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VOGELSCHUTZ 1|22 1 Der Wiedehopf Vogel des Jahres 2022 Ausführlicher Mehr Magazin für unseren Naturschutz Artenreich So wichtig ist der Lebensraum Streuobstwiese Attraktiv Pakt soll Bayerns Streuobst retten Vogelschutz lbv.de magazin 1|2022

2 VOGELSCHUTZ 1|22 Für mehr Informationen bitte einfach den Coupon ausschneiden, ausfüllen und zurückschicken an: LBV-Landesgeschäftsstelle, z. Hd. Herrn Koller Eisvogelweg 1, 91161 Hilpoltstein E-Mail: gerhard.koller@lbv.de | Tel.: 09174-4775-7010 Wenn Sie Ihren Nachlass zum Wohle der Natur einsetzen, dann hinterlassen Sie Spuren weit über Ihre Lebenszeit hinaus. Sie tragen dazu bei, nachfolgenden Generationen eine intakte Heimat zu hinterlassen, indem Sie den LBV und/oder die LBV-Stiftung Bayerisches Naturerbe in Ihrem Nachlass bedenken. Denn wir schützen Bayerns Natur erfolgreich seit nunmehr 110 Jahren. Wir behandeln Ihr Anliegen absolut vertraulich und auf Wunsch pflanzen wir gemeinsam einen Apfelbaum. Rücksende-Coupon Der LBV erhebt und verarbeitet Ihre personenbezogenen Daten ausschließlich für Vereinszwecke. Dabei werden Ihre Daten nur für LBV-eigene Informations- und Werbezwecke verarbeitet und genutzt. Dieser Verwendung Ihrer Daten können Sie jederzeit, z.B. an mitgliederservice@lbv.de, widersprechen. Detaillierte Informationen zur Datenschutzerklärung des LBV finden Sie online unter: www.lbv.de/datenschutz ABSENDER Name, Vorname Straße, Hausnummer PLZ, Ort Ja, schicken Sie mir den LBV-Ratgeber Erbschaft. Ja, ich bitte auch um Übersendung der Unterlagen für die Stiftung Bayerisches Naturerbe Ja, ich kann mir vorstellen, den LBV oder/und die Stiftung in meinem Testament zu berücksichtigen. Ich möchte gerne mehr wissen. Rufen Sie mich an: Tel.: Ich bin am besten erreichbar: FOTOS: DR. EBERHARD PFEUFFER, LENA BUCKREUS Ihr Vermachtnis fur die Natur! „So lasst uns denn ein Apfelbaumchen pflanzen.“ .. .. ..

VOGELSCHUTZ 1|22 3 der Wiedehopf ist der neu gewählte Vogel des Jahres 2022. Alles, was Sie über diesen einzigartigen Vogel wissen sollten, erzählen wir Ihnen in unserer extra langen Titelgeschichte. Und denken Sie daran: Sollten Sie ab Ende März einen Wiedehopf sehen oder hören, melden Sie uns Ihre Beobachtung! Das geht ganz einfach über unsere LBV-Webseite. Und wie es der Zufall so will, der Wiedehopf ist auch einer der Vögel, die in Streuobstwiesen leben. Nach intensivem Einsatz des LBV und seit der Bekanntgabe des Bayerischen Streuobstpaktes im letzten Herbst, ist die dringend notwendige Rettung dieser einzigartigen Kulturlandschaft endlich in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit gerückt. Bei uns lesen Sie ausführlich von den Herausforderungen und den Chancen des Paktes und der vielfältigen Bedeutung der Streuobstbäume für Mensch und Natur. Vielleicht haben Sie es ja schon bemerkt: Unser LBV-Magazin ist zum Start ins neue Jahr umfangreicher geworden. Nun haben wir mehr Platz für faszinierende Naturaufnahmen, spannende Geschichten und interessante Berichte über das Engagement unserer Aktiven, also für alles, was die wachsende Arbeit des LBV ausmacht und auszeichnet. Sagen Sie uns gerne, wie es Ihnen gefällt. Wir freuen uns über Ihre Rückmeldungen unter leserbriefe@lbv.de. Liebe Leserinnen und Leser, Mehr Seiten für Wiedehopf und Streuobst Vogelschutz Viel Spaß beim Lesen! Ihr Markus Erlwein Chefredakteur In den letzten Tagen haben wir alle Gewinnerinnen und Gewinner der Stunde der Wintervögel benachrichtigt. Herzlichen Glückwunsch! Vielen Dank unseren Partnern Swarovski Optik, birdingtours und dem LBV-Naturshop für die freundliche Unterstützung und Bereitstellung der Gewinne. Glücksvögel E D I T O R I A L FOTO: ALBERT KRAUS

4 VOGELSCHUTZ 1|22 ID-Nr. 22114235 Dieses Druckerzeugnis ist mit dem Blauen Engel ausgezeichnet. www.blauer-engel.de/uz195 · ressourcenschonend und · umweltfreundlich hergestellt · emissionsarm gedruckt XW1 überwiegend aus Altpapier Sie lesen klimaneutral und umweltfreundlich 6 Im Fokus Streuobstwiesen 8 Leserbriefe 9 Kurzmeldungen 10 Standpunkt Dr. Norbert Schäffer 12 Der Wiedehopf Vogel des Jahres 2022 18 Der Bayerische Streuobstpakt Chance und Herausforderung für alle Akteure 22 Ein breites Bündnis Politik, Verbände, Wirtschaft und Kommunen wollen Streuobst retten 25 Runder Tisch statt Blockade Gastkommentar Alois Glück 26 Spendenaktion Wir schützen den Wiedehopf! Einhefter • Spenden-Überweisungsträger • Mitgliederwerbekarte 17 12 40 22 Prachtvolles Gefieder und charakteristischer Ruf: alles zum Wiedehopf. Obstbäume im Garten sind eine echte Bereicherung. Welche Wintervögel in bayerische Gärten kommen. TITELBILD: WIEDEHOPF | MATHIAS SCHÄF FOTOS: MATHIAS SCHÄF, NORBERT METZ, ALEXANDER VORBECK (2), KOWA (2), SWAROVSKI I NH A L T 43 Wie der Streuobstpakt erfolgreich sein kann. INHALT Steckbrief +

VOGELSCHUTZ 1|22 5 18 Die Streuobstbestände in Bayern müssen gestärkt werden. 28 LBV AKTIV 34 NAJU Neues von der Naturschutzjugend 36 LBV-Schutzgebiet Naturoase Streuobstwiese 38 Streuobst-Profiteure Vielfältige Untermieter 40 Garten Lebensspender Obstbäume 42 Erbschaft Deutscher Fundraising Preis für den LBV 43 Mitgliederservice Ergebnisse der Stunde der Wintervögel 44 Umweltbildung Mitmachaktionen zu Streuobstwiesen der Umweltstation Wiesmühl/Übersee 46 Stiftung Ein Rückblick und ein Ausblick 47 Test Praktische Ferngläser für alle Lebenslagen 48 Medien Buchempfehlungen 48 Kleinanzeigen 50 Impressum und Kontakte www.umweltbank.de/lbv Bank mit Werten? Aber natürlich. Wir machen aus Geld Umweltschutz - damit unsere Kinder in einer lebenswerten Welt aufwachsen. Weil es nicht egal ist, für welche Bank Sie sich entscheiden. Jetzt informieren! - ANZEIGE - 47 Drei AlltagsFerngläser im Test.

