T H EMA FOTO: THOMAS STAAB Bodenoberflächen durch Versiegelung und Bebauung mit mehr oder weniger luft- und wasserundurchlässigen Oberflächen, sodass die natürlichen Bodenfunktionen dort nicht mehr ausgeübt werden können“. Flächenverbrauch und Versiegelung sind daher begrifflich auseinanderzuhalten. Ein drastisches Beispiel für Versiegelung ist die Planung eines BMW-Werks mit 105 Hektar mitten im fruchtbaren niederbayerischen Gäuboden bei Straßkirchen mit seinen wertvollen Lösslehmauflagen. Andererseits ist nicht jede überplante Fläche zu 100 Prozent versiegelt. Sie verliert jedoch weitgehend ihren ursprünglichen Charakter und ihre ökologischen Funktionen. So hat eine Parkplatzbegrünung mit einem vormaligen Wald wenig gemeinsam. Folgen des Flächenfraßes Flächenfraß wirkt sich in vielerlei Hinsicht negativ aus: Arten- und Lebensräume verschwinden, Böden verlieren ihre Funktion als Wasserspeicher und für die Produktion von Lebensmitteln. Die Hochwassergefahr steigt, überbaute Gemäß der „Flächenerhebung nach Art der tatsächlichen Nutzung in Bayern zum Stichtag 31. Dezember 2021“ des Bayerischen Landesamts für Statistik entfällt innerhalb des Segments „Siedlungs- und Verkehrsfläche“ auf Verkehrsflächen ein Anteil von 38,6 Prozent. Weitere 25,7 Prozent entfallen auf Wohnbauflächen, elf Prozent sind Gewerbe- und Industriegebieten zuzurechnen. In absoluten Zahlen ausgedrückt wurden allein 2021 knapp 3.800 Hektar Land in Siedlungs- und Verkehrsflächen umgewandelt. Der Anteil landwirtschaftlicher Flächen (46,1 Prozent) und Wälder (35,3 Prozent) sinkt dagegen. In den letzten Jahren werden verstärkt großflächige Gewerbe- und Industriegebiete in Wälder geplant. Politiker sprechen beschönigend hier von „Umnutzung der Flächen“. Wir nennen es ganz bewusst Flächenfraß. Denn uns allen muss klar sein: Die Ressource Boden ist ein nicht vermehrbares Gut. Was einmal versiegelt ist, ist ökologisch tot. Bodenfläche Bayerns zum 31. Dezember 2021 nach Nutzungsarten Ergebnisse der Flächenerhebung in Prozent 35,3 % Waldfläche 24.924 km² 46,1 % Landwirtschaftsfläche 32.545 km² 12,2 % 4,3 % BAYERISCHES LANDESAMT FÜR STATISTIK, FÜRTH 2022 Siedlungs- und Verkehrsfläche 8.632 km² 0,5 % Friedhof 42 km² 3,6 % Fläche besonderer funktionaler Prägung 308 km² Sport-, Freizeit- und Erholungsfläche 565 km² Industrie- und Gewerbefläche 951 km² Fläche gemischter Nutzung 1.211 km² Wohnbaufläche 2.221 km² Verkehrsfläche 3.330 km² 38,6 % 25,7 % 14,0 % 11,0 % 6,5 % sonstige Flächen (u.a. Sumpf, Moor, Unland) 3.066 km² 0,2 % Abbauland 155 km² 1,7 % Wasserfläche 1.220 km² Gesamtfläche: 70.542 km² 14 LBV MAGAZIN 3|23 Flächen erwärmen sich massiv, Lichtverschmutzung, Verkehr und Zersiedelung nehmen stark zu. Schon heute gibt es im dicht bebauten Deutschland kaum noch unzerschnittene Räume mit über 100 Quadratkilometer Größe. Und nicht zuletzt verändert sich der Charakter von Landschaften. Die Identität von Heimat geht verloren, wenn man, wie etwa in der Oberpfalz und in Unterfranken, nur noch den immer gleichen Schnellrestaurants mit Leuchtpylonen und ToskanahausSiedlungen begegnet. Besonders in ländlichen, bevölkerungsschwachen Regionen ist der Flächenfraß in Bayern groß. Spitzenreiter waren 2021 Niederbayern und die Oberpfalz. Offenbar erliegt man gerade hier der fatalen Annahme, es sei ja außen herum noch genug Natur vorhanden. Dass damit genau der Charme dieser oft noch unverbauten Landschaften verloren geht, nimmt man billigend in Kauf. Gefüttert wird der hohe Flächenfraß dort vor allem durch die Gewerbesteuer als eine der Haupteinnahmequellen kommunaler Finanzen. Dies führt zu einem Überbietungswettbewerb um die Ansiedlung neuer Unternehmen, nicht selten an der Grenze zur Nachbargemeinde. Dass die erwartete Gewerbesteuer – wenn überhaupt – erst nach vielen Jahren fließt, wird in Diskussionen gerne verschwiegen. Auch führen großflächige neue Wohn- und Gewerbegebiete dazu, dass Gemeinden vor hohen Folgekosten stehen, etwa für den Bau von Straßen, Schulen und Kindergärten. Das Bauen auf der „grünen Wiese“ mag oft der bequemere Weg sein, führt aber langfristig dazu, dass Ortskerne veröden, der sogenannte Donut-Effekt. Kommunale Planungshoheit fördert Flächenfraß Die Politik verfügt über Instrumente zum Flächenschutz, sei es im Landesplanungsgesetz, im Landesentwicklungsprogramm (LEP) oder in den Regionalplänen. Auch mangelt es nicht an politischen Willensbekundungen zum effizienten Flächensparen. Doch alle Appelle und Vorgaben scheitern meist an der kommunalen Planungshoheit. Solange Kommunen allein entscheiden, wo und in welchem Umfang neue Gewerbegebiete oder Neubausiedlungen entstehen, wird sich nichts ändern.
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