RSPB-Experte unterstützt LBV-Kuckuck-Projekt

Norbert Schäffers Bericht über internationale Zusammenarbeit

Vor dem Besendern werden die Kuckucke mit solch einer Attrappe angelockt (F: N. Schäffer)
Vor dem Besendern werden die Kuckucke mit solch einer Attrappe angelockt (F: N. Schäffer)

Der Kuckuck gilt gemeinhin als eine unserer bekanntesten Vogelarten. Tatsächlich wissen wir über diese Vogelart aber recht wenig. Dies trifft insbesondere zu für die zehn Monate von Ende Juni bis Ende April, in denen der Kuckuck sich nicht im Brutgebiet aufhält. Fest steht, dass die Bestände des Kuckucks in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen haben, in ganz Europa nach Angabe des European Bird Census Council (EBCC) zwischen 1980 und 2011 um insgesamt 16%. In Großbritannien ist der Kuckuck alleine zwischen 1995 und 2010 um 49% zurückgegangen.  Der entsprechende Wert für Deutschland liegt für den Zeitraum der letzten 20 Jahre bei ungefähr 30%. Der LBV beobachtet diese Entwicklung bereits seit geraumer Zeit mit Sorge und fordert die Bevölkerung bereits seit einigen Jahren auf, alljährlich Erstbeobachtungen von Kuckucken im Brutgebiet an den LBV zu melden.

Internationales Großprojekt

Ländliches Weißrussland (F: N. Schäffer)
Ländliches Weißrussland (F: N. Schäffer)

Im Jahr 2013 intensivierte der LBV seine Arbeit am Kuckuck und initiierte ein internationales Projekt mit dem Ziel, die Zugwege bayerischer und weiter östlich in Europa lebender Kuckucke zu erforschen. Finanziell gefördert wird das Projekt von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und zahlreichen privaten Spendern. Kuckucke wurden im Frühjahr 2013 im Donautal unterhalb von Regensburg sowie im Süden von Belarus (Weißrussland) mit Satellitensendern ausgestattet und ihr Zug in die Überwinterungsquartiere und zurück ins Brutgebiet verfolgt. Der LBV hat intensiv darüber berichtet. Gleichzeitig wurden vom British Trust for Ornithology (BTO) Kuckucke in Großbritannien besendert. Die durch den Vergleich der Situation in den verschiedenen Ländern gewonnenen Erkenntnisse sollen dabei helfen, die Ursachen für den Rückgang des Kuckucks zu ergründen und Schutzmaßnahmen zu entwickeln.

Im Rahmen einer Dienstreise für die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) hatte ich Mitte Mai die Gelegenheit, das Gemeinschaftsprojekt von LBV, dem BTO und von APB/BirdLife Belarus in Belarus zu besuchen. Während Friederike Herzog vom LBV im Donautal unterhalb von Regensburg Kuckucke gefangen hat, um diese mit Telemetriesendern auszustatten, bin ich mit Kollegen von BTO und APB in den äußersten Osten von Belarus gefahren, um dort Kuckucke zu fangen und Sattelitensender anzubringen. In dieser sehr abgelegenen Gegend scheint die Zeit stehengeblieben zu sein - ganz anders als in den landwirtschaftlich sehr intensiv genutzten Flächen um die belarussische Hauptstadt Minsk, wo sich der relative Wohlstand auch in intensiver Bautätigkeit in den umliegenden Dörfern und Städten niederschlägt. Nicht so im Osten von Belarus. Hier dominieren traditionelle Dörfer mit Holzhütten, auf den Sandstraßen Hühner, Gänse, Pferde und Kühe. Wasser kommt nach wie vor oftmals aus dem Brunnen. Hier, unmittelbar an der Grenze zu Russland, wollten wir Kuckucke besendern, um festzustellen, auf welchem Wege diese nach Afrika ziehen und wo genau sie den Winter verbringen. Aus dem Vorjahr wissen wir bereits, dass einige der Kuckucke aus rund 400km weiter südwestlich gelegenen Brutgebieten bis nach Südafrika und Mosambik ziehen. Die Überwinterungsquartiere der östlichen Bestände, die stabil zu sein scheinen, kennen wir dagegen nicht.

