VOGELSCHUTZ 1-20
12 VOGELSCHUTZ 1|20 Und auch im Oberlauf unserer Flüsse droht eine negative Entwicklung: Arten wie Bachforelle, Äsche, Bachneunauge, Nase, Döbel und Huchen brauchen sauerstoffreiche, rasch fließende Abschnitte mit Wassertemperaturen von norma- lerweise selten über zehn Grad. Durch den Klimawandel wird der Temperaturanstieg zu einer weiteren Bedrohung für die- se Arten, zusätzlich zu bereits existierenden Hindernissen wie beispielsweise Fluss- und Bachverbauungen. Siebenschläfer schlafen kürzer – Störungen im System Auch Zeitverschiebungen im Lebensrhythmus vieler Organis- men als Folge des Klimawandels sind heute belegt. So reagieren Siebenschlä- fer durch kürzere Ruhephasen auf den Temperaturanstieg. Der Rhythmus der Vögel wird hingegen vorrangig von der Tageslänge gesteuert, doch leiden sie durch den zunehmenden „Missmatch“ (Diskrepanz), die zeitliche Entkoppelung vieler durch die Evolu- tion aufeinander abgestimmter Abläufe in der Natur. So fallen beispielsweise Nahrungsangebot und Nachfrage nicht mehr zusammen. Fortpflanzungszeiten sind im Allgemeinen so ins Jahr eingepasst, dass die Jungen schlüpfen bzw. geboren wer- den und heranwachsen, wenn das Angebot an Nahrungsorga- nismen am höchsten ist. Vögel fangen zwar mittlerweile frü- her mit der Brut an, sind aber langsamer in ihrer Reaktion auf den Klimawandel als etwa die wichtigsten Nahrungstiere. Für Buntspechte oder Meisen kommt der jährliche Gipfel kleiner Raupen als Nestlingsnahrung in warmen Jahren daher zu früh und fällt nicht mehr mit der größten Zahl hungriger Nestlinge zusammen. Eine höhere Jungensterblichkeit und weniger Bru- ten sind die Folge. Spezialisten unter den Tieren trifft es da- bei härter als Generalisten – eine in vielerlei Hinsicht belegte Erkenntnis bei der Erforschung der Folgen des Klimawandels. Viele Publikationen haben mittlerweile dokumentiert, dass Organismen unterschiedlich schnell und flexibel auf den Klimawandel reagieren. Jede klimatische Veränderung wirkt sich zudem nicht nur auf lokale Populationen aus, son- dern hat weitreichendere Folgen für das Ökosystem und seine Leistungsfähigkeit, denen man erst mit großem For- schungsaufwand langsam auf die Spur kommt. Klimawan- del ist mehr als nur die Erhöhung von Mitteltemperaturen. Die Veränderung von Menge und Verteilung von Nie- derschlägen, die Zunahme extremer Witterungsereignisse oder regional un- terschiedliche Entwicklungen stoßen Veränderungen mit manchmal weitrei- chenden Folgen an. Die Zunahme der Borkenkäfer erklärt man zum Beispiel mit der wachsenden Zahl milder Winter, aber auch als Folge vermehrter Orkanhäufigkeit und klimabedingter Schädigung der Fichten durch Trockenheit. Starke Sonneneinstrahlung schadet den Buchen und fördert die Ausbreitung wärmelie- bender Pilzkrankheiten in einigen Laubbäumen. Wir erleben ein neues Waldsterben. Für wandernde Tierarten oder solche mit großen Verbreitungsgebieten sind einschneidende Folgen oft nicht vor Ort bei uns auszumachen, sondern greifen in fer- nen Gebieten. Der Bestandsverlauf mancher bis ins tropische Afrika ziehender Zugvögel wird vom Ausmaß der Regenfälle Jede klimatische Veränderung hat weitreichende Folgen für das Ökosystem Siebenschläfer und auch andere Tiere, die Winterschlaf halten, leiden an Störungen durch den Temperaturanstieg. Siebenschläfer Junge Rauchschwalbe Buntspecht T H EMA Für viele Vögel kommt die insektenreichste Zeit des Jahres mittlerweile zu früh, sodass Nestlinge nicht da von profitieren können.
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