Die Agrarlandschaft von morgen

Zeitgemäße Lösungen für die „Lebensgemeinschaft Rebhuhn“

Bei strahlendem Sonnenschein und 32 C° wurde am 26.07.18 im „Dreiländereck“ der Landkreise Coburg, Kronach und Lichtenfels vom Bayerischen Umweltminister Dr. Marcel Huber ein neues, innovatives Naturschutzprojekt eröffnet, das der Bayerische Naturschutzfonds zu 85% fördert. Eine Besonderheit dieses Projektes besteht darin, dass es sich nicht auf Grenzertragsflächen und eher extensiv genutzte Landschaften bezieht, sondern – im Gegenteil – gerade die intensiv genutzte Agrarlandschaft im Fokus hat.

Drei ausgewachsene Rebhühner fressen im niedrigen Gras | © Dr. Christoph Moning © Dr. Christoph Moning

Weitere 5% kommen von der Oberfrankenstiftung. Die verbleibenden 10% teilen sich eine Trägergemeinschaft aus Ökologischer Bildungsstätte Oberfranken (ÖBO), Landesbund für Vogelschutz (LBV) und Wildland-Stiftung des Bayerischen Landesjagdverbandes (BJV) zu gleichen Teilen. Das Gesamtvolumen beträgt dabei rund 500.000 € bei einer Projektlaufzeit von über fünf Jahren.

Rebhuhn-Bestände seit 1990 um 90 % eingebrochen

Gruppenfoto zur Projekteröffnung mit Marcel Huber | © Christine Neubauer (Ökologische Bildungsstätte Oberfranken) © Christine Neubauer (Ökologische Bildungsstätte Oberfranken)
Projekteröffnung mit Umweltminister Dr. Marcel Huber (mit Fördercheck in der Hand)

Es sollen modellhaft Methoden entwickelt werden, wie die Biodiversität der intensiv genutzten Agrarlandschaft dauerhaft gesichert werden kann. Die Leitart hierfür ist das Rebhuhn, das quasi als Schirmart den Großteil einer selten gewordenen Lebensgemeinschaft abdeckt.

Gelingt es, durch Biotopverbessernde Maßnahmen den Rebhuhn-Bestand wiederaufzubauen, dann ist davon auszugehen, dass auch ein Großteil der Insekten und Wildkräuter sowie andere Feldvogelarten (z.B. Feldlerche, Goldammer, Neuntöter, Dorngrasmücke, Hänfling, Stieglitz) davon ebenso profitieren.

In Mitteleuropa brachen die Rebhuhn-Bestände seit Beginn des wissenschaftlich betriebenen Vogel-Monitorings 1990 um etwa 90 % ein. Dabei waren die Brutbestände bereits damals nur noch ein kleiner Rest des Bestandes, den es bis Ende der 1960er Jahre einmal bei uns gegeben hat.

Wir können davon ausgehen, dass heute allenfalls noch 1% der Populationsgröße von 1965 vorhanden ist. Im oberfränkischen Projektgebiet hat sich jedoch bis heute fast flächendeckend ein niedriger Rebhuhnbestand erhalten. Die Art ist hier noch nirgends völlig ausgestorben, so dass eine gute Chance für Artenhilfsprogramme besteht. Dabei sollen die Habitate der Art systematisch aufgewertet und vernetzt werden.

Projekt wird von Vertretern aus Naturschutz, Landwirtschaft und Jagd gleichermaßen betreut

Rebhuhnflühfläche in Lettenreuht | © Christine Neubauer (Ökologische Bildungsstätte Oberfranken) © Christine Neubauer (Ökologische Bildungsstätte Oberfranken)
Einsaat von Blühstreifen mit der sogenannten „Göttinger Mischung“, die speziell für das Rebhuhn optimiert und zusammengestellt wurde

Ziel des Projektes ist es, das Rebhuhn und seine Lebensgemeinschaft durch Biotopverbessernde Maßnahmen zur fördern, die gleichzeitig gut in landwirtschaftliche Betriebsabläufe integrierbar sind. So wird das Projekt von Vertretern aus Naturschutz, Landwirtschaft und Jagd gleichermaßen betreut und umgesetzt. Finanziell sollen die Landwirte voll entschädigt werden, wo auch der etwas höhere Betriebsaufwand mitberechnet wird.

