Mit seinen gut zwei Metern Flügelspannweite ist der Steinad-
ler nicht nur eine imposante Erscheinung am Himmel, son-
dern auch der größte Brutvogel in den Bayerischen Alpen.
War der Steinadler früher in Deutschland bis in die Küstenre-
gionen anzutreffen, ist sein Bestand durch direkte Verfolgung
und Aushorstung von Jungvögeln sowie durch Lebensraum-
verluste stark dezimiert worden. Lediglich in den unzugängli-
chen Gebieten der Alpen konnte er überleben.
In den Bayerischen Alpen sind derzeit rund 45 Steinadler-
Reviere besetzt. Die Anzahl weiterer potentieller Reviere
ist jedoch gering. Das Problem: Die Bruterfolge in Deutsch-
land sind im Vergleich zum internationalen Alpenraum sehr
niedrig. Deshalb wurde 1997 das Artenhilfsprogramm (AHP)
Steinadler in den Bayerischen Alpen gestartet. Neben dem
Aufbau einer langfristigen Überwachung des Bestandes zähl-
te die jährliche frühzeitige Identifizierung der besetzten Horst-
standorte zu den wichtigsten Aufgabenfeldern, um im Radius
von einem Kilometer Flugverbotszonen für Hubschrauber
und Motorsegler während der Brutzeit zu erwirken.
Das harte Leben der „Könige"
Im Flug ist der Steinadler an seinen langen brettartigen und
stark gefingerten Flügeln gut zu erkennen. Während die er-
wachsenen Steinadler fast einheitlich dunkelbraun mit gold-
gelbem Oberkopf und Nacken gefärbt sind, besitzen die
Jungvögel leuchtend weiße Federpartien auf der Flügelunter-
und Oberseite, die so genannten Flügelfenster. Ein weiteres
Merkmal der Jugend ist der helle Schwanz mit schwarzer
Endbinde. Mit Eintritt in die Geschlechtsreife nach ungefähr
fünf Jahren sind diese Kennzeichen weitestgehend ver-
schwunden.
Steinadler leben monogam und sind ganzjährig in ihrem Re-
vier anzutreffen. Die Reviergröße ist dabei auch abhängig
von der Nahrung und beträgt bei alpinen Steinadlern 43 bis
100 Quadratkilometer, was somit der Größe der Insel Sylt
entsprechen kann. Ihre spektakulä-
ren Luftspiele in Form von Girlanden-
flügen während der Balz können na-
hezu ganzjährig beobachtet werden,
erreichen aber zwischen Januar und
März ihren Höhepunkt. Das Weib-
chen legt ab etwa März meistens zwei Eier in einem Abstand
von drei bis fünf Tagen, so dass die Jungvögel beim Schlupf
unterschiedlich groß sind. In der Regel überlebt nur eines
der Jungen. Nur unter besonders günstigen Bedingungen
können beide Jungvögel großgezogen werden. Die Nahrung
variiert innerhalb der Reviere. Neben Murmeltier, Gämse,
Fuchs, Schnee- und Feldhase, Raufußhühnern, Alpendohle
und Tauben finden sich auch Knochen von Alpensalaman-
dern oder Spitzmäusen in der Sammlung der Beutetiere.
Nach etwa 70-80 Tagen verlassen die Jungen schließlich
den Horst. Dabei bedarf es sicherlich einer gewissen Über-
windung, in schwindelerregender Höhe zum ersten Mal den
freien Fall aus dem vertrauten Horst zu wagen, um dann als
„König der Lüfte“ durch die atemberaubende Landschaft der
Alpen zu fliegen. Nach dem Verlassen des Horstes Ende Juli/
Anfang August ist die Lehrzeit für den Beutefang sehr kurz,
denn bereits im September kann es in den Hochlagen zum
ersten Mal schneien, Beutetiere gehen in den Winterschlaf
oder sind weniger aktiv. Neben der selbst erbeuteten Nah-
rung stellen im Winter und im Frühjahr durch Lawinenabgän-
ge abgestürzte Säugetiere wichtige Nahrungstiere dar.
Auch suchen sie in dieser Zeit die so genannten Luderplätze
regelmäßig auf, an denen die für Jäger nicht verwertbaren
Innereien der geschossenen Gämsen und Hirsche abgelegt
werden. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass die Jungadler
mit Bleisplittern kontaminierte Beutetierreste aufnehmen und
so eine tödliche Vergiftung erleiden.
Die Sterblichkeitsrate junger Steinadler in den ersten Le-
bensjahren ist vor allem im Winter bedingt durch Nahrungs-
engpässe sehr hoch, so dass nur etwa jeder vierte deutsche
Jungadler überhaupt die Geschlechtsreife erreicht.
Trotz Forschungen bleiben noch Fragen offen
Nach 15 Bearbeitungsjahren stellte das bayerische Landes-
amt für Umwelt (LfU) zum Jahresende 2012 das AHP und das
daran angeschlossene bayernweite Monitoring der Reviere
weitestgehend ein. Es bestehen jedoch weiterhin Vereinba-
rungen und Kooperationen mit Hubschrauber-Verbänden zur
Sperrung von Horstbereichen. Bis 2015 hat der LBV im All-
gäu und im Werdenfelser Land unter Eigenregie die wichtige
Erfassung zum Schutz der Steinadler fortgesetzt. Obwohl wir
mittlerweile über die Steinadler, die
Reviere in den Bayerischen Alpen
besetzen, einen enormen Wissens-
zuwachs haben, bestehen große
Wissenslücken über das Ansied-
lungsverhalten der Jungadler. Eine
Wiederbesiedelung außerhalb der Bayerischen Alpen durch
abwandernde Jungvögel fand bislang nicht statt, auch wenn
immer wieder meist jüngere Steinadler auch außerhalb der
Alpen beobachtet werden. Zwar spielt die Gefahr durch di-
rekte Verfolgung von Steinadlern glücklicherweise keine Rol-
le mehr, bleihaltige Kugelmunition für die Jagd ist jedoch in
Bayern immer noch nicht verboten. Deshalb ist nach wie vor
damit zu rechnen, dass Jungadler sich bei der Nahrungs-
aufnahme an den Luderplätzen vergiften und einen qualvol-
len Tod erleiden. Auch der Tod eines Steinadlers durch die
Kollision mit Seilen einer Materialseilbahn im Allgäu zeigt,
dass noch nicht alle Gefahrenquellen erkannt und beseitigt
werden konnten.
BRIGITTE KRAFT
Fotos: Olaf Broders, Armin Hofmann
Bleihaltige Munition für die Jagd ist
in Bayern immer noch nicht verboten.
Deshalb ist nach wie vor mit Vergiftungen
von Jungadlern zu rechnen.
Im Flug sind die Adler an der
brettartigen Flügelform mit gefin-
gerten Enden zu erkennen.
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