VOGELSCHUTZ 4-21

T H EMA DR. NORBERT SCHÄFFER LBV-VORSITZENDER Es ist eine dieser Situationen, die man nicht erfinden könnte: September 2018, zumindest in Mittelfranken erleben wir eine regelrechte Obstschwemme. Überall leckere Äpfel, doch im Supermarkt wird Obst verkauft – bio, aus Chile, für 3,99 Euro das Kilo. Absurd. Streuobst war einmal selbstverständlich Es gab einmal eine Zeit, da waren Produkte aus Streuobst, egal ob Tafelobst oder Fruchtsaft, eine Selbstverständlichkeit. In meiner Kindheit haben meine Eltern jeden Herbst große Mengen von Äpfeln zur Mosterei gebracht, um im Gegenzug verbilligten Apfelsaft erwerben zu können. Zugegeben, Triebfeder war nicht primär der Wunsch nach biologisch oder regional hergestellten Produkten, vielleicht nicht einmal der hervorragende Geschmack. Es war ganz einfach die Tatsache, dass Apfelsaft von eigenen Obstbäumen preiswerter war als im Supermarkt oder Getränkehandel. Und so ging es vielen Menschen. Heute aber ist Saft aus dem Supermarkt billig. Der finanzielle Anreiz für die Verwendung von Streuobst fehlt – und damit sank über die Jahrzehnte dessen Bedeutung. Es gab sogar eine Zeit, in der die EU Rodungsprämien für die scheinbar überflüssigen und störenden Obstbäume bezahlt hat! Für unsere Landschaft und Biologische Vielfalt aber waren und sind Obstbäume von immenser Bedeutung. Wissenschaftler haben auf Streuobstwiesen über fünftausend Tier- und Pflanzenarten gezählt. Besonders spektakuläre Beispiele aus der Vogelwelt sind Grünspecht, Gartenrotschwanz, Wendehals und der Vogel des Jahres 2022, der sehr seltene Wiedehopf. Große Chance: der Bayerische Streuobstpakt In meiner Kindheit gab es in Bayern rund 20 Millionen Streuobstbäume. Heute sind davon gerade einmal fünf Millionen übrig. Und auch davon gingen bis vor Kurzem alljährlich über 100.000 Bäume verloren. Ursache für diesen Trend ist zunehmend nicht mehr die bewusste Rodung von Bäumen, sondern das altersbedingte Absterben. Apfelbäume werden nicht alt und von den vor allem nach dem Zweiten Welt10 VOGELSCHUTZ 1|22 krieg aus purer Not heraus gepflanzten Bäumen werden in den kommenden 20 Jahren etwa 40 Prozent absterben. Doch dann kam im Jahr 2021 der Bayerische Streuobstpakt. An seinem Entstehen war der LBV maßgeblich beteiligt. In ihm ist das Ziel festgelegt, die altersbedingt absterbenden Obstbäume zu ersetzen und bis zum Jahr 2035 zusätzlich eine Million Bäume zu pflanzen. Ein ausgesprochen ambitioniertes Ziel. Wir alle, Naturschutzverbände, Kommunen, Kirchen, Landwirte, Privatpersonen usw. müssen daran mitarbeiten, dieses Ziel zu erreichen. Voraussetzung für den Erfolg ist, neben den notwendigen Geldern und dem erforderlichen Personal, dass es für uns alle wieder ganz normal wird, Obst von Streuobstwiesen zu nutzen – weil es gut ist für uns, unsere Natur und unsere Landschaft. Lebensmittel bio und regional Das erfolgreiche Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“ hat die Leitplanken für mehr Bioprodukte gesetzt. Ziel ist unter anderem, dass bis zum Jahr 2030 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche Bayerns biologisch bewirtschaftet werden. Hierbei ist bio und regional wichtig; bio darf nicht einfach durch regional ersetzt werden. Wichtig ist sicherlich auch, dass wir alle verstärkt saisonale Produkte wählen – und eben nicht Erdbeeren im Januar. An der Ladentheke entscheiden wir mit, ob wir beim Sonntagsspaziergang Feldlerchen und Goldammern, Schmetterlinge und Hummeln in unserer Kulturlandschaft genießen können. Das sind ganz einfache Zusammenhänge. Mit Bevormundung hat das nichts zu tun, aber jede und jeder von uns kann durch kleine Schritte einen Beitrag zur Veränderung leisten. Windkraft und Artenschutz Spätestens seit der Bundestagswahl nimmt die Diskussion um Windkraft auch in Bayern wieder Fahrt auf. Für den LBV steht fest: Die Klimakrise ist langfristig eine immense Gefahr – gerade auch für unsere Biologische Vielfalt. Wir müssen die Klimakrise und die Biodiversitätskrise gemeinsam lösen. Keinesfalls dürfen wir beim Kampf gegen die KlimaS T A ND P UN K T für unser Streuobst Wertschätzung

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