VOGELSCHUTZ 3-19

4|19 VOGELSCHUTZ 11 FOTOS: RALPH MARTIN, DR. EBERHARD PFEUFFER, RUDOLF WITTMANN, DR. OLAF BRODERS Der Gewöhnliche Erdrauch: selten gewordene Nahrung der Turteltaube (1), genau wie die Auwälder, die einst ihr bevorzugter Lebensraum waren (2). Heute findet die Tur- teltaube Brutraum in Gebüschen oder aufwachsenden Gehölzen, wie z.B. hier an einer Kiesgrube (3). Kulturarten statt Ackerwildkräuter In Deutschland brütet die Turteltaube vor allem in Gebüschen und Feldgehölzen sowie an den Rändern lichter, strukturreicher Laub-, Misch- und Nadelwälder. Sie besiedelt zudem ehemalige Hutungen und wiederbewaldete Heiden, verbuschte Ränder degenerierter Hochmoore, ehemalige Truppenübungsplätze sowie Bergbaufolgelandschaften mit hohen Anteilen an Suk- zessionsflächen (Gehölzaufwuchs aus Pionierarten, z.B. Birke, Pappel etc.). Man trifft sie außerdem in Auwäldern oder Uferge- hölzen an. Nicht selten brütet sie in größeren Gärten, Parks und Obstbaumkulturen, wo siewenigeMeter hohe Laubbäume und größere Sträucher wie Hasel, Weißdorn oder Holunder nutzt. Sie hält sich bevorzugt dort auf, wo sie ausreichend Samen von Wildkräutern und Wasser zum Trinken findet. Optimalerweise bietet ihr ein Mosaik aus verschiedenen Landnutzungsarten und Ackerfrüchten während der gesamten Brutsaison eine üp- pige Nahrungsgrundlage. Turteltauben gehen in der Regel in kleineren Trupps auf Nah- rungssuche. Bereits während der Brutzeit sind sie dann an Ackerrändern und auf Lichtungen zu beobachten, manchmal auch zusammen mit anderen Taubenarten. Sie ernähren sich fast ausschließlich vegetarisch und bevorzu- gen dabei die Samen verschiedener Wild- kräuter. Da Landwirte teils akribisch gegen den Aufwuchs solcher Wildkräuter auf ihren Ackerflächen vorgehen, hat sich die Nah- rungszusammensetzung des Vogels des Jah- res 2020 seit den 1960er Jahren unweigerlich verändert. Statt der Samen von Erdrauch, Klee, Vogelwicke, Wolfsmilch und Leimkraut – alles Wildkräuterarten, die Landwirte nicht auf dem Feld haben wollen, – machen heute in weiten Teilen des Verbrei- tungsgebiets der Turteltaube landwirtschaftliche Sämereien wie Sonnenblumenkerne, Raps- oder Getreidesamen mehr als die Hälfte der Nahrung aus. Früher waren es nicht mehr als 20 Prozent. Es geht rapide bergab Turteltauben sind die einzigen Langstreckenzieher unter den Taubenarten Mitteleuropas. Sie verlassen zwischen Ende Juli und Anfang Oktober Europa, um südlich der Sahara zu über- wintern. Wie auch Mauersegler und Neuntöter verbringen sie den überwiegenden Teil des Jahres auf dem Zug und im afrikanischen Überwinterungsgebiet. Noch in den 1940er und 50er Jahren war die Turteltau- be weit verbreitet und sehr häufig zu sehen. Seither gehen ihre Bestandszahlen jedoch – mit einer Ausnahme Anfang der 1990er Jahre – überregional stetig zurück. Die erst in diesem Jahr veröffentlichten offiziellen Zahlen zum Zustand der Vogelpopulationen in Deutschland offenbaren Drama- tisches für die Turteltaube: Demnach liegt ihr Bestand in Deutschland bei nur noch 12.500 bis 22.000 Brutpaaren. Bis 2009 war er doppelt so hoch. Dieser starke Rückgang ist seit 1992 für jedes einzelne Flächenbundesland zu ver- zeichnen und hat bei der letzten Aktualisierung der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands dazu geführt, dass der inzwi- schen seltene Vogel von Kategorie 3 (gefährdet) auf 2 (stark gefährdet) hochgestuft wurde. Auch in den meisten europäischen Ländern sind die Be- stände der Turteltaube seit den 1970er Jahren rückläufig und haben seit 1980 um 79 Prozent abgenommen. In Großbri- tannien ist die Art mit einem Rückgang von sogar 94 Prozent mittlerweile fast ausgestorben. Insgesamt brüten in Europa aktuell noch geschätzte 3,2 bis 5,9 Millionen Paare, wobei Spa- nien, Frankreich, Italien und Rumänien innerhalb der EU die meisten Turteltauben beherbergen. 1 3 2 Die Nahrung der Turteltaube: früher Wildkräuter, heute Raps und Getreide >> Weiter auf Seite 14

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