STREUOBSTWIESE, GROSSWEINGARTEN | FOTO: RALF HOTZY Streuobstwiesen sind von unschätzbarem Wert für die Artenvielfalt, denn sie sind Lebensraum für mehr als 5.000 Tier- und Pflanzenarten. Um die Streuobstbäume besser zu schützen, hat die Bayerische Staatsregierung im Oktober 2021 unter entscheidendem Mitwirken des LBV den Bayerischen Streuobstpakt verabschiedet. Bis 2035 stehen somit über 600 Millionen Euro für den Erhalt der Streuobstwiesen und für eine Million zusätzliche Obstbäume im Freistaat zur Verfügung. STREUOBSTWIESEN 6 VOGELSCHUTZ 1|22

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8 VOGELSCHUTZ 1|22 L E S E R B R I E F E Ihre Meinung ist uns wichtig! Schreiben Sie uns unter leserbriefe@lbv.de oder per Post an Redaktion VOGELSCHUTZ, Eisvogelweg 1, 91161 Hilpoltstein. Die Redaktion behält sich aus Platzgründen eine Auswahl und das Kürzen von Leserzuschriften vor. Leserbriefe geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. i Post Zur Wahl zum Vogel des Jahres 2022 Ehre dem Bluthänfling „Up-up-up“ – das ist der Balzruf des männlichen Wiedehopfs. Bei seiner diesjährigen Wahl zum Vogel des Jahres 2022 ging es für den Vogel mit den orangen Scheitelfedern tatsächlich nur „up, up, up“: Mit 31,9 Prozent aller Stimmen übertrumpfte er seine Konkurrenz, zu der auch der bezaubernde Bluthänfling gehörte. Als wir dieses Ergebnis zur Kenntnis nahmen, entsprang unseren Lippen aus spontaner Solidarität heraus ein enttäuscht-empörtes „tü gitt“. Das ist der Ruf des Bluthänflings. Unserer Auffassung nach ist der Bluthänfling eindeutig der überlegene Vogel und sollte uns daher im nächsten Jahr als Titelträger begleiten – nicht der Wiedehopf. Lassen Sie uns also darlegen, aus welchen Gründen der Bluthänfling mit seinem pompösen Prachtkleid und seiner karminroten Brust die bessere Wahl für den Vogel des Jahres 2022 darstellt. Ein fundamentaler Faktor ist seine Ernährungsweise: Er ernährt sich beinahe ausschließlich von Samen, Früchten und Körnern, womit er den menschlichen Trend der Paleo-Diät verkörpert. Auch zählt er damit zu den wenigen V³-Vögel: Er ist vortrefflich in seinem Verhalten, virtuos in seinem Aussehen und vegan in seiner Ernährungsweise. Die Brillanz des Bluthänflings zeigt sich auch in der Wahl seines Lebensraumes: Er fühlt sich im offenen Gelände mit Busch- und Strauchbestand wohl, aber auch in Obstgärten, Parks, der Küstenheide und an Weinhängen. Es ist kein Geheimnis, dass die größten Dichter und Denker dieser Nation ihre kreativen Höchstleistungen an solch stimulierenden Stätten vollbrachten. Der Bluthänfling weiß also nicht nur Kunst, Kultur und Körner zu schätzen, sondern hat darüber hinaus auch noch einen unaussprechlich guten Geschmack für geografische Gegebenheiten – der Wiedehopf findet dagegen nur an ökosystemrelevanten Regenwürmern Geschmack. Darüber hinaus agiert der Bluthänfling auch bei der Brunft mit Vernunft. Zu dieser Zeit sitzt er in den Heckenspitzen dieses Landes und verströmt sein zauberhaftes Zwitschern – ein wahrlich emphatisches Verhalten gegenüber den Menschen: Denn was gibt es Besseres, als dem hecktischen Alltag des bipedalen Bürgers mit dem unhektischen Heckengesang des beflügelten Bluthänflings entgegenzuwirken? Mit der Bitte, die Vergabe des ehrenwerten Titels Vogel des Jahres 2022 noch einmal zu überdenken oder dem Bluthänfling den Titel der „Honorable Mention“ zu gewähren, grüßen mit einem fröhlichen „tu-ki-jüüh“ zwei begeisterte Beobachter des Bluthänflings. Fabio Sommer & Max Hegerbekermeier Nach der Bekanntgabe des Wiedehopfs als Vogel des Jahres hat uns Joachim Oster diese Aquarellskizze von ihm geschickt. FOTOS: FRANK DERER (2), JOACHIM OSTER, DR. MARTIN WERNEYER Zum Artikel „Feueralarm“ (04/21) Feuersalamander verschwindet Seit Jahren beobachte ich Feuersalamander im Gebiet hinteres Achental mit Sorge. Konnte man an Quellbächen und feuchten Gebieten zu bestimmten Zeiten immer Tiere finden, ging die Wahrscheinlichkeit einer Beobachtung in den letzten Jahren eklatant zurück. Konkret spreche ich von meinem unmittelbaren Heimatgebiet um Schleching. Der Feuersalamander wird hier nirgendwo als existentes, noch weniger als gefährdetes Tier erwähnt. Ich fand in den Jahren immer mehr überfahrene Exemplare (da braucht es keinen Bsal mehr), definitiv überfahren, von Autos auf den Bergwegen (befahren von Staatsforsten, Waldbesitzern und Almbauern) und von Rädern. Was bei den Waldarbeiten mit schweren Maschinen in den feuchten Gebieten zusätzlich getötet wird bzw. Lebensraum zerstört wird, ist gar nicht berechenbar. Wir haben hier viele Quellen und entsprechende Feuchtgebiete, eigentlich optimalen Lebensraum für die Tiere. Ein Juwel wie das Achental mit seiner Vielfalt droht langsam vom Mythos einer vergangenen Zeit zu leben. Wenn man sich zufriedengibt, die Natur in schönen Darstellungen am Parkplatz anzupreisen und gleichzeitig diese immer mehr für den Menschen um jeden Preis erschließt, sollte man überlegen, was am Ende bleibt. Sie engagieren sich für das Überleben der Feuersalamander. Ein Gebiet mit noch existentem Bestand ist das Achental. Wer kann hier an den richtigen Stellen Einfluss nehmen und konstruktive Vorschläge zur Umsetzung einbringen, die Feuersalamander und ihren Lebensraum für die Zukunft zu erhalten? Und diesen Maßnahmen dann auch nachhalten? Iris Isensee, 83259 Schleching Anm. der Redaktion Der Rückgang bei Ihnen hört sich besorgniserregend an. Erschreckend, dass jüngst so viele Tiere überfahren wurden. Der allgemeine Rückgang könnte natürlich auch mit der großen Trockenheit der letzten Jahre im Zusammenhang stehen. Die Ihnen bekannten Feuersalamander-Vorkommen geben wir gerne in die bayernweite Datenbank ein, sobald Sie uns alle relevanten Daten zum Fundort zukommen lassen. Und Sie haben Recht, die Lebensräume des Feuersalamanders sind ebenso in Gefahr wie die Art selbst. In unserem Projekt wollen wir auch Maßnahmen an Laichgewässern des Feuersalamanders umsetzen, und freuen uns immer über konkrete Vorschläge. Wir stellen gerne den Kontakt zu den Regionalbetreuern und -betreuerinnen in Ihrer Region her. Malvina Hoppe

