Golfplätze 41 Erbschaft Weitergeben, was mir wichtig ist 42 Schutzgebiet Gesamtrenaturierung im Breiten Moos 44 LBV-Projekte Jetzt mitmachen beim ADEBAR2 45 Stiftung Jahresabschluss 2025 46 Aus dem LBV Partnerschaft mit Entega 48 Medien Empfehlungen 50 Impressum und Kontakte 09174-4775-7023 naturshop@lbv.de lbv-shop.de • Viel Platz für zahlreiche Wildbienenarten • Mit viel Liebe zum Detail in einer inklusiven Werkstatt gefertigt • Robust gebaut und besonders langlebig JETZT ENTDECKEN Insektenhotel Wildbienen-Villa Maskenbiene, Julia Moning - ANZEIGE - Erster bayernweiter LBV-Bildungstag am 27. Sept. 2026 JETZT VORMERKEN!

RUNDBLÄTTRIGER SONNENTAU MIT EINEM GEFANGENEN INSEKT | FOTO: TOBIAS - STOCK.ADOBE.COM 6 LBV MAGAZIN 2|26

Wie harmlose Tautropfen hängt das klebrige Sekret an den Spitzen der Drüsenhaare des Sonnentaus. Insekten, die damit in Berührung kommen, werden festgehalten und verdaut. So gelangt die Pflanze an Nährstoffe, denn ihr Lebensraum, das Hochmoor, ist extrem nährstoffarm. Die winzigen Pflanzen werden im Moor oft übersehen, denkt man bei fleischfressenden Pflanzen doch eher an große bunte Tropengewächse. SONNENTAU LBV MAGAZIN 2|26 7

8 LBV MAGAZIN 2|26 LESERBRIEFE Ihre Meinung ist uns wichtig! Schreiben Sie uns unter leserbriefe@lbv.de oder an Redaktion LBV magazin, Eisvogelweg 1, 91161 Hilpoltstein. Wir freuen uns auch über besondere Schnappschüsse Ihrer Naturbeobachtungen. Die Redaktion behält sich aus Platzgründen eine Auswahl und das Kürzen von Leserzuschriften vor. Leserbriefe geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. i Post Zum Interview „Es gibt keine Notwendigkeit mehr, mit Blei zu schießen“ (4/25) Füchse sind sehr nützlich Sehr schön finde ich hier den Satz von Herrn Keler (Vorsitzender des Bunds Bayerischer Berufsjäger): „auch einem Fuchs oder einem Wolf wünsche ich nicht, dass er so elendig verreckt“. Für mich und auch für viele andere Landwirte ist der Fuchs ein liebenswertes und ein sehr nützliches Tier. Er fängt sehr viele Mäuse und Wanderratten. Diese unerwünschten Tiere werden immer mehr, weil die Füchse von einigen Jägern ganzjährig geschossen werden. Es gibt diverse Rundschreiben von Firmen wie Südzucker, in denen auf den Schaden durch Mäuse hingewiesen wird. In einer Nacht können 800 bis 1000 Saatpillen von einer Maus geknackt werden. Das Amt für Landwirtschaft und Forsten Kempten schreibt, dass der Fuchs der „Hauptfeind der Mäuse“ ist, bis zu 6.000 Mäuse im Jahr frisst und deshalb Jagddruck auf ihn verringert werden soll. Nicht nur bei Zuckerrüben, sondern auch bei Speisekartoffeln wirkt sich der durch Mäuse und Wanderratten verursachte Schaden extrem hoch aus. Um diesen Schaden etwas einzudämmen, wird immer mehr Gift eingesetzt. Sobald ein Greifvogel eine mit Gift kontaminierte Maus frisst, stirbt er. Übrigens ist der Rückgang der Wiesenbrüter kein rein fuchsbezogenes Problem, sonst würde sich dies doch in Luxemburg, wo die Fuchsjagd seit 2015 verboten ist, deutlicher auswirken, sondern lässt sich meiner Meinung nach v. a. durch die zunehmende Flächenversiegelung begründen. Am Ende schießt der Jäger weiterhin die Füchse, der Bauer setzt noch mehr Gift ein, um existentiell finanziell über die Runden zu kommen, die Greifvögel werden immer seltener und dies alles nur weil einige blutrünstige Jäger ihren Spaß haben, mit allen Mitteln die ganzjährig ungeschützten Füchse zu jagen. Gottfried Gruber, 93080 Pentling Bei einem Verwandschaftsbesuch im fränkischen Markt Erlbach lugte plötzlich eine neugierige Zauneidechse aus einem Steinbeet direkt neben der Gartenbestuhlung hervor. Und sie ließ mir auch Zeit, um ein schönes Foto von einem schönen Moment zu schießen. Mit einem Dank für Eure Arbeit. Ludwig Serve, 93413 Cham-Katzberg Dass der Schwarzspecht als Waldvogel bei uns mitten in Dachau am Schlossberg brütet, ist eigentlich schon eine kleine Sensation. So war natürlich meine Freude groß, als sich dort erstmals der Nachwuchs gleich im Doppelpack den neugierigen Beobachtern vorstellte. Obwohl das Laubdach der alten Buchen mittlerweile schon ziemlich dicht gewachsen ist, gab es gerade noch einen kleinen Durchblick für diesen Schnappschuss. Johann Graßl, 85221 Dachau Jani Fruechte Partytime mit Familie Eichelhäher Zauneidechse im Garten Johann Sejpka Hornissennest am Nistkasten Schwarzspecht-Nachwuchs im Doppelpack FOTOS: DR. EBERHARD PFEUFFER, MARCUS BOSCH, CHRISTOPH BOSCH

