VOGELSCHUTZ 3-19
3|19 VOGELSCHUTZ 33 FOTOS: DR. EBERHARD PFEUFFER, SONJA HERPICH, LIDL PRESSESTELLE problem. Viele Bioland-Bauern und ihre Erzeugerzusam- menschlüsse beliefern übrigens schon seit 15 Jahren und länger Discounter, nur wurden ihre Produkte nicht unter Verbands-Label, sondern als EU-Bio-Qualität vermarktet. VS: Lässt sich so ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfra- ge aktiv steuern? Niessen: Ja, dies zeigen organisierte Biobauern, die Märkte genau beobachten und ihre Kapazitäten entsprechend der Marktentwicklung ausbauen. Das funktioniert bisher ganz gut, was in Zeiten starken Wachstums nicht selbstverständ- lich ist. Die Biomolkereien haben zum Beispiel nach der Krise am konventionellen Milchmarkt keine neuen Milch- viehbetriebe mehr unter Vertrag genommen, als bereits genügend auf Bio umgestellt hatten. Entscheidend wird es sein, bei den Landwirten keine übertriebenen Erwartungen bezüglich der wachsenden Absatzchancen zu wecken. VS: Dennoch wird der Kostendruck bei wachsenden Erzeuger- mengen sicherlich steigen. Wie können sich Betriebe dafür wappnen? Niessen: Kein Betrieb sollte allein im Markt agieren. Erzeu- gergemeinschaften, Genossenschaften und überbetrieb- liche Kooperationen sind vielmehr elementar, um die Posi- tion des Einzelbetriebs gegenüber dem Handel zu stärken. Die Obstgenossenschaften in Südtirol machen dies schon seit vielen Jahren erfolgreich vor. Der Handel hat Interesse an einer verlässlichen Rohwarenbasis. Der dauerhafte Er- halt unserer Ökosysteme ist nicht über den Preis verhan- delbar, sondern über beste Praxis. Effizienz- und Größen- gewinne sind bei Discountern im stationären Handel weit ausgereizt, der Trend geht ja zur Qualität. VS: Wenn der Absatz von Verbands-Bioware durch eine Ko- operation wie die mit Lidl anzieht, werden Landwirte und Verarbeiter ihre Produktion ausdehnen und zusätzliche Ka- pazitäten aufbauen müssen. Ist das nicht mittelfristig ein Druckmittel für die Discounter im Sinne von: „Wir nehmen euch die große Warenmenge zu diesem Preis ab. Falls euch der Preis nicht passt, sucht euch einen anderen Abnehmer“? Niessen: Jeder Biobetrieb muss sich möglichst breit aufstel- len, was Absatz und Kunden angeht. Das haben auch die Bioland-Bauern und Verarbeiter seit Jahrzehnten gelernt. Zudem gibt es derzeit genügend andere Abnehmer. Weitere Discounter stehen Schlange für heimisches Premium-Bio. Darüber hinaus steht das bayerische Ziel 30 Prozent Öko- landbau und mehr bis 2030. Hier ist zum einen die Politik in der Pflicht, die richtigen Leitplanken und Anreizsysteme zu setzen. Das wird aber nicht ausreichen. Deshalb sind auch die Bürger, die für das Volksbegehren Artenvielfalt gestimmt haben aufgefordert, über ihre Lebensmittelein- käufe Bio und damit Artenvielfalt „freizukaufen“. VS: Besteht die Gefahr, dass kleinere Biobetriebe abgehängt werden, weil sie ihre Produkte nicht in der Menge und Quali- tät anbieten können, die Discounter in der Regel verlangen? Niessen: Die Frage ist: „Wer passt zu wem?“ Wie im echten Leben. Grundsätzlich passen kleinere, individuell ausgerich- tete und auf Vielfalt spezialisierte Betriebe eher nicht zum Lebensmitteldiscount. Deshalb vermarkten diese gerne di- rekt oder an Fachhändler, die ja für Vielfalt und Besonder- heiten stehen. Gut ist, dass viele Bioland-Vermarkter bereits jahrelange Erfahrungen mit den Vor- und Nachteilen großer Handelshäuser gemacht haben und hier beraten können. INTERVIEW: SASCHA ALEXANDER Viele Discounter bieten mittlerweile auch Bio-Produkte an. Hier zu sehen sind einige Produkte von Lidl in Kooperation mit Bioland.
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