VOGELSCHUTZ 3-18

3|18 VOGELSCHUTZ 11 FOTOS: BERND RAAB, THOMAS STEPHAN, ALFRED RINGLER, A. MICHELER pätestens seitdem der Begriff Heimat wie- der in aller Munde ist, werden Schönheit und Vielfalt der bayerischen Kulturland- schaft fast inflationär gepriesen. Strukturreiche Restlandschaften wie Hersbrucker Alb, Albtrauf bei Lichtenfels, Teile des Werdenfelser Landes, des Steigerwaldes, der Haßberge und des Regens- burger Vorwaldes verdienen diese Würdigungen. Aber fast überall sonst fehlt inzwischen, was ar- tenvielfältige Kulturlandschaft ausmacht: magere Säume, ruderale (brachliegende) Feld- und Hohl- wege, Feldobstlandschaften, lichte Waldrandzo- nen, Steinbuckelfluren, bunte Wiesen, Hutweiden, noch nicht entwässerte Talniedermoore. Struk- turen der traditionellen, oft extrem kleinteiligen Agrarlandschaft, in die keine Futtermittel und Düngestoffe importiert wurden, in der Gülle ein Fremdwort war, Kulturgradienten (Abfolgen in- tensiv bis extensiv genutzter Flächen) und Grenz­ biotope an den Flurrändern entstanden, der mist- beladene Ochsenkarren nur die ebenen Flächen erreichen konnte. Das große Wegräumen des Ödlandes, der großen Niedermoore, ausgedehnten Hutungen (Schafweiden), unzähliger Quellfluren und gewun- dener Bachläufe setzte zwar schon, vorangetrieben durch Kulturbauämter und Bodenkulturstellen, in den 1920er Jahren ein und wur- de durch den Reichsarbeitsdienst in den 1930er Jahren auf die Spitze getrieben. Aber die groß- flächige Strukturentleerung, staatlich beschleunigt durch die Flurbereinigung, begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg und entwickelte in den 1960er und 1970er Jahren ihre größte Dynamik. Das End­ resultat – man wagt es kaum auszusprechen: die heutige Normallandschaft. Diese ist keine Kultur- landschaft mehr, sondern eine funktionsgerechte, artenentleerte und durch Agrochemikalien ge- steuerte Agrarlandschaft. Das Schicksal von Kerngebieten des Na- turschutzes wird auch durch ihr Umfeld sowie Blick vom Zabel- stein. Die heutige Agrarlandschaft: viele Felder, hier vorwiegend Raps- felder, aber wenig Hecken und Schutz- räume für Tiere Ein Niedermoor im Rosenheimer Becken 1955 und 2012. Solche Großeingriffe, zwischen 1950 und 1970 auf vielen Tausend Hek- tar vorgenommen, würden heute nicht mehr passieren – auch ein Verdienst früherer Vorkämpfer in den Naturschutzverbänden. » politische Rahmenbedingungen entschieden. Funktionierende Reste von Magerstandorten beispielsweise gibt es regional nur noch entlang von Eingriffsstrukturen wie Verkehrstrassen oder Dämmen. In der Normallandschaft wurden sie durch wachsende Viehdichte (trotz des Höfester- bens), Glyphosat-Dusche, Gülleverwehung, den großen Anschub der EU-Agrarpolitik seit 1961 oder staatlich subventio- nierte Neuaufforstungspo- litik eliminiert. Die größten bayerischen Magerrasen und Sandpionierfluren in ehema- ligen Militärgeländen wie in Tennenlohe, Fröttma- ning, Lauterberg bei Coburg, Hammelburg, Gra- fenwöhr und am Fürther Hainberg sind das Erbe politischen Größenwahns. Aber das sollte Quirlige Knorpelmiere und Sandstrohblume, Ödlandschre- cke, Sandlaufkäfer, Brachpieper, Steinschmätzer, Nachtschwalbe, Heidelerche, Fischadler und Wolf nicht stören. Unsere vogelreichsten Binnenlandhabitate in Stauseeketten und Wasserspeichern sind unbe- absichtigtes Nebenprodukt der Stromerzeugung, Abwassertechnik und Wasserüberleitung. Durch ein fatales Zufallsereignis wie die Einschleppung S 1955 2012 Die industrielle Agrarland- schaft ist die heutige ländliche Normallandschaft

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