Hirschkäfer gesehen? Jetzt der LWF melden Die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) hat eine neue Meldeaktion gestartet: Jede Bürgerin und jeder Bürger kann jetzt HirschkäferSichtungen einfach online melden. Ziel ist, Vorkommen besser zu erfassen und ihre Entwicklung zu beobachten. Neben einigen Angaben zum Fund laden Sie bitte auch Fotos der Käfer hoch. Gefundene Tiere bitte am Fundort belassen oder gegebenenfalls an einen sicheren Ort in der Nähe setzen. Mit Ihrer Meldung tragen Sie aktiv zum Erhalt des Hirschkäfers und zur Förderung der Artenvielfalt in Bayern bei. Weitere Informationen sowie das Meldeformular unter lwf.bayern.de/hirschkaefer Gezwitscher Lauschen für die Wissenschaft Das Morgenkonzert der erwachenden Vogelwelt ist ein magischer Moment – und der ideale Zeitraum, um Aufnahmen für das CitizenScience- und Kunstprojekt Dawn Chorus zu machen. Vom 1. bis 31. Mai läuft auch dieses Jahr wieder der Hauptsammelzeitraum. Mitmachen ist dank der Dawn Chorus-App ganz leicht und erfordert kein Vorwissen. Je mehr Menschen sich regelmäßig an dem Projekt beteiligen, desto aussagekräftiger wird der Datenschatz, auf den die Forschung zugreifen kann. Alle Informationen zu Teilnahme, aktuellen Events und weiteren Aktionen im Zusammenhang mit Dawn Chorus finden sich unter dawnchorus.org. Machen Sie mit! Klage gegen neuen Skilift am Fellhorn Der LBV hat Klage gegen den Bau eines neuen Sessellifts sowie die geplante Erweiterung von Skipisten am Fellhorn eingereicht und im Zuge dessen auch einen sofortigen Baustopp gefordert. Betroffen ist ein besonders sensibles Gebiet in den Allgäuer Hochalpen, das als Natur-, FFH- und Vogelschutzgebiet ausgewiesen ist und zu den wichtigsten Lebensräumen des vom Aussterben bedrohten Birkhuhns in Bayern zählt. Wir sehen die Vorhaben als nicht genehmigungsfähig an und kritisieren, dass die erheblichen Auswirkungen auf Natur und Arten nicht ausreichend und vor allem nicht im Gesamtzusammenhang geprüft wurden. Mit der Klage will der LBV erreichen, dass die Eingriffe rechtlich überprüft und die Schutzgebiete wirksam gesichert werden. KURZMELDUNGEN Jetzt am „Nationalen Wiederherstellungsplan“ beteiligen Das EU-Gesetz zur Wiederherstellung der Natur (W-VO) hat das ehrgeizige Ziel, zerstörte Ökosysteme in ganz Europa wiederherzustellen und das Artensterben zu bekämpfen. Die EU-Mitgliedsstaaten haben sich 2024 zu diesem Ziel verpflichtet. Das zentrale Instrument zur Umsetzung ist der „Nationale Wiederherstellungsplan“ (NWP). Bund und Länder haben darin Daten zum Zustand der Biodiversität gesammelt, bestehende oder geplante Maßnahmen aufgelistet und Gebietskulissen definiert. Bevor der NWP im Herbst an die EU-Kommission geschickt wird, haben wir alle in diesen Wochen die Möglichkeit, den Plan zu kommentieren. Helfen Sie mit, die Anliegen unserer Natur zu vertreten und die Umsetzung der W-VO voranzubringen! Alle wichtigen Infos zur Verordnung und zum aktuellen Beteiligungsformat finden Sie unter lbv.de/wiederherstellung LBV MAGAZIN 2|26 9 Birkhahn

10 LBV MAGAZIN 2|26 THEMA DR. NORBERT SCHÄFFER LBV-VORSITZENDER „Multitalent Moor – Lebensraum, Klimaschützer, Wasserspeicher“: So steht es auf der Titelseite dieses LBV-Magazins. Und tatsächlich sind Moore ausgesprochen spannende Lebensräume, die zahlreiche, für uns Menschen relevante Ökosystemfunktionen übernehmen können. Moore sind besonders wirkungsvolle Speicher von Kohlenstoff und damit von herausragender Bedeutung für unser Klima. Daneben können Moore den Abfluss von Wasser zeitlich verzögern und hierdurch Überflutungen, aber auch Dürreperioden abfedern. Und schließlich sind sie – für den Naturschutzverband LBV von ganz zentralem Wert – Lebensräume zahlreicher, zum Teil hochspezialisierter Arten. Für den Schutz unserer Biologischen Vielfalt sind Moore unverzichtbar. All diese Rollen im Naturhaushalt können Moore aber nur erfüllen, wenn diese Lebensräume intakt sind. In trockengelegten Mooren brechen diese Funktionen nicht nur weg, sondern schlagen sogar ins Gegenteil um. Ausgesprochen beeindruckend ist das am Treibhausgashaushalt von Mooren zu sehen: Während intakte Moore Kohlenstoffspeicher und zum Teil sogar Kohlenstoffsenken sein können, sind trockengelegte Moore, insbesondere wenn diese ackerbaulich genutzt und hierfür regelmäßig gepflügt werden, regelrechte Treibhausgasbomben. Landwirtschaft auf Moorflächen Trockengelegte Moore, das zeigt sich beispielsweise im Donaumoos, können intensiv landwirtschaftlich genutzt werden – doch der Preis ist immens! Nicht nur viele wünschenswerte Ökosystemdienstleistungen brechen regelrecht zusammen. Auch die landwirtschaftliche Nutzung ist keineswegs nachhaltig. Durch Trockenlegung sank der Moorboden im Donaumoos in den vergangenen knapp 200 Jahren um rund drei Meter ab. Drastisch veranschaulicht wird dies durch einen im Jahr 1836 in der Ortschaft Königsmoos senkrecht durch den Torfkörper bis in den darunter liegenden mineralischen Untergrund getriebenen Eichenpfahl. Der Mineralboden hat sich nicht bewegt, der Torfkörper aber hat sich zersetzt bzw. ist zusammengesackt. Heute ragt dieser Pfahl rund drei Meter aus dem Boden! In wenigen Jahrzehnten wird der Torfkörper vollständig zersetzt und der Mineralboden erreicht sein – landwirtschaftliche Nutzung wird damit unmöglich. Moorexpertinnen und -experten haben in sogenannten Moorendlichkeitskarten vorhergesagt, ab wann eine Nutzung unserer Moore nicht mehr möglich sein wird. Dies wird bis in 30 Jahren auf 40 Prozent der trockengelegten Moorfläche, und damit auf rund 50.000 Hektar, der Fall sein. Auch für die Landwirtschaft eine apokalyptische Perspektive! Dabei ist eine landwirtschaftliche Nutzung intakter beziehungsweise wiedervernässter Moore durchaus möglich, sei es durch extensive Beweidung, als Feuchtgrünland oder durch Paludikulturen mit dem Ziel der Produktion von Biomasse. All dies, ohne den Torfkörper zu zerstören. Die wichtigste „Nutzungsform“ ist aber sicherlich die des Kohlenstoffspeichers, ganz einfach durch ökonomische Inwertsetzung jeder Tonne von dauerhaft vermiedenen Emissionen. Wiedervernässung trockengelegter Moore als Ziel Die gute Nachricht ist: Viele trockengelegte Moore können große Teile ihrer Ökosystemleistungen „Lebensraum, Klimaschutz, Wasserspeicher“ durch Wiedervernässung wiedererlangen. Dies wurde in zahlreichen Projekten, etliche davon unter Beteiligung des LBV, eindrücklich belegt. Daher war es gut und richtig, dass Ministerpräsident Dr. Markus Söder im Mai 2021 bei einem Ortstermin im Donaumoos ankündigte, dass die Staatsregierung bis zum Jahr 2030 im Donaumoos insgesamt 2.000 Hektar trockengelegter Niedermoore wiedervernässen und hierfür insgesamt 200 Millionen Euro zur Verfügung stellen wird. Bisher wurden wenige hundert Hektar wiedervernässt. Ein Anfang ist geSTANDPUNKT nasser Boden Mehr als nur Moore sind unverzichtbar für den Schutz der Biologischen Vielfalt

