VOGELSCHUTZ 2-23

T H EMA FOTOS: ANDREAS HARTL, ZDENEK TUNKA, CHRISTOPH BOSCH, DR. CHRISTIAN STIERSTORFER Eine Freundin schrieb mir erst vor Kurzem aus Brasilien, wo sie ihre 7.500ste Vogelart gesehen hat. Sie reist in der Welt umher, um möglichst viele der weltweit über 10.000 Vogelarten zu entdecken und auf ihre life list (Lebensliste) zu setzen. Sie schließt sich dabei meist organisierten Gruppen an, die Reiseführern vor Ort im Land Arbeit bieten, und auch Geld in Naturschutzprojekte investieren. Und was geben Sie den Teilnehmenden Ihrer Vogelexkursionen weiter? Während meiner wissenschaftlichen Forschung wurde ich angeleitet, die Welt zu bestaunen, genau zu beobachten und Beobachtetes zu hinterfragen. Ich beschäftigte mich intensiv mit dem, was direkt vor mir lag. Dieses staunende Beobachten und Hinterfragen, was man sieht und hört, versuche ich heute an Teilnehmende bei Exkursionen weiterzugeben. Auch als Erwachsene können wir unsere Umwelt bewusst wahrnehmen und darüber staunen. So habe ich entdeckt, dass man Vogelbeobachtung einfach genießen und sich an jedem Vogel erfreuen kann, den man sieht, und Spaß dabei haben kann mit Gleichgesinnten in der Natur unterwegs zu sein. Klar freue ich mich immer noch im Winter eine Schwanzmeise zu entdecken, aber ich würde keine 30 Kilometer fahren, um eine zu sehen. Selbst wenn man schon sein Leben lang Vögel beobachtet, kann es sich lohnen, Vogelbeobachtung auf eine neue Art zu probieren. Wie genau erholen Sie sich durch Vogelbeobachtung? Vor allem, wenn ich ein Teil meiner natürlichen Umgebung werde, wenn die Vögel sich an mich gewöhnen und ihrem bunten Treiben nachgehen. Wenn ich an einen Ort komme, bin ich zuerst eine Fremde. Wir Menschen bewegen uns auffällig, die Vögel entdecken uns und begrüßen uns scheinbar lautstark. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Vögel sich gegenseitig warnen, dass ich in ihr Umfeld eingedrungen bin – oder sie verstummen wie im Fall der Spatzen. Sie sehen mich also zunächst als potenzielle Gefahr. Doch wenn ich dann ganz stillstehe, mich mit dem Rücken an einen Baum lehne und ruhig verharre, scheinen sie zu vergessen, dass es mich gibt. Sie gewöhnen sich an meine Anwesenheit und sie fressen und putzen sich und füttern ihre Jungen. Ich werde ein Teil dieses Treibens, genieße ihre Nähe und vergesse die Welt um mich herum. Wann finden Sie Zeit zur Vogelbeobachtung? Eigentlich immer und überall: auf dem Weg zur Arbeit, beim Spaziergang in der Nachbarschaft, im Wald, oder beim Blick aus dem Fenster im Zug. Arnulf Conradi beschreibt es in seinem Buch Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung sehr passend: „Das Vogelbeobachten ist eher eine Lebensform als ein Hobby, man tut es eigentlich immer, man guckt stets nach Vögeln.“ Sie haben selbst auch ein neues Buch zu den Auswirkungen der Vogelbeobachtung geschrieben, das Erste zu diesem Thema auf dem deutschsprachigen Markt? Eigentlich hat meine US-amerikanische Kollegin Holly Merker mit Richard und Sophie Crossley ein Buch zu „Ornitherapy“ geschrieben. Ich war begeistert davon und habe es mit ihr ins Deut- „Auch als Erwachsene können wir unsere Umwelt bewusst wahrnehmen und darüber staunen“ In die Natur eintauchen mit einer Vogelexkursion einer LBV-Kreisgruppe. 16 LBV MAGAZIN 2|23

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