Neues aus der Kuckuck-Forschung

Kuckuck mit Sender (F: N. Schäffer)
Kuckuck mit Sender (F: N. Schäffer)

Kuckucke fängt man am besten früh am Morgen oder spät am Abend, wenn in der Regel der Wind nachlässt und die Netze weniger auffällig sind. Ein paar Netze, ein Tonband, eine Vogelattrappe und schon kann es losgehen. Wir waren bereits im Morgengrauen unterwegs, wenn noch immer Sprosser das Vogelkonzert bestimmen. Zwischen den Fangaktionen am Morgen und am Abend hatten wir ausgiebig Gelegenheit, die bisherigen Ergebnisse zu diskutieren und neue Ideen auszubrüten. Ich finde es ausgesprochen aufregend mitzuerleben, wie sich unser Bild von der Biologie und Ökologie des Kuckucks entwickelt. Anders als noch vor wenigen Jahren wissen wir heute, wo Kuckucke aus Großbritannien, Süddeutschland und dem Süden von Belarus überwintern, auf welchen Wegen und wie schnell sie dorthin ziehen, wir erkennen die Wichtigkeit von Schutzgebieten für die Vögel gerade auf dem Zug, aber auch im Winterquartier. Wir fangen an zu verstehen, dass der Rückzug aus dem Winterquartier wohl durch Regenfälle in Westafrika ausgelöst wird, dass die Verlustraten auf dem Herbstzug bedenklich sind und dass die Sterblichkeit der Altvögel im Brutgebiet als Erklärung für den Bestandsrückgang wohl nicht in Frage kommt.

All diese Ergebnisse sollen bei einem internationalen Workshop im September 2014 in Belarus mit Experten aus zahlreichen Ländern diskutiert werden. Sich einige Tage „voll und ganz auf ein Thema einzulassen“, Feldarbeit, aber auch intensive Diskussionen von Daten und Ideen, sich bewusst zu sein, dass wir heute über Fachwissen für den Schutz des Kuckucks verfügen, welches wir vor ein paar Jahren noch nicht hatten, und Fragen für die Zukunft zu formulieren, all das ist schon etwas sehr Besonderes. Das Ganze in einer Umgebung, die von Leben gerade im Mai nur so strotzt, wo Wendehals, Wachtelkönig, Weißstorch und Wolfsspuren genauso selbstverständlich sind wie Baumfalke, Birkhuhn und Blindschleiche – das erinnert auch daran, was wir an anderer Stelle bereits verloren haben. Dazu gehören dann auch Maikäfer, die sich zu Dutzenden am Abend in den Netzen verfangen.
 

Medienaufmerksamkeit in Weißrussland

Besenderter Vogel seitlich (F: N. Schäffer)
Besenderter Vogel seitlich (F: N. Schäffer)

Der Kuckuck ist dieses Jahr von APB/BirdLife Belarus zum Vogel des Jahres gewählt worden. Der LBV hat unseren Kollegen in Belarus hierfür Material übergeben, das für die Vogel des Jahres-Kampagne in Deutschland entwickelt wurde. Vor allem die Satellitentelemetrie von Kuckucken hat in Belarus große Aufmerksamkeit erregt. So haben uns beispielsweis Kamerateams von mehreren Sendern bei der Feldarbeit begleitet. Die entsprechenden Berichte wurden in den Hauptnachrichten beider staatlicher Sender ausgestrahlt (Sender 1, Sender 2), wodurch ein Großteil der Bevölkerung von Belarus von unseren Bemühungen zum Schutz des Kuckucks erfahren hat.

Ab Mitte Juni werden die ersten unserer Kuckucke ihr Brutgebiet bereits wieder verlassen. Über das, was sich in den kommenden zehn Monaten während des Zuges und im Winterquartier abspielt, konnten wir bisher fast nichts sagen. Durch die Satellitentelemetrie ergibt sich nach und nach ein Bild, aus dem wir Rückgangsursachen analysieren und Schutzmaßnahmen ableiten können. Ich finde es ausgesprochen spannend, „live“ mitzuverfolgen, wie sich unser als Grundlage für den Schutz des Kuckucks entscheidendes Wissen entwickelt. Diesbezüglich haben wir in den vergangenen beiden Jahren einen großen Sprung gemacht – und dennoch können wir noch immer nicht sicher sagen, ob die Ursachen für den Rückgang des Kuckucks im Brutgebiet oder doch in den Durchzugs- und Überwinterungsquartieren zu finden sind. Mit jedem Monat, den wir unsere Kuckucke verfolgen, kommen wir der Beantwortung dieser Frage einen Schritt weiter – und der LBV steht im Zentrum für die Schutzbemühungen für unsere Kuckucke, genau dort, wo er auch hingehört.

Für Rückfragen zum Kuckucksprojekt steht Ihnen Friederike Herzog (F-Herzog@lbv.de) gerne zur Verfügung. Sollten Sie spezielle Fragen zu Belarus haben, können Sie sich gerne an mich wenden (Norbert.Schaffer@rspb.org.uk).

Norbert Schäffer 


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