LBV MAGAZIN 2|26 11 macht, es ist aber noch ein langer Weg, bis das gesteckte Ziel erreicht wird. Noch mehr gilt dies für das Ziel der Bayerischen Staatsregierung, bis zum Jahr 2040 insgesamt 55.000 Hektar trockengelegte Niedermoore wiederzuvernässen. Und klar ist auch: Ohne eine immense Reduktion von CO2-Emissionen aus Mooren – alleine im Donaumoos alljährlich rund eine halbe Million Tonnen CO2-Äquivalente – wird Bayern, egal ob 2040 oder 2045, nicht klimaneutral werden. Die Wiedervernässung von Mooren wird folgerichtig auch in der EU-Naturwiederherstellungsverordnung gefordert. Angesichts der immensen positiven Auswirkungen dieser Maßnahme ist gerade hier die ablehnende Haltung der Staatsregierung gegenüber der Verordnung aus Brüssel in keiner Weise nachvollziehbar, zumal das bayerische Ziel sogar ambitionierter ist als in der EU-Verordnung gefordert. Wiedervernässung als „No-Brainer“ „No-Brainer“ ist ein englischer, umgangssprachlicher Begriff für eine Entscheidung oder Aufgabe, die so einfach, offensichtlich oder vorteilhaft ist, dass man nicht darüber nachdenken muss. Die Wiedervernässung von Mooren ist so ein „No-Brainer“. Es gibt keinen vernünftigen, nachvollziehbaren Grund, trockengelegte Moore nicht wiederzuvernässen. Nicht aus Sicht der Ökosystemfunktionen, aber auch nicht aus Sicht der Landwirtschaft. Selbstverständlich müssen wir langfristige Finanzierungsmodelle schaffen, die für Flächeneigentümerinnen und -eigentümer attraktiv sind. Der Bezahlung von Treibhausgasemissionen (zum Beispiel durch den Erwerb von Zertifikaten) kommt hier zentrale Bedeutung zu. Warum aber passiert die Wiedervernässung so überaus zögerlich? Hierfür gibt es mehrere Gründe. Vor allem sind umfangreiche Investition erforderlich. Das Ganze aber rechnet sich – Stichwort Einsparung von Kohlenstoffemissionen und nachhaltige Landwirtschaft. Weiterhin ergeben sich immer wieder Probleme bei WasserrechtsDr. Norbert Schäffer verfahren. Und schließlich erfordert die Wiedervernässung Zugriff auf alle Flächen in einer hydrologischen Einheit. Es ist einfach nicht möglich, einen Fleckerlteppich wiederzuvernässen. Wenn sich aber nur ein Flächeneigentümer sperrt, kann sogar ein großes Wiedervernässungsprojekt blockiert werden. Die Antwort hierauf muss lauten: Wiedervernässung trockengelegter Moore muss bundesweit als „überragendes öffentliches Interesse“ anerkannt und gesetzlich verankert werden. Wir müssen es schaffen, unsere Moore wieder in einen Zustand zu versetzen, der es diesen erlaubt, alle ihre Talente voll auszuspielen. Wir wissen um die herausragende Bedeutung von Mooren. Wir haben in zahlreichen Projekten bewiesen, dass eine Wiedervernässung möglich ist. Wir müssen jetzt ganz einfach in die Fläche kommen und in großem Umfang wiedervernässen. Alles andere hätte katastrophale Konsequenzen und wäre unentschuldbar. WOLLGRAS IM HOCHMOOR BREITFILZ I FOTO: DR. OLAF BRODERS Es gibt keinen vernünftigen Grund, Moore nicht wiederzuvernässen Folgen Sie mir auf LinkedIn unter Dr. Norbert Schäffer

THEMA Bedrohte Natur und CO2-Senke MOOR Lebensraum Wollgras Kranich FOTOS: NIKLAS BANOWSKI, GUNTHER ZIEGER, ZDENEK TUNKA, FRANK DERER, DR. EBERHARD PFEUFFER Schwarzkehlchen Moosbeere Hochmoorlandschaft zwischen Dietramszell und Deining 12 LBV MAGAZIN 2|26

Viele von uns empfinden Moore als mystisch, vielleicht sogar als unheimlich. Doch Moore sind eine faszinierende Welt voller tierischer und pflanzlicher Spezialisten – und sie könnten uns erheblich beim Klimaschutz helfen. Voraussetzung ist aber eine Wiedervernässung und Renaturierung. Moore sind wie Gletscher. Sie entstehen und wachsen nur dort, wo das Klima und das Gelände ihre Bildung zulassen und sie verschwinden auch genauso schnell, wenn die Verhältnisse nicht mehr passen. Beide sind unverzichtbare Archive der Vergangenheit und sie speichern unsere wichtigste Ressource: Wasser. Im Moor bewegen wir uns mit jedem Schritt auf meterhoch angehäuften Pflanzenresten, Torfmoosen, Sauergräsern, Schilf und Bäumen, die bereits in wenigen Zentimetern Tiefe braun und abgestorben wirken, aber doch im Zusammenspiel mit Wasser als Torf seit Jahrtausenden weiterleben und sich ihren eigenen Lebensraum formen. Moore können noch mehr. Sie speichern Kohlenstoff in großer Menge. Mit ihrem Torf aus abgestorbenen Pflanzen sind sie die Vorstufe zu Braun- und Steinkohle, also Lagerstätten, in denen Kohlenstoff durch die pflanzliche Fotosynthese für Jahrmillionen der Atmosphäre entzogen wird. Umgekehrt wird dieser Kohlenstoff in Form von CO2 wieder freigesetzt, wenn wir Kohle oder Torf verbrennen, aber auch, wenn Torf einfach nur mit Sauerstoff in Kontakt kommt, insbesondere wenn das Moor entwässert wird. Dann beginnen Mikroorganismen und Pilze den Torf zu zersetzen, also durch Stoffwechselprozesse zu „verbrennen“. Nur dort, wo so viel Wasser da ist, dass der Torf unter Wasser ist, kommt er nicht mit Sauerstoff in Kontakt und kann nicht von Mikroorganismen abgebaut werden. Wie das Eis der Gletscher schmilzt, wenn das Klima zu warm wird, „schmilzt“ der Torf der Moore dahin, wenn das Wasser fehlt. Moore waren über Jahrhunderte für den Menschen weder Kohlenstoffsenke noch Biotop oder Ort der Entspannung, sondern zunächst einmal eine ungenutzte Flächenressource und willkommene Brennstoffquelle. Vor dem Hintergrund von Hungersnöten, Missernten und stark begrenzten Energiequellen wird verständlich, warum man solches Unland schon immer urbar machen wollte. Das geschah im Kleinen durch Bauern oder im großen Stil staatlich gelenkt und galt aus damaliger Sicht als lebensnotwendige große Kulturleistung. So wurden allein in Bayern etwa 95 Prozent aller Moore durch eine tiefgreifende Entwässerung und die nachfolgende Nutzung nachhaltig geschädigt bzw. zerstört. Dort wo die Entwässerung nur unvollständig gelang, entstanden aber auch wertvolle Biotope wie Streuwiesen und andere halbnatürliche Landschaftselemente. Niedermoor oder Hochmoor? Wie entwässerte Moore genutzt werden können, hängt ganz wesentlich davon ab, ob es sich um ein Hoch- oder um ein Niedermoor handelt. Da diese beiden Begriffe immer wieder für Verwirrung sorgen und nichts mit ihrer Höhenlage zu tun haben, sollte man Hochmoore besser als Regenwassermoore und Niedermoore als Grundwassermoore bezeichnen. Denn damit wird schon klar, woher das Wasser kommt, das zur Moorbildung geführt hat. Da Grundwasser im Vergleich zu Regenwasser relativ viele Nährstoffe enthält, wachsen auf Grundwassermooren Pflanzen wie Schilf, Sauergräser und andere Blütenpflanzen sowie Laubbäume. Die entwässerten Flächen werden als Acker und Grünland genutzt, für Gärtnereien und sogar für die Rollrasenproduktion. Oft ist nur noch an der schwarzen Erde erkennbar, dass hier einmal ein Moor war. Aber auch unsere wertvollen Streuwiesen sind durch Rodung, Mahd und Teilentwässerung überwiegend aus Grundwassermooren entstanden. LBV MAGAZIN 2|26 13 Rosmarinheide FOTOS: ANDREAS HARTL, CREATIVENATURE.NL - STOCK.ADOBE.COM Hochmoor-Bläuling

