VOGELSCHUTZ 1-20
1|20 VOGELSCHUTZ 11 aum noch jemand zweifelt daran, dass wir ein vom Menschen verursachtes und nie dagewesenes Ar- tensterben erleben, dessen Folgen für die Ökosy- steme und unsere Lebensgrundlagen dramatisch sein wer- den. Viele Faktoren und Kräfte sind hierfür verantwortlich, darunter der Klimawandel, der steigende Temperaturen, ver- änderte oder ausbleibende Niederschläge sowie Verände- rungen in den Meeres- und Luftströmungen mit sich bringt. Wie groß der Einfluss des Klimawandels auf die Artenvielfalt, ihre Zusammensetzung und Bestände ist, lässt sich bislang nur ansatzweise belegen. Generell kann man aber davon ausge- hen, dass wärmeliebende Arten in mittle- ren und höheren Breiten unseres Globus zunehmen werden oder besser gesagt: Ihr Verbreitungsareal wird sich nach Norden ausweiten. In verschiedenen Gebieten Nordamerikas und Europas wandern beispielsweise die Verbreitungsgrenzen von Brutvögeln nach umfangreichen Berechnungen 760 Meter pro Jahr polwärts, das bedeutet einen Mittelwert von rund 15 Kilometern in den letzten 20 Jahren. Steigende Tem- peraturen treiben in Gebirgen die Verbreitungsgrenzen nach oben, in den Alpen etwa sechs bis sieben Höhenmeter pro Jahr. Andere, weniger wärmeliebende Arten ziehen sich hin- gegen zurück. Gut lässt sich der Einfluss des sich verändernden Klimas auf die Vogelwelt belegen, da hier dank der aufmerksamen Beobachtung vieler Vogelkundler belastbare Daten über die letzten Jahrzehnte vorliegen. So brüten heute Arten aus Südeuropa wie Stelzenläufer oder Bienenfresser bei uns, FOTOS: DR. OLAF BRODERS, HENNING WERTH, ROSL RÖSSNER (2), KRZYSZTOF WESOLOWSKI K die früher absolute Ausnahmeerscheinungen waren. Über- winternde Silberreiher auf unseren Wiesen und Äckern sind mittlerweile ein gewohntes Bild. Zugleich verschieben sich die Ankunfts- und Brutzeiten: Zugvögel kommen eher zurück und ziehen teilweise auch nicht mehr so weit. Dies verrin- gert die Sterbequote auf den gefährlichen Wanderungen und verschafft den Frühankömmlingen einen genetischen Vorteil bei der Revierwahl und Reproduktion gegenüber Spätankömmlingen. Manche Kurzstreckenzieher wie Haus- rotschwanz oder Zilpzalp verzichten fast ganz auf einen Wegzug, Tendenz steigend. Teichrohrsänger sparen sich zum Beispiel inzwischen zunehmend die strapaziöse Strecke über die Wüste und verbringen den Winter an geeigneten Plätzen im Süd- westen Europas. Ob diese für manche Arten positiv klingende Entwicklung wirklich von Dauer ist und nicht durch andere Faktoren des Artensterbens mehr als relativiert wird, lässt sich heute noch nicht sagen. Manche günstige Entwicklung für einzelne Vo- gelarten ist erst der Einstieg in eine mögliche Anpassung an klimatische Veränderungen mit ungewissem Ende. Schlecht sind die Aussichten beispielweise für Arten, die es gerne kühl haben. Zu den ausgemachten Verlierern zählen Alpenschneehuhn, Bergpieper oder Schneesperling. Für sie wird es eng in den Alpen, wenn ihre Brutgebiete immer klei- ner werden. Nach oben ausweichen können sie nicht. Ähnlich negativ wirkt sich die Klimaveränderung beispiels- weise auf die Alpen-Mosaikjungfer aus, eine Großlibelle, die im Schwarzwald schon an vielen Stellen verschwunden ist. Bergpieper Schlechte Aussichten für Arten, die es gerne kühl haben Der Lebensraum dieses Piepers wird zusehends kleiner. Das Alpenschneehuhn (links) besiedelt in den bayerischen Alpen ausschließlich Regionen oberhalb der Baumgrenze. Bienenfresser (rechts) dagegen breiten sich bei günstigerem Klima weiter aus. Die Alpen-Mosaikjungfer ist nur noch selten zu sehen.
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