Turteltaube

Streptopelia turtur

Blick ins Geschichtsbuch

Von jeher spielten Tauben in unserem Leben eine bedeutende Rolle, wie Überlieferungen aus dem frühesten Altertum und der christlichen Religionsgeschichte belegen. So haben schon die alten Griechen und Römer Tauben gezüchtet. Auch im Alten Testament findet die Taube als Glücksbote und Hoffnungsbringer Erwähnung.

Im christlichen Altertum diente die Taube als figürliche Darstellung des Heiligen Geistes. Sie ist bei vielen Völkern ein Symbol der Seele und wird oft als Engel des Friedens oder der Liebe beschrieben. Im katholischen Glauben gelten Taubenpärchen als Sinnbild der ehelichen Liebe und Treue. Frisch Getraute erhoffen sich daher eine glückliche Ehe, wenn sie nach der Hochzeit Tauben aufsteigen lassen.

Insbesondere die Turteltaube gilt überregional als Symbol großer, andauernder Liebe. Vom kosenden Verhalten dieser Tauben rührt der Ausdruck „turteln wie die Täubchen“ her, der den Umgang von Verliebten miteinander beschreibt.

Zwei Turteltauben | © Ralf Thierfelder © Ralf Thierfelder

Botentaube

Seit Jahrtausenden nutzen Menschen das Heimfinde-Vermögen von Tauben. Bereits 2600 vor Christus stationierten sie Botentauben an Wachtürmen. So unterhielt die Schweizer Armee noch bis vor wenigen Jahren eine Brieftaubeneinheit. Erst langsam verdrängte die neue Kommunikationstechnik die Tauben.

Heute haben sie als Freizeitbeschäftigung eine wichtige Rolle. Allein in Deutschland gibt es an die 30.000 Brieftaubenzüchter – Liebhaber haben über 260 Taubenrassen gezüchtet.

Falsche Vorurteile

Doch ihr Ansehen bei uns Menschen ist nicht ungeteilt. Gilt die Taube den einen als Symbol der Liebe oder als schönstes Hobby, bezeichnen andere insbesondere Stadttauben als „Ratten der Lüfte“. Die Tiere haben einen zweifelhaften Ruf als Krankheitsüberträger – völlig zu Unrecht.

Sogenannte Ornithosen, also durch Vögel auf Menschen übertragene schwere Krankheiten, sind laut Robert-Koch-Institut mit 10–32 Ansteckungen in mehr als zehn Jahren extrem selten und treffen in erster Linie Vogelzüchter.

Stimme

Der Gesang der Turteltaube wirkt zarter, aber eintöniger als bei anderen Tauben und lässt sich gut von anderen Vogelstimmen unterscheiden. Ihr namensgebendes, fast schnurrendes, tiefes „turrr-turrr-turrr“-Gurren trägt sie ausdauernd und manchmal tonal wechselnd vor.

Wie ihre Verwandten hat auch die Turteltaube eine rundliche Gestalt mit kleinem Kopf. Mit einer Körperlänge von 25 bis 28 cm und einer Flügelspannweite von 45 bis 50 cm ist sie jedoch kleiner und viel graziler. Auch ihre Flügel unterscheiden sich deutlich: Schlank und spitz zulaufend ermöglichen sie einen schnellen Flug für den weiten Zugweg.

Aussehen

Turteltaube | © Zdenek Tunka © Zdenek Tunka

Am meisten fällt die Turteltaube durch ihr unverwechselbares farbenfrohes Gefieder auf, das nahezu exotisch anmutet. Vogelfreunde erkennen die Turteltaube gut an ihrem deutlich gestuften, dunklen Schwanz mit weißem Ende.

Oberkopf und die äußeren Oberflügeldecken sind blaugrau, ihr Rücken und die inneren Oberflügeldecken hingegen rostbraun mit schwarzen Federmitten gefärbt. Die Halsseiten der Turteltaube ziert jeweils ein schwarz-weiß gestreifter Fleck. Kehle und Brust sind zart rötlich gefärbt. Ein deutlich rötlicher Lidring umrandet das Auge, welches orange bis rot leuchtet.