Das Königsdorfer Weidfilz zehn Jahre nach der Renaturierung Eine Streuwiese nahe der Isar nach der jährlichen Mahd im September, der Schlangenwurzenzian im Vordergrund wurde bewusst verschont. THEMA Mehlprimel Gemeines Fettkraut Sumpfgladiole Blick ins Murnauer Moos bei Hochwasser – im Bild ein typischer Niedermoorbereich 14 LBV MAGAZIN 2|26 Bekassine

Ganz anders die Regenwassermoore. Sie entstanden meist aus Grundwassermooren, bei denen die fortwährende Torfbildung dazu geführt hat, dass die Pflanzen das Grundwasser nicht mehr erreichen können und ausschließlich auf das Regenwasser angewiesen sind. Sie sind dem Grundwasser regelrecht entwachsen, was aber nur dort funktioniert, wo die Niederschläge hoch und die Verdunstung gering ist. Nur ganz wenige Pflanzenarten können ausschließlich von Regenwasser, das kaum Nährstoffe enthält, leben. Und Regenwassermoore haben noch eine weitere Besonderheit: Sie sind durch den Stoffwechsel der Torfmoose extrem sauer. Daher wurden Regenwassermoore nach der Entwässerung auch nur selten als Ackerland genutzt. Stattdessen wurden sie zur Brenntorfgewinnung abgegraben, für die Gewinnung von Blumenerde abgefräst, mit Fichten aufgeforstet oder zur Streunutzung gemäht. Die Gefahren entwässerter Moore All das führte in der Regel dazu, dass zumindest die oberen Schichten des Torfs nicht mehr wassergesättigt sind, mit Sauerstoff in Kontakt kommen und durch die mikrobielle Tätigkeit abgebaut werden. Der Torf verliert seine ursprüngliche Struktur, vererdet, verliert an Substanz und kann nur noch wenig Wasser aufnehmen. Der Torfkörper sackt immer weiter zusammen, er löst sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auf. Entwässerte Moore sind eine erhebliche Quelle von Treibhausgasen und tragen nicht unerheblich zur Klimaerwärmung bei. Nach Angaben des Umweltbundesamtes entfielen allein im Jahr 2020 circa 53 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, also mehr als sieben Prozent aller Emissionen in Deutschland, auf trockengelegte Moorböden. Das entspricht rund einem Drittel der vom Verkehrssektor ausgestoßenen Treibhausgasemissionen. Bei aller Diskussion über die Klimaerwärmung sollte nicht vergessen werden, zu welchem immensen Verlust an Biodiversität und an Hochwasserschutz durch fehlenden Wasserrückhalt die Entwässerung und Nutzung von über 90 Prozent unserer Moore geführt hat. Auch die Landwirtschaft verliert langfristig Böden, wenn der Humus der entwässerten Böden schwindet. Auf dem verbleibenden nassen Lehm oder Schotter gedeihen schließlich nicht einmal mehr Wiesen und Weiden. Mit Blick auf die Ziele Klimaneutralität, Erhaltung der Biodiversität und eine nachhaltige Wirtschaft ist es folgerichtig, die Entwässerung der Moore durch Wiedervernässung soweit wie möglich rückgängig zu machen, den noch vorhandenen Torf also wieder „unter Wasser“ zu bringen und zumindest mittelfristig erneutes Torfwachstum zu generieren sowie einen naturnahen Zustand der Moore wiederherzustellen. Viele Moore sind jedoch so tiefgreifend und irreversibel verändert worden, dass sich ihre Ursprünglichkeit auch langfristig gesehen nicht wieder herstellen lässt. Doch jedes entwässerte Moor bietet Ansatzpunkte, den Moorwasserspiegel zumindest partiell wieder anzuheben, und jeder Dezimeter des Torfkörpers, der wieder unter Wasser kommt, ist ein Gewinn für den Klimaschutz. Großflächige Wiedervernässungen mit ursprünglichen Moorwasserständen bis knapp unter die Oberfläche sind sicherlich das Maß der Dinge, doch auch kleinere Maßnahmen sind immer noch besser, als gar nichts zu tun. Es ist aber nicht nur der vorgefundene Resttorfkörper mit seinen Gräben, Abgrabungen, Sackungen und Drainagen, der der Wiedervernässung häufig Grenzen setzt. Neben der oft aufwändigen Finanzierung ist vor allem die Verfügbarkeit der Flächen ein Problem. Viele Moorgebiete sind in Privatbesitz – das erschwert Renaturierungen oder eine Anpassung der Nutzung an höhere Wasserstände. Selbst nicht genutzte, scheinbar „wertlose“ Flächen werden aus verschiedenen Gründen – teils ideeller Natur – von ihren Eigentümern nicht zur Verfügung gestellt. Sei es, dass man den menschengemachten Klimawandel als Begründung für Maßnahmen bezweifelt, ganz grundsätzlich aus Respekt vor der immensen Kulturleistung zur Urbarmachung des Moores durch die Vorfahren oder einfach nur, weil man jeden Eingriff in die als solche empfundene „Natur“ ablehnt. Zum Glück gibt es aber auch zahlreiche Eigentümer, die dem LBV gerne ihre Flächen zur Verfügung stellen oder verkaufen, weil sie einen wichtigen Beitrag zum Klima- und Naturschutz leisten wollen und wir als Verband verantwortlich mit diesem „Geschenk“ umgehen. Das Engagement des LBV Es ist schon viel passiert, denn der LBV und weitere Akteure treiben die Wiedervernässung von Mooren seit vielen Jahren voran. Oft ist es mühsam, zeitintensiv, manchmal auch frustrierend, wenn man wegen der vielen Hürden nicht oder nur sehr langsam in kleinen Schritten vorankommt. Als LBV sind wir an einzelnen Mooren seit fast 30 Jahren „dran“. Das konsequente Suchen, das Gespür für das Mögliche, Überzeugungskraft, Beharrlichkeit und Ideen für eine oft unkonventionelle Umsetzung sind häufig der Schlüssel zum Erfolg. Man muss Kontakte über Jahrzehnte halten und immer wieder Flächen aufkaufen, bis sich ein brauchbares Mosaik aus Eigentumsflächen und solchen von zur Renaturierung bereiten Eigentümern formt. Der Einsatz für die Wiedervernässung von Mooren lohnt sich. Es macht uns im LBV richtig Spaß, wenn wir sehen, wie das Wasser im Moor wieder steigt. Wo sonst kann man schon so einzigartig mit dem Verschließen von ein paar Entwässerungsgräben den Klimaschutz, die Biodiversität, den Hochwasserschutz, den Bodenschutz, die Archivfunktion von Mooren und das Landschaftsbild gleichzeitig fördern! LBV MAGAZIN 2|26 15 DR. SABINE TAPPERTZHOFEN Biologin, Leitung Geschäftsstelle Bad Tölz-Wolfratshausen E-Mail: sabine.tappertzhofen@lbv.de MANFRED KINBERGER Dipl.-Ing. Landespflege (Landschaftsökologe) E-Mail: manfred.kinberger@lbv.de FOTOS: ULRIKE EISENMANN, DR. SABINE TAPPERTZHOFEN (2), DR. OLAF BRODERS, CHRISTOPH BOSCH, DR. EBERHARD PFEUFFER

