VOGELSCHUTZ 2-19

16 VOGELSCHUTZ 2|19 NA T U R S C HU T Z P O L I T I K Interview mit DAV-Vizepräsident Rudi Erlacher zur Freizeitnutzung der Alpen Wettlauf mit immer neuen Sportarten Der rücksichtslose Wettbewerb unter den Skipistenbetreibern und der steigende Freizeit- druck mit immer neuen Outdoor-Aktivitäten lassen kaum noch unberührte Natur in den Al- pen übrig. Im LBV-Interview schildert DAV-Vizepräsident Rudi Erlacher, wie man als Verband versucht, diese Erschließungs- und Nutzungswelle einzudämmen. VOGELSCHUTZ: Herr Erlacher, Sie sind Vizepräsident des DAV und bekleiden noch viele weitere Ämter, die mit dem Thema Alpen zusammenhängen. Wie ist Ihr persönlicher Bezug zu den Bergen? Rudi Erlacher: Ich bin in Kreuth am Tegernsee aufge- wachsen, meine Eltern waren schon Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre skibegeistert. So war meine Mut- ter im Winter 1948 über zwanzig Mal am Hirschberg – mit den Fellen – um am Gipfelhang Slalom zu trainieren! Und mein Großvater war mit mir als junger Bub auf den Jäger- steigen in den Hauptdolomit-Schluchten wie zum Beispiel in den „Toten Gräben“ unterwegs, da habe ich sozusagen die Natur geatmet. VS: Und später? Erlacher: Später bin ich dann über die Bergpassion zum Naturschutz gekommen, als die Almerschließungen in Oberbayern Anfang der 1990er Jahre mit der Erschließung der Rauheckalmen am Hirschberg, der Moosenalm am Schafreiter und der Lerchkogelalmen in den Karwendelvor- bergen nochmals richtig Fahrt aufgenommen haben. VS: Eine neue Erschließungswelle rollt über die Alpen. Aus 2er- werden 6er-Sessellifte. Die Beschneiung wird weiter nach oben gelegt, da die gebauten Speicherteiche nicht mehr ausreichen. Ein Erschließungsende scheint nicht in Sicht? Erlacher: Wir beobachten leider keine Konsolidierung der Situation, wie man sie angesichts rückläufiger Zahlen bei den Skifahrern und den Schwierigkeiten mit dem Klima- wandel erwarten würde. Vielmehr ist unter den Betreibern ein Kampf um die Poleposition entbrannt, ein knallharter Verdrängungswettbewerb. Was zählt sind die Pistenkilome- ter, mit denen ein Skigebiet in den Reisekatalogen protzen kann. Das sind quasi die PS der Destinationen. VS: Und wie wird dieser Kampf geführt? Erlacher: Um hier vorne mitzuspielen, werden Skige- biete über letzte unberührte Hochtäler und Kämme hinweg zusammengeschlossen – eine neue Offensive! Skifahrer ha- ben jedoch nichts davon, ob es nun 150 Kilometer oder 250 Kilometer sind. VS: Stichwort „Overtourism“: Zum Thema Mountainbiken gab es ja in jüngster Zeit einige Info-Veranstaltungen. Mit dem E-Mountainbike wird die Situation auf eine weitere Zerreißprobe gestellt. Als Reaktion auf den wachsenden Freizeitdruck haben LBV und DAV gemeinsame Kletterkon- zepte erstellt. Der DAV bietet umweltfreundliches Skiberg- steigen und unterstützt die Initiative der Bergsteigerdör- fer etc. Glauben Sie, dass wir allein mit Konzepten, die auf Freiwilligkeit basieren, die Entwicklung in den Alpen in den Griff bekommen? Erlacher: Dem DAV geht es mit dem Schutz des alpinen Raums schon so ähnlich wie in der Fabel dem Hasen mit dem Igel: „Ich bin schon da“, lächeln ihm die Erfinder neuer Sportarten siegesgewiss entgegen, wenn er gerade erst die vorletzte Erfindung im Freizeitbetrieb mit viel Werbung um Akzeptanz einigermaßen in geordnete Bahnen gebracht hat. VS: Das heißt konkret? Erlacher: LBV und DAV waren ja letztes Jahr bei der Feier des neuen Kletterkonzepts an den Felsen rund um den Kochelsee dabei, und wir haben uns über den Schul- terschluss von Kletterern und Vogelschützern gefreut. Jetzt hat man mit dem Berg-Pedelec oder auch kürzer E-Moun- FOTOS: HENNING WERTH (2), HANNES SCHLOSSER

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