VOGELSCHUTZ 1-20

16 VOGELSCHUTZ 1|20 VOGELSCHUTZ: Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf unsere einheimischen Baumarten? Dr. Christian Kölling: Der Klimawandel bringt das ausgewo- gene Muster der Natur, wie es auch die charakteristischen Vegetationszonen abbilden, durcheinander. Baumarten geraten außerhalb ihres gewohnten Wohlfühlbereichs und befinden sich nicht mehr in ihrer ökologischen Nische. Die Traubeneiche beispielsweise hat sich während der Evoluti- on an warme und trockene Sommer gewöhnt, bei Kälte ver- sagt sie. Die Fichte hingegen ist ein Baum des Nordens und der hohen Gebirge und an ein wärmeres Klima überhaupt nicht angepasst. Abseits des gewohnten und trainierten Kli- mabereichs werden Baumarten anfällig, sie verlieren an Vi- talität und es verschieben sich die Gleichgewichte zwischen Wirten und Parasiten. VS: Es kommt also zum Baumsterben, wie wir es ja auch im letzten Sommer erlebt haben? Kölling: In vielen Fällen sind Schadorganismen dafür verant- wortlich, dass ein Baum stirbt. So bringen bei der Fichte bei- spielsweise sehr häufig die rindenbrütenden Borkenkäfer den Tod. Es gibt aber in den extremen Witterungssituationen von Hitze und Dürre auch den Baumtod ohne Mitwirkung von Or- ganismen, zum Beispiel das bloße Vertrocknen, das Eindrin- gen von Luft in die Wasserleitungsbahnen oder das Zerreißen von Wurzeln, wenn der Boden hart wie Beton wird und Trock- nungsrisse bekommt. Es gab 2018/19 viele Arten des Baum- todes, aber fast alle lassen sich auf die extremen Witterungs- ereignisse und damit auf den Klimawandel zurückführen. VS: Können unsere heimischen Baumarten in einem verän- derten Klima überleben oder liegt die Hoffnung auf nicht- heimischen Arten? Kölling: Da alle Baumarten ihre jeweilige ökologische Ni- sche besetzen, sind auch alle prinzipiell gefährdet, wenn ein neues Klima die Baumarten aus der Nische herausdrückt. Das betrifft heimische und fremde Baumarten gleicherma- ßen. Entscheidend ist vielmehr, wie weit Baumarten durch den Klimawandel ihre Nische verlieren, die sie im Vergangen- heitsklima besetzen konnte. Die Traubeneiche befindet sich auf hiesigen Standorten ziemlich im Zentrum ihres „Wohl- fühlbereichs“. Bei der Fichte hingegen ist die Pufferzone zum Rand bereits aufgebraucht. Jedes weitere Grad an Erwär- mung führt zur Grenzüberschreitung und zum Verlassen des Wohlfühlbereichs. VS: Das heißt, wir müssten auch nichtheimische Baumarten in ihre durch die Evolution entstandene Nische bringen, da- mit sie den Waldbestand wirklich stärken können? Kölling: Einige heimische Arten besitzen noch einen nicht aufgebrauchten Puffer und daher eine gute Prognose, ande- re sind kurz vor der roten Linie oder schon knapp dahinter. I N T E R V I EW Verlust der Wohlfühlzone Klimawandel erfordert Waldumbau Wie verändert sich die Waldnutzung durch den Klimawandel? Wir ha- ben Dr. Christian Kölling gefragt. Er ist stellvertretender Leiter und Bereichsleiter Forsten beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) und betreut den Landkreis Roth, die Stadt Schwabach und den Landkreis Nürnberger Land.

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