THEMA FOTOS: CLEAR - STOCK.ADOBE.COM, ANDREAS HARTL, FRANK DERER, ERIC ISSELÉE - STOCK.ADOBE.COM, CHRISTOPH BOSCH Fünf perfekt angepasste Arten Faszinierende Moorbewohner In der extremen Lebenswelt der Moore finden sich viele spezialisierte Tiere und Pflanzen. Sie alle brauchen dringend unseren Schutz. VON DR. SABINE TAPPERTZHOFEN Die Himmelsziege Mit ihrem hell- und dunkelbraun gestreiften Gefieder ist die Bekassine zwischen den Grashalmen einer Streuwiese fast unsichtbar. Die gedrungenen Vögel mit überlangem Schnabel rufen nicht nur mit dem Stimmapparat, sondern haben ein „Instrument“. Im Sinkflug lassen sie ihre versteiften Steuerfedern vibrieren und erzeugen damit ein ziegenähnliches Meckern, was ihnen auch den Spitzenamen „Himmelsziege“ eingebracht hat. So balzen sie im Frühjahr in der Dämmerung um Partner. Der lange Schnabel dient zum Stochern nach Insekten und Würmern im weichen, nassen Boden. Ein Frosch macht blau Ein blauer Frosch? Außerhalb der Tropen? Ja! Allerdings nur zur Fortpflanzungszeit. Dann verfärben sich die Männchen der Moorfrösche tatsächlich blau. Während des übrigen Jahres sehen sie den braunen Grasfröschen sehr ähnlich. Moorfrösche leben in Gebieten mit hohem Grundwasserstand oder staunassen Flächen, etwa in Zwischen- und Niedermooren, aber auch in Bruchwäldern. Im westlichen Mitteleuropa sind sie aufgrund von Lebensraumverlust selten geworden. Im südlichen Bayern kommen sie gar nicht vor. 16 LBV MAGAZIN 2|26

FOTOS: RALPH STURM (2), MARCUS BOSCH, VIDADY - STOCK.ADOBE.COM DR. EBERHARD PFEUFFER (2) Der schnelle Jäger Vom Wasserschlauch sieht man meist nur die hübschen gelben Blüten, der Rest der Pflanze wächst unter Wasser. Dort macht er mit einer ausgefeilten Technik Jagd auf Kleingetier. In winzigen Blasen, die mit einem Deckel verschlossen sind, wird Unterdruck aufgebaut. Wagt sich ein Beutetier – angelockt von Duftstoffen – in die Nähe der Blase, wird innerhalb von nur zwei Millisekunden der Deckel geöffnet und das Tier durch den Unterdruck eingesaugt. Eine der schnellsten Bewegungen im Pflanzenreich. Die einzig Giftige Die Kreuzotter wird etwas über einen halben Meter lang und kommt in verschiedenen Farbvarianten in unterschiedlichen Habitaten vor – als einzige Schlangenart sogar nördlich des Polarkreises, weil sie keine Eier legt, sondern lebende Jungtiere zur Welt bringt. Kreuzottern sind die einzige einheimische Giftschlangenart. Bisse sind selten und Komplikationen treten vor allem durch Sekundärinfektionen, weniger durch das Gift selbst auf. Kommt es trotzdem zum Biss, sollte sofort ein Arzt aufgesucht werden. Die Wärmeliebende Die wärmeliebende Große Moosjungfer lebt an kleineren Gewässern mit mittlerem Nährstoffgehalt. Moorseen mit ihrem durch Huminstoffe dunkel gefärbten und sich deshalb schnell erwärmenden Wasser und meist lockerem, aber reichhaltigem Bewuchs sind sehr gut geeignet. In der Umgebung ihres Fortpflanzungsgewässers jagt die räuberische Libelle in blütenreichen Lebensräumen Insekten. In Bayern ist die Art gefährdet, denn geeignete Gewässer werden immer seltener. LBV MAGAZIN 2|26 17

FOTO: PIA RÖDER INTERVIEW Moore als Kohlenstoff-Speicher: Interview mit Prof. Dr. Matthias Drösler Intakte Moore gehören zu den effektivsten Klimaschützern. Doch entwässert werden sie zu echten Klimakillern. Prof. Dr. Matthias Drösler, Moorforscher und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats Natürlicher Klimaschutz beim Bundesministerium, erklärt im Interview, warum das so ist und was jetzt passieren muss. INTERVIEW: FRANZISKA BACK LBV: Herr Drösler, Sie verbringen viel Zeit im Moor. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sehen, in welchem Zustand viele dieser Ökosysteme heute sind? Prof. Dr. Matthias Drösler: Mehr als 90 Prozent der Moore sind entwässert und haben ihre ursprüngliche Funktionsfähigkeit verloren. Aber wenn ich durch Moore gehe, befällt mich keine tiefe Frustration. Ich kann die Zeit dort positiv erleben, weil ich eine Vision habe. Dafür braucht man Referenzräume. Ich bin am Alpenrand groß geworden, dort gab es in meiner Kindheit viele intakte Flächen. Diese Bilder trage ich in mir und sie führen zu der Frage: Schaffen wir es, wieder dorthin zu kommen? Warum ist das so wichtig? Was verlieren wir? Wir verlieren einen seltenen Lebensraum mit vielen Funktionen. Entwässerte Moore tragen nicht mehr in gleicher Weise zum Lebensraumschutz oder Hochwasserschutz bei und – was erst in den letzten 20 Jahren deutlich wurde – auch nicht mehr positiv zum Klimaschutz, sondern im Gegenteil. Wir verlieren also Leistungen, die wir dringend brauchen. Moore als Klimaschützer: Wie funktioniert das? Moore sind CO2-Speicher. Das liegt an einem Zeitunterschied: Kohlenstoff wird schneller in den Pflanzen im Moor eingebunden, als er im Torf wieder abgebaut wird. Unter den nassen, sauerstoffarmen Bedingungen, sogenannten anaeroben Bedingungen, läuft der Abbau stark verlangsamt ab. Die klimaschützende Funktion hängt deshalb direkt vom Wasserstand ab. Das ist der Schlüssel. Wie lange dauert der Aufbau? In Bayern begann die Moorbildung nach der letzten Eiszeit. In wassergefüllten Senken wuchsen Pflanzen ein und bildeten die Grundlage. Bis man das in der Landschaft sieht, braucht es natürlich eine gewisse Zeit. Denn der Torfkörper wächst nur etwa einen Millimeter pro Jahr. So sind am Alpenrand Moor-Mächtigkeiten von zehn bis zwölf Metern entstanden. Und wie schnell erfolgt der Abbau bei Entwässerung? Wenn ein Moor entwässert wird, gelangt Luft in den Boden und die Abbauprozesse beschleunigen sich stark. Der Abbau läuft dann deutlich schneller als der Aufbau. Während ein Moor unter natürlichen Bedingungen etwa einen Millimeter pro Jahr wächst, sackt die Oberfläche bei Entwässerung um ein bis vier Zentimeter pro Jahr ab. Was bedeutet das für den CO2-Ausstoß? Ein entwässertes Moor, das als Acker genutzt wird, stößt im Schnitt rund 40 Tonnen CO2-Äquivalente pro Hektar und Jahr aus. Das entspricht ungefähr den Emissionen von zwei Familien pro Jahr – und ein Hektar ist keine große Fläche. Es gibt keine andere Form der Landnutzung, die so hohe Emissionen verursacht. Gleichzeitig hat man hier große Handlungsmöglichkeiten: Man kann Moore wieder nass machen. Das Gute und das Böse liegen beim Moor sehr nah beieinander. Das Gute und das Böse liegen sehr nah beieinander Prof. Dr. Matthias Drösler 18 LBV MAGAZIN 2|26

