Zurück zur Natur, aber nicht zu Fuß

Zwischen Freizeitgesellschaft und Naturschutz – Trends, Konflikte und Lösungen

Immer mehr Freizeitnutzer strömen in die bayerischen Berge und erleben sie auf unterschiedlichste Art und Weise: als reine Kulisse oder als beeindruckendes Naturerlebnis. Zusammengenommen und ohne eine Lenkung kann so eine an sich positive Entwicklung genau diese Natur schädigen.

Berg mit einem Steinbock, einem Gleitschirmflieger und Wanderern | © Henning Werth © Henning Werth
Immer mehr Menschen zieht es in die Berge. Neuer Trendsport ist das Gleitschirmfliegen

Wen es in der Freizeit in die Natur und Berge zieht, der setzt sich dazu noch allzu oft ins Auto. Entsprechend herrscht in den Alpen starker Verkehr am Wochenende oder in Ferienzeiten. Lösungsansätze wären jedoch vorhanden: Das Projekt „Fahrtziel Natur“ von Deutscher Bahn und Umweltverbänden verknüpft nachhaltige Mobilität und Naturschutz.

Besonders beworben werden Freizeit- und Tourismusleistungen, die eine Mobilität auf Gästekarten enthalten, wie „Bad Hindelang PLUS“ im Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen. Doch nur wenige Kommunen oder Tourismusregionen trauen sich, den Individualverkehr konsequent einzuschränken.

Freizeitaktivitäten in der Natur: Willkommen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Zwei Menschen in roter Ausrüstung stehen an einem Wasserfall in den Bergen | © Hans-Joachim Fünfstück © Hans-Joachim Fünfstück
Beim Canyoning können Brutplätze der Wasseramsel oder von Felsbrütern gestört werden. Am Ein- und Ausstieg kann es zu Trittschäden an der Vegetation kommen – von der Müllthematik ganz zu schweigen.

Geschürt wird der Ansturm auf die Berge auch durch die sozialen Medien. „Geheimtipps“ werden veröffentlicht, traumhafte Fotos bewerben wenig bekannte Standorte, für abgelegene Bergpfade gibt es GPS-Tracks, sodass jeder Nicht-Ortsunkundige sie findet.

Outdoor-Plattformen haben starken Zulauf, immer mehr Aktivitäten können in den jeweiligen Regionen abgerufen werden. Durch neue Entwicklungen wie Stirnlampen mit der Leistung eines Autoscheinwerfers oder E-Mountainbikes verändert sich auch das Freizeitverhalten, weil technisch einfach immer mehr für immer mehr Menschen möglich ist.

Gerade wenn sich all diese Freizeitaktivitäten in einem Gebiet räumlich-zeitlich überlagern, können sie zu großen Problemen von der Brutaufgabe bis zum Tod der Tiere führen.

Allerdings gibt es kaum wissenschaftlich belastbare Aussagen zu Auswirkungen einzelner oder sich überlagernder Freizeitsportarten. So sind Naturschutzbehörden gezwungen, nach dem Vorsichtsprinzip vorzugehen und naturschutzrechtliche Auflagen nach eher subjektiven Kriterien zu formulieren.

Hinzu kommt, dass heute immer weniger Nutzer in Verbänden organisiert sind. Das Freizeitverhalten erfolgt spontan, wenn die Wetter-App „grünes Licht“ gibt oder der „Pulverschneealarm“ blinkt. Je geringer aber der Organisationsgrad, umso schwieriger sind die einzelnen Nutzer erreichbar.

Kletterverbände als wichtige Partner

Steinadlerhorst im Felsen | © Henning Werth © Henning Werth
Steinadlerhorst in einem Fels

In diesem Zusammenhang kommt dem Deutschen Alpenverein (DAV) eine besondere Verantwortung zu. Mit über einer Million Mitgliedern vertritt er Bergbegeisterte in ganz Deutschland – auch als anerkannter Naturschutzverband, wie er beim Streit um das Riedberger Horn und den Alpenplan gezeigt hat. Durch seine Reichweite kann er etwa beim Skitourengehen oder Schneeschuhwandern Lenkungsmaßnahmen zugunsten von zum Beispiel Birkhühnern wirksam umzusetzen.

Umweltverträgliche Routen werden erarbeitet und vor Ort beschildert. Auch für Mountainbiker arbeitet der DAV aktuell in einem Pilotprojekt in den Landkreisen Oberallgäu und Bad Tölz-Wolfratshausen an Lenkungsmaßnahmen. Nach Schätzungen des DAV gab es 2017 allein über 500.000 Sportkletterer in Deutschland. Sie nutzen in den Alpen vor allem Felsen in Talnähe.

Hinzu kommen die klassischen Bergsteiger in den hochalpinen Felsbereichen. Auch hier gibt es Konflikte. So brüten Uhu, Wanderfalke, Felsenschwalbe und Mauerläufer vor allem in talnahen Wänden, kommen aber auch in höheren Wänden neben dem Steinadler vor.

Die Vogelschutzwarte (LfU) beauftragte daher den LBV, Erfahrungen mit bewährten Kletterkonzepten aus der Fränkischen Schweiz und dem Frankenjura auf die Alpen zu übertragen. Ein erstes Konzept für Kochel wurde gemeinsam mit Kletterverbänden und Behörden erarbeitet. Derzeit wird recherchiert, für welche Felswände schon Regelungen bestehen oder wo es Anpassungsbedarf gibt. Kletterverbände sind hierbei wichtige Partner, um die Vielzahl nichtorganisierter Kletterer über abgestimmte Information (DAV-Felsinfo) zu erreichen. 

Zurück zur Natur in den Bergen muss naturverträglich ablaufen

Gleitschirmflieger in den Bergen, der Schirm ist rot | © Henning Werth © Henning Werth
Gleitschirmflieger in den Bergen

Eine wichtige Rolle kommt auch dem Deutschen Hängegleiterverband (DHV) zu, in dem praktisch alle Gleitschirm- und Drachensegler organisiert sind. Wie der DAV hat der DHV eine eigene Umweltabteilung. Er beantragt Start- und Landeplätze und informiert seine Piloten regelmäßig über Umweltthemen.

LBV und DHV bzw. seine lokalen Verbände arbeiten beim Steinadlerschutz zusammen, indem spezielle Informationen (Flugkorridore) weitergegeben werden. Damit diese Regelungen greifen, braucht es Kümmerer vor Ort, wie die LBV-Gebietsbetreuer, LBV-Horstbetreuer und die vielen weiteren ehrenamtlichen LBV-Aktiven: Sie halten Kontakt zu Nutzern vor Ort, reagieren auf negative Entwicklungen, erklären, stellen Hinweistafeln auf und verteilen Infomaterial. Im Idealfall vermitteln sie zwischen verschiedenen Gruppen (Grundbesitzer, Landnutzer und Freizeitsportler).

Was noch fehlt sind integrierte Raumnutzungskonzepte und auch die Ausgestaltung und Wirkung von Lenkungsmaßnahmen sind näher zu untersuchen. Für eine bessere und breitere Kommunikation zwischen allen Akteuren könnte künftig auch das geplante Zentrum „Naturerlebnis Alpin“ am Riedberger Horn sorgen. Auch hier wird sich der LBV intensiv einbringen, damit auch das Zurück zur Natur in den Bergen wirklich naturverträglich abläuft.

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