FOTO: PIA RÖDER INTERVIEW Moore als Kohlenstoff-Speicher: Interview mit Prof. Dr. Matthias Drösler Intakte Moore gehören zu den effektivsten Klimaschützern. Doch entwässert werden sie zu echten Klimakillern. Prof. Dr. Matthias Drösler, Moorforscher und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats Natürlicher Klimaschutz beim Bundesministerium, erklärt im Interview, warum das so ist und was jetzt passieren muss. INTERVIEW: FRANZISKA BACK LBV: Herr Drösler, Sie verbringen viel Zeit im Moor. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sehen, in welchem Zustand viele dieser Ökosysteme heute sind? Prof. Dr. Matthias Drösler: Mehr als 90 Prozent der Moore sind entwässert und haben ihre ursprüngliche Funktionsfähigkeit verloren. Aber wenn ich durch Moore gehe, befällt mich keine tiefe Frustration. Ich kann die Zeit dort positiv erleben, weil ich eine Vision habe. Dafür braucht man Referenzräume. Ich bin am Alpenrand groß geworden, dort gab es in meiner Kindheit viele intakte Flächen. Diese Bilder trage ich in mir und sie führen zu der Frage: Schaffen wir es, wieder dorthin zu kommen? Warum ist das so wichtig? Was verlieren wir? Wir verlieren einen seltenen Lebensraum mit vielen Funktionen. Entwässerte Moore tragen nicht mehr in gleicher Weise zum Lebensraumschutz oder Hochwasserschutz bei und – was erst in den letzten 20 Jahren deutlich wurde – auch nicht mehr positiv zum Klimaschutz, sondern im Gegenteil. Wir verlieren also Leistungen, die wir dringend brauchen. Moore als Klimaschützer: Wie funktioniert das? Moore sind CO2-Speicher. Das liegt an einem Zeitunterschied: Kohlenstoff wird schneller in den Pflanzen im Moor eingebunden, als er im Torf wieder abgebaut wird. Unter den nassen, sauerstoffarmen Bedingungen, sogenannten anaeroben Bedingungen, läuft der Abbau stark verlangsamt ab. Die klimaschützende Funktion hängt deshalb direkt vom Wasserstand ab. Das ist der Schlüssel. Wie lange dauert der Aufbau? In Bayern begann die Moorbildung nach der letzten Eiszeit. In wassergefüllten Senken wuchsen Pflanzen ein und bildeten die Grundlage. Bis man das in der Landschaft sieht, braucht es natürlich eine gewisse Zeit. Denn der Torfkörper wächst nur etwa einen Millimeter pro Jahr. So sind am Alpenrand Moor-Mächtigkeiten von zehn bis zwölf Metern entstanden. Und wie schnell erfolgt der Abbau bei Entwässerung? Wenn ein Moor entwässert wird, gelangt Luft in den Boden und die Abbauprozesse beschleunigen sich stark. Der Abbau läuft dann deutlich schneller als der Aufbau. Während ein Moor unter natürlichen Bedingungen etwa einen Millimeter pro Jahr wächst, sackt die Oberfläche bei Entwässerung um ein bis vier Zentimeter pro Jahr ab. Was bedeutet das für den CO2-Ausstoß? Ein entwässertes Moor, das als Acker genutzt wird, stößt im Schnitt rund 40 Tonnen CO2-Äquivalente pro Hektar und Jahr aus. Das entspricht ungefähr den Emissionen von zwei Familien pro Jahr – und ein Hektar ist keine große Fläche. Es gibt keine andere Form der Landnutzung, die so hohe Emissionen verursacht. Gleichzeitig hat man hier große Handlungsmöglichkeiten: Man kann Moore wieder nass machen. Das Gute und das Böse liegen beim Moor sehr nah beieinander. Das Gute und das Böse liegen sehr nah beieinander Prof. Dr. Matthias Drösler 18 LBV MAGAZIN 2|26
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