Gezwitscher Weitere Solarpark-Pläne im Donaumoos eingrenzen LBV und BN begrüßen das 200 Millionen schwere Moorrenaturierungs-Projekt der Bayerischen Staatsregierung im Donaumoos. Zum Ärger der Verbände steht dort derzeit jedoch nicht diese dringend notwendige Maßnahme gegen den Klimawandel und den Artenschwund im Mittelpunkt, sondern der Bau von Fotovoltaikanlagen. Die beiden Naturschutzverbände betonen, dass die Grundwasseranhebung das zentrale Ziel sein muss. Fotovoltaik in der Freifläche kann grundsätzlich nur eine untergeordnete Rolle spielen und darf auf Niedermoorflächen nur mit einer derartigen Anhebung stattfinden. Angesichts der Vielzahl aktueller Solarpark-Planungen fordern LBV und BN deshalb die Erstellung eines Gesamtkonzeptes und die Reduzierung der Planungen auf ein natur- und moorverträgliches Maß. K U R ZME L DUNG E N Lebenszeichen nach zwei Monaten Funkstille Erleichterung beim gemeinsamen Bartgeierteam von LBV und Nationalpark Berchtesgaden: Der seit dem 24. November verstummte GPSSender von Bavaria ist seit Mitte Januar wieder aktiv. Zwar bestand kein Grund zur Annahme, dass es ihr nicht gut geht, trotzdem hofften die Verantwortlichen immer auf ein Lebenszeichen. Zumindest konnten die Solarzellen des zwischenzeitlich vollkommen entladenen Akkus wieder einen Ladestand aufbauen. Die bisherigen Flüge der zusammen mit Bavaria im Sommer 2021 zweiten ausgewilderten Bartgeierdame Wally konnten dagegen weitgehend lückenlos aufgezeichnet werden. Beiden Bartgeiern geht es gut. Alle ihre Flugrouten können weiterhin mitverfolgt werden unter www.lbv.de/bartgeier-auf-reisen. VOGELSCHUTZ 1|22 9 UmweltBank unterstützt Rainer Wald Der Rainer Wald ist mit rund 245 Hektar das größte LBVSchutzgebiet. Totholz bleibt hier erhalten und bildet wertvollen Lebensraum für viele Arten. Es ist das bedeutendste Naturwaldareal im Landkreis Straubing-Bogen. Dieser Wald ist eine Naturoase im intensiv landwirtschaftlich genutzten Gäuboden. Hier leben sechs Spechtarten und 14 Fledermausarten. Über 1.500 Insektenarten wurden bisher nachgewiesen. Bis in das Jahr 2005 wurde der Rainer Wald maßgeblich durch den Menschen bewirtschaftet, sodass nur bestimmte Teile der Waldfläche als naturnah eingestuft werden konnten. Die naturfernen Bereiche werden vom LBV zum Naturwald umgebaut. Neben dem Umbau vom Fichtenwald hin zum Naturwald ist der LBV auch für die Verkehrssicherung zuständig. Der Rainer Wald grenzt an eine stark befahrene Bundesstraße. Ähnlich wie bei der Borkenkäferbekämpfung geht es im Rainer Wald nicht nur um bloße Gefahrenbeseitigung, sondern darum den Natur- und Artenschutz zu integrieren. Es werden beispielsweise Baumkletterer oder Hebebühnen eingesetzt, um Hochstümpfe als stehendes Totholz zu schaffen. Von 2019 bis 2021 hat die UmweltBank das Schutzgebiet im Rahmen ihrer Neukundenaktion unterstützt. Für jeden neuen Kunden spendete die grüne Bank fünf Euro an den Rainer Wald. „Allein im letzten Jahr hatten wir einen großen Finanzbedarf durch den Waldumbau und die Verkehrssicherung. Weitere Flächenankäufe sind in Vorbereitung“, freut sich LBV-Flächenbetreuer Dr. Martin Werneyer über die Unterstützung.

T H EMA DR. NORBERT SCHÄFFER LBV-VORSITZENDER Es ist eine dieser Situationen, die man nicht erfinden könnte: September 2018, zumindest in Mittelfranken erleben wir eine regelrechte Obstschwemme. Überall leckere Äpfel, doch im Supermarkt wird Obst verkauft – bio, aus Chile, für 3,99 Euro das Kilo. Absurd. Streuobst war einmal selbstverständlich Es gab einmal eine Zeit, da waren Produkte aus Streuobst, egal ob Tafelobst oder Fruchtsaft, eine Selbstverständlichkeit. In meiner Kindheit haben meine Eltern jeden Herbst große Mengen von Äpfeln zur Mosterei gebracht, um im Gegenzug verbilligten Apfelsaft erwerben zu können. Zugegeben, Triebfeder war nicht primär der Wunsch nach biologisch oder regional hergestellten Produkten, vielleicht nicht einmal der hervorragende Geschmack. Es war ganz einfach die Tatsache, dass Apfelsaft von eigenen Obstbäumen preiswerter war als im Supermarkt oder Getränkehandel. Und so ging es vielen Menschen. Heute aber ist Saft aus dem Supermarkt billig. Der finanzielle Anreiz für die Verwendung von Streuobst fehlt – und damit sank über die Jahrzehnte dessen Bedeutung. Es gab sogar eine Zeit, in der die EU Rodungsprämien für die scheinbar überflüssigen und störenden Obstbäume bezahlt hat! Für unsere Landschaft und Biologische Vielfalt aber waren und sind Obstbäume von immenser Bedeutung. Wissenschaftler haben auf Streuobstwiesen über fünftausend Tier- und Pflanzenarten gezählt. Besonders spektakuläre Beispiele aus der Vogelwelt sind Grünspecht, Gartenrotschwanz, Wendehals und der Vogel des Jahres 2022, der sehr seltene Wiedehopf. Große Chance: der Bayerische Streuobstpakt In meiner Kindheit gab es in Bayern rund 20 Millionen Streuobstbäume. Heute sind davon gerade einmal fünf Millionen übrig. Und auch davon gingen bis vor Kurzem alljährlich über 100.000 Bäume verloren. Ursache für diesen Trend ist zunehmend nicht mehr die bewusste Rodung von Bäumen, sondern das altersbedingte Absterben. Apfelbäume werden nicht alt und von den vor allem nach dem Zweiten Welt10 VOGELSCHUTZ 1|22 krieg aus purer Not heraus gepflanzten Bäumen werden in den kommenden 20 Jahren etwa 40 Prozent absterben. Doch dann kam im Jahr 2021 der Bayerische Streuobstpakt. An seinem Entstehen war der LBV maßgeblich beteiligt. In ihm ist das Ziel festgelegt, die altersbedingt absterbenden Obstbäume zu ersetzen und bis zum Jahr 2035 zusätzlich eine Million Bäume zu pflanzen. Ein ausgesprochen ambitioniertes Ziel. Wir alle, Naturschutzverbände, Kommunen, Kirchen, Landwirte, Privatpersonen usw. müssen daran mitarbeiten, dieses Ziel zu erreichen. Voraussetzung für den Erfolg ist, neben den notwendigen Geldern und dem erforderlichen Personal, dass es für uns alle wieder ganz normal wird, Obst von Streuobstwiesen zu nutzen – weil es gut ist für uns, unsere Natur und unsere Landschaft. Lebensmittel bio und regional Das erfolgreiche Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“ hat die Leitplanken für mehr Bioprodukte gesetzt. Ziel ist unter anderem, dass bis zum Jahr 2030 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche Bayerns biologisch bewirtschaftet werden. Hierbei ist bio und regional wichtig; bio darf nicht einfach durch regional ersetzt werden. Wichtig ist sicherlich auch, dass wir alle verstärkt saisonale Produkte wählen – und eben nicht Erdbeeren im Januar. An der Ladentheke entscheiden wir mit, ob wir beim Sonntagsspaziergang Feldlerchen und Goldammern, Schmetterlinge und Hummeln in unserer Kulturlandschaft genießen können. Das sind ganz einfache Zusammenhänge. Mit Bevormundung hat das nichts zu tun, aber jede und jeder von uns kann durch kleine Schritte einen Beitrag zur Veränderung leisten. Windkraft und Artenschutz Spätestens seit der Bundestagswahl nimmt die Diskussion um Windkraft auch in Bayern wieder Fahrt auf. Für den LBV steht fest: Die Klimakrise ist langfristig eine immense Gefahr – gerade auch für unsere Biologische Vielfalt. Wir müssen die Klimakrise und die Biodiversitätskrise gemeinsam lösen. Keinesfalls dürfen wir beim Kampf gegen die KlimaS T A ND P UN K T für unser Streuobst Wertschätzung

