VOGELSCHUTZ_2_18

Insektensterben – kaum ein Wort hat die Diskussion im Na- tur- und Artenschutz in den vergangenen Monaten so sehr dominiert wie dieser Begriff. Eine Gruppe Insektenforscher in Krefeld hat in einer Langzeitstudie Fluginsekten und deren Biomasse erfasst. An den Ergebnissen besteht kein Zweifel: Die Gesamtbiomasse von Fluginsekten hat in den vergange- nen 27 Jahren um rund drei Viertel abgenommen. Kaum eine Zeitung und kaum ein Fernseh- oder Radiosender, die nicht prominent über das Insektensterben berichtet haben. Selbst im Koalitionsvertrag der Großen Koalition finden sich Sätze wie: „Wir werden das Insektensterben umfassend be- kämpfen. Mit einem ‚Aktionsprogramm Insektenschutz‘ wol- len wir die Lebensbedingungen für Insekten verbessern.“ All das ist beachtlich. Aber ist die Entwicklung wirklich neu? Insektensterben – nicht wirklich verwunderlich Seit Jahrzehnten erfassen bundesweit viele tausend Ehren- amtlichemit großer Sachkenntnis und beeindruckendemEn- gagement regelmäßig unsere Vogelwelt. Immer und immer wieder haben wir auf den Zusammenbruch des Bestandes beispielsweise unserer Feldvögel hingewiesen: In 40 Jahren ein Verlust von rund der Hälfte, beim Kiebitz sogar über 80 Prozent und beim Rebhuhn über 90 Prozent Vögel, ist ebenso wie der Rückgang der Insekten ein hervorragender Anzeiger für den Zustand unserer Umwelt, unserer Biologischen Vielfalt, für das Le- ben um uns herum. Doch wo bitte schön sollen die Tiere in unserer Agrarlandschaft überleben? Ein Großteil der Felder wird mit hochwirksamen Pestiziden und mit Mineraldünger behandelt, Grünland wird fünfmal oder sogar noch öfter gemäht, mit Gülle gedüngt, das Mahdgut und alle Kleintiere werden regelrecht abgesaugt und die kümmerlichen Reste von Brachestreifen werden während der Blütezeit gemulcht. Wann haben Sie Ihren letzten Schwalbenschwanz gesehen oder das letzte Mal eine Feldgrille gehört? Diese Arten brau- chen für ihre Entwicklung das ganze Jahr hindurch Lebens- raum. Insektensterben – Spiegelbild unseres Umgangs mit der Natur Das Insektensterben oder auch der Rückgang unserer Feldvögel ist kein punktuelles Problem, dem mit einem Artenhilfsprogramm entgegengewirkt werden kann. Der Zusammenbruch der Biologischen Vielfalt um uns herum, insbesondere in unserer Agrarlandschaft, ist vielmehr Spie- gelbild unseres Umgangs mit der Natur insgesamt. Dabei muss ganz klar gesagt werden: Verantwortlich sind nicht Bäuerinnen und Bauern, vor allem nicht die bäuerlichen Familienbetriebe, von denen wir in Bayern Gott sei Dank noch relativ viele haben. Verantwortlich sind diejenigen, die die landwirtschaftlichen Rahmenbedingungen so gestalten, dass vielen Landwirten gar nichts anderes übrigbleibt, als zu vergrößern und zu intensivieren. Die Zukunft der Insekten und Feldvögel für den Zeitraum nach 2020 entscheidet sich in den nächsten Monaten in Brüssel. Nur eine echte Reform der jetzigen Agrarpolitik kann den weiteren Niedergang der Artenvielfalt stoppen. Dies war kürzlich auch Thema einer gemeinsamen Veranstaltung von Bayerischem Jagdverband (BJV), Landesfischereiverband (LFV) und LBV in der Bayerischen Vertretung in Brüssel. Artenvielfalt in Schutzgebieten Neben Maßnahmen zum Schutz der Biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft brauchen wir Schutzgebiete, vor allem auch großflächige, nutzungsfreie Flächen wie beispiels- weise Nationalparks. Hier können wir lernen und erleben, wie sich das Leben entfaltet, wenn wir nicht eingreifen. Die immense Insektenvielfalt wurde erst kürzlich anhand von Käfern beziehungswiese Nachtfaltern in den bayerischen Nationalparks Bayerischer Wald und Berchtesgaden in WIR WERDEN DAS INSEKTENSTERBEN BEKÄMPFEN DR. NORBERT SCHÄFFER LBV-VORSITZENDER 8 VOGELSCHUTZ 2|18 S T A ND P UN K T Wo bitte schön sollen Insekten und die Tiere in unserer Agrarlandschaft überleben?

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