Untersuchung zur Häufigkeit und Wirkung von Störungen

Stand Up Paddling und Wasservögel

Das Stehpaddeln, auch Stand Up Paddling (SUP) genannt, erfreut sich wachsender Beliebtheit und ist schon lange keine Randerscheinung mehr. Europaweit wurden nun zum ersten Mal die Auswirkung der Trendsportart wissenschaftlich untersucht und Verhaltensregeln für Stehpaddler erarbeitet.

Zwei Stehpaddler in der Abenddämmerung auf einem See | © Felix Ulrich (Pixabay) © Felix Ulrich (Pixabay)
Die Sonnenseite des Stehpaddelns: zu verträglichen Jahreszeiten und im Abendrot, hier auf dem Bodensee

Zwar findet die Sportart vor allem in den Sommermonaten immer neue Anhänger, aber dank Neoprenanzügen erfreut sie sich gerade auch in den Herbst– und Wintermonaten während der Vogelzugzeit zunehmender Beliebtheit.

„Die wissenschaftliche Auswertung der Daten zeigt, dass die Störung des SUP auf Wasservögel verglichen mit der Störwirkung anderer Wassersportarten wie Rudern, Segeln oder Kanufahren in Bayern überdurchschnittlich hoch ist“, erklärt der freiberuflicher Ornithologe Matthias Bull.

Dabei gibt es mehrere mögliche Gründe, in erster Linie jedoch die klare Erkennbarkeit der menschlichen Silhouette. Häufige Störungen können sich bei den Vögeln sogar negativ auf die Fortpflanzung auswirken.

„Jeder, der die Natur für sein Hobby nutzt, trägt ihr gegenüber auch eine Verantwortung, denn sie ist mehr als nur Kulisse. Auch Stand Up Paddling lässt sich naturverträglich ausüben“, so Bull. Tipps für vogelfreundliches Stehpaddeln finden Stand Up Paddler in einem „Knigge“, den der Ornithologe entwickelt hat.

BR-Sendung zu SUP vom 19.10.2019

Großteil der Störungen im Voralpenraum, im Fränkischen Seenland und an Staustufen großer Flüsse

Anteil von Störereignissen, bei welchen gestörte Wasservogeltrupps aufflogen und das Gewässer verließen. Datenquelle: 165 Verhaltensprotokolle | © LBV © LBV
Anteil von Störereignissen, bei welchen gestörte Wasservogeltrupps aufflogen und das Gewässer verließen. Datenquelle: 165 Verhaltensprotokolle.

Die bayerischen Seen sind im Winterhalbjahr Dreh- und Angelpunkt des internationalen Vogelzuggeschehens. An einem durchschnittlichen Dezembertag überwintern mehr als 150.000 Vögel auf den Seen und Flüssen des Freistaates.

Stellt Stand Up Paddling (SUP) ein Problem für die überwinternden und rastenden Wasservögel in Bayern dar? Diese Fragestellung untersuchte Matthias Bull in seiner von uns in Auftrag gegebenen Masterarbeit.

Im Rahmen der Untersuchungen wurden Vogelkundler aus ganz Bayern dazu aufgerufen, Beobachtungen von Störungen durch Wassersportler nach einem festen Schema zu protokollieren und zu melden. In Ergänzung dazu sammelte Bull am Rothsee in Mittelfranken und am Starnberger See in Oberbayern mittels Zeitrafferkameras weiteres Datenmaterial.

Insgesamt wurden so über zwei Jahre jeweils für den Zeitraum von September bis April Daten von 364 Störungen gesammelt, 104 wurden durch SUP verursacht, 260 durch andere Wassersportarten. „Der Großteil der Störungen durch SUP fand auf den großen Seen im Voralpenraum statt, die im Winterhalbjahr einerseits tausenden Wasservögeln als Rast- und Überwinterungsplatz dienen, andererseits auch von Wassersportlern noch rege frequentiert werden“, so Bull.

Als weitere Schwerpunktgebiete für Störungen durch Stehpaddeln erwiesen sich das Fränkische Seenland und die Staustufen größerer Flüsse wie z. B. an der Donau bei Günzburg und entlang des Lechs.

Nur ein Stehpadler lässt tausende Wasservögel flüchten

Wasservögel fliegen über das Wasser, dahinter ist ein Stand Up Paddler zu sehen | © Prof. Dr. Christian Haass © Prof. Dr. Christian Haass
Häufige Störungen führen zu Energieverlusten und kann Auswirkungen auf die nächste Brutsaison haben

Unter den betroffenen Arten finden sich viele gefährdete Vögel wie Samtente, Eistaucher oder Zwergschwan. Von einigen liegen die nächsten Brutgebiete erst in Island, Skandinavien oder Sibirien. „Häufige Störungen führen bei Vögeln zu Energieverlusten, die sich negativ auf ihre Fitness und so bis auf die Fortpflanzung in der kommenden Brutzeit auswirken können“, sagt Matthias Bull.

Dabei gab es Unterschiede zwischen den Arten in ihrer Empfindlichkeit gegenüber Störungen. Zu den störungsempfindlichen Arten zählen die Kolbenente und die Tafelente, die häufige Überwinterungsgäste auf den bayerischen Gewässern sind, aber auch die Schellente, deutlich weniger häufiger Wintergast aus dem Norden. Am wenigsten empfindlich reagierten Höckerschwan, Graugans und Haubentaucher.

Die Wasservögel reagierten lediglich auf motorisierte Boote noch sensibler als auf Stand Up Paddling. Häufiger als gegenüber den anderen untersuchten Wassersportarten zeigten Wasservögel bei Störungen durch Stehpaddler Fluchtdistanzen von über 500 Meter. „Zudem waren die maximal festgestellten Effekt- und Fluchtdistanzen bei keiner der anderen untersuchten Wassersportarten höher als beim SUP“, so Bull.

In einem Fall flüchteten so über 13.000 Vögel von einem einzelnen Stand Up Paddler in einer Entfernung von 1,5 Kilometer. Dies unterstreicht die hohe Störwirkung der Sportart.

Allgemein zeigte sich, dass durch SUP aufgeschreckte Vögel überdurchschnittlich oft weite Strecken flogen, ehe sie wieder landeten. Teilweise wurden kilometerlange Fluchtstrecken dokumentiert. Auch verließen die Vögel das Gewässer häufiger als dies bei Störungen durch die anderen untersuchten Sportarten der Fall war.

Gründe für die hohe Störwirkung könnten die klare Erkennbarkeit der menschlichen Silhouette sein, die Erschließung bisher wenig genutzter Gewässerbereiche durch Stehpaddler und die Tatsachen, dass sie in der Regel nicht immer den gleichen Routen folgen und außerhalb der normalen Badesaison unterwegs sind.

Thema Vogelschutz muss stärker in die Öffentlichkeits- und Ausbildungsarbeit integriert werden

Blässhuhn springt scheinbar fluchtartig davon | © Zdenek Tunka © Zdenek Tunka
Blässhuhn auf der Flucht

Die Aufnahmen der Zeitrafferkameras belegen zudem, dass Stand Up Paddling schon lange keine Randerscheinung mehr ist. Am mittelfränkischen Rothsee waren Stand Up Paddler an knapp einem Drittel der Verstöße gegen das Befahren des Naturschutzgebietes