ILLUSTRATION: SARAH HEUZEROTH Geht es bei Renaturierung nur darum, Emissionen zu stoppen, oder kann man auch wieder einen Kohlenstoffspeicher aufbauen? Emissionen stoppen ist der erste Schritt. Durch das Anheben des Wasserstands stellt man wieder anaerobe Bedingungen her und konserviert den Torfkörper. Schon im ersten Jahr sinken die Emissionen deutlich. Wie schnell wieder CO2 gebunden wird, hängt davon ab, wie rasch sich passende Pflanzengesellschaften entwickeln. Intakte Moore sind also wahre Klimaschützer. Warum ist das vielen Leuten noch nicht bewusst? Beim Thema CO2Speicher denken die meisten wahrscheinlich eher an den Wald. Wälder sind sichtbar. Den meisten Menschen ist klar, dass in einem Baum Kohlenstoff gebunden ist. Moore dagegen sind oft entwässert und werden als Acker genutzt. Da sieht man nicht, dass darunter ein Moor liegt. Sie sind weniger präsent, obwohl sie pro Fläche etwa fünfmal so viel Kohlenstoff speichern wie Wälder. Wie zufrieden sind Sie mit dem Fortschritt der Renaturierung in Bayern? Die Rahmenbedingungen, die geschaffen wurden, sind grundsätzlich positiv. Es gibt Programme mit erheblichen Mitteln für die Renaturierung und auch das Moorbauernprogramm ist ein wichtiger Schritt. Was noch fehlt, sind verlässliche Rahmenbedingungen für eine wirtschaftliche Nutzung nasser Moorflächen. Da sind wir bei Stichworten wie Nassgrünland, angepasste Beweidung oder Paludikultur*. An dieser Stelle fehlt es derzeit noch ein Stück weit. Ich gehe aber davon aus, dass das in den nächsten zwei bis drei Jahren deutlich an Dynamik gewinnt. Erste Beispiele zeigen bereits, dass Unternehmen beginnen, Materialien aus Paludikulturen tatsächlich zu nutzen. Gibt es Wünsche, die Sie an die Politik und die Gesellschaft haben, wenn es um unsere Moore in Bayern geht? Was man auf jeden Fall vermeiden sollte, ist, dass verschiedene Ziele gegeneinander ausgespielt werden. Also dass man sagt: Hier hat der Artenschutz Priorität, deshalb darf keine Paludikultur stattfinden. Unsere Ergebnisse zeigen, dass beides zusammengehen kann, wenn man Paludikulturen als Folgenutzung auf Äckern oder artenarmem Intensivgrünland entwickelt. Entscheidend ist, die Moore wieder funktionsfähig zu machen – vor allem, indem wir sie wieder flächig vernässen. Ein zweiter Punkt: Infrastrukturprojekte oder Baugebiete haben oft den Status eines „überragenden öffentlichen Interesses“. In der Praxis heißt das dann auch: Es wird eine Straße oder ein Baugebiet ins Moor gebaut, der Moorboden wird ausgekoffert und abtransportiert und der darin gespeicherte Kohlenstoff gelangt in die Atmosphäre. Die Landwirte sehen das und fragen sich: Warum sollen wir unsere Flächen dann wiedervernässen – wie passt das zusammen? Deshalb brauchen wir ein besseres Gleichgewicht. Auch der Moorschutz gehört aus meiner Sicht in dieses überragende öffentliche Interesse. Und dann geht es um Verlässlichkeit: langfristige, stabile Rahmenbedingungen und der klare politische Wille, diesen Weg konsequent zu gehen. Und ganz wichtig: Klimaschutz darf kein Parteithema sein, sondern braucht einen breiten, überparteilichen Konsens. Eine letzte Frage noch: Wenn man mal ein intaktes Moor erleben möchte, wohin in Bayern lohnt sich dann eine Reise? Ein sehr schönes Beispiel ist das Ellbach-Kirchsee-Moor im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Wenn man vom Kloster Reutberg aus zum Kirchsee läuft, führt ein Weg direkt durch das Hochmoor, sodass man rechts und links gut sehen kann, wie so ein Moorkörper aufgebaut ist. Spannend ist dort auch ein alter Schotterweg: Der bringt Kalk in das eigentlich saure Hochmoor, sodass sich entlang des Weges plötzlich andere Pflanzengesellschaften entwickeln. Daran sieht man sehr anschaulich, wie sensibel Moore auf Veränderungen reagieren. Ein zweites Gebiet, das ich empfehlen würde, sind die Kendlmühlfilzen südlich des Chiemsees. Dort gibt es Rundwege und Aussichtsplattformen, von denen aus man eines der größten Hochmoore Bayerns überblicken kann und auch gut sieht, wie sich Flächen nach dem Torfabbau wieder entwickeln. Beide Gebiete sind landschaftlich sehr reizvoll und geben einen guten Eindruck davon, wie Moore funktionieren. * Paludikultur bezeichnet die nasse Bewirtschaftung von Mooren. Dabei bleibt der Torf erhalten oder kann sich neu bilden. Angebaut werden zum Beispiel Schilf, Seggen oder Torfmoose, die etwa im Gartenbau, in der Bauindustrie oder als Energiequelle genutzt werden. LBV MAGAZIN 2|26 19 Obwohl sie mit rund 500 Mio. Hektar viel weniger Fläche einnehmen, speichern Moore weltweit mehr CO₂ als alle Wälder. Billionen Tonnen CO2 Billionen Tonnen CO2 Millionen Hektar Millionen Hektar

FOTOS: FRANZISKA BACK (2) Zahlreiche Entwässerungsgräben ziehen sich durch das Weidfilz. Renaturierung im Weidfilz Mit dem Bagger für jeden Tropfen Seit vielen Jahren setzen sich Haupt- und Ehrenamtliche im Landkreis Bad TölzWolfratshausen dafür ein, eine einzigartige Moorlandschaft zu erhalten und das Wasser zurückzubringen, das ihr über Jahrzehnte entzogen wurde – ein aufwendiger Prozess, der Geduld, Fachwissen und viel Überzeugungsarbeit erfordert. REPORTAGE Dichte Nebelschwaden ziehen über das Weidfilz nahe Wolfratshausen. Rote, grüne und weiße Flechten und Moose schimmern durch den Dunst. Das Bergpanorama lässt sich heute nur erahnen, schwere Wolken hängen tief im Tal. Laut schmatzt die nasse Erde unter den Wanderschuhen von Dr. Sabine Tappertzhofen. In der Luft liegt ein feuchter, waldiger Geruch. Eine Szene wie aus einem Krimi – das Moor, wie gemacht für eine düstere Geschichte. Doch anstatt unheimlicher Stille, wird ein Dröhnen immer lauter. Ein Warnpiepen durchschneidet die Ruhe. Noch ein paar Schritte, dann zeigt sich die Ursache: Ein Bagger rammt einen zurechtgeschnittenen Baumstamm in einen Graben. Äste und Wurzeln liegen verstreut, eine Motorsäge kreischt auf. Sabine Tappertzhofen ist Naturschützerin mit Leib und Seele und setzt sich gemeinsam mit vielen anderen LBVAktiven seit Jahren für das Weidfilz ein. Statt zu erschrecken, lächelt sie. „Hier 20 LBV MAGAZIN 2|26

