VOGELSCHUTZ 4-23

LBV MAGAZIN 4|23 25 FOTOS: JAN HAFT (3) lisation und die urzeitliche Großtierfauna. Ob die großen Pflanzenfresser nur vertrieben, gleich aufgegessen oder bereits während der Kaltzeit in ihren Refugien dezimiert wurden, ist unbekannt und nicht weiter von Belang. Fakt ist, dass der „Ökoingenieur Pflanzenfresser“ auf einmal nicht mehr in dem Maße da war, wie es die Natur über Jahrmillionen vorgesehen hatte. Zwar hat es der Auerochse bis ins Mittelalter geschafft, aber seine Anzahl dürfte schon Jahrtausende vorher zu gering gewesen sein, um in der Natur eine bedeutende Rolle zu spielen. Von Nashorn, Altelefant, Europäischem Wasserbüffel, Steppenbison und den anderen Kolossen ganz zu schweigen. Mitteleuropa begann langsam zuzuwuchern. Rettung für die Artenvielfalt war der Mensch, indem er Pferd und Wildrind zähmte und in immer größeren Stückzahlen draußen weiden ließ. Wo sonst? Beweidung kommt der Wildnis am nächsten In der Kaiserzeit um 1900 lebten in Deutschland – damals gab es freilich etwas mehr Fläche – etwa 25 Millionen Hausrinder und Pferde, also doppelt so viele wie heute. Die Flur jenseits der Dörfer war ihre Weide. Ein Drittel unseres Landes wurde beweidet und sah entfernt aus wie die Serengeti, halboffen, voll blühender Stachelgebüsche, kurzgefressener Weiderasen, knorriger Einzelbäume, Totholz, Wäldchen, Suhlen und Triftwegen. Alte Landschaftsgemälde geben darüber Auskunft. Das war das Habitat-Mosaik, in dem all unsere etwa 70.000 höheren Organismen ihre Nische fanden, egal ob wir sie heute als „Waldarten“ oder als „Offenlandarten“ bezeichnen. Ein unvorstellbar strukturreicher Lebensraum, noch heute zu bestaunen auf mancher Alm in den Bergen oder im rumänischen Transsilvanien, wo es nach wie vor große Almendweiden gibt, auf denen Schwarzstirnwürger, Steinschmätzer und Wiedehopf keine Besonderheiten sind. Kurz: Eine extensive Weide bietet einem Maximum an Arten einen Lebensraum. Natürlich wird es auch im Eem und davor dichten Wald gegeben haben, das belegt die Existenz von spezialisierten Waldarten. Betrachtet man aber die Lebensraumansprüche des Großteils unserer Fauna und Flora und sogar der Pilze muss Bayern, muss Deutschland, ja muss Europa zum überwiegenden Teil offen oder zumindest halboffen gewesen sein. Einst weideten hier wilde Großtiere und später – immerhin über mehrere Jahrtausende – ihre zahmen NachBeweidung im LBV In 50 LBV-Schutzgebieten und damit auf zehn Prozent unserer bayernweiten Flächen findet eine Beweidung statt. Diese Weideflächen sind meist kleiner als zehn Hektar, in wenigen Fällen erreichen sie bis 80 Hektar. Beweidet wird mit robusten Rinderrassen, Wasserbüffeln, Schafen und Ziegen bis hin zu Pferden. Je nach Fläche kann das Ziel der Beweidung die Steigerung der Strukturvielfalt, die Reduktion von Gehölz, der Erhalt von Lebensraum oder auch eine Veränderung des Lebensraums sein. Diese sogenannte extensive Beweidung wird im LBV immer häufiger eingesetzt, da sie die Artenvielfalt steigert, gut für die regionale Wertschöpfung ist und sich sogar für eine attraktive Öffentlichkeitsarbeit eignet. In den meisten Fällen kooperieren wir hierbei mit lokal ansässigen Landwirten. Auf kleinen oder vereinzelt liegenden LBVFlächen mit vom Aussterben bedrohten Arten sollte für deren Erhalt eine schonende Mahd gewählt werden. Ebenso auf Flächen, die regelmäßig vollständig überschwemmt werden und gleichzeitig keine Ausweichmöglichkeit für Weidetiere bieten. DR. NADJA DANNER, FLÄCHENMANAGERIN, REFERAT LANDSCHAFTSPFLEGE fahren. Nur eines gab es in der Geschichte des Landes bis in die jüngste Zeit nie: die einförmige Mähwiese. Natürlich sind wir alle glücklich, wenn ein Landwirt oder eine Landwirtin heute, meist mit Unterstützung aus dem Vertragsnaturschutz, eine ein- bis zweischürige Heuwiese bewirtschaftet. Sie ist voller bunter Blumen, beherbergt einen ganzen Schwung unterschiedlich singender Heuschrecken, vielleicht sogar den einen oder anderen bodenbrütenden Vogel und vieles mehr. Wenn wir aber auf Naturschutzflächen über die Form der Bewirtschaftung entscheiden dürfen, sollten wir uns immer für die Beweidung entscheiden. Sie entspricht einer Art der Biotopflege, die der ursprünglichen Wildnis am nächsten kommt, die den meisten Arten in dem jeweiligen Gebiet zugutekommt, aktiven Klimaschutz mit sich bringt, ebenso wie ein gefälliges Landschaftsbild und ein Maximum an Tierwohl. Die Beweidung möglichst vieler Gebiete ist unsere Chance, den allgemeinen Artenrückgang zu stoppen. Die wilde Weide, vom Menschen initiiert und betreut, aber weitgehend sich selbst überlassen, bringt die beiden Herzen in der Brust von Naturschützerinnen und Naturschützern zusammen – der scheinbare Widerspruch zwischen Eingreifen und Nichteingreifen in unsere Natur löst sich in Wohlgefallen auf. Diskutieren Sie mit unserem Autor! Durch den Beitrag des Naturfilmers, Buchautors (siehe S. 48) und LBV-Medienpreisträgers Jan Haft möchten wir eine fachlich wichtige Diskussion über das Thema Beweidung anstoßen. Wir laden Sie deshalb zu einem exklusiven LBV-Online-Vortrag von Jan Haft am 30. November um 19 Uhr mit anschließendem Gespräch ein. Den Link finden Sie an diesem Tag auf unserer Webseite: lbv.de JAN HAFT Naturfilmer und Buchautor

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