VOGELSCHUTZ 1|22 11 krise kurzfristig unsere Biologische Vielfalt opfern. Der LBV will die Energiewende, und Windkraft wird hierbei, neben Sonnenenergie, eine wichtige Rolle spielen. Bei der Wasserkraft ist das Potenzial ausgeschöpft und ein weiterer Ausbau der kleinen Wasserkraft würde zu unverhältnismäßig hohen ökologischen Schäden führen. Bei der Windkraft dagegen existiert noch ein großes Potenzial. Um dieses zu nutzen, ohne Vögel und Fledermäuse zu gefährden, müssen wir unproblematische Standorte wählen. Die Beibehaltung der 10 H-Regel führt derzeit dazu, dass fast nur noch in Wäldern oder auf Truppenübungsplätzen Windkraftanlagen errichtet werden können. Die genannten Flächen aber sind wichtig für unsere Biologische Vielfalt. Hier werden wir keine Windkraftanlagen tolerieren. 10 H muss fallen, damit wir aus Artenschutzsicht unbedenkliche Standorte auswählen und Windkraftanlagen auf ökologisch empfindlichen Flächen vermeiden können. Eines ist aber klar: Ohne Windkraft wird es nicht gehen. Wolf: Umgang mit Konfliktarten Ein weiteres Thema, welches uns zu Jahresanfang intensiv beschäftigt, ist der Wolf. Erstmals wurde von der Regierung von Oberbayern die Erlaubnis für den Abschuss eines Wolfs erteilt. Was uns hier besonders geärgert hat, war die Begründung, nämlich die Gefahr für den Menschen. Hierbei ist zu beachten, dass im vorliegenden Fall in den Landkreisen Berchtesgadener Land, Traunstein und Rosenheim in der Zeit vom 30. Oktober bis 19. Dezember 2021 insgesamt 13 Wolfsereignisse dokumentiert wurden. Dabei kam es in zwölf Fällen zu keinerlei Wolf-Mensch-Kontakt. In einem Fall ist der Wolf umgehend vor einem hinzukommenden Menschen geflüchtet. Insgesamt also vollkommen normales Wolfsverhalten. Wie sich daraus eine Gefahr für Menschen ableiten lässt, ist für mich nicht nachvollziehbar. Der Bayerische Aktionsplan Wolf des Landesamts für Umwelt (LfU), an dem auch der LBV intensiv mitgearbeitet hat, listet ganz genau verschiedene Wolfsverhaltensweisen auf und wie darauf reagiert werden soll. Basierend darauf besteht im vor- Folgen Sie mir auf Twitter unter @N_Schaeffer Dr. Norbert Schäffer liegenden Fall keinerlei Gefahr für Menschen. Aus diesem Grund hat auch das Verwaltungsgericht München in einem Eilverfahren die Abschussgenehmigung ausgesetzt. Der LBV begrüßt dies ausdrücklich! Es muss uns aber auch bewusst sein, dass es basierend auf dem Bayerischen Aktionsplan Wolf durchaus Umstände geben kann, die den Abschuss eines Tieres rechtfertigen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn sich Wölfe unprovoziert aggressiv Menschen nähern. Ein weiterer Grund für einen Abschuss läge vor, wenn Herdenschutzmaßnahmen objektiv gesehen nicht möglich sind oder sachgemäß errichtete Herdenschutzmaßnahmen überwunden werden und es zu Übergriffen auf Weidetiere kommt und dabei Wiederholungsgefahr besteht. Sollte dies einmal der Fall sein, müssen wir die „Entnahme“ eines Wolfs, wie es auf Amtsdeutsch heißt, dann auch aushalten. Dass der LBV einen sehr pragmatischen Umgang mit Konfliktarten pflegt, haben wir beispielsweise beim Umgang mit Arten wie Kormoran, Graureiher oder Biber bewiesen. Den Bayerischen Aktionsplan Wolf aber wie im vorliegenden Fall vollkommen zu ignorieren, ist ein Affront gegen den Naturschutz. Dies dürfen wir nicht zulassen. Ich wünsche Ihnen, Ihren Angehörigen und Freunden von Herzen, dass Sie gesund bleiben! STREUOBST I FOTO: JÜRGEN FÄLCHLE - STOCK.ADOBE.COM

T H EMA Ein mittlerweile seltener Bewohner der Streuobstwiese: der Wiedehopf. 12 VOGELSCHUTZ 1|22

FOTO: MATHIAS SCHÄF Der Wiedehopf ist Vogel des Jahres 2022 Exot und Stinkvogel Gegen vier weitere Kandidaten hat der Wiedehopf seinen Titel eingeflogen. Früher weit verbreitet ist der charismatische Vogel mit dem prachtvollen Gefieder und dem charakteristischen Gesang heute in Bayern vom Aussterben bedroht. Seine Botschaft lautet deshalb: Wir brauchen eine naturverträgliche Landwirtschaft in einer strukturreichen Landschaft mit vielen Insekten. Wer einmal einen Wiedehopf gesehen und gehört hat, wird ihn so bald nicht wieder vergessen. Sein Erscheinungsbild ist wahrlich außergewöhnlich: Das orangefarbene Gefieder und die kontrastierenden schwarz-weiß gefärbten Flügel und Schwanzfedern sind unverwechselbar in unserer heimischen Vogelwelt. Seinen Kopf ziert eine bis zu sechs Zentimeter lange Federhaube, die der Vogel bei Erregung fächerförmig aufstellt. Dazu kommt sein weithin hörbarer Balzruf, dem er auch seinen wissenschaftlichen Namen Upupa epops verdankt. Ziehender Gaukler Sein auffällig gaukelnder, schmetterlingsartiger Flug lässt aufs Erste nicht ahnen, dass der bunte Vogel ein ausdauernder Flieger ist. Tatsächlich ist der Wiedehopf ein Langstreckenzieher, der im April zu uns kommt und sich bereits ab Mitte Juli wieder auf den Weg nach Afrika macht. Im Brutgebiet bei uns angekommen, beginnt das Männchen mit seinen charakteristischen dumpfen „upup-up“-Rufen ein Revier abzugrenzen und ein Weibchen anzulocken. Das ist die einzige Zeit im Jahr, in der der einzelgängerische Vogel einen Partner duldet. Als Brutplatz dienen ihm Baumhöhlen, Mauerspalten, Steinhaufen oder Erdlöcher. Die Geheimwaffe Das Weibchen kümmert sich alleine um die Brut und wird von seinem Partner mit Nahrung versorgt. Ist der Nachwuchs geschlüpft, gibt es das Futter an die Jungvögel weiter und kann sie in Ruhe hudern und gegen Nestfeinde schützen. Nähert sich zum Beispiel ein Fuchs oder Wiesel VOGELSCHUTZ 1|22 13

T H EMA FOTOS: MATHIAS SCHÄF (5), FRANK DERER dem Nest, setzt das Weibchen seine Geheimwaffe ein: Es streckt dem Eindringling seinen Bürzel entgegen und spritzt dem überraschten Feind ein übel riechendes Sekret vermengt mit dünnflüssigem Kot ins Gesicht. Bis zu einen Meter weit und viermal in Folge kann es so „scharf schießen“. Der Feind tritt meist mit gerümpfter Nase den Rückzug an. Auch die Jungvögel üben sich schon früh in dieser Abwehrstrategie. Das hat dem Wiedehopf die Bezeichnung „Stinkvogel“ eingebracht. Der lange Schnabel als optimales Werkzeug Seine Nahrung sucht der Wiedehopf am Boden. Mit seinem vier bis fünf Zentimeter langen, nach unten gebogenen Schnabel stochert er in der Erde nach größeren Insekten. Um eine Maulwurfsgrille aus dem Boden herauszuziehen, erweitert er sein „Stocherloch“, indem er mehrmals im Kreis darum herumläuft. Auf Flächen mit kurzer, lückiger Vegetationsdecke fängt er Heuschrecken, Käfer, Spinnen oder Waldameisen. Doch Nahrung und geeignete Lebensräume sind rar: Die heute bei der Graslandnutzung zum Einsatz kommenden Maschinen wie Kreiselmäher vernichten einen Großteil seiner Beutetiere. Viele Insekten fallen auch der starken Überdüngung der Böden und dem übermäßigen Einsatz von Pestiziden zum Opfer. Wenn zudem landschaftliche Kleinstrukturen wie etwa alte Obstbaumbestände und Trockensteinmauern verschwinden, verliert der höhlenbrütende Vogel seine Nistmöglichkeiten. Die aufgrund des Klimawandels trockenen und warmen Sommer der letzten Jahre ermöglichen dem wärmeliebenden Vogel zwar eine Ausbreitung seines Areals nach Norden. Doch dieser zunächst positiv erscheinende Effekt des Klimawandels wird von andauernden Gefährdungen überlagert, die die Ausbreitung einschränken und den deutschlandweiten Bestand des Wiedehopfs teilweise gefährden. Lebensraum und Bestandsentwicklung Noch bis in die 1950er Jahre war der Wiedehopf in wärmebegünstigten Gegenden Deutschlands ein verbreiteter Brutvogel. Auf großflächigen Brachen und Weiden fand er ausreichend Nahrung und Nistplätze in kleinräumig strukturierten und extensiv genutzten Hochstamm-Obstgärten. Starke Bestandsschwankungen sind typisch für Wiedehopf-Populationen und werden oft Witterungsverhältnissen zur Ankunfts- und Brutzeit, aber auch in den Überwinterungsgebieten zugeschrieben. Außerdem sind Bruten des Wiedehopfs erstaunlich heimlich, was ihre Erfassung erschwert. Doch langfristig stellen der Verlust des Lebensraums und der damit einhergehende Nahrungsmangel eine enorme Bedrohung für den bunten Vogel dar. Zufluchtsorte sind heute vor allem (ehemalige) militärische SperrNach dem großen Zuspruch bei der ersten öffentlichen Wahl zum Vogel des Jahres 2021, stellte für 2022 ein Fachgremium von NABU und LBV fünf Vogelarten zur Wahl, nämlich Bluthänfling, Feldsperling, Mehlschwalbe, Steinschmätzer und Wiedehopf. Bundesweit haben sich 143.000 Menschen an der Wahl beteiligt, aus Bayern gingen 21.700 Stimmen ein. UND DER GEWINNER IST ... Wiedehopf 31,9 % Mehlschwalbe 24,4 % Bluthänfling 19,9 % Feldsperling 16,3 % Steinschmätzer 7,6 % Auf Nahrungssuche stochert er mit seinem langen Schnabel am Boden nach Insekten. 14 VOGELSCHUTZ 1|22