Während Männchen und Weibchen optisch kaum zu unterscheiden sind, wirken Jungtiere mit ihrem einfarbigschmutzigbraun und beigegraufarbenen Gewand noch wenig attraktiv. Ihnen fehlen außerdem die charakteristischen Halsflecke sowie der rötliche Hauch auf dem Brustgefieder.

Verhalten und Lebensweise

Zwischen Ende April und Mitte Mai kommen die Turteltauben in ihre Brutgebiete zurück und beginnen mit der Balz. Männchen und Weibchen versuchen beide, sich ins rechte Licht beim möglichen Partner zu rücken.

Von einem erhöhten Punkt aus fliegt die Taube steil auf, gleitet dann in einem Bogen zur Sitzwarte und imponiert dabei mit ihrem abwechslungsreichen Gefieder. Gefällt der Partnerin oder dem Partner diese „Flugschau“, baut das frischgebackene Pärchen ein flaches Nest aus Zweigen ins Gebüsch. Die beiden Turteltauben bleiben sich über die gesamte Brutsaison treu, welche in Deutschland bis Ende August dauert.

Bis in den Juli hinein legt das Weibchen zwei Mal je zwei Eier, nur selten brüten die Tauben auch ein drittes Mal. Die Brutzeit dauert 13 bis 16 Tage. Nach dem Schlüpfen werden die jungen Küken 18 bis 23 Tage lang liebevoll von beiden Eltern umsorgt. Turteltauben verteidigen kein eigenes Revier, sondern nur den unmittelbaren Neststandort. Die Jungen werden zum Ende ihres ersten Lebensjahres geschlechtsreif.

Viele Wege führen nach Süden

Turteltauben sind die einzigen Langstreckenzieher unter den Taubenarten Mitteleuropas. Sie verlassen zwischen Ende Juli und Anfang Oktober Europa, um südlich der Sahara zu überwintern. Wie auch die Langstrecken ziehenden Mauersegler und Neuntöter verbringen sie den überwiegenden Teil des Jahres auf dem Zug und im afrikanischen Überwinterungsgebiet.

Beringungsdaten deuten darauf hin, dass es drei Hauptzugrouten für europäische Turteltauben gibt. Mehr als zwei Drittel der in Frankreich, Deutschland und Großbritannien brütenden Vögel folgen der westlichen Zugroute über Gibraltar. Brutvögel aus dem östlichen Mitteleuropa fliegen zentral über Italien und Malta oder nutzen die östliche Zugroute über den Balkan.

Turteltaube im Flug | © Zdenek Tunka © Zdenek Tunka

Auf dem Herbstzug liegen anstrengende Reise-Etappen vor den kleinen Tauben, deshalb legen sie zum Beispiel vor der Querung des Mittelmeers Pausen ein. Auf afrikanischer Seite übernachten sie dann gern in Akazienwäldchen in Wassernähe, bevor sie mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde bis zu 700 Kilometer nonstop über Sandwüsten durch die Nacht fliegen.

Turteltauben bleiben nicht nur ihrem Brutgebiet treu, sondern kehren anscheinend auch in angestammte Überwinterungsgebiete zurück. Das zeigen in Frankreich besenderte Vögel, die in Gambia wiedergefunden wurden.

Im Gegensatz zum nächtlichen Herbstzug fliegen die Tauben im Frühling tagsüber zurück in die Brutgebiete Europas. An wichtigen Rastplätzen wie dem Senegaldelta auf der Westroute versammeln sich mitunter viele Tausend Vögel, um dort Reserven für den kräftezehrenden Heimflug aufzubauen.

Nahrung

Turteltaube trinkt | © Zdenek Tunka © Zdenek Tunka
Turteltauben müssen täglich Wasser trinken, um gesund zu bleiben

Schon während der Brutzeit suchen Turteltauben in Grüppchen nach Nahrung – vor allem an Ackerrändern sowie auf Lichtungen mit offenem Boden und manchmal auch zusammen mit anderen Taubenarten.

Sie ernähren sich fast ausschließlich vegan und bevorzugen dabei Wildkräuter- und Baumsamen, wie von Kiefern und Ulmen, die sie vom Boden pickt.

Der Turteltaube schmecken Samen von Klee, Vogelwicke, Erdrauch, Wolfsmilch sowie Leimkraut, die Landwirte nicht auf dem Feld haben wollen. Deshalb hat sich die Nahrungszusammensetzung der Tauben seit den 1960er Jahren verändert.

Der Anteil von landwirtschaftlichen Sämereien macht nun in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets mehr als die Hälfte der Nahrung aus statt 20 Prozent wie früher. Vor allem nach der Brutzeit fressen sie vermehrt Sonnenblumenkerne, Raps- und Weizensamen.

Verwandte

Weltweit gibt etwa 300 Taubenarten aus 42 Gattungen, die jedoch mehrheitlich in den Tropen beheimatet sind. In Deutschland leben nur die Gattung Columba mit drei heimischen Arten und die Gattung Streptopelia mit zwei heimischen Arten, darunter unser Jahresvogel.

Die Straßen- oder Stadttaube (Columba livia f. domestica) kommt weltweit in allen größeren Städten und Siedlungen vor. Sie stammt von verwilderten Haus- und Brieftauben ab, die einstmals aus der Felsentaube gezüchtet wurden. Die Straßentaube nutzt Gebäude als Nistplatz anstatt der ursprünglich typischen Felsquartiere.

Die Hohltaube (Columba oenas) brütet als einzige Taube in Deutschland in Baumhöhlen. Sie gilt als Charaktervogel alter Wälder und bezieht gern als Nachmieterin die Höhlen von Schwarzspechten.

Die Ringeltaube (Columba palumbus) ist unsere größte und häufigste verbreitete heimische Taubenart. Sie besiedelt Lebensräume mit Gehölzen aller Art sowie Innenstädte, Vorgärten und Dörfer in teilweise sehr hohen Dichten. Die höchsten Konzentrationen in Deutschland treten dabei in den urban geprägten Lebensräumen des Nordwestdeutschen Tieflandes auf.

Noch vor hundert Jahren war die Türkentaube (Streptopelia decaocto) nur vom Pazifik bis zum Balkan als Brutvogel bekannt. Infolge einer starken Arealerweiterung kommt sie heute jedoch in weiten Teilen Europas vor. In Deutschland brütet sie fast ausschließlich im Siedlungsraum

Lebensräume

Lichter Buchenwald | © Dr. Eberhard Pfeuffer © Dr. Eberhard Pfeuffer

Ursprünglich lebte die Turteltaube vor allem in Auwäldern und an Waldsäumen sowie Lichtungen. Die bevorzugten Lebensräume der Turteltaube liegen heute entweder in der vom Menschen genutzten Kulturlandschaft oder in lichten Wäldern mit Unterwuchs. Große Sträucher wie Hasel, Weißdorn oder Holunder nutzt sie zum Brüten.

Aber auch im Unterwuchs von wenige Meter hohen Laubbäumen lässt sie sich gern zum Nestbau nieder. Neben Waldrändern dienen ihr auch große Hecken und Streuobstwiesen als Versteck oder Brutplatz.

In landwirtschaftlich geprägten Gebieten ist ein Mix offener, kultivierter Flächen mit Wasserstellen für die Nahrungssuche ideal. Solche natürlichen Lebensräume sind in unserer intensiv genutzten Landschaft heute rar.

Früher habe man ihr markantes Gurren an jedem Dorfrand oder Flussufer gehört, erzählen ältere Menschen. Wildkräutersamen an Feldwegen und die Feldfrüchte aus Zwischensaaten boten ausreichend Nahrung. Inzwischen sind viele Auwaldbereiche, Feldgehölze und Ackersäume verschwunden.

Doch ist die Turteltaube durchaus anpassungsfähig. Bedeutende Brutvorkommen in Deutschland finden wir inzwischen auf ehemaligen Truppenübungsplätzen oder in Abbaugebieten von Kies und Kohle, wo sich Pionierwälder aus Birken, Kiefern oder Zitterpappeln die geschundene Natur zurückerobern.

Verbreitung: Vielerorts zu Hause

Die europäische Population der auch bei uns heimischen Unterart Streptopelia turtur turtur erstreckt sich von den Britischen Inseln und der Iberischen Halbinsel im Westen bis nach Kasachstan im Osten. Sie besiedelt dabei passende Lebensräume vom Nordrussischen Tiefland über die Osteuropäische Ebene bis zum Mittelmeer.

Es gibt drei weitere Unterarten der kleinen Taube, wovon S. t. arenicola in Marokko und Libyen sowie vom Irak bis West-China vorkommt. Tauben der Unterart S. t. hoggara leben in SüdAlgerien und im Tschad. S. t. rufescens finden wir im Nildelta sowie in den Wüstenoasen Libyens und Ägyptens. In den afrikanischen Überwinterungsgebieten vermischen sich die Unterarten auch.

Die Turteltaube besiedelt in Deutschland vorwiegend Tiefebenen bis 350 Metern über Meereshöhe, sucht sich bei trocken-warmem Klima aber auch in 500 bis maximal 900 Metern Höhe ein Zuhause. In Süddeutschland treffen wir sie deshalb vor allem in den Flusstälern. Die größten Bestände leben im Wendland, in der Altmark und in Rheinhessen. Nur sehr vereinzelt gibt es Turteltaubenpaare in Schleswig-Holstein.

Bestand

Dachverband Deutscher Avifaunisten (2019): Bestandsentwicklung, Verbreitung und jahreszeitliches Auftreten von Brut- und Rastvögeln in Deutschland. Dachverband Deutscher Avifaunisten, www.dda-web.de/vid-online/, aufgerufen am 08.10.2019.
Index der Bestandsentwicklung relativ zum Jahr 2006 (=100%). Dachverband Deutscher Avifaunisten (2019): Bestandsentwicklung, Verbreitung und jahreszeitliches Auftreten von Brut- und Rastvögeln in Deutschland. Dachverband Deutscher Avifaunisten

In den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts war die Turteltaube weit verbreitet und sehr häufig zu sehen, vermutlich erreichten ihre Bestände um diese Zeit ihr Maximum. Seitdem geht es jedoch stetig abwärts – mit nur einer Ausnahme Anfang der 1990er Jahre.

Die erst 2019 veröffentlichten offiziellen Zahlen zum Zustand der Vogelpopulationen in Deutschland offenbaren Dramatisches für die Turteltaube. Demnach liegt ihr Bestand in Deutschland nur noch zwischen 12.500 und 22.000 Brutpaaren. Bis 2009 war er doppelt so hoch.

Dieser starke Rückgang ist seit 1992 für jedes einzelne Flächenbundesland zu verzeichnen. Ganze Landstriche in Vorpommern und an der nördlichen Mittelgebirgsgrenze werden nicht mehr von Turteltauben besiedelt. Bei der letzten Aktualisierung der Roten Liste in Deutschland ist der inzwischen seltene Vogel von Kategorie 3 auf 2 (stark gefährdet) gesprungen.

Die Turteltauben-Bestände sind in den meisten europäischen Ländern seit den 1970er Jahren rückläufig und nahmen seit 1980 um 79 Prozent ab. Heute brüten in Europa 3,2 bis 5,9 Millionen Paare, wobei Spanien, Frankreich, Italien und Rumänien innerhalb der EU die meisten Turteltauben beherbergen. In Großbritannien hingegen ist die Art mit einem Rückgang von 94 Prozent fast ausgestorben.

Global gefährdet

Und die Turteltaube hält leider noch einen traurigen Rekord: Sie ist der erste von LBV und NABU gekürte Vogel des Jahres, der auch als global gefährdete Art auf der weltweiten Roten Liste steht – auf einer Stufe mit dem stolzen Kaiseradler oder dem prächtig-schillernden großen Hyazinth-Ara am Amazonas!

Unser Jahresvogel 2020 ist zudem die einzige Taubenart, welche im Übereinkommen zur Erhaltung wandernder, wild lebender Tierarten (Convention on the Conservation of Migratory Species of Wild Animals) aufgeführt ist.

Gefährdung

Trister Acker | © Natascha Neuhaus © Natascha Neuhaus

Turteltauben können 13 Jahre alt werden, doch liegt ihre Überlebensrate bei nur 50 Prozent jährlich. Denn nur jeder vierte bis fünfte Jungvogel überlebt das erste Lebensjahr. Diese hohe natürliche Sterblichkeit wird bei vielen Vögeln eigentlich durch mehrere Bruten im Jahr ausgeglichen. Doch gefährden wir Menschen den Erfolg dieser Überlebensstrategie am meisten.

Die Intensivierung der Landwirtschaft verschlechtert die Lebensbedingungen der Turteltaube enorm – ein Schicksal, das sie mit vielen anderen Jahresvögeln bisher teilt. Die Ausweitung von Anbauflächen geht einher mit dem Verlust von Brachen, Ackersäumen, Feldgehölzen und Kleingewässern.

Damit verschwinden Nistplätze sowie entscheidende Nahrungs- und Trinkstellen. Viele Äcker werden dazu verstärkt mit Herbiziden von den verbleibenden „Unkräutern“ befreit.

Doch von den Samen genau dieser Ackerwildkräuter ernährt sich unser Jahresvogel. Mangelhafte Nistplätze sowie fehlende oder durch andere Pestizide vergiftete Nahrung sind Hauptgründe für weniger Bruten und eine geringere Überlebenschance des Taubennachwuchses. Zahlen aus England verdeutlichen den großen Einfluss der Situation im Brutgebiet: Wurden 1960 pro Jahr noch 2,1 junge Turteltauben pro Paar flügge, waren es 1990 nur noch 1,3.

Auch in den afrikanischen Überwinterungsgebieten wird Lebensraum vernichtet. Zum einen in der Landwirtschaft, aber auch durch unkontrollierte oder gar illegale Waldrodungen für die Herstellung von Holzkohle, die etwa Nigeria in die EU exportiert.

Weitere Gefährdungsfaktoren: Abschuss und Wilderei

Tote Turteltaube liegt auf einem Stein | © Filip Wieckowiski (Birdlife Malta) © Filip Wieckowiski (Birdlife Malta)
Turteltauben werden oft Opfer von Wilderei und Abschuss

Die EU-Vogelschutzrichtlinie ist das wirksamste Rechtsinstrument zum Erhalt der Vogelbestände in Europa. Jedoch erlaubt sie für 24 Vogelarten die Jagd in der gesamten EU und nach Artikel 7 für weitere 58 in einigen Ländern. Die Turteltaube gehört dazu und darf in zehn EU-Staaten gejagt werden. Die Mitgliedstaaten mit Lizenz müssen dabei eigentlich sicherstellen, dass die Art selbst und Schutzbemühungen für sie nicht gefährdet werden.

Dennoch kommen in der EU jährlich mindestens 1,4 bis 2,2 Millionen Turteltauben zum Abschuss. Die offensichtlich viel zu hohen Quoten sind nur ein Defizit der Richtlinie. In Österreich und Frankreich darf bis in die Brutperiode hinein gejagt werden. Besonders gravierend für die Bestandsentwicklung ist die Jagd auf dem Frühjahrszug, denn sie trifft Vögel, die den Winter überlebt haben und bald brüten würden.

Eine weitere Gefährdungsursache für den Bestand unseres „Liebesboten“ ist die Wilderei. Obwohl der Umfang des gesamten Zugvogelmords inzwischen langsam zurückgeht, werden viele Vögel noch immer zum Vergnügen geschossen oder auf Märkten zum Verzehr verkauft.

BirdLife International geht davon aus, dass pro Jahr allein mehr als 600.000 Turteltauben im gesamten Mittelmeerraum der illegalen Tötung zum Opfer fallen – entweder in Ländern ohne Jagderlaubnis, außerhalb der erlaubten Jagdzeiten oder mit illegalen Methoden.

Diese Zahl birgt jedoch große Unsicherheiten, da aus vielen Staaten keine oder nur schwer belastbare Daten vorliegen. Die Schwerpunkte liegen in Nahost, Ägypten und, vorwiegend im Frühjahr, auf den Ionischen Inseln in Griechenland.

Klimawandel und Krankheiten als Bedrohung

Turteltaube sitzt auf einem Stamm | © Herbert Henderkes © Herbert Henderkes

Die Unwägbarkeiten des Klimawandels haben großen Einfluss auf Zugvögel wie Turteltauben. Denn sie sind besonders abhängig von Wasser- und Nahrungsquellen entlang der Zugrouten. Trocknen Oasen in der Sahara aus, fehlen die „Tankstellen“ für den kräftezehrenden Weiterflug.

Die Ausbreitung der Wüsten aufgrund ausbleibenden Regens oder der Übernutzung der Lebensräume durch die Bevölkerung könnte den Zugweg für sie noch verlängern.

Seit einigen Jahren führt der Einzeller Trichomonas gallinae zu einem massiven Grünfinkensterben. Bei Turteltauben kann dieser Parasit ebenso hohe Infizierungsquoten auslösen. E

ine hohe Ansteckungsgefahr besteht vor allem an den Futter- und Trinkstellen, da der Erreger von Vogel zu Vogel übertragen wird und meist tödlich für die Tiere ist.

Schutz - Jetzt handeln!

Wissenschaftler konnten nachweisen, dass die jährlich mindestens 1,4 Millionen in der EU geschossenen Turteltauben von der Art nicht mehr verkraftet werden können. Weil die Bestände der Turteltaube europaweit abstürzen, wurde auf einem Treffen aller EU-Mitgliedstaaten im Mai 2018 ein Aktionsplan zum Schutz der Europäischen Turteltaube verabschiedet.

Das ist eine Besonderheit, denn zu keiner anderen in Deutschland brütenden Einzelart gibt es einen internationalen „Single Species Action Plan“ (SAP). Die zeichnenden EU-Mitgliedstaaten verpflichten sich, die darin festgeschriebenen Maßnahmen umzusetzen.

Die Eckpunkte

  • Hauptziel ist es, den Bestand der europaweit stark abnehmenden Art wieder in einen günstigen Erhaltungszustand zu bringen.
  • Ab 2028 sollen die Bestände der Turteltaube in Europa wieder steigen.
  • Der Bestandsrückgang der Populationen auf allen Zugrouten soll gestoppt werde

Die meisten Anstrengungen sollen laut Aktionsplan in den Erhalt und die Wiederherstellung von Lebensräumen und Nahrung im Brutgebiet fließen, ebenso wie deren Bereitstellung in Afrika und auf dem Zug. Bisher hat keine nationale Regierung „Sofort-Agrarumweltmaßnahmen“ zum Schutz der Turteltaube eingeleitet. Um legale Abschüsse einzudämmen wurden temporäre Jagdmoratorien festgeschrieben – ein Grund, warum einige Staaten dem SAP nicht zugestimmt haben.

BirdLife-Partner des NABU haben gegen sechs Mitgliedstaaten Beschwerden bei der EU eingereicht und konnten einen Teilerfolg verbuchen: Die EU-Kommission hat im Juli 2019 gegen Spanien und Frankreich Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet, weil beide Länder keine Maßnahmen zum erforderlichen Schutz der Turteltaube ergriffen haben

Jagdstopp im Mittelmeerraum

Tote Turteltaube | © David Tipling © David Tipling

Während in der EU Zahlen zur Jagd vergleichsweise umfassend vorliegen, müssen vor allem im östlichen und südlichen Mittelmeerraum die Hotspots und das Ausmaß der illegalen Verfolgung identifiziert werden. Eine Analyse, warum Jagdregulierungen nicht wirken, wäre ein wichtiger erster Schritt.

Die Staatengemeinschaft, die sich der Bonner Konvention zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten verpflichtet hat, allen voran die EU und Deutschland, muss auf eine Verbesserung und verstärkte Durchsetzung bestehender Rechtsvorschriften drängen.

Auch innerhalb der EU müssen die Jagdbefugnisse in den Ländern durch dauerhafte Moratorien abgeschafft werden – sowohl für die Frühjahrsjagd auf Malta als auch für die Herbstjagd.

Wir unter BirdLife Malta bei der politischen Arbeit und bei Vogelschutzcamps seit vielen Jahren erfolgreich.

Nachhaltige Landwirtschaft

Die Umsetzung von Schutzmaßnahmen erfordert von Europa und Deutschland vor allem eine entsprechende Neuausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), da das Überleben der Turteltaube auch maßgeblich von der Förderung pflanzenreicher, giftfreier und vielfältiger Kulturlandschaften abhängt.

Die Auswirkungen der Jagd auf die Bestände wären längst nicht so gravierend, wenn es durch eine naturverträglichere Landwirtschaft mehr Turteltauben gäbe, die erfolgreich brüten

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