VOGELSCHUTZ 4-23

PROF. DR. HEINRICH BEDFORD-STROHM Bis Ende Oktober Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern Freiwilligkeit beruhen sollten. Dass es immer der beste Weg ist, wenn Menschen nicht zur Befolgung des Rechts gezwungen werden müssen, sondern aus freier Einsicht so handeln, dass die legitimen Interessen der anderen gewahrt werden, liegt auf der Hand. Ebenso selbstverständlich würden wir aber alle sagen, dass, wenn Menschen sich nicht freiwillig an das Recht halten, der Staat dieses Recht durchsetzen muss, damit nicht das Recht des Stärkeren gilt. Ich kenne niemanden, der einen Fundamentalprotest dagegen erheben würde, dass der Staat die Verkehrsregeln durchsetzt. Denn wir wissen, dass die Verletzung der Verkehrsregeln andere schädigen, sie im schlimmsten Fall sogar das Leben kosten kann. Es ist der überwältigende Konsens der Wissenschaft, dass die Fortsetzung der ökologischen Zerstörung, die von unserem gegenwärtigen Wirtschaftsmodell ausgeht, nicht nur Menschen schädigt, sondern Menschenleben kostet – schon jetzt. Und in der Zukunft noch viel mehr. Wer jetzt noch immer allein auf Freiwilligkeit setzt, handelt verantwortungslos. Denn er versäumt, die legitimen Interessen von Menschen in anderen Teilen der Erde und zukünftiger Generationen zu schützen. Das Bundesverfassungsgericht hat den legitimen Interessen zukünftiger Generationen inzwischen sogar verfassungsrechtliche Verbindlichkeit gegeben. Und trotzdem wird das Dogma der Freiwilligkeit weithin aufrechterhalten. Natürlich ist jede Verringerung des CO2-Ausstoßes durch einen entsprechenden persönlichen Lebensstil willkommen und wichtig. Indessen gilt gerade im Hinblick auf die vielen Dilemma-Abwägungen, die dabei miteinzubeziehen sind: Wirklich wirksam ist nur eine verpflichtende Begrenzung des CO2-Ausstoßes. Es würde keinen Sinn machen, wenn etwa die Kirche auf alle Flüge verzichten würde, die zur Pflege der vielfältigen weltweiten Kirchenpartnerschaften nötig sind, während die Business Community ohne Einschränkung weiterflöge. Die Globalisierung der Wirtschaft würde wachsen, die durch den Austausch in Kirchenpartnerschaften geförderte Globalisierung der Humanität würde geschwächt, der CO2-Ausstoß aber nur marginal gesenkt. Notwendige Einschränkungen haben nur dann eine Chance auf breite Akzeptanz zu stoßen, wenn sie für alle gelten und damit in der Lage sind, das Ziel weltweiter Klimagerechtigkeit wirklich zu fördern. Wir werden uns für unser jetziges Verhalten verantworten müssen – das steht fest. Ob wir dabei das Urteil kommender Generationen vor Augen haben oder den Richterstuhl Gottes, hängt von unseren religiösen Überzeugungen ab. Mich persönlich beschäftigt beides. Werde ich mit meinem Handeln meiner Verantwortung gegenüber Gott und gegenüber den kommenden Generationen gerecht? Mit dem Dogma der Freiwilligkeit werde ich mich jedenfalls nicht herausreden können. Die Einschränkungen müssen für alle gelten LBV MAGAZIN 4|23 13

RkJQdWJsaXNoZXIy NDEzNzE=