Der Wiedehopf im Garten Während der Stunde der Gartenvögel wurden in den letzten drei Jahren vermehrt Beobachtungen des Wiedehopfs aus Bayern gemeldet. Waren es vor zehn Jahren nur vereinzelte Sichtungen, so sind es mittlerweile im Schnitt 25 Vögel pro Jahr, die meisten davon auf dem Durchzug. Eier bekennen Farbe Das Weibchen überträgt beim Brüten ein Bürzeldrüsensekret mit antimikrobiellen Eigenschaften auf die Schalen der Eier. Die Embryonen im Inneren werden so vor Infektionen geschützt, die durch die Schale eindringen können. Die Färbung der Eier ändert sich dadurch von einem weißen zu einem grünlichen Ton. Verwurzelt in der Kultur Die markante Erscheinung des Wiedehopfs hat seit jeher die Fantasie der Menschen angeregt und findet sich in Märchen, Sagen und Geschichten. Bereits in der griechischen Mythologie wird der König von Thrakien in einen Wiedehopf verwandelt. In dem deutschen Volkslied Die Vogelhochzeit bringt der Wiedehopf „der Braut ´nen Blumentopf“. Ist der Wiedehopf ein Specht? Nicht nur vom Aussehen her ähnelt der Wiedehopf mit dem langen Schnabel und den schwarz-weißen Federn auf Flügeln und Schwanz einem Specht. Auch genetisch sind beide verwandt: Sie besitzen einen gemeinsamen Vorfahren, sind also Schwestergruppen. Bereits 1976 wählten LBV und NABU den Wiedehopf zum Vogel des Jahres. Hier sind fünf weitere Fakten, die Sie vielleicht noch nicht über den markanten Vogel wussten. Schon gewusst? Was ist schon ein Name? In vielen Sprachen ist die Bezeichnung für den Wiedehopf onomatopoetisch, d.h. sie leitet sich aus den Lauten des Vogels ab. So heißt er nach seinem „up-up-up“-Ruf Hoopoe (engl.) und Upupa (ital.). Sein deutscher Name hingegen geht vermutlich auf die althochdeutsche Form „witihopfo“ zurück, was so viel wie Baumhüpfer bedeutet. FOTOS: MATHIAS SCHÄF, CREATURART-/, SYEDFABBAS-/, YEONGSIK IM-STOCK.ADOBE.COM, MIDDELHAUVE VERLAG VOGELSCHUTZ 1|22 15

gebiete, Bergbaustätten oder Sandgruben. Diese bieten dem Wiedehopf die benötigten kurzrasigen Nahrungsflächen, auf denen weder Dünge- noch Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Oft wird dort die Vegetation durch Beweidung ganzjährig kurzgehalten, und auch eine geringe Ruhestörung zur Brutsaison machen diese Gebiete zu vielversprechenden Lebensräumen. In einem solchen Sekundärhabitat liegt der derzeitige deutschlandweite Verbreitungsschwerpunkt des Wiedehopfs, nämlich mit 500 bis 600 Brutpaaren in den Folgelandschaften des Braunkohlebergbaus in der Lausitz (südliches Brandenburg, nordöstliches Sachsen). Deutschlandweit sind es mittlerweile immerhin zwischen 800 und 950 Brutpaare. LBV-Kreisgruppen setzen sich ein In Bayern gibt es aktuell nur vereinzelte Bruten und keine einzige stabile Population. Doch in den letzten Jahren häufen sich zumindest die Beobachtungen durchziehender Wiedehopfe. Um einige von ihnen zum Bleiben zu bewegen, haben LBV-Kreisgruppen mittlerweile mehrere hundert Nistkästen gebaut und aufgehängt. Schwerpunkte sind Mittel- und Mainfranken. Dass sich Mühe und Ausdauer auszahlen und Hoffnung machen, zeigt ein 2017 gestartetes Gemeinschaftsprojekt von LBV und Staatlicher Vogelschutzwarte des LfU, an dem zahlreiche Ehrenamtliche in verschiedenen nordbayerischen Kreisgruppen teilnehmen: 2018 gab es keine belegten Bruten in Bayern, 2019 wurden sechs und 2020 sogar elf Brutpaare gemeldet. Für das dauerhafte Überleben des Vogels des Jahres wird es darauf ankommen, dass das Zusammenspiel von Lebensraum und Nahrung, verbunden mit einem guten Höhlenangebot an störungsfreien Brutplätzen gelingt. Der Wiedehopf kann ein Botschafter sein für all die Arten, die ähnliche Ansprüche an den Lebensraum stellen und deren Bestand ebenfalls mit der Intensivierung der Landwirtschaft, der Verwendung von Pestiziden und der Aufgabe von jahrhundertealten Landnutzungsformen eingebrochen ist. Vor allem ist es enorm wichtig, Streuobstwiesen mit alten Naturhöhlen zu erhalten und das Pflanzen neuer Streuobstbäume zu fördern. DR. ANGELIKA NELSON Biologin, Umweltbildung E-Mail: angelika.nelson@lbv.de In mehreren Kreisgruppen bringen Ehrenamtliche große Holznistkästen weit unten an Bäumen an, die der Wiedehopf gerne als Ersatzbrutstätte nutzt. T H EMA Wer den Wiedehopf-Schutz fördern möchte, kann dies durch eine Patenschaft tun. www.lbv.de/pate FOTOS: MICHAEL EICK, RALPH-STOCK.ADOBE.COM, ANGELIKA NELSON 16 VOGELSCHUTZ 1|22 Tipp

