LBV magazin 2-26

ILLUSTRATION: SARAH HEUZEROTH Geht es bei Renaturierung nur darum, Emissionen zu stoppen, oder kann man auch wieder einen Kohlenstoffspeicher aufbauen? Emissionen stoppen ist der erste Schritt. Durch das Anheben des Wasserstands stellt man wieder anaerobe Bedingungen her und konserviert den Torfkörper. Schon im ersten Jahr sinken die Emissionen deutlich. Wie schnell wieder CO2 gebunden wird, hängt davon ab, wie rasch sich passende Pflanzengesellschaften entwickeln. Intakte Moore sind also wahre Klimaschützer. Warum ist das vielen Leuten noch nicht bewusst? Beim Thema CO2Speicher denken die meisten wahrscheinlich eher an den Wald. Wälder sind sichtbar. Den meisten Menschen ist klar, dass in einem Baum Kohlenstoff gebunden ist. Moore dagegen sind oft entwässert und werden als Acker genutzt. Da sieht man nicht, dass darunter ein Moor liegt. Sie sind weniger präsent, obwohl sie pro Fläche etwa fünfmal so viel Kohlenstoff speichern wie Wälder. Wie zufrieden sind Sie mit dem Fortschritt der Renaturierung in Bayern? Die Rahmenbedingungen, die geschaffen wurden, sind grundsätzlich positiv. Es gibt Programme mit erheblichen Mitteln für die Renaturierung und auch das Moorbauernprogramm ist ein wichtiger Schritt. Was noch fehlt, sind verlässliche Rahmenbedingungen für eine wirtschaftliche Nutzung nasser Moorflächen. Da sind wir bei Stichworten wie Nassgrünland, angepasste Beweidung oder Paludikultur*. An dieser Stelle fehlt es derzeit noch ein Stück weit. Ich gehe aber davon aus, dass das in den nächsten zwei bis drei Jahren deutlich an Dynamik gewinnt. Erste Beispiele zeigen bereits, dass Unternehmen beginnen, Materialien aus Paludikulturen tatsächlich zu nutzen. Gibt es Wünsche, die Sie an die Politik und die Gesellschaft haben, wenn es um unsere Moore in Bayern geht? Was man auf jeden Fall vermeiden sollte, ist, dass verschiedene Ziele gegeneinander ausgespielt werden. Also dass man sagt: Hier hat der Artenschutz Priorität, deshalb darf keine Paludikultur stattfinden. Unsere Ergebnisse zeigen, dass beides zusammengehen kann, wenn man Paludikulturen als Folgenutzung auf Äckern oder artenarmem Intensivgrünland entwickelt. Entscheidend ist, die Moore wieder funktionsfähig zu machen – vor allem, indem wir sie wieder flächig vernässen. Ein zweiter Punkt: Infrastrukturprojekte oder Baugebiete haben oft den Status eines „überragenden öffentlichen Interesses“. In der Praxis heißt das dann auch: Es wird eine Straße oder ein Baugebiet ins Moor gebaut, der Moorboden wird ausgekoffert und abtransportiert und der darin gespeicherte Kohlenstoff gelangt in die Atmosphäre. Die Landwirte sehen das und fragen sich: Warum sollen wir unsere Flächen dann wiedervernässen – wie passt das zusammen? Deshalb brauchen wir ein besseres Gleichgewicht. Auch der Moorschutz gehört aus meiner Sicht in dieses überragende öffentliche Interesse. Und dann geht es um Verlässlichkeit: langfristige, stabile Rahmenbedingungen und der klare politische Wille, diesen Weg konsequent zu gehen. Und ganz wichtig: Klimaschutz darf kein Parteithema sein, sondern braucht einen breiten, überparteilichen Konsens. Eine letzte Frage noch: Wenn man mal ein intaktes Moor erleben möchte, wohin in Bayern lohnt sich dann eine Reise? Ein sehr schönes Beispiel ist das Ellbach-Kirchsee-Moor im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Wenn man vom Kloster Reutberg aus zum Kirchsee läuft, führt ein Weg direkt durch das Hochmoor, sodass man rechts und links gut sehen kann, wie so ein Moorkörper aufgebaut ist. Spannend ist dort auch ein alter Schotterweg: Der bringt Kalk in das eigentlich saure Hochmoor, sodass sich entlang des Weges plötzlich andere Pflanzengesellschaften entwickeln. Daran sieht man sehr anschaulich, wie sensibel Moore auf Veränderungen reagieren. Ein zweites Gebiet, das ich empfehlen würde, sind die Kendlmühlfilzen südlich des Chiemsees. Dort gibt es Rundwege und Aussichtsplattformen, von denen aus man eines der größten Hochmoore Bayerns überblicken kann und auch gut sieht, wie sich Flächen nach dem Torfabbau wieder entwickeln. Beide Gebiete sind landschaftlich sehr reizvoll und geben einen guten Eindruck davon, wie Moore funktionieren. * Paludikultur bezeichnet die nasse Bewirtschaftung von Mooren. Dabei bleibt der Torf erhalten oder kann sich neu bilden. Angebaut werden zum Beispiel Schilf, Seggen oder Torfmoose, die etwa im Gartenbau, in der Bauindustrie oder als Energiequelle genutzt werden. LBV MAGAZIN 2|26 19 Obwohl sie mit rund 500 Mio. Hektar viel weniger Fläche einnehmen, speichern Moore weltweit mehr CO₂ als alle Wälder. Billionen Tonnen CO2 Billionen Tonnen CO2 Millionen Hektar Millionen Hektar

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