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VOGELSCHUTZ
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Alpensteinböcke faszinieren den Menschen schon seit
jeher, so dass sie im 18. Jahrhundert nahezu ausgerottet
waren. Einzig die Errichtung des königlichen, jagdlichen
Schutzgebietes Grand Paradiso (südlich des Aostatals in
Oberitalien) konnte ihr Aussterben verhindern. Später ent-
stand hier der gleichnamige Nationalpark, aus dem heute
praktisch alle Steinböcke in den Alpen abstammen. Mit der
Unterschutzstellung haben sich die Bestände langsam er-
holt. Gezielte Wiedereinbürgerungen von Tieren aus Zoos
(Alpenzoo Innsbruck, Tierpark Hellabrunn München) oder
Umsiedlungen führten zu einem Anstieg der Steinbockpo-
pulation in den Alpen, die heute auf insgesamt etwa 33.000
Tiere geschätzt wird.
Doch wie viele Alpensteinböcke gibt es in Deutschland?
Wie gehen sie mit den Auswirkungen des Klimawandels
um und wie mit Störungen? Welche Funktion haben sie
in seinem Lebensraum? In Bayern kommen Steinböcke in
den Allgäuer Hochalpen (Landkreis Oberallgäu), im Am-
mergebirge (Ostallgäu / Garmisch-Partenkirchen), an der
Benediktenwand (Bad Tölz), am Brünnstein (Rosenheim)
und im Hagengebirge (Berchtesgadener Land) vor. Das
Wissen über genaue Höhe und Entwicklung des Bestan-
des in Bayern ist jedoch sehr begrenzt, weil im Gegensatz
zu den anderen Alpenregionen bislang keine vergleich-
baren systematischen Steinbockzählungen durchgeführt
werden. Hier setzt das Projekt „Steinbock in Bayern“ an:
Der LBV möchte mit dem Bayerischen Jagdverband (BJV),
dem Bund Bayerischer Berufsjäger und den Bayerischen
Staatforsten mehr Informationen über diese Art in Bayern
herausfinden und will auch die Bevölkerung einbinden um
die Basis für ein langfristiges Steinbockmonitoring in Bay-
ern zu sichern.
Kein Berg ist ihm zu steil
Sowohl Steinbock-Männchen als auch -Weibchen tragen
den auffälligen „Kopfschmuck“. Männliche Hörner sind mit
bis zu 100 cm Länge jedoch deutlich größer und besitzen
auffällige Knoten an der Vorderseite (weibliche Hörner
sind nur 30 cm lang). Weibliche Steinböcke werden bis zu
50 kg schwer, männliche bis zu 120 kg. Der Körper des
horntragenden Wiederkäuers ist gedrungen und muskulös.
Sein Sommerfell ist gelbbraun, mit dunkelbraun gefärbten
Beinen. Bauch und Hinterteil („Spiegel“) sind weißlich. Das
Winterfell ist dunkler und weniger kontrastreich. Die Hufe
der Alpensteinböcke besitzen eine besondere Anpassung
an den Lebensraum: Verhornte Ränder garantieren die
Trittfestigkeit, während weiche Innenballen ein Abrutschen
verhindern. Da sich beide Hufzehen unabhängig vonein-
ander bewegen können, lässt sich der Fuß an jede Un-
ebenheit anpassen. Die Tiere verfügen über eine sehr gute
Sprungkraft. Steinböcke können bis zu 20 Jahre alt wer-
den, ihr anspruchsvoller Lebensraum ermöglicht ihnen je-
doch nur eine geringe Nachwuchsrate und ist auch für die
hohe Sterblichkeitsrate verantwortlich, von der wiederum
Steinadler und Bartgeier als Kadaver- bzw. Knochenfres-
ser profitieren. Zwar sind männliche Steinböcke bereits mit
zwei Jahren geschlechtsreif, sie können sich aber frühes-
tens nach sechs Jahren mit den älteren Böcken im Riva-
lenkampf messen und diesen überstehen.
Wo Sie die Steinböcke finden
Wer einen Steinbock sehen will, trifft die Tiere in den
Nordalpen meist erst ab 1.800 Meter und somit über der
aktuellen Waldgrenze an. Sie bleiben dort selbst im Winter.
Zu dieser Zeit suchen sie vorwiegend süd- bzw. südwest-
exponierte schneefreie Hänge auf. Bei hoher Schneebe-
deckung scharren die Tiere im Schnee nach bevorzugten
Nahrungspflanzen: Im Winter sind dies Polsterpflanzen
(Silberwurz) oder Holzgewächse (Alpenrose), im Sommer
fressen sie Gras und Blütenpflanzen. Dabei setzt sich eine
Steinbockherde aus bis zu 20 Weibchen und Jungtieren
zusammen. Junggesellen halten sich hingegen in separa-
ten Gruppen auf. Alte Böcke wiederum sind meist Einzel-
gänger oder zeitweise in Gruppen zusammengeschlossen.
Steinböcke überhitzen schnell, da sie über vergleichswei-
se wenig Schweißdrüsen zur Thermoregulation verfügen.
Daher suchen die Tiere an heißen Sommertagen schatti-
ge Nordseiten oder die Nähe von Schneefeldern auf. Zwei
Fressphasen, eine morgens und eine nachmittags, bestim-
men ihren Tagesrhythmus. Am Abend gehen die Tiere zu
bevorzugten Liegeplätzen.
Bei Gefahr fliehen Steinböcke felsaufwärts in schwer zu-
gängliche Bereiche. Sie besitzen aufgrund des geringen
Jagddrucks gegenüber Menschen eine kurze Fluchtdis-
tanz von nur wenigen Metern. Vorsicht aber vor Steinbock-
steinschlag! Wanderer mit Hund werden wie ein natürlicher
Feind mit gezieltem Lostreten von Gesteinsmaterial be-
grüßt. Gegenüber Flugobjekten (Gleitschirmflieger, Hub-
schrauber, Drohnen) reagieren Steinböcke sogar noch
empfindlicher und flüchten bereits im Abstand mehrerer
hundert Meter.
Zur Fortpflanzungszeit ab Dezember gesellen sich die Bö-
cke zu den Weibchen und versuchen, Kontrolle über eine
Herde zu bekommen. Treffen dabei zwei gleichstarke Bö-
cke aufeinander, kann es zu Rivalenkämpfen kommen, bei
denen die Tiere mit voller Wucht mit den Hörnern zusam-
menstoßen. Den Winter über bleiben die Böcke bei ihren
Herden und verlassen sie erst im Frühjahr wieder. Nach
einer Tragzeit von sechs Monaten kommt Anfang Juni in
der Regel ein Jungtier (sehr selten zwei) zur Welt, das vom
ersten Tag an klettern kann.
Fotos: Ralph Martin, Hans-Joachim Fünfstück/5erls-Naturfotos.de
HENNING WERTH
Gebietsbetreuer
Allgäuer Hochalpen
h-werth@lbv.deTel. 08321-619036
Sind Sie in den bayerischen Stein-
bockgebieten unterwegs und sehen
dabei Steinböcke? Dann melden Sie
uns diese ganz einfach unter
www.lbv.de/steinbockBITTE MELDEN SIE UNS
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Faszinierende Art in extremem Lebensraum:
Der Alpensteinbock stellt die Biologen
noch vor viele Fragen.




