Vogelgrippe & Wildvögel

Wie kommt das Virus nach Europa?

Vogelgrippeviren sind zunächst in Asien aufgetreten und zirkulieren dort in Hausgeflügel-Beständen. Eine zentrale Frage ist, wie die Viren von Asien nach Europa gelangt sind und wie sie sich hier ausbreiten. Fakt ist: Man weiß es nicht sicher, aber es gibt zwei mögliche Ausbreitungswege:

Sechs Weißwangengänse im Flug am blauen Himmel | © Wolfgang Lorenz © Wolfgang Lorenz
Verbreitung der Vogelgrippe durch Wildvögel oder Geflügeltransporte?

Ausbreitung über legale und illegale Transporte?

Das Friedrich-Löffler-Institut (FLI), nationales Referenzzentrum für die Vogelgrippe, sieht ein "mäßiges" Risiko der Einschleppung in legalen und illegalen Transporte von Tieren und tierischen Produkten. Insbesondere sieht das FLI das Risiko einer Einschleppung über die illegale Einfuhr infizierter Vögel oder infizierten Materials, und entsprechende Fälle sind auch schon belegt. Aber es gibt auch Indizien dafür, dass auch legale Einfuhren im mittlerweile längst weltumspannenden Netz von Geflügeltransporten zur Eintrittspforte für Vogelgrippeviren werden. 

Wildvögel: Vektor oder Opfer des Virus?

Als zweite Möglichkeit sehen Epidemiologen, dass ziehende Wildvögel das Virus transportieren. Seine direkte Einschleppung aus Asien ist zwar ausgeschlossen - es gibt keine in West-Ost-Richtung verlaufenden Zugwege, über die Viren transportiert werden könnten -, aber eine Ausbreitung auf 'Umwegen' wäre denkbar: In den Brutgebieten nördlicher Breiten berühren sich Zugstraßen über Asien und über Europa ziehender Wildvögel. Wildvögel könnten sich in Hausgeflügelbeständen im südlichen Asien infizieren und transportieren dann auf dem Zug Viren in die nordischen Brutgebiete. Könnten sie dort wieder Viren an andere Vögel weitergegeben, die später über Westeuropa südwärts ziehen? In Beprobungen tausender Wildvögel ist es zwar nicht gelungen, diese vermutete Infektionskette zu belegen, aber genetische Analysen der verschiedenen Virustypen und ihrer Entwicklung stützen diese Annahme. 

Offene Fragen

Auch wenn es wahrscheinlich erscheint, dass Wildvögel im epidemiologischen Geschehen eine Rolle spielen, bleiben Fragen offen:

  • Die Zugstraßen überlappen allenfalls geringfügig. Das lässt einem Virus nur geringe Chancen von einer Zugstraße auf eine andere 'überzuspringen', und für die Überbrückung großer Distanzen in Ost-West-Richtung wäre viel Zeit nötig. Kann das Vogelgrippevirus diese Hindernisse binnen weniger Monate zwischem dem Erstnachweis in Asien und den ersten Ausbrüchen in Westeuropa bewältigen, wie das beim Ausbruch von H5N8 im November 2014 in mehreren Ländern Westeuropas der Fall hätte sein müssen? Das ist eher unwahrscheinlich... 

  • Ein schneller Virustransfer über Wildvögel über größere Regionen setzt voraus, dass das Virus in den jeweiligen Wildvogelpopulationen weit verbreitet sein muss. Warum ist es dann in intensiven Beprobungen nie gelungen, das Virus in anderen Regionen auf dem mutmaßlichen Ausbreitungsweg nachzuweisen? Weder in Wildvögeln noch in Hausgeflügelbeständen? Auch nicht in Regionen, in denen Hygiene in Geflügelhaltungen weit weniger streng gehandhabt wird als hierzulande?

  • Die Ausbrüche im Winter 2014/15 fanden überwiegen in Betrieben statt, die ihre Tiere durchgehend in Stallungen halten. Wie konnte das Virus in diese Bestände gelangen? Es ist zwar nicht auszuschließen, dass das Virus von Feldern, auf denen sich Wildvögel aufgehalten haben, über landwirtschaftliche Maschinen oder Personal in die Zucht- und Mastbestände eingeschleppt wurde. Aber bei den wenigen bislang nachgewiesenen Infektionen unter Wildvögeln wäre ein Eintrag auf diesem Weg es schon ein großer Zufall.

 

Wildvögel sind daher wohl zwar ein Vektor für Vogelgrippe-Viren, praktisch spricht aber viel dafür, dass die Infektionskette auch häufig umgekehrt verläuft - dass sich Wildvögel ihrerseits an Hausgeflügel infizieren.  

Newsletter