Steckbrief Name Wiedehopf (Upupa epops) Verwandschaft Gehört zur Ordnung der Bucerotiformes (Hornvögel und Hopfe); in Europa keine nahen Verwandten, andere Wiedehopf-Arten leben in Afrika, Asien und auf Madagaskar. Merkmale Spechtgroß, wirkt aber bedeutend größer aufgrund seines langen, dünnen, gebogenen Schnabels sowie der aufrichtbaren Federhaube; langer schwarzer Schwanz mit weißer Binde; Kopf, Nacken und Hals orangebraun gefärbt; Rücken und Flügel kontrastreich schwarz-weiß gebändert; Weibchen nicht so intensiv gefärbt. Lebensraum Offene Landschaft mit warm-trockenem Mikroklima und schütterer Pflanzendecke: Streuobstwiesen, trockene Kulturlandschaften, extensiv bewirtschaftete Weideflächen, vereinzelt in Parks und Gärten mit altem Baumbestand. Nahrung Jagt am Boden, frisst vor allem große Insekten wie (Maulwurfs-)Grillen, Heuschrecken, Käfer und Engerlinge, größere Schmetterlingsraupen, Spinnen, Asseln, Hundert- und Tausendfüßler, Regenwürmer, Schnecken, gelegentlich auch Eidechsen. Brutbiologie Monogame Brutsaisonehe; Balz mit mehrsilbigen Rufreihen, aufgestellter Federhaube und gesträubtem Kehlgefieder; sekundärer Höhlenbrüter in Baumspalten, Astlöchern, Felshöhlen oder unter Dächern; legt von April bis Juli fünf bis acht ovale weiße Eier, die in circa 18 Tagen ausgebrütet werden; Jungvögel sind 23 bis 25 Tage im Nest. Nimmt spezielle Nistkästen an. Stimme Namensgebend; „up-upup“-Rufe recht weit zu hören; bei Erregung helles, kreischendes „schäär“, erinnert an Türkentaube oder entfernte Lachmöwe; daneben ein trockenes rollendes „tscherr“, z.B. am Nest. Zugverhalten Langstreckenzieher; in Deutschland nur in den Sommermonaten zu sehen, bereits ab Mitte Juli Flug nach Afrika, dort bis Februar/März. Verbreitung Gemäßigte bis tropische Zone Eurasiens und Afrika; in Deutschland und Bayern als wärmeliebende Art vorwiegend auf Obstwiesen, in Sandabbaugebieten oder an Weinbergen. Bestand Europa- und weltweit nicht gefährdet, mit geschätzt 890.000 Brutpaaren; in Mitteleuropa nur wenige Tausend Vögel, davon in Deutschland 800 bis 950 Reviere; in Bayern früher weit verbreitet, von 1998 bis 2005 ohne Brutnachweis, heute wieder vereinzelt und lokal Brutvogel mit etwa zehn Brutpaaren, vom Aussterben bedroht. Gefährdung Verlust von Lebensräumen und landschaftlichen Kleinstrukturen, Mangel an Nistplätzen und Nahrung in intensiv genutzter Landschaft (Pestizideinsatz, Überdüngung); Ruhestörungen am Brutplatz. FOTO: MATHIAS SCHÄF VOGELSCHUTZ 1|22 17

T H EMA In den kommenden Jahren entscheidet sich, ob und wie wir unsere Streuobstbestände in Bayern wieder stärken und ausbauen können. Voraussetzung ist, dass sich ökologische, organisatorische und wirtschaftliche Zukunftsfragen zwischen allen Beteiligten ohne Scheuklappen und zielführend behandeln lassen. Der Streuobstpakt schafft dafür eine gute Ausgangsbasis. Chancen und Herausforderungen für alle Akteure Der Bayerische Streuobst- pakt Streuobstwiese in der Hersbrucker Alb im Frühjahr. 18 VOGELSCHUTZ 1|22

FOTOS: RALF HOTZY, ALEXANDER VORBECK Genügend Flächen Allen Beteiligten ist bewusst, dass die hochgesteckten Ziele nicht einfach zu erreichen sein werden. So sind die bayerischen Baumschulen im Moment gar nicht in der Lage so viele Bäume wie nötig zu liefern. Ebenso sucht man derzeit nach geeigneten Flächen für eine entsprechende Bepflanzung. Hierfür bieten sich zuallererst bestehende Streuobstbestände an, die sich oft durch unübersichtliche Besitzverhältnisse auszeichnen. Gerade in den unterfränkischen Realteilungsgebieten ist das eine Herausforderung. Aber ohne eine gründliche Vorplanung und Abstimmung mit den Eigentümern machen Pflanzungen keinen Sinn. Wertvolle Acker- oder Wiesenflächen werden die Landwirte erst für den Streuobstbau zur Verfügung stellen, wenn der Anbau auch eine wirtschaftliche Perspektive hat. Streuobstwiesen sind durch ihre Strukturvielfalt Hotspots der Biodiversität. Sie bieten vielen Vogelarten, aber insbesondere der Insektenwelt wichtige Lebensräume. Ihr Erhalt war daher beim Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“ eine der zentralen Forderungen. Über 18 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung in Bayern unterstützten dies und zwangen damit die Bayerische Staatsregierung zum Handeln. Ein Runder Tisch sollte die Kluft zwischen Landwirtschaft und Naturschutz überbrücken. Doch die Staatsregierung erließ trotz heftiger Proteste der Naturschutzverbände im Februar 2020 eine Verordnung, in welcher das Kriterium des Kronenansatzes für den Schutz hochstämmiger Obstbäume von 1,60 Meter Höhe auf 1,80 Meter geändert wurde. Dadurch fiel nur noch ein Bruchteil der bestehenden Streuobstbestände unter gesetzlichen Schutz, weshalb LBV und BN Klage beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof gegen diese Verordnung einreichten. Die Bayerische Staatskanzlei sah sich gezwungen, neuerlich einen Runden Tisch einzuberufen, um Maßnahmen für den Erhalt des Streuobstes in Bayern zu erarbeiten. Das Ergebnis ist der am 18. Oktober 2021 unterzeichnete Streuobstpakt. Er hat zum Ziel, den derzeitigen Streuobstbestand nicht nur zu erhalten, sondern bis 2035 um eine weitere Million Bäume zu erweitern. Das breit angelegte Maßnahmenpaket hat ein Volumen von 670 Millionen Euro. LBV und BN lassen ihre gemeinsame Klage gegen die umstrittene Streuobstverordnung vorerst ruhen, denn die Verbände gehen zurecht davon aus, dass die positiven Effekte eines erfolgreich umgesetzten Streuobstpaktes die einer Unterschutzstellung der Streuobstbestände bei Weitem überwiegen. Doch es bleiben viele Herausforderungen: Obstbaumausgabe beim Schlaraffenburger Streuobstprojekt, das vom LBV initiiert wurde. VOGELSCHUTZ 1|22 19

T H EMA Gezielte Fördergelder Der Löwenanteil des Geldes des Streuobstpaktes darf nicht auf Verwaltung und Konzepte entfallen, sondern muss bei denen ankommen, die die Bäume pflanzen und pflegen. Aktuell herrscht hier ein großer Missstand. An die Streuobst-Fördermittel aus dem Vertragsnaturschutzprogramm und dem Kulturlandschaftsprogramm kommen bisher die wenigsten Streuobstbewirtschafter heran. Eine Erhöhung der Förderprämien muss vorrangig ihnen zugutekommen. Attraktiver Anbau Streuobst muss zudem als Betriebszweig für Landwirte attraktiv werden. Die Erhöhung der Förderprämien ist hier nur eine Seite der Medaille. Das Thema Streuobst muss in der landwirtschaftlichen Ausbildung und Beratung wieder eine wichtige Rolle spielen. Wenn attraktive Preise und Möglichkeiten der Mechanisierung eine wirtschaftliche Perspektive bieten, können wir die Landwirte für Streuobst gewinnen und die ehrgeizigen Ziele erreichen. Keine China-Importe mehr Während jährlich Millionen Liter chinesisches Apfelsaftkonzentrat importiert werden, verfaulen tonnenweise Streuobstäpfel auf den deutschen Wiesen. Immerhin erkennen die Keltereien allmählich, dass sie sich über Jahrzehnte hinweg mit den niedrigen Kelterobstpreisen selbst den Ast abgesägt haben, auf dem sie sitzen. Damit aber der Umstieg auf heimisches Obst erfolgt und der Streuobstpakt Erfolg hat, muss man ihnen und den Streuobsterzeugern eine wirtschaftliche Marktperspektive geben. Ebenso muss es gelingen, dass sich Konsumenten nicht länger nur vom Motto „Geiz ist geil“ beim Einkauf lenken lassen. Eine klare Kennzeichnung der Produkte im Handel könnte hier helfen, um Apfelsäfte mit billigem chinesischem Konzentrat klar von regionalen Marken unterscheiden zu können. Ausreichend Fachwissen Es fehlt an fachkundigem Personal für die Planung, Pflanzung und Pflege. Häufige Planungsfehler sind zu geringe Pflanzabstände und ungeeignete Sorten. Hier besteht massiver Handlungsbedarf, was das Fachwissen der Planer, aber auch der Verwaltung angeht. Darüber hinaus fehlen Fachleute für die fachgerechte Pflege der Streuobst-Bestände. Die gepflanzten Bäume brauchen in den ersten Standjahren eine intensive Betreuung. Wenn diese nicht gewährleistet ist, sollte man besser auf die Pflanzung verzichten. Streuobstwiese in Großweingarten bei Spalt. 20 VOGELSCHUTZ 1|22 FOTOS: RALF HOTZY, ALEXANDER VORBECK (2)

