Wie der Klimawandel unsere Tier- & Pflanzenwelt verändert

Gestörte Lebenszyklen und Wandel im Artenspektrum

Der Klimawandel beeinflusst schon heute den Lebensrhythmus und die Verbreitung vieler unserer Tier- und Pflanzenarten. Große Sorge um die Artenvielfalt ist trotz mancher Neuansiedlungen auf alle Fälle angebracht. Der Mensch muss handeln, wenn er nicht selber zur aussterbenden Art werden will.

Edelweiss am Gipfelkreuz im Ammergebirge | © Dr. Olaf Broders © Dr. Olaf Broders
Gipfelkreuz im Ammergebirge: Kurz unterhalb des Gipfels blühen Edelweiß. Auch diese Pflanzenart zieht sich immer weiter nach oben zurück

Kaum noch jemand zweifelt daran, dass wir ein vom Menschen verursachtes und nie dagewesenes Artensterben erleben, dessen Folgen für die Ökosysteme und unsere Lebensgrundlagen dramatisch sein werden.

Verbreitungsgrenzen von Arten wandern polwärts

Alpenschneehuhn im Sommerkleid | © Henning Werth © Henning Werth
Das Alpenschneehuhn besiedelt in den bayerischen Alpen ausschließlich Regionen oberhalb der Baumgrenze.

Viele Faktoren und Kräfte sind hierfür verantwortlich, darunter der Klimawandel, der steigende Temperaturen, veränderte oder ausbleibende Niederschläge sowie Veränderungen in den Meeres- und Luftströmungen mit sich bringt.  Wie groß der Einfluss des Klimawandels auf die Artenvielfalt, ihre Zusammensetzung und Bestände ist, lässt sich bislang nur ansatzweise belegen.

Generell kann man aber davon ausgehen, dass wärmeliebende Arten in mittleren und höheren Breiten unseres Globus zunehmen werden oder besser gesagt: Ihr Verbreitungsareal wird sich nach Norden ausweiten. In verschiedenen Gebieten Nordamerikas und Europas wandern beispielsweise die Verbreitungsgrenzen von Brutvögeln nach umfangreichen Berechnungen 760 Meter pro Jahr polwärts, das bedeutet einen Mittelwert von rund 15 Kilometern in den letzten 20 Jahren.

Steigende Temperaturen treiben in Gebirgen die Verbreitungsgrenzen nach oben, in den Alpen etwa sechs bis sieben Höhenmeter pro Jahr. Andere, weniger wärmeliebende Arten ziehen sich hingegen zurück.

Einfluss des Klimawandels gut an Vögeln dokumentierbar

Hausrotschwanz sitzt auf Laub | © Alexander Bazo © Alexander Bazo
Kurzstreckenzieher wie der Hausrotschwanz verzichten oftmals ganz auf den Zug und überwintern hier

Gut lässt sich der Einfluss des sich verändernden Klimas auf die Vogelwelt belegen, da hier dank der aufmerksamen Beobachtung vieler Vogelkundler belastbare Daten über die letzten Jahrzehnte vorliegen.

So brüten heute Arten aus Südeuropa wie Stelzenläufer oder Bienenfresser bei uns, die früher absolute Ausnahmeerscheinungen waren. Überwinternde Silberreiher auf unseren Wiesen und Äckern sind mittlerweile ein gewohntes Bild. Zugleich verschieben sich die Ankunfts- und Brutzeiten: Zugvögel kommen eher zurück und ziehen teilweise auch nicht mehr so weit.

Dies verringert die Sterbequote auf den gefährlichen Wanderungen und verschafft den Frühankömmlingen einen genetischen Vorteil bei der Revierwahl und Reproduktion gegenüber Spätankömmlingen.

Manche Kurzstreckenzieher wie Hausrotschwanz oder Zilpzalp verzichten fast ganz auf einen Wegzug, Tendenz steigend. Teichrohrsänger sparen sich zum Beispiel inzwischen zunehmend die strapaziöse Strecke über die Wüste und verbringen den Winter an geeigneten Plätzen im Südwesten Europas.

Schlechte Aussichten für Arten, die es gerne kühl haben

Alpen-Mosaikjungfer | © Krystztof Wesolowski © Krystztof Wesolowski
Die Alpen-Mosaikjungfer ist nur noch selten zu sehen

Ob diese für manche Arten positiv klingende Entwicklung wirklich von Dauer ist und nicht durch andere Faktoren des Artensterbens mehr als relativiert wird, lässt sich heute noch nicht sagen. Manche günstige Entwicklung für einzelne Vogelarten ist erst der Einstieg in eine mögliche Anpassung an klimatische Veränderungen mit ungewissem Ende.

Schlecht sind die Aussichten beispielweise für Arten, die es gerne kühl haben. Zu den ausgemachten Verlierern zählen Alpenschneehuhn, Bergpieper oder Schneesperling. Für sie wird es eng in den Alpen, wenn ihre Brutgebiete immer kleiner werden. Nach oben ausweichen können sie nicht.

Ähnlich negativ wirkt sich die Klimaveränderung beispielsweise auf die Alpen-Mosaikjungfer aus, eine Großlibelle, die im Schwarzwald schon an vielen Stellen verschwunden ist.

Und auch im Oberlauf unserer Flüsse droht eine negative Entwicklung: Arten wie Bachforelle, Äsche, Bachneunauge, Nase, Döbel und Huchen brauchen sauerstoffreiche, rasch fließende Abschnitte mit Wassertemperaturen von normalerweise selten über zehn Grad. Durch den Klimawandel wird der Temperaturanstieg zu einer weiteren Bedrohung für diese Arten, zusätzlich zu bereits existierenden Hindernissen wie beispielsweise Fluss- und Bachverbauungen.

 

Siebenschläfer schlafen kürzer – Störungen im System

Siebenschläfer auf einem Baum | © Frank Derer © Frank Derer
Siebenschläfer und auch andere Tiere, die Winterschlaf halten, leiden an Störungen durch Temperaturanstiege

Auch Zeitverschiebungen im Lebensrhythmus vieler Organismen als Folge des Klimawandels sind heute belegt. So reagieren Siebenschläfer durch kürzere Ruhephasen auf den Temperaturanstieg. Der Rhythmus der Vögel wird hingegen vorrangig von der Tageslänge gesteuert, doch leiden sie durch den zunehmenden „Missmatch“ (Diskrepanz), die zeitliche Entkoppelung vieler durch die Evolution aufeinander abgestimmter Abläufe in der Natur.

So fallen beispielsweise Nahrungsangebot und Nachfrage nicht mehr zusammen. Fortpflanzungszeiten sind im Allgemeinen so ins Jahr eingepasst, dass die Jungen schlüpfen bzw. geboren werden und heranwachsen, wenn das Angebot an Nahrungsorganismen am höchsten ist. Vögel fangen zwar mittlerweile früher mit der Brut an, sind aber langsamer in ihrer Reaktion auf den Klimawandel als etwa die wichtigsten Nahrungstiere.

Für Buntspechte oder Meisen kommt der jährliche Gipfel kleiner Raupen als Nestlingsnahrung in warmen Jahren daher zu früh und fällt nicht mehr mit der größten Zahl hungriger Nestlinge zusammen. Eine höhere Jungensterblichkeit und weniger Bruten sind die Folge. Spezialisten unter den Tieren trifft es dabei härter als Generalisten – eine in vielerlei Hinsicht belegte Erkenntnis bei der Erforschung der Folgen des Klimawandels.

Jede klimatische Veränderung hat weitreichende Folgen für das Ökosystem

Borkenkäferbefall auf einer Fichte | © Dr. Christian Stierstorfer © Dr. Christian Stierstorfer
Die einst vom Menschen gepflanzten Fichten-Monokulturen sind wenig resistent gegen den Borkenkäfer bzw. den fortschreitenden Klimawandel.

Viele Publikationen haben mittlerweile dokumentiert, dass Organismen unterschiedlich schnell und flexibel auf den Klimawandel reagieren. Jede klimatische Veränderung wirkt sich zudem nicht nur auf lokale Populationen aus, sondern hat weitreichendere Folgen für das Ökosystem und seine Leistungsfähigkeit, denen man erst mit großem Forschungsaufwand langsam auf die Spur kommt.

Klimawandel ist mehr als nur die Erhöhung von Mitteltemperaturen. Die Veränderung von Menge und Verteilung von Niederschlägen, die Zunahme extremer Witterungsereignisse oder regional unterschiedliche Entwicklungen stoßen Veränderungen mit manchmal weitreichenden Folgen an

Die Zunahme der Borkenkäfer erklärt man zum Beispiel mit der wachsenden Zahl milder Winter, aber auch als Folge vermehrter Orkanhäufigkeit und klimabedingter Schädigung der Fichten durch Trockenheit. Starke Sonneneinstrahlung schadet den Buchen und fördert die Ausbreitung wärmeliebender Pilzkrankheiten in einigen Laubbäumen.

Wir erleben ein neues Waldsterben. Für wandernde Tierarten oder solche mit großen Verbreitungsgebieten sind einschneidende Folgen oft nicht vor Ort bei uns auszumachen, sondern greifen in fernen Gebieten. Der Bestandsverlauf mancher bis ins tropische Afrika ziehender Zugvögel wird vom Ausmaß der Regenfälle in der Sahelzone beeinflusst. Schwalben leiden unter Insektenmangel, teilweise unmittelbar als Folge von Zunahme und Änderung der Verteilung ausdauernder und heftiger Niederschläge, die Jagdmöglichkeiten einschränken. Hier können bereits Tage entscheidend sein.

Klimawandel auf Umwegen

Acker mit zwei einzelnen Bäumen im Hintergrund | © Rosl Rößner © Rosl Rößner
Auch die Intensivstnutzung durch die Landwirtschaft bedroht die Artenvielfalt

Nicht alle Prognosen und Korrelationen sind unmittelbar mit dem Klimawandel zu erklären. Vielmehr sind auch mittelbare Änderungen in der Flächennutzung durch den Menschen zu berücksichtigen, die sich einschneidend auf die Häufigkeit und Verbreitungsmuster von Pflanzen- und Tierarten auswirken.

Dazu zählen unter anderem die Aufgabe landwirtschaftlicher Nutzung bei zunehmender Trockenheit, der Flächenverbrauch durch den Anbau von Energiepflanzen, die Ausdehnung und Verdichtung von Windparks, wo Lebensräume von vom Aussterben bedrohten Vögeln oder Fledermäusen betroffen sind, die Änderung der Baumartenmischung und damit auch der Nutzungsziele von Wäldern sowie die Umwandlung in industriell genutzte landwirtschaftliche Flächen.

Durch den Klimawandel begünstigte Nutzungsänderungen werden sich global auswirken. Viele Experten sind der Ansicht, dass diese folgenschwerer sind, als unmittelbar klimabedingte Veränderungen in den bestehenden Ökosystemen.

Wird die Evolution alles richten?

Veränderungen in der Artenvielfalt und -zusammensetzung lassen sich durchaus auch als Anpassungen an veränderte Umweltverhältnisse oder bevorstehende Umweltänderungen interpretieren. Das Leben reagiert.

Man könnte daher versucht sein, die Natur sich selbst zu überlassen und sich im Naturschutz darauf zu beschränken, möglichst viel Natur in den kommenden Jahrzehnten zu retten, unter der Annahme, dass viele Arten ohnehin kaum eine Chance haben. Ohne Zweifel geht das Leben auch während eines Klimawandels weiter und manche Arten, die in ihrem heutigen Verbreitungsgebiet durch die Erwärmung gefährdet sind, werden überleben; für andere werden sich die Voraussetzungen sogar verbessern.

Aber die Evolution nimmt keine Rücksicht auf einzelne Arten, unsere eigene eingeschlossen. Es wäre daher ein Irrglaube zu denken, sie würde für uns arbeiten! Worauf es ankommt, ist vielmehr der Erhalt der Biologischen Vielfalt (Biodiversität). Diese hat sich als grundsätzliche Überlebensstrategie auf unserem Planeten bewährt.

Nur in der Vielfalt des Lebens werden alle notwendigen Informationen und Werkzeuge weitergegeben, um Katastrophen wie die uns jetzt drohende zu überleben und Schäden, die wir unserer Umwelt zufügen, wieder zu reparieren. Die derzeit düsteren Zukunftsaussichten für unsere Nachkommen können wir mit mehr Naturschutz, der den Schwund der Biodiversität zumindest zu verzögern sucht, durchaus verbessern oder gar abwenden – wenn wir jetzt handeln!

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