Eine Hauptmaßnahme ist die Einsaat von Blühstreifen oder Blühparzellen mit der sogenannten „Göttinger Mischung“, die speziell für das Rebhuhn optimiert und zusammengestellt wurde und im Landkreis Göttingen bereits erfolgreich getestet wurde. Diese Streifen oder Parzellen sollen nur in der offenen Agrarlandschaft etwa 200 m entfernt von Waldrändern oder Feldgehölzen mit hohen Bäumen angelegt werden.

Rebhühner meiden Bäume und Hochgehölze. Niedrige Feldhecken (meist aus Dornensträuchern) werden von ihnen aber v.a. im Winter sehr gerne angenommen und dürfen sich auch direkt neben Blühflächen befinden. Wichtig ist außerdem, dass ein Blühstreifen mind. 20 m breit ist. Erst dann bietet er ausreichend Schutz vor Beutegreifern, insbes. dem Fuchs als natürlichem Hauptfeind des Rebhuhns.

Natürlich können auch Vorgewende, Feldspitzen oder ganze Flurnummern bzw. Teilflächen davon bis etwa 0,5 ha Größe in der offenen Agrarlandschaft zur Einsaat verwendet werden. Es müssen nicht unbedingt gerade Streifen sein. Noch vorhandene Feldraine, Graswege, ältere Brachen, Ruderalflächen und Hecken sind als Ergänzung für die Ansaatstreifen mit der Blühmischung natürlich immer sehr günstig.

Kommunen können Projekt mit unterstützen

Rebhuhn mit drei Jungvögeln auf einem Weg, daneben hohes, grünes Gras | © Zdenek Tunka © Zdenek Tunka
Durch Blühstreifen sollen Insektenbestände erhöht werden, die Futter für die Jungvögel des Rebhuhns bieten

Erst ab einer gewissen Netzdichte werden die Maßnahmen für das Rebhuhn ökologisch voll wirksam. Diese soll über das Projekt durch zusätzliche Förderung erreicht werden. Die Kommunen sollen zudem auf ihren Flächen durch eine ökologische Anpassung der Pflege (z.B. von Wegerändern oder Ortsstraßenrändern) das Biotopnetz verdichten und so das Projekt mit unterstützen.

Somit dürften kommunale Wegeränder und Brachen nicht vor dem 01.08. gemäht werden und das auch immer nur im halbseitigen Wechsel. Auch für die Blühstreifen selbst muss die bisher geltende Mulchpflicht entfallen. Sie sind im Wechsel halbseitig im Herbst zu mähen (Stoppelbrache) und bis Anfang April des Folgejahres wieder neu einzusäen, so dass immer ein einjähriger und ein zweijähriger Bestand vorhanden ist.

Der einjährige Bestand liefert viele Blüten- und annuelle Samenpflanzen, der Zweijährige liefert Deckung und höhere blühende Wildstauden. In beiden Beständen herrscht eine deutlich höhere Insektendichte (Futter für die Jungvögel) als nebenan im Acker. Natürlich wird hier nicht gespritzt oder gedüngt.

Begleituntersuchungen sollen die Wirksamkeit evaluieren. Wenn diese signifikant nachweisbar ist, sollen Agrarumweltprogramme an die spezifischen Ansprüche der Feldvögel und die Agro-Biodiversität angepasst werden.

Projekt soll "Gute fachliche Praxis" in Landbewirtschaftung werden

Wenn es über das Projekt durch gute Förderung und Betreuung gelingt, sowohl qualitativ wie quantitativ eine Mindest-Habitatausstattung der besseren Ackerlagen mit ökologisch wirksamen Biotopelementen zu erreichen, dann werden sich auch die Rebhuhnbestände stabilisieren und sogar wieder anwachsen – und mit ihnen alle anderen Feldvogelarten, Insekten und Ackerwildkräuter.

Dies sollte flächendeckend zur „guten fachlichen Praxis“ in der Landbewirtschaftung werden und den Landwirten zuverlässig und dauerhaft als wichtige Dienstleistung an der Gesellschaft entgolten werden.

von Nicole Friedrich | lbv.de,

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