Wirtschaftlichkeit wichtig Auch die Verbände und ihre Unterstützer müssen umdenken: Unsere heutigen Streuobstbestände sind überwiegend Relikte aus einer Vergangenheit mit kleinbäuerlicher Landwirtschaft. Wenn aber Streuobst eine Zukunft haben soll, muss der Schwerpunkt künftig auf gut nutzbaren Streuobstbeständen liegen, die nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten angelegt werden. Einheitliche Reifezeitpunkte und die Verwendung von ertragreichen Sorten spielen hier zum Beispiel eine Rolle. Maschinelle Ernte sowie Düngung im Traufbereich der Obstbäume, wo diese unter Mangel leiden, müssen möglich sein. Solche Bestände stellen die Kernbereiche künftiger Streuobstlandschaften dar. Prägendes Landschaftsbild Wenn wir Streuobst als landschaftsprägende Elemente erhalten wollen, reicht es nicht aus, ein paar „Vorzeige-Obstwiesen“ anzulegen, auf denen das ökologische Optimum zelebriert wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch unsere heutigen alten Streuobstbestände unter rein ökonomischen Gesichtspunkten angelegt und in den Jugendjahren intensiv gepflegt wurden! Die Akteure des Streuobstpaktes stellen sich all diesen Herausforderungen und wollen ein ambitioniertes Programm zum Streuobsterhalt auflegen. Für eine erfolgreiche Umsetzung müssen wir uns den großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit stellen. Es geht darum, nicht nur Bäume zu pflanzen, sondern mit nachhaltiger Landwirtschaft und leistungsfähigen regionalen Wertschöpfungsketten das Artensterben zu stoppen und unsere Lebensgrundlagen für künftige Generationen zu erhalten. Der Streuobstpakt hat das Potenzial, eine Kehrtwende im Streuobstanbau in Bayern einzuleiten. ALEXANDER VORBECK Geschäftsführer Schlaraffenburger Streuobstagentur E-Mail: alex.vorbeck@ schlaraffenburger.de Symbolträchtige Pflanzaktion nach Vertragsunterzeichnung. VOGELSCHUTZ 1|22 21 FOTOS: ALEXANDER VORBECK (2), STMUV Auch auf gutem Boden Den Streuobstbestand in Bayern nur an den Baumzahlen zu messen, ist ebenfalls zu kurz gegriffen. Die Praxis zeigt, dass sich die Streuobstbestände auf Grenzertragsflächen konzentrieren. Gebiete mit guten landwirtschaftlichen Böden gleichen dagegen einer Streuobstwüste. Der Erhalt der Streuobstkulisse und ihre Erweiterung in ausgeräumten Landschaften sollte daher unser erklärtes Ziel sein. Streuobst sollte flächendeckend vorhanden und erlebbar sein. Für künftige Streuobstflächen sind klare Zielvorgaben und konkrete Nutzungskonzepte nötig. Schon bei der Planung müssten die Aspekte Wirtschaftlichkeit, Biodiversität und Landschaftsbild schwerpunktmäßig einbezogen werden.

EIN BREITES BÜNDNIS Politik, Verbände, Wirtschaft und Kommunen wollen Streuobst retten T H EMA 22 VOGELSCHUTZ 1|22 Der Bayerische Streuobstpakt will die Streuobstbestände in Bayern retten helfen und Neuanpflanzungen fördern. Ausgestattet mit einem hohen Millionenbudget und unterstützt durch ein breites gesellschaftliches Bündnis kann es nun losgehen mit Projekten und Aktionen. Erste Beispiele zeigen, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte. FOTOS: REMINDFILMS - STOCK.ADOBE.COM

Streuobst ist ein prägendes und zugleich stark bedrohtes Element vieler Kulturlandschaften in Bayern. Der Bestand ging allein in den letzten sechzig Jahren um rund 70 Prozent zurück und beläuft sich aktuell auf nur noch fünf bis sechs Millionen Streuobstbäume. Ursachen für diesen hohen Verlust sind Baugebiete, Flurbereinigung, landwirtschaftliche Intensivierung und Verbrachung. Um nicht nur den weiteren Rückgang zu verhindern, sondern die Entwicklung umzudrehen, wurde am 18. Oktober 2021 der Bayerische Streuobstpakt zwischen der Staatsregierung und einem breiten Bündnis an Verbänden, zu denen maßgeblich der LBV gehört, geschlossen. Gemeinsam haben die wesentlichen Akteure aus Staatsregierung, Naturschutz, Landschaftspflege und Landwirtschaft, Baumschulen und Fruchtsaftindustrie einen Masterplan entwickelt, wie erstmals in Deutschland tatsächlich dem massiven Schwund der Streuobstwiesen die Stirn geboten werden kann. Umweltminister Thorsten Glauber sprach in diesem Zusammenhang von „Bayerns Korallenriffen“, um damit die herausragende Bedeutung der Streuobstwiesen für die Artenvielfalt im Freistaat zu betonen. Dieser „Mitmachpakt“, so Alois Glück, der Leiter des Runden Tisches zum Streuobstpakt und Landtagspräsident a. D., bedarf vieler fleißiger Hände: Baumschulen müssen verstärkt Obstbäume produzieren, Akteure vor Ort diese mit Herz und Verstand pflanzen und pflegen sowie insbesondere ältere Bestände wieder nutzen. Zudem muss die Verwertung der Produkte in Fahrt kommen: statt importiertem Fruchtsaftkonzentrat aus aller Herren Länder wieder frischer Apfelsaft von der StreuobstwieObstlehrpfad am Kirchberg: eine Informationstafel erklärt. Landschaftsprägende Streuobstbäume. VOGELSCHUTZ 1|22 23 se im Ort! Von Ministerpräsident Dr. Markus Söder wurde das gemeinsame Ziel des Bayerischen Streuobstpaktes im Oktober verkündet: Die Streuobstwiesen in Bayern sollen erhalten und darüber hinaus zusätzlich eine Million Streuobstbäume bis 2035 gepflanzt werden. Dafür will die Staatsregierung über 600 Millionen Euro bereitstellen. Alle müssen an einem Strang ziehen Ob Privatperson, Kommune oder Verband, jede Besitzerin und jeder Besitzer einer geeigneten Wiese kann eine finanzielle Förderung für die Anlage einer ökologisch wertvollen Streuobstwiese über die sogenannten Landschaftspflege- und Naturparkrichtlinien (LNPR) des Umweltministeriums erhalten. Wichtig für den Naturschutz ist dabei, dass die Bäume hochstämmig sind und gleichzeitig auch die Wiese oder Weide unterhalb der Bäume naturverträglich bewirtschaftet wird. Das sichert wertvollsten Lebensraum auf beiden Ebenen. Mindestens genauso wichtig wie die Neupflanzung ist die naturverträgliche Pflege von alten und ökologisch wertvollen Streuobstwiesen. Viele Flächen müssen dazu von Brombeeren und Schlehen befreit sowie die Bäume fachgerecht geschnitten werden, damit diese Bestände nicht zusammenbrechen. Der formale Weg zur Förderung ist nicht ganz einfach, da natürlich all die haushaltsrechtlichen Vorgaben des Staates einzuhalten sind: Am besten wenden sich Interessierte an Beweidung mit Schafen und Ziegen am Kirchberg, Gemeinde Gesees, Landkreis Bayreuth FOTOS: GERHARD BERGNER (2), DR. STEFAN BÖGER