FOTOS: FRANZISKA BACK (2) Hinter dem einstigen Torfstich fällt das Moor ab und beginnt sich zu zersetzen. Renaturierungseinsatz mit Bagger und Motorsäge Wie ein Schwamm: Torfmoose speichern große Mengen Wasser. geht’s ja schon richtig voran“, sagt sie und strahlt ihren Mitstreiter Manfred Kinberger an. „Ja, der andere Damm ist schon fertig. Der Baggerfahrer weiß einfach, was er macht“, entgegnet dieser und beobachtet, wie die Baggerschaufel den Stamm Stück für Stück tiefer in den weichen Torf drückt, als wäre sie ein Hammer und der massive Stamm ein Nagel. Eine Landschaft mit Geschichte Das Königsdorfer Weidfilz ist Teil des größten Hochmoorkomplexes der schwäbisch-bayerischen Hochebene. Entlang der sogenannten Tölzer Moorachse reihen sich die Moore des Landkreises wie an einer Kette über rund 30 Kilometer vom Kochelsee im Süden bis nach Deining im Norden. Die Landschaft erzählt eine lange Geschichte. „Hier sieht man richtig, wo der Torf mal abgestochen wurde“, sagt Sabine Tappertzhofen und zeigt auf eine Kante, hinter der der Boden plötzlich etwa einen Meter abfällt. Dieses Loch gewährt einen Blick in eine andere Zeit. Was hier fehlt, ist Torf. Über Jahrzehnte wurde er im Weidfilz abgebaut. Das hat nicht nur das Aussehen des Moores verändert, sondern es auch aus dem Gleichgewicht gebracht. Moore sind von Natur aus nass. Um an den Torf zu gelangen und die Flächen für den Menschen nutzbar zu machen, wurden sie jedoch großflächig entwässert. Dafür zog man ein Netz aus Entwässerungsgräben durch die Fläche, die das Wasser gezielt ableiteten – ein Eingriff, der bis heute nachwirkt. Das Moor trocknet aus. Der Torf, der über Jahrtausende unter Luftabschluss entstanden ist, kommt mit Sauerstoff in Kontakt und beginnt sich zu zersetzen. Dabei wird Kohlenstoff freigesetzt, der zuvor im Boden gespeichert war. Gleichzeitig verändert sich die Landschaft sichtbar. Der Boden sackt ab, verliert an Höhe, wird instabil. Was einst über Jahrtausende gewachsen ist, verschwindet. Um diesen Prozess zu stoppen, muss das Wasser zurück ins Moor. Genau daran arbeiten Sabine Tappertzhofen und ihre Mitstreiter dort, wo der Bagger Baumstämme in die Gräben rammt. Nicht jeder mag es nass „Der Effekt wird morgen schon sichtbar sein, dann ist der Graben wahrscheinlich komplett voll“, sagt Sabine. „Das fasziniert mich besonders am Moor: Wo das Wasser herkommt und wohin es geht.“ Die studierte Biologin leitet die Geschäftsstelle des LBV im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Seit vielen Jahren setzt man sich hier für die Renaturierung der Moore in der Region ein – insbesondere für das Weidfilz. „Jedes Moor braucht jemanden, der sich darum kümmert. Und beim Weidfilz fühlen wir uns als Kümmerer“, erklärt sie. Die Aufgaben gehen dabei weit über die reine Renaturierung hinaus. „Wenn es nur um die fachlich gute Arbeit ginge, wären wir sicherlich schon weiter“, sagt die 62-Jährige und schmunzelt. Doch längst nicht alle Flächen gehören dem LBV. Auch nicht die, auf der heute gearbeitet wird. Dutzende EigenLBV MAGAZIN 2|26 21

FOTOS: FRANZISKA BACK (2) REPORTAGE tümer mit unterschiedlichen Interessen besitzen Parzellen im Moor. Während einige die Maßnahmen begrüßen, sind andere skeptisch. Eine von Sabines wichtigsten Aufgaben ist deshalb Überzeugungsarbeit. „Die Flächen hier gehören einem anderen Verein, mit dem wir sehr gut zusammenarbeiten, und drei privaten Eigentümerinnen“, erklärt die Geschäftsstellenleiterin. Der Besitzer der angrenzenden Fläche hingegen möchte diese nicht für die Renaturierung freigeben. Zu groß ist seine Sorge, das Holz der Bäume künftig nicht mehr nutzen zu können. Hinter der Grundstücksgrenze hat sich bereits eine kleine Wasserlache gebildet. „Das muss bis morgen wieder weg sein. Ansonsten müssen wir eine Lösung finden – aber die finden wir sicher“, sagt Sabine. Nachbarflächen, deren Eigentümer der Renaturierung nicht zugestimmt haben, dürfen auf keinen Fall verändert werden. „Nicht für jeden hat die Wiedervernässung den gleichen Stellenwert wie für uns“, berichtet Sabine aus eigener Erfahrung. Dabei ist gerade der Klimawandel ein zentrales Argument für die Renaturierung: „Die Moorrenaturierung ist eine der effektivsten Methoden, um Kohlenstoff zu binden.“ Multitalent Moor Monatelang wurde der Einsatz heute vorbereitet. Gefördert wird die Renaturierung vom Bayerischen Umweltministerium. Nun endlich rollt der Bagger. Unterstützung bekommt Sabine von zahlreichen Ehrenamtlichen. Einer von ihnen ist Manfred Kinberger. Der Rentner bringt wertvolles Fachwissen mit und kartiert gemeinsam mit Sabine die Entwässerungsgräben, koordiniert Bauarbeiten und packt auch ansonsten an, wo es von Nöten ist. „Ich komme eigentlich aus der Landschaftsplanung. Und im Ruhestand dachte ich mir: zurück zu den Wurzeln“, sagt der ehrenamtliche Naturschützer. Ein bis zwei Tage pro Woche widmet er dem LBV und den Mooren. Während der Bagger den Damm unter einer dicken Schicht Torf verschwinden lässt, die er wenige Meter weiter ausgehoben hat, machen Sabine und Manfred einen Rundgang über die Fläche. Sie prüfen, welche Gräben in den kommenden Tagen und Wochen noch verschlossen werden sollen. Überall sprießt rötlich-violett eine strauchartige Pflanze: Heidekraut. „Das ist tatsächlich das gleiche wie auf den Heideflächen in Norddeutschland. Für uns ist es ein Indikator, dass es hier viel zu trocken für ein Moor ist“, erklärt Sabine. Zwischen dem Heidekraut Der Damm staut das Wasser auf und hindert es am Ablaufen. Die „Kümmerer“ des Weidfilzes unterwegs: Sabine Tappertzhofen und Manfred Kinberger 22 LBV MAGAZIN 2|26

