Kampf der Giganten

Vergleich der Top-Spektive von Swarovski und Zeiss

Das Swarovski ATX 30–70x95 und das Zeiss Victory Harpia 23–70x95 sind die aktuellen Spitzenmodelle der beiden Premium-Optikhersteller. Trotz mancher Gemeinsamkeit gibt es fundamentale Unterschiede, die Vogelbeobachter kennen sollten

Zeiss Victory Harpia 23-70x95 (links) und Swarovski ATX 30 -70x95 (rechts) stehen sich auf einer grünen Wiese gegenüber | © Oliver Wittig © Oliver Wittig
Die Spitzenmodelle Zeiss Victory Harpia 23-70x95 (links) und Swarovski ATX 30 -70x95 (rechts) der Premium-Optikhersteller

Beide Spektive sind etwa zwei Kilogramm schwer, selbstverständlich druckwasserdicht und mit 18 beziehungsweise 20 Millimeter Austrittspupillenabstand geeignet für Brillenträger. Sie haben einen Nahpunkt von knapp fünf Metern. Beide Produkte werden in Mitteleuropa hergestellt und kosten je etwa 4.000 Euro. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber schon auf, denn konstruktiv gibt es gewaltige Unterschiede zwischen dem Tiroler und dem Hessen.

Unterschiedliche Schwerpunkte

Rotmilan im Flug | © Markus Gläßel © Markus Gläßel
Mit dem Harpia von Zeiss ist es leichter, Greifvögel im Flug zu verfolgen (Foto: Rotmilan)

Swarovski setzt auf die bewährte Kombination einer objektivseitigen Festbrennweite und einem 2,3fachen Zoomokular. Das Ergebnis ist eine Vergrößerung von 30fach bis 70fach bei einem Sehfeld von 35 Metern auf 1.000 Meter Entfernung bei kleinster und 19 Metern bei höchster Vergrößerung.

Zeiss hingegen dreht das Prinzip um. Als Objektiv kommt ein Dreifach-Zoom zum Einsatz, als Okular eine Festbrennweite. Daraus resultiert ein großzügiges Sehfeld von fast 59 Metern bei 23facher Vergrößerung (ca. 45 Meter bei 30fach). Bei 70facher Vergrößerung sind es 19,5 Meter.

In der Praxis bedeutet dies, dass man mit dem Harpia von Zeiss beispielsweise leichter Greifvögel im Flug verfolgen kann. Auch das Absuchen von Uferlinien bei geringen und mittleren Vergrößerungen ist bequemer. Doch kein Licht ohne Schatten. Zur Steigerung der Bildqualität blendet das Harpia bei geringen Vergrößerungen ab. Die vollen 95 Millimeter Frontlinsendurchmesser nutzt es erst ab 40facher Vergrößerung.

Das wird an einem Regentag kurz vor Sonnenuntergang deutlich: Wo das Swarovski feine Äste im dunklen Waldrand gut herausarbeitet, gerät das Harpia an seine Grenzen. Ab 40fach dann Helligkeits-Gleichstand, wobei das Swarovski dennoch etwas knackiger bleibt. Wer also im Trüben nach der Rohrdommel sucht, ist mit dem Swarovski besser bedient.

Rohrdommel steht im niedrigen Wasser im Schilf und sucht im Wasser nach Futter | © Gunther Zieger © Gunther Zieger
Wer an trüben Tagen oder in der Dämmerung nach der Rohrdommel sucht, ist dem dem Swarovski-Spektiv besser bedient

Bei beiden Spektiven ist die Schärfe untadelig, wobei diese beim Swarovski geradezu ins Auge „springt“, während man beim Zeiss, wie schon beim DiaScope mit kombiniertem Grob-/Feintrieb ausgestattet, ganz exakt fokussieren kann. Farbränder, so man mittig durchs Okular blickt, sind bei beiden nicht zu entdecken. Der Kontrast erscheint beim Swarovski etwas akzentuierter. Helle Objekte gegen dunklen Hintergrund überstrahlen dafür beim Tiroler etwas, hier ist das Harpia leicht überlegen.

Gegenlicht können beide gut ab, aber die Bilder werden durch eine improvisierte Sonnenblende nochmals deutlich besser! Schade daher, dass das Swarovski eine absolut unübliche Filtergewindegröße hat. Für das Zeiss bekommt man problemlos einschraubbare Gegenlichtblenden.

Der Einblick ist mit und ohne Brille beim Swarovski bequemer, beim Zeiss kommt es bei nicht optimaler Augenposition leichter zu Abschattungen. Das ist aber erfahrungsgemäß sehr individuell; das muss also jeder selbst ausprobieren.

Fazit: Zwar nicht perfekt, aber beide sind ihr Geld wert

Zwei Spektive der Marken Swarovski ATX 30 -70x95 und Zeiss Victory Harpia 23-70x95 von schräg oben fotografiert | © Oliver Wittig © Oliver Wittig

Beide Spektive sind der Referenz des Testers, einem Zeiss DiaScope 85, deutlich überlegen. Sie sind zwar nicht perfekt, aber ihr Geld wert, was bei 4.000 Euro ein großes Lob bedeutet.

Mit einem adäquaten Unterbau landet man dann bei 5.000 Euro und mehr – und muss mindestens vier bis über sechs Kilogramm schleppen. Braucht es überhaupt solche Brummer?

Zumindest wer sich die Bedingungen nicht aussuchen kann, weil er zum Beispiel Kiebitze betreut, Kormoranschlafplätze zählt oder bei der Wasservogelzählung mitmacht, wird sich über jedes bisschen mehr an Lichtstärke und Vergrößerung freuen.

Für welches Modell man sich dabei entscheidet, ist Geschmackssache

Der Unterbau ist ebenso wichtig!

Die beiden Probanden wurden abwechselnd auf einem hochwertigen Karbonstativ von FLM und einem Holzstativ von Berlebach verglichen. Schon bei mäßigem Wind fiel erneut auf, dass Holz Schwingungen wesentlich besser dämpft. Bei kurzen Fußwegen ist daher ein schweres Holzstativ vorzuziehen.

Auch der Kopf sollte erstklassig sein. Der Autor empfiehlt hier zum Beispiel den Berlebach Zwei-Wege-Neiger 553. Wer hingegen beim Stativ Gewicht und/oder Geld spart, verschenkt unnötig optisches Potenzial.

[Text: Oliver Wittig. Erschien zum ersten Mal im LBV-Mitgliedermagazin Vogelschutz, Ausgabe 04/2018, S. 32/33]

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