Tausende Hektar Staatswald sollen aus Nutzung genommen werden

Von Regierung angekündigte große Schutzgebiete in Spessart, Steigerwald und den Donauauen

Seit jeher fordern wir großflächige nutzungsfreie Schutzgebiete.  Dadurch werden Erkenntnisse darüber gewonnen, wie sich unsere Wälder gerade im Zuge des Klimawandels zukünftig entwickeln, wenn der Mensch nicht eingreift. Nun hat die Bayerische Staatsregierung im Bericht zum Runden Tisch für mehr Artenvielfalt angekündigt, einige tausend Hektar Staatswald im Steigerwald, Spessart und an den Donau- und Isarauen noch dieses Jahr aus der Nutzung zu nehmen.

Auwald | © Dr. Eberhard Pfeuffer © Dr. Eberhard Pfeuffer
Auwälder

Bayernweit sind derzeit die Auswirkungen des trockenen Sommers 2018 in Wäldern zu beobachten. Die Trockenheit hat vor allem den Fichten im Freistaat stark zugesetzt und viele müssen deshalb gefällt werden. Wir freuen uns deshalb sehr über diese Entscheidung. Nutzungsfreien Großschutzgebiete sind zum Erhalt der Biodiversität von unschätzbarem Wert.

Wir fordern deshalb einen dauerhaften Nutzungsverzicht und eine rechtliche Sicherung dieser Gebiete. Auch die Entwicklung der Gebiete zu Urwäldern und somit als Attraktion für die Bürger und den Tourismus ist ein weiterer konkreter Nutzen der neuen Schutzgebiete im Steigerwald und Spessart und an Donau und Isar.

„Die Natur verstehen lernen“

Der Igel-Stachelbart ist ein Pilz, der auf dem Foto in einem großen Baum wächst | © Thomas Stephan © Thomas Stephan
Im Steigerwald findet man den hochbedrohten und auf Totholz wachsende Pilz Igel-Stachelbart

Viele Tier- und Pflanzenarten, die auf dynamische Prozesse und ungestörte Lebensräume angewiesen sind, findet man vor allem in Großschutzgebieten, in denen sich die Natur nach ihren eigenen Gesetzen entfalten kann.

Es steht in unserer Verantwortung, diese Wälder als Schatztruhen der Biodiversität und als Naturerbe für künftige Generationen zu erhalten. Um den Verlust der Biologischen Vielfalt zu stoppen, ist der Erhalt von alten Waldbereichen, die nicht genutzt werden, ein wesentlicher Beitrag.

Alle angekündigten Gebiete verfügen über eine herausragende naturschutzfachliche Bedeutung zur Sicherung der Biologischen Vielfalt in Bayerns Wäldern, die ihnen durch die Entnahme aus der Nutzung endlich gerecht wird.

Eine Ausweisung solcher Gebiete erfolgt damit ganz im Sinne von Alois Glücks Zitat, der nach dem Runden Tisch appellierte: „die Natur verstehen lernen“. Wir erwarten uns durch die neuen großen Schutzgebiete wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entwicklung der Wälder im Freistaat in den kommenden Jahrzehnten.

Angesichts des Klimawandels sind ungenutzte Referenzflächen dabei besonders wichtig, denn nur so können Naturschützer die natürliche Entwicklung der Baumarten und des Waldbodens beobachten und erforschen. Denn in einem vielfältigen Waldsystem haben alle Baumarten bessere Möglichkeiten mit den Veränderungen durch den Klimawandeln umzugehen.

Spessart

Der Halsbandschnäpper hat eine weiße Unterseite, einen weißen Fleck über dem Schnabel und weiße Flügelbinden, der Rücken und Kopf sind schwarz | © Rosl Rößner © Rosl Rößner
Halsbandschnäpper

Der Spessart beherbergt das beste deutsche Populationsgebiet des Halsbandschnäppers und die einzige süddeutsche Population von baumbrütenden Mauerseglern. Er stellt mit seinen alten Buchen- und Eichenwäldern im Hochspessart eines der größten Laubwaldgebiete Deutschlands dar.

Diese totholzreichen alten Laubwälder sind außerordentlich vielfältige und ökologisch hochwertige Lebensräume für zahlreiche spezialisierte Tier- und Pilzarten. Außerdem sind sie Rückzugsgebiete für Urwaldreliktarten (Arten, die auf urwaldtypische Strukturen angewiesen sind) und Initialflächen für eine Ausbreitung seltener und gefährdeter Arten sowie wichtige Trittsteine zur Vernetzung artenreicher Waldstrukturen.

Nutzungsverzicht für alte Eichen und Buchen sind für die Biodiversität in unseren Wäldern eine langfristige Schutzstrategie mit großem Potenzial. Gerade sie sind wertbestimmend für den Lebensraumtyp, tragen das gesamte Ökosystem und sind für seltene Arten wie Halsbandschnäpper, Bechsteinfledermaus und Hirschkäfer besonders wichtig.

Steigerwald

Der Eremit ist ein schwarzer Käfer, sitzt auf Holz | © Dr. Christoph Moning © Dr. Christoph Moning
Eremit

Die Buchenwälder im Nordsteigerwald zählen zu den naturschutzfachlich besten Buchenwaldgebieten Deutschlands. Bei einer Bewertung durch das Bundesamt für Naturschutz belegte der Steigerwald die fünftbeste Platzierung.

Der Nördliche Steigerwald zeichnet sich durch alte, über 200-jährige Buchenbestände und eine hohe Artenvielfalt aus.

Eine Vielzahl hochbedrohter Arten, darunter auch eine Reihe von Urwaldreliktarten, ist hier zu finden.

So zum Beispiel der Igelige Stachelbart, ein extrem seltener, auf Totholz wachsender Pilz sowie der Eremit und der große Rosenkäfer, zwei Käferarten, deren Larven sich in Mulmhöhlen alter Buchen entwickeln.

Donau- und Isarauen

Mittelspecht an einem Baum | © Rosl Rößner © Rosl Rößner
Mittelspecht

Die Ausweisung von Auwaldschutzzonen ist eine langjährige Forderung des LBV. Nutzungsfreie Auwälder sind besonders struktur- und artenreich.

Im Idealfall sind sie von der natürlichen Wasserstandsdynamik des Flusses geprägt, wie im Bereich der Isarmündung und der frei fließenden Donau ohne Staustufen.

Aber auch entlang gestauter Flussstrecken existieren noch wertvolle und schutzwürdige Bestände, in denen man sich teilweise durch Redynamisierung den natürlichen Standortsverhältnissen annähert.

Weichholzauwälder gelten europaweit sogar als prioritär geschützter Lebensraum. Aber auch die von Eichen und Eschen geprägten Hartholzauwälder sind unverzichtbarer Lebensraum für viele seltene Tiere und Pflanzen wie Mittelspecht oder Märzenbecher.

Großflächige Auwälder leisten zudem einen wichtigen Beitrag für den natürlichen Hochwasserschutz.

von Nicole Friedrich | lbv.de,

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