FOTOS: FRANZISKA BACK 3% Extra-Rabatt auf die günstigen Preise auf orniwelt.de! Jetzt den Code Eisvogel26 im Warenkorb eingeben. Ihr Ausrüster für Naturbeobachtung #202008 BirdFy® Nest Polygon– Intelligentes Vogelhaus mit Kamera und KI MIETER GEFIEDERTE PERFEKT FÜR Mit integriertem Solarpanel Vogelfreundliche Infrarot-Nachtsicht. - ANZEIGE - wachsen jedoch auch typische Moorpflanzen, die bislang nicht verdrängt wurden, darunter Wollgras, Moosbeere und die Rosmarinheide. „Ich denke, es ist klar, warum die so heißt“, meint Sabine und zeigt auf eine kleine Pflanze, die sich zwischen Heidekraut und Moosen ihren Weg ans Licht bahnt. Mit ihren nadelförmigen, ledrigen Blättern und den holzigen Stängeln sieht sie dem Rosmarin aus dem Gemüsegarten zum Verwechseln ähnlich. „Nicht viele Pflanzen kommen mit den Bedingungen im Moor zurecht“, erklärt Manfred. „Aber die, die es tun, kommen eben auch nur hier vor“, ergänzt Sabine. Moore sind deshalb nicht nur beachtliche Klimaschützer, die große Mengen Kohlenstoff speichern, sondern auch einzigartige Lebensräume. Und noch etwas können Moore: Breitbeinig stellt sich Sabine über einen der Entwässerungsgräben, bückt sich und zieht ein Stück Torfmoos aus dem feuchten Boden. „Tropft gar nicht“, sagt sie und hält es in die Luft. „Und trotzdem ist jede Menge Wasser drin.“ Dann drückt sie das Moos fest zusammen. Große Tropfen rinnen heraus und platschen auf den Boden. „Das ist wie bei einem Küchenschwamm: Wenn er ganz trocken ist, perlt das Wasser erst einmal ab. Ist er aber feucht, kann er viel Wasser aufnehmen.“ Sie lächelt. „Und genau darin liegt auch die Fähigkeit der Moore, Wasser zurückzuhalten und so Hochwasser abzumildern.“ Ein Prozess über Jahre Zurück an der Baustelle lärmt immer noch der Bagger. Inzwischen hat sich die Sonne ihren Weg durch die dichten Wolken gebahnt und schimmert etwas schüchtern durch die Äste der dunkelgrünen Moorfichten. Der Bagger klopft die letzte Ladung Erde über dem Damm fest. Noch zeugen herumliegende Äste und kahle Stellen von den Eingriffen der Maschinen. „Das sieht jetzt alles wüst aus, aber nächsten Sommer wird man fast nicht mehr sehen, dass wir hier etwas gemacht haben. Ich bin immer wieder begeistert, wie schnell das geht“, sagt Sabine. Ein paar Meter weiter sammelt sich bereits Wasser im Graben, langsam, aber unaufhaltsam. Das Moor beginnt, sich zurückzuholen, was ihm lange entzogen wurde. Doch bis es sich komplett erholen kann, werden noch viele Jahre und Arbeitseinsätze der Naturschützer vergehen. Morgen wird der Bagger wieder anrollen, um den nächsten Graben zu verschließen. „Schaust du morgen nach dem Rechten?“, richtet sich Sabine an Manfred. Der nickt. Dann macht sich Sabine auf den Rückweg über den schmatzenden Moorboden. Und wo am Morgen noch Nebel über der Landschaft hing, glitzert nun das Wasser zwischen Moosen und Gräsern. FRANZISKA BACK Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Landesgeschäftsstelle Hilpoltstein E-Mail: franziska.back@lbv.de LBV MAGAZIN 2|26 23

Tipps für das torffreie Gartenglück Torffreie Erde kaufen (Achtung: torfreduzierte oder Bio-Erde enthält oft trotzdem eine große Menge Torf) Hauseigenen Kompost nutzen oder Kompost bei gewerblichen und kommunalen Kompostieranlagen kaufen Gemüse, Kräuter und Blumen selbst aussäen (Erde in den Töpfen gekaufter Gemüsepflanzen ist oft torfhaltig) Öfter und in kleinen Mengen gießen (vor dem Gießen mit dem Finger fühlen, ob Wasser benötigt wird) Dünger und Erde aufeinander abstimmen Erde in Pflanzgefäßen aus dem Vorjahr mit frischer (Kompost-)Erde und organischem Dünger (z. B. Hornmehl) mischen und wiederverwenden FOTOS: CAROLA BRIA (3) Kein Garten benötigt Torf, egal ob im Beet ... Torffrei gärtnern Moorschutz beginnt im Gemüsebeet Hunderttausende Tonnen Gartenerde verwenden Hobby-Gärtnerinnen und Pflanzenfreunde in Bayern jedes Jahr. Oft steckt darin Torf, der über Jahrtausende in Mooren entstanden ist. Doch es gibt Alternativen, mit deren Verwendung Gärtnerinnen und Gärtner aktiv den Klima- und Naturschutz unterstützen. Was gibt es dabei zu beachten? zwar inzwischen eingestellt, in vielen anderen Ländern, beispielsweise im Baltikum, gefährdet die Gewinnung von Torf für unsere Gartenerde aber weiterhin wertvolle Moore, die dafür zerstört werden und große Mengen an Kohlenstoff freisetzen. Der über Jahrtausende in Mooren gebildete Torf ist viel zu kostbar, um ihn für einen kurzen Sommer als Blumenerde in Pflanzgefäße zu füllen und nach einmaligem Gebrauch als Abfall zu entsorgen. Die Verwendung von torfhaltiger Erde im Gartenbau hielt im Laufe des 20. Jahrhunderts Einzug. Der Grund: Torf hat viele für den kommerziellen Einsatz förderliche Eigenschaften. Er kann beispielsweise Wasser sehr effizient halten, ist nährstoffarm und hat einen niedrigen ph-Wert. Die in gärtnerischen Lehr- und Forschungseinrichtungen durchgeführten Versuche zeigen allerdings, dass für die Verwendung im Freizeitgartenbereich torffreie Substrate ebenso gut geeignet sind. Wer einige Aspekte beachtet, hat so auch ganz ohne Torf Erfolg beim Anbau von Gemüse, Blumen und Co. und leistet einen wichtigen Beitrag zum Klima-, Natur- und Artenschutz. GARTEN AUF EINEN BLICK Riesige Mengen an Säcken voller Erde stapeln sich jetzt im Frühjahr in Gartencentern und Baumärkten. Von Anzuchterde über Erde für Hochbeete oder Kübel bis hin zu speziellen Tomaten- oder Kräutererden – das Angebot ist riesig. Wer auf Nachhaltigkeit im Beet achtet, greift womöglich zur Bio-Erde. Doch was viele nicht wissen: Selbst in diesen vermeintlich naturverträglich erzeugten Produkten steckt oft eine große Menge Torf, der über Jahrtausende aus zersetzten Pflanzenteilen in Mooren entstanden ist. In Bayern wurde der industrielle Torfabbau 24 LBV MAGAZIN 2|26

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