VOGELSCHUTZ 4-23

LBV MAGAZIN 4|23 45 FOTOS: GUNTHER ZIEGER, CAROL HAMILTON - STOCK.ADOBE.COM, INGO BARTUSSEK - STOCK.ADOBE.COM Der Waschbär ist eine von über 1.000 Tierarten in Deutschland – meist Insekten –, die hier nicht heimisch sind und als Neozoen bezeichnet werden. Unter Neozoen versteht man Tier- oder Pflanzenarten, die nach 1492 (Entdeckung Amerikas) den Weg zu uns gefunden haben. Häufig sind Neozoen eingeschleppt, also unbeabsichtigt auf einen Kontinent oder in ein Gebiet gelangt. Pflanzen sie sich in freier Wildbahn über einen definierten Zeitraum erfolgreich fort, gilt eine Art als etabliert – das bedeutet aber nicht, dass sie nun heimisch wäre. Arten, die aufgrund von Konkurrenzvorteilen durch günstigere Lebensraumansprüche heimischen Arten zu schaffen machen, erhalten den Zusatz invasiv. Auch der Waschbär steht auf der „Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung“ (Unionsliste), die 2016 von der EU-Kommission veröffentlicht wurde. Inwieweit invasive Tierarten durch Jagd dezimiert oder sogar komplett entnommen werden sollten, ist umstritten. In Deutschland hat der Waschbär keine Schonzeit und dürfte mit Ausnahme jungeführender Muttertiere sogar ohne Einschränkung bejagt werden. In Bayern wurden 2019/20 knapp 4.000 Waschbären erlegt. Doch der Waschbär kann Verluste relativ schnell wieder ausgleichen, weshalb eine intensive, generelle Bejagung zur Wiederausrottung nicht unbedingt erfolgversprechend scheint. Zudem betrachten viele Menschen den frechen Kleinbären mit der Gangstermaske mittlerweile als normalen Bestandteil der Natur vor der Haustür. Häufig werden Waschbären leider sogar gezielt gefüttert. Tatsächlich können Waschbären lokal eine große Gefahr für seltene Amphibien und Reptilien sowie vor allem für Vogelarten darstellen. Als Opportunisten fressen sie Eier nicht nur aus Gelegen von Bodenbrütern, sondern auch aus Nestern hoch in Bäumen. Mit ihren langen Beinen und Greiffüßen erreichen sie vor Katzen und Mardern sichere Nester in Nistkästen, wo sie mitunter die Einfluglöcher mit den Zähnen erweitern. Waschbären sind extrem gute Kletterer, die auch an Regenfallrohren und glatten Hauswänden einen Weg finden. Wo sie in Siedlungen vorkommen, sollte man potenzielle Nahrung (Speisereste, Futterstellen, gelber Sack) unzugänglich lagern, mögliche Unterschlupfe am Haus versperren sowie waschbärsichere Nistkästen aufhängen. Auf keinen Fall sollten die kleinen „Bären“ angefüttert werden. In die Enge getrieben, können die eigentlich friedlichen Tiere schon mal kratzen oder beißen und dabei auch Krankheiten übertragen. Eine generelle „Verteufelung“ ist dennoch nicht angebracht, zumal wir den Waschbären mittlerweile nicht mehr ausrotten könnten. Besser wäre es, den Bestand gezielt zu managen. ANITA SCHÄFFER Dipl.-Ing. Forstwirtschaft Buchautorin und Redaktionsmitglied E-Mail: infoservice@lbv.de Steckbrief Aussehen 40 bis 60 cm Körperlänge (ohne Schwanz), bucklige Körperhaltung; grau mit schwarzer Augenmaske, buschiger, geringelter Schwanz, spitze Schnauze, runde Ohren. Lebensraum Wald, Parks und Gärten, gerne in Wassernähe. Nahrung Vielseitig tierisch, pflanzlich und Abfälle. Fortpflanzung Paarungszeit im Winter; ab März ein bis sieben Junge, die etwa fünf Wochen bei der Mutter im Wurfnest und weitere vier Monate im Familienverband bleiben. Umgeworfene Mülltonnen, zerrissene gelbe Säcke, Kratzspuren an der Hauswand, hundeähnliche, mit Obstkernen durchsetzte Häufchen: Solche Spuren können ein Hinweis auf nächtlichen Waschbärenbesuch sein. Waschbären halten sich gerne an Gewässern auf, wo sie nach Nahrung suchen. Der Kletterspezialist kommt fast überall hin und bedient sich auch am Vogelfutter.

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