VOGELSCHUTZ 3-18
12 VOGELSCHUTZ 3|18 der Reblaus wurden viele fränkische Weinberge zu Obstgärten und vielleicht zum Ortolan-Habitat. Die Umstellung der EU-Agrarpolitik auf pau- schale Flächenförderung im Jahre 2003 hat bis heute zu einer wachsenden Monotonisierung innerhalb von Flurstücken geführt. Die öko-er- folgsorientierte Prämierung der Landwirte kommt über bescheidene Anfänge wie ein paar Blumenwiesen oder wegen ihrer Kurzlebigkeit fragwürdige Blühstreifen nicht hinaus. Die beste Artenhilfe für Wildbienen, Laufkäfer, Wiesen- brüter und Feldvögel, könnte man meinen, wäre der Rückfall in finstere Zeiten der subsistenten Hauswirtschaft ohne Weltmarktbindung und ge- meinsamen Markt, ohne staatliche Landwirtschaftsberatung, Agrar- forschung, -handel und -chemika- lien, ohne Hochleistungstierzucht. Aber nur ein menschenfeindlicher Zyniker würde massive Regression fordern, weil Ressourcenknapp- heit, bittere Armut und größte Existenznot im 19. Jahrhundert viele ökologische Highlights da- mals möglich machten. Dieses Dilemma scheint unlösbar. Ist es viel- leicht an der Zeit, aus historischen Landschaf- ten entlehnte Leitbilder aufzugeben, da sie sich nicht mehr verwirklichen lassen? Hat die heutige Wirtschaftstätigkeit nicht auch biologisch interes- sante und vielleicht sogar subventionsfreie und managementarme Biotopqualitäten geschaffen? Ist das derzeitige Verhältnis zwischen Kosten und Personalaufwand im Vertragsnaturschutz und Naturschutzertrag auf der Fläche auf Dauer nach- haltig? Statische Leitbilder können ein Holzweg sein, ebenso Handlungsentscheidungen, die nur auf momentaner Beobachtung ba- sieren. Habitate mit ihren Artpopulationen verändern sich ständig, auch wenn wir glauben, mit überpräzisen Management- strategien alles fixiert zu haben. Aber hier keimt Hoffnung für die Zukunft: Auch in der modernisierten Kulturlandschaft findet die Natur Mittel und Wege, sich vielfältig zu entwickeln. In der maschinengerecht um- gebauten Landschaft fallen brachfallende Zwickel beispielsweise an steilen Böschungen an. Abbaustellen mit einem speziellen Nutzungsre- gime übernehmen wertgebende Arten aus der vergangenen Traditions- landschaft – falls der Rekultivierungszwang entfällt. In der Zivilisations- landschaft, im Verkehrs-, Gewässer-, Siedlungs- und Gewerbebereich fallen unzählige „Eh-da“-Flächen an, die auch ohne gärtnerische Blüh- flächen-Aktionen das Insektensterben bremsen und den Wiedereinzug der Haubenlerche fördern können. Ständig bilden sich neuartige Pflan- zengesellschaften, die in den Lehrbüchern noch gar nicht vorkommen. Viele Insekten, Kleinsäuger, Fische und Singvögel fragen Gott sei Dank nicht, ob der Ersatzlebensraum dem menschlichen Leitbild der traditio- nellen Kulturlandschaft entspricht. Die heutige Agrarlandschaft ist funktionsgerecht und artenentleert T H EMA FOTOS: PETER BRIA, ALFRED RINGLER, A. MICHELER | ZEICHNUNGEN: ALFRED RINGLER Kultur- landschaft in Bayern Kulturlandschaft wie aus dem Bilderbuch. Hier lässt der Mensch Raum für die Natur und die darin lebende Tierwelt. 1960
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