VOGELSCHUTZ 3-20

8 VOGELSCHUTZ 3|20 DR. NORBERT SCHÄFFER LBV-VORSITZENDER Die Corona-Krise beeinflusst nach wie vor unser Leben, aber bisher sieht es danach aus, dass wir – zumindest im Vergleich mit anderen Ländern – relativ gut durch die Krise kommen. Allen, die unmittelbar betroffen waren oder sind, gilt selbst - verständlich unser tiefes Mitgefühl. Wie es in den nächsten Monaten weitergeht, weiß niemand. Hoffen wir, dass wir auch weiterhin glimpflich davonkommen. LBV als Vorreiter des biophilen Zeitgeistes Die Corona-Krise hat vielen von uns noch deutlicher gezeigt, wie wichtig die Natur, wie wichtig das Leben unmittelbar um uns herum für unser Wohlbefinden ist. Was viele von uns schon immer wussten und jeden Tag neu erfahren, kön- nen wir mittlerweile auch wissenschaftlich belegen: Natur- begegnung, beispielsweise in Form von Vogelbeobachtung, steigert die Lebensqualität und sorgt für mehr Glücksgefühl. Aus diesem Grund freuen wir uns, dass wir gerade in Coro- na-Zeiten mit unseren Themen bei den Menschen auf noch mehr Interesse und Begeisterung gestoßen sind. Die Sehn- sucht nach Natur, nach allem Lebenden hat der US-ameri- kanische Biologe Edward O. Wilson als Biophilie bezeichnet – gerade in Krisenzeiten ein ganz zentrales Lebensgefühl. Ballermann am Schwarzen Regen Dieser „Drang nach draußen“ hat aber auch eine Kehrseite, die wir derzeit erleben. Die schiere Masse der Menschen, die sich derzeit im Allgäu, in Berchtesgaden oder im Bayerischen Wald aufhalten, ist die eine Sache, das Verhalten mancher Menschen eine ganz andere. Den LBV erreichen in diesen Wochen zahlreiche Berichte von Menschen, die jeglichen Respekt vor der Natur verloren haben oder einfach nicht wissen, wie man sich in der Natur verhält. Wir sehen wieder mehr Müll in der Landschaft, wildes Parken oder Campen in Naturschutzgebieten, Grillen auf Kiesinseln, die deutlich als Brutplatz von Flussuferläufern gekennzeichnet sind, freilau- fende Hunde in Wiesenbrütergebieten und Massen johlen- der, betrunkener Menschen, die offensichtlich überfordert mit Kanus den Schwarzen Regen im Bayerischen Wald hin- unterfahren. Von Rangern oder Gebietsbetreuern darauf an- gesprochen reagieren manche Zeitgenossen ausgesprochen uneinsichtig und zum Teil aggressiv. In bestimmtem Ausmaß gab es die genannten Verhaltensweisen auch vor Corona, die derzeitige Dimension ist aber neu. Eine große Herausforde- rung für den Naturschutz, der wir uns jedoch mit Entschlos- senheit stellen wollen. In Zukunft gilt es, wegweisende Kon- zepte zur Aufklärung und Besucherlenkung, wie sie bereits jetzt vom LBV gestaltet und umgesetzt werden, auf eine noch größere Zielgruppe auszuweiten. Unordnung in unserer Natur zulassen In meinem Standpunkt in der vergangenen Ausgabe unse- res Mitgliedermagazins habe ich, sicherlich etwas salopp ausgedrückt, Golfplätze in gewisser Weise als Vergleich für die Sterilität in unseren Gärten gebraucht. Hierbei habe ich mich nur auf die Greens auf Golfplätzen bezogen, die – dar- über bin ich mir bewusst – nur einen Bruchteil der Gesamt- fläche ausmachen. Mein Satz „… dass man in unserer Wiese nicht Golf spielen kann …“ hat dann auch zu Reaktionen von Golfspielerinnen und Golfspielern geführt, die mich darauf hingewiesen haben, dass auf vielen Golfplätzen mit erheb- lichem Aufwand und Erfolg die Biologische Vielfalt geschützt wird. Einige Golfplätze wurden für ihr diesbezügliches Enga- gement übrigens vom LBV sogar ausgezeichnet. Fest steht aber auch, dass wir um uns herum mehr „Un- ordnung zulassen müssen“, wie es Alois Glück am Runden Tisch zum Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“ ausgedrückt hat. Viele von uns müssen dabei ihre Ästhetik- Ideale überdenken. Über blühende Straßenränder, von de- nen es tatsächlich seit dem vergangenen Jahr immer mehr gibt, freuen wir uns. Wenigstens einen Teil dieser Ränder müssen wir aber auch nach der Blütezeit erhalten, wenn Gräser und Wildpflanzen braun und – geben wir es zu – eher unansehnlich werden. Dann nämlich überdauern viele unse- rer Insekten in dieser Vegetation. Dies gilt auch unmittelbar um uns herum. Vielleicht betreiben in Ihrer Nachbarschaft Menschen einen großen Aufwand, um aufkeimende Pflan - Straßenränder Endlich blühende S T A ND P UN K T

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