24 VOGELSCHUTZ 1|22 Die unten beispielhaft aufgeführten Förderprojekte setzen auf eine enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit der Beteiligten. Denn nur so lässt sich die Biologische Vielfalt der Baumhabitate langfristig sichern und die Wertschätzung in der Bevölkerung für den Erhalt, die Verarbeitung und Nutzung alter wertvoller Obstsorten erhöhen. Insgesamt sind noch viele wichtige Bausteine des Streuobstpaktes im Aufbau. So wollen zum Beispiel das Bayerische Umweltministerium und vor allem das Bayerische Landwirtschaftsministerium die Fördermöglichkeiten für die Streuobstwiesen in Bayern verbessern. Hierzu wird die naturverträgliche Bewirtschaftung der Wiesen und Weiden unterhalb der Bäume künftig mit zwölf Euro pro Baum und Jahr im Vertragsnaturschutz- und im Kulturlandschaftsprogramm gefördert. Weitere Förderaktivitäten sind im Landwirtschaftsministerium in Vorbereitung. Von dort werden zudem Forschung und Marketing weitere wichtige Impulse erfahren. Dieses gemeinsame Engagement für unsere Streuobstwiesen wäre ohne den LBV nicht denkbar gewesen. Dr. Norbert Schäffer hat hier als Vorsitzender mit diplomatischem Feingefühl wesentlich dazu beigetragen, dass der Streuobstpakt als neue und wertvolle Kooperation zwischen Verbänden und Staatsregierung entstanden ist. Besten Dank und auf gute Zusammenarbeit mit dem LBV! den örtlichen Landschaftspflegeverband (Adressen unter www.landschaftspflegeverband.de). Er kann die Aktivitäten bündeln, Partner wie Obst- und Gartenbauverbände sowie die Naturschutzverbände integrieren und entsprechende Förderanträge bei der unteren Naturschutzbehörde stellen. Oftmals gibt es bei den Landschaftspflegeverbänden bereits Listen, welche Regionalsorten sich bewährt haben. Ziel des Umweltministeriums ist es, dass auf regionaler Ebene Anträge für den Erhalt und die Neupflanzung von Streuobstwiesen zu mehrjährigen Projekten gebündelt werden. Das schafft wiederum Planungssicherheit, damit die Baumschulen verstärkt in die Produktion von hochstämmigen Obstbäumen einsteigen können. Weitere wichtige Aktivitäten rund ums Streuobst wie die Ausbildung von Baumwarten, gemeinsame Pflegeaktivitäten von ganzen Dörfern für „ihre“ Streuobstwiesen oder Aktivitäten im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit können dabei integriert werden. In den wenigen bayerischen Landkreisen ohne Landschaftspflegeverband ist die untere Naturschutzbehörde die erste Ansprechpartnerin für Antragsteller. Zudem werden bei den höheren Naturschutzbehörden auf Ebene der Regierungsbezirke eigene Projektstellen für Streuobstexpertinnen und -experten geschaffen, die lokale Aktivitäten unterstützen werden. Kreisgruppen des LBV, die sich bereits stark für „ihre“ Streuobstwiesen engagieren, können entscheiden, ob sie eigene Förderanträge stellen oder dies gemeinsam mit dem örtlichen Landschaftspflegeverband tun. Ziel sollte sein, dass auch vor Ort – ähnlich wie auf Landesebene – alle Aktiven gemeinsam und gebündelt an einem Strang ziehen. T H EMA WOLFRAM GÜTHLER Leiter Referat Landschaftspflege und Naturschutzförderung im StMUV E-Mail: Wolfram.Guethler@ stmuv.bayern.de Gemeinsam für Streuobst Drei Beispiele, die hoffentlich viele Nachahmer finden: Der Sortengarten Weigelshofen im oberfränkischen Landkreis Forchheim mit seinen 135 verschiedenen Apfel- und Birnensorten will der Öffentlichkeit die regionale Vielfalt der heimischen Obstsorten vor Augen führen. In den mittelfränkischen Landkreisen Ansbach und WeißenburgGunzenhausen wurde das Projekt „Streuobstberatung“ gefördert. Es soll einer breiten Öffentlichkeit das Wissen um eine fachgerechte Pflanzung, Pflege und Nutzung der Streuobstwiesen vermitteln. Mit dem Projekt „Erhalt der Obstsortenvielfalt in Markt Berolzheim“ will die Gemeinde aus selten gewordenen Sorten Jungbäume ziehen. FOTOS: REMINDFILMS - STOCK.ADOBE.COM, DR. STEFAN BÖGER , NORBERT METZ, CLAUDIA MUNKER Förderprojekte

FOTOS: CLAUDIA BECHER, LBV-ARCHIV Runder Tisch statt Blockade Gastkommentar Alois Glück Alois Glück (geb. 1940) war 38 Jahre CSU-Landtagsabgeordneter, dabei unter anderem Vorsitzender der Landtagsfraktion, des parlamentarischen Umweltausschusses, Landtagspräsident und Staatssekretär im Umweltministerium. 2019 moderierte Alois Glück im Anschluss an das Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“ den Runden Tisch Artenvielfalt. 2021 übernahm er die Moderation eines Runden Tisches zum Thema Streuobst. VOGELSCHUTZ 1|22 25 P O L I T I K Die Bedeutung der Streuobstflächen für den Artenschutz war eine zentrale Forderung des Volksbegehrens Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“ und Thema in den nachfolgenden Beratungen beim Runden Tisch Artenvielfalt. Das Ergebnis war eine von der Staatsregierung erlassene Streuobstverordnung, mit der alle Beteiligten unzufrieden waren: Der rechtliche Schutz führte vor allem zu Abwehrreaktionen der Besitzer von Streuobstflächen. Es war für sie ein Eingriff in das Eigentum. Und ein Schutz allein bringt keine neuen Pflanzungen. Also schleichender Niedergang. Die im Mai 2020 unter anderem vom LBV angekündigte Klage gegen die Verordnung war gleichzeitig ein Stachel im Fleisch der Politik. Entsprechende juristische Auseinandersetzungen konnten für die Politik nur schädlich sein. In dieser Situation konnte das im April 2020 von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft vorgelegte Konzept Vorschläge für eine koordinierte Aktion „Bayerisches Streuobst – Erhaltung durch Nutzung und Inwertsetzung“ fachlich den Weg zum späteren Streuobstpakt ebnen. Die Grundidee ist dabei, den Streuobstanbau auch wirtschaftlich interessant zu machen durch die Zusammenarbeit mit den Akteuren der Vermarktung. Als ich diesen Vorschlag durch einen der Autoren des Konzepts erhielt, schlug ich der Staatskanzlei vor, alle Akteure neuerlich zu einem Runden Tisch einzuladen, was dann auch geschah. Aufgrund der Corona-Krise und den damit verbundenen Auflagen fanden die Besprechungen, zu denen der Leiter der Staatskanzlei jeweils einlud, als Online-Schaltkonferenzen statt und wurden von mir moderiert. Am Ende war der Weg frei für einen umfassenden Pakt und eine Initiative der Staatsregierung, die nicht ausschließlich vom Landwirtschaftsministerium getragen war. Der Bayerische Streuobstpakt wird dem Streuobstanbau in Bayern eine neue Dynamik geben. Dafür gibt es eine positive Eigendynamik durch die Interessenslage aller Beteiligten. Ich halte es dabei für sinnvoll, wenn etwa in dreijährigem Abstand wieder gemeinsam die Entwicklungen bewertet und notwendige Schlussfolgerungen gezogen werden. Der Streuobstpakt ist vor allem auch ein Verdienst des LBV! Es ist deshalb naheliegend, wenn der Verband mit der Staatskanzlei in Verbindung bleibt. Die Staatsregierung ist ihrerseits mit den Beschlüssen zur Finanzierung und der öffentlichen Präsentation der Initiative auch eine entsprechende Selbstbindung eingegangen. „Der Streuobstpakt ist vor allem auch ein Verdienst des LBV“

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