Machbarkeitsstudie

zur Stützung von Bartgeier (Gypaetus barbatus, Linneaus, 1758) und Gänsegeier (Gyps fulvus, Hablizl, 1783) in den Ostalpen durch Maßnahmen in Bayern

Im Auftrag des Landesbunds für Vogelschutz e.V. wurden in der vorliegenden Machbarkeitsstudie die Möglichkeiten zur Stützung von Bartgeier und Gänsegeier in den Ostalpen durch Maßnahmen in den bayerischen Alpen geprüft. Dazu wurden neben der historischen Verbreitung beider Vogelarten auch die Gründe der Ausrottung, sowie aktuelle Gefährdungsursachen und das Nahrungspotential vor allem im bayrischen Alpenraum analysiert.

Adulter Bartgeier im Flug, Nahaufnahme | © Hansruedi Weyrich © Hansruedi Weyrich
Bartgeier (Gypaetus barbatus)

Trotz unvollständiger Quellenlage scheint der Status des Bartgeiers als einstiger Brutvogel in Bayern wahrscheinlich. Sicher scheint auch, dass diese Art vor 200 Jahren regelmäßig in den bayerischen Alpen auftauchte. Der Gänsegeier dürfte jedoch schon immer nur ein Sommergast aus Südeuropa gewesen sein und kommt - zumindest in Bayern - für direkte Wiederansiedlungen nicht in Frage.

Sowohl Bart- als auch Gänsegeier werden aktuell unregelmäßig im bayrischen Alpenraum gesichtet. In der Datenbank des Internationalen Bartgeier-monitorings liegen derzeit (Stand 04.01.2019) 155 Datensätze für Bartgeiersichtungen in Deutschland vor:

  • 97 aus dem Allgäu (63%)
  •  25 aus Berchtesgaden (16 %)
  • 13 aus dem Werdenfelder Land (8 %)
  • 20 aus Gebieten außerhalb der Alpen (13%)

Bedrohungen für große Greifvögel bestehen in den untersuchten bayerischen Gebieten momentan nur in geringem Ausmaß in Form von Strukturen mit Kollisionsgefahr wie etwa Seilbahnkabeln und Windkraftanlagen. Direkte Verfolgung und ähnliche Gefährdungen sind zu vernachlässigen. Jedoch besteht das erhebliche Risiko von Bleivergiftungen über kontaminierte Teile von Jagdwild. Außerdem wird lokal in eng begrenzten österreichischen Gebieten die konkrete Gefahr des gezielten Abschusses von Großgreifvögeln vermutet.

Die Nahrungssituation für Bart- und Gänsegeier dürfte im gesamten Ostalpenraum sehr gut sein. Die aktuellen Höchststände von Schalenwildpopulationen bieten ein flächendeckendes Angebot an Fallwild. Auch die sommerlichen Weidetiere in der Almregion stellen grundsätzlich eine reichhaltige potentielle Nahrungsquelle dar. Diese Ressource wird allerdings durch die aktuell praktizierte fast vollständige Entsorgung des überwiegenden Teils anfallender Nutztierkadaver stark reduziert.

Durch Abgleich mit den von der IUCN aufgestellten Richtlinien für Wiedereinbürgerungen von Tierarten zeigte sich, dass sich der Bartgeier für eine Wiederansiedlung in Bayern bzw. allgemein in den Ostalpen eignet. Der Gänsegeier hingegen kommt mangels historischer Brutvorkommen derzeit nicht für solche Maßnahmen in Bayern in Betracht. Diese Art würde vielmehr von der Unterstützung der sommerlichen Nahrungsgäste aus Südwest- und Südosteuropa profitieren, deren Zahl kontinuierlich zunimmt. Neben der signifikanten Reduzierung von bleihaltiger Jagdmunition wäre eine geierfreundliche Nutztierkörperbeseitigungspraxis das einfachste Vorgehen, um Gänsegeier im Ostalpenraum zu fördern. Auch in Hinblick auf die über 200.000 jährlich in Deutschland durch den Straßenverkehr getöteten Wildtiere stellt sich die Frage, ob und wie diese Biomasse der Natur zurückgeführt werden könnte. Da eine ganze Nahrungskette auf Kadavern aufbaut und eine Vielzahl von Insekten, Kleinvögeln etc. von Großtierkadavern in der Landschaft profitieren, wäre die notwendige Änderung der Haltung gegenüber toten Tierkörpern ein wichtiger Beitrag zur Steigerung der Biodiversität.

Für eine mögliche Wiederansiedlung des Bartgeiers eignet sich von allen bayrischen Gebirgsregionen am besten der Nationalpark Berchtesgaden. Sowohl das Allgäu im Westen als auch die zentral liegenden Gebiete um die Ammergauer Alpen oder das Karwendel/Werdenfelser Land verfügen derzeit u.a. über keine geeignete Schutzgebietsorganisation, welche die für Freilassungen nötige Logistik stellen könnte. Im Falle des Allgäus kommt noch die latente Gefährdung durch Abschüsse im nahen Tirol hinzu. Gerade diese Region scheint jedoch das größte Potential für eine natürliche Wiederbesiedelung durch Bartgeier zu haben. Daher wird für das Allgäu eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit empfohlen, um die selbständige Rückkehr des Bartgeiers in der Wahrnehmung der Bevölkerung vorzubereiten und ein Beobachternetzwerk aufzubauen. Hierbei sind die Einbindung der Jägerschaft und deren grenzübergreifender Informationsaustausch von entscheidender Bedeutung.

Die großen Gefährdungen Blei und direkte Verfolgung in einigen österreichischen Problemgebieten muss in Zusammenarbeit mit den Jagdverbänden grenzüberschreitend konsequent thematisiert und nachhaltig entschärft werden, auch in Zusammenarbeit mit den zuständigen Landesbehörden, Gerichten und Polizeidienststellen. Wildtierkriminalität darf nicht als Kavaliersdelikt eingestuft werden. Die Erfahrungen mit den illegalen Luchstötungen im Bayerischen Wald zeigen, dass eine konsequente strafrechtliche Verfolgung durch Staatsanwaltschaft und Polizei Wirkung zeigen können. Der Vollzug war erst durch großen öffentlichen Druck konsequent umgesetzt worden.

Auch Konzepte zum häufigeren Verbleib von totem Vieh auf Almen sollten modellhaft geprüft, wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden. Das Biomonitoring an den Probestellen sollte hierbei nicht nur auf Geier beschränkt werden.

Für Wiederansiedlungen von Bartgeiern im Nationalpark Berchtesgaden, eventuell auch wechselweise in Kooperation mit dem Bundesland Salzburg, müssen vor Ort vorbereitende Maßnahmen wie Infoveranstaltungen und Initiativen für bleifreie Munition abgehalten werden, vor allem bei Institutionen mit vielen Abschüssen, wie den Bayerischen Staatsforsten. Die Durchführung von Freilassungen sollte in enger Kooperation mit der VCF geplant werden, bis sich eine selbst reproduzierende Population in einem Teil der Ostalpen etablieren könnte. Dies erscheint langfristig möglich.

 

 

Im Auftrag des Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V.
Gefördert von der Stiftung Bayerischer Naturschutzfonds und der HIT-Stiftung

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