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VOGELSCHUTZ
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DER BLUMENBERG
Einer Allianz aus Naturschutz, Grundbesitzer, Alpwirtschaft, Fachbehörden und Wissen-
schaft ist es gelungen, trotz Bewirtschaftung die biologische Vielfalt in einem Alpenraum-
gebiet nicht nur zu erhalten, sondern sogar zu fördern. Eine Erfolgsgeschichte.
Die extensive Alpwirtschaft erbringt
wichtige Ökosystem-Dienstleistungen
von volkswirtschaftlichem Wert.
Eine Besonderheit innerhalb der Allgäuer Alpen sind die
Blumenberge, wie beispielsweise der Einödsberg, südlich
von Oberstdorf. Auf nährstoffreichen, lehmigen Böden über
dem Untergrund der weichen, tonig-mergeligen Gesteine
der Allgäuschichten sind auch unterhalb der Baumgrenze
durch Rodungen in der Vergangenheit heute überaus ar-
tenreiche alpine Rasengesellschaften zu finden.
Generell nehmen die Allgäuer Alpen hinsichtlich ihrer
pflanzensoziologischen und floristischen Vielfalt sowohl
innerhalb der Bayerischen Alpen als auch im Bereich des
gesamten Alpennordrandes eine he-
rausragende Stellung ein. Die geo-
logische Vielfalt, hohe Reliefenergie
und starke Gebirgsgliederung tra-
gen zu den höchsten Artenzahlen
bei Pflanzen und Tieren bei, die ein bayerischer Gebirgs-
stock aufweisen kann. Auch haben in keinem anderen Teil
der Bayerischen Alpen landwirtschaftliche Nutzungen seit
mehr als 1000 Jahren ein Gebiet so geprägt wie in den
Allgäuer Alpen.
Soziokultureller und wirtschaftlicher Mehrwert
Die traditionelle, über Jahrhunderte andauernde kleinräu-
mige Nutzung unter- und oberhalb der Waldgrenze in den
Alpen führte zur Entwicklung besonderer Ökosysteme und
einer insgesamt artenreichen Kulturlandschaft. Durch die
Intensivierung der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehn-
ten hat ein rasanter Rückgang der heimischen Fauna und
Flora sowie ihrer Lebensräume stattgefunden. Der Zu-
sammenhang zwischen Nutzungsintensivierung oder Nut-
zungsaufgabe in der Landwirtschaft und der Zusammen-
hang mit dem Rückgang der biologischen und genetischen
Vielfalt ist durch zahlreiche Studien belegt.
Die im Allgäu verwurzelte Tradition der Alpbewirtschaftung
ist eine elementare Voraussetzung für den Erhalt offener
Flächen und einzigartiger Blumenwiesen. Sollte diese Tra-
dition abreißen, käme es zur Auflassung von Alpen und
Verbrachung von Flächen, wie dies in anderen Gegenden
der Alpen bereits zu beobachten ist. Im Rahmen des LBV-
Projektes am Einödsberg ist es gelungen, Perspektiven
für eine nachhaltige landwirtschaftliche Bewirtschaftung in
den Bayerischen Alpen zu schaffen.
Durch eine extensive Alpwirtschaft können Arbeitsplät-
ze gesichert oder sogar zusätzliche geschaffen werden.
Das wirtschaftliche Potential der genetischen Vielfalt die-
ser einmaligen Lebensräume kann
allerdings derzeit nur abgeschätzt
werden. Messbar ist dagegen die
Produktion hochwertiger Nahrungs-
mittel als Beitrag zu einer gesun-
den Ernährung für den Menschen. Ein Beispiel: Der auf
Sennalpen gewonnene Käse enthält die essentiellen Ome-
ga-3-Fettsäuren, die der menschliche Körper nicht selbst
herstellen kann. Der Omega-3-Fettsäuregehalt des Alpkä-
ses liegt bei 2,05 g/kg, während der aus Silagefütterung
gewonnene Tieflandkäse nur einen Gehalt von 1,46 g/kg
aufweist.
Der Erhalt des Kulturgutes Alpwirtschaft ist wichtig für die
Weiterentwicklung des Tourismus, der von den Leistungen
einer nachhaltigen Alpwirtschaft profitiert. Die Diskussion
einer sinnvollen Beteiligung des Tourismus an den Kosten
dieser Leistung sollte geführt werden. Die Bildung von Al-
lianzen zwischen Naturschutz, lokalem Gewerbe und na-
turverträglichem Tourismus als Beitrag zu einer regionalen
Wertschöpfung ist ein erster Schritt. Dafür gibt es bereits
Beispiele im Allgäu: die Aktivitäten der LBV-Gebietsbetreu-
ung Allgäuer Hochalpen, der Verein Alpgenuss, die Direkt-
vermarktung „VON HIER“ der Firma Feneberg und „Fahr-
ziel Natur“ der Deutschen Bahn.




