Bayerische Schüler kennen keine Vögel mehr

Wissenschaftler belegen Rückgang der Artenkenntnis – Teilnehmer der „Stunde der Wintervögel“ schneiden besser ab

Die Vogelartenkenntnis bayerischer Gymnasiasten ist in den vergangenen zehn Jahren noch schlechter geworden. Das haben Wissenschaftler vom Institut für Didaktik der Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München herausgefunden. Die nun veröffentlichte Studie an knapp 2.000 bayerischen Schülern zwischen 10 und 19 Jahren zeigt, dass Kinder und Jugendliche im Freistaat immer weniger einheimische Vogelarten erkennen.

Rotkehlchen auf Ast | © Heinrich Jupke © Heinrich Jupke
Das Rotkehlchen erreichte Platz 2 der bekanntesten Vogelarten unter den bayerischen Schülern

„Laut unserer Untersuchung konnten bayerische Gymnasiasten im Schnitt nur fünf von 15 häufigen Singvogelarten richtig benennen“, so der Leiter der BISA-Studie Thomas Gerl. Die Wissenschaftler haben zudem herausgefunden, dass Kinder, die bei der LBV-Mitmachaktion „Stunde der Wintervögel“ teilgenommen haben, die beste Artenkenntnis hatten. „Schüler, die bei der Vogelzählung des LBV mitmachen, haben durchschnittlich fast zwei Arten mehr erkannt“, erklärt Gerl von der Arbeitsgruppe „BISA – Biodiversität im Schulalltag“.

Rückgang der Artenkenntnis von beinahe 20 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts

Männliche Amsel | © Maria Bauer © Maria Bauer
Die Amsel landete auf Platz eins der Rangliste im BISA-Test

In einem von Thomas Gerl und seinen Co-Autoren entwickelten BISA-Test sollten bayerische Kinder und Jugendliche aus allen Schularten 15 häufige einheimische Singvogelarten benennen. Diese Daten wurden anschließend mit der Vogel-BISA-Studie aus dem Jahr 2007 der Hochschule Weihenstephan von Prof. Volker Zahner verglichen und ausgewertet.

Besonders aussagekräftig sind die Ergebnisse für die knapp 1.400 beteiligten Gymnasiasten. Die Gymnasiasten des G8 schnitten aktuell noch schlechter ab, als eine vergleichbare Gruppe aus dem Jahr 2007, die das damalige G9 besuchten.

„Gymnasiasten erkannten im Schnitt eine Art weniger als vor zehn Jahren. Das entspricht einem Rückgang der Artenkenntnis von beinahe 20 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts“, erklärt Thomas Gerl.

Amsel wurde am häufigsten erkannt, Spatz nur von einem Drittel der Schüler

Buchfink | © Ursula Hannen © Ursula Hannen
Der häufigste heimische Singvogel, der Buchfink, wurde nur von 14% richtig erkannt

Die bekannteste Vogelart unter bayerischen Schülern ist die Amsel. „Gut drei Viertel der Teilnehmer erkannten die Amsel richtig, einen Spatzen konnte nur noch lediglich etwas mehr als ein Drittel identifizieren“, sagt Thomas Gerl. Der Buchfink, immerhin der häufigste einheimische Singvogel, wird nur von 14 Prozent der Schüler richtig benannt.

Die Rangliste der bekanntesten Vogelarten unter bayerischen Schülern änderte sich in den vergangenen zehn Jahren kaum: Ganz oben stehen Amsel (1.), Rotkehlchen (2.) und Blaumeise (3.), ganz hinten landen Grünfink (13.), Buchfink (14.) und Erlenzeisig (15.). Die jetzt erzielten Ergebnisse liegen allerdings auf einem deutlich niedrigeren Niveau als 2007.

Keine einzige Vogelart wurde heute deutlich besser erkannt, als noch vor zehn Jahren. Bei zwei Drittel der untersuchten Arten ging die Bekanntheit sogar dramatisch zurück. So erkennen heutige Gymnasiasten zum Beispiel Elster und Grünfink ungefähr 25 Prozent seltener als im Jahr 2007“, erklärt der Wissenschaftler.

Artenkenntnis muss vor dem Aussterben bewahrt werden

männlicher Haussperling | © Jennifer Bäcker © Jennifer Bäcker
Nur noch gut jeder dritte Teilnehmer erkannte einen Spatz

Bei der Erhebung schnitten Mädchen jeden Alters signifikant besser ab als ihre männlichen Altersgenossen. Interessanterweise wohnen die besten Artenkenner der beteiligten bayerischen Schüler inzwischen nicht mehr auf dem Land, sondern in großen städtischen Ballungszentren wie zum Beispiel München oder Augsburg. „Dies könnte eine Folge des dramatischen Rückgangs der Vogelzahlen im ländlichen Raum sein, wo Kinder kaum noch Vogelarten beobachten können“, folgert Gerl.

Für Thomas Gerl sind die Ergebnisse der zweiten BISA-Studie ein besorgniserregendes Alarmsignal. „Artenkenntnis gehört auf die Rote Liste des bedrohten Allgemeinwissens. Wenn wir so weitermachen, wird es bald niemanden mehr geben, der überhaupt noch merkt, welche Arten aussterben. Wie sollen sich unsere Kinder für den Erhalt einer Art einsetzen, die sie gar nicht kennen?“

Für den Biologielehrer ist es heute wichtiger denn je, sich in der Schule wieder viel stärker mit der heimischen Tier- und Pflanzenwelt zu beschäftigen, um die Artenkenntnis vor dem Aussterben zu schützen. „Die besondere Erwähnung der Artenvielfalt an vielen Stellen im neuen LehrplanPLUS für das neunjährige Gymnasium ist dabei ein erster Schritt in die richtige Richtung, den alle Bundesländer gehen sollten“, macht Gerl wenigstens ein bisschen Hoffnung für die Zukunft.

Schüler, die an ‚Stunde der Wintervögel‘ teilnehmen, kennen mehr Arten

Neben dem ungebremsten Rückgang der heimischen Biodiversität ist somit auch die Kenntnis um unsere heimischen Arten vom Aussterben bedroht. „Die schwindende Artenkenntnis unter bayerischen Schülern beunruhigt auch uns Naturschützer, da dies direkt mit einem Verlust an Lebensqualität einhergeht.

Wir sind jedoch froh, dass die Schüler, die an unserer Mitmachaktion ‚Stunde der Wintervögel‘ teilnehmen, mehr Arten kennen. So setzt der LBV dem Verlust der Artenkenntnis bei bayerischen Kindern und Jugendlichen aktiv etwas entgegen“, sagt der LBV-Vorsitzende Dr. Norbert Schäffer.

Die nächste Stunde der Wintervögel findet vom 4. bis 6. Januar 2019 statt.

von Sonja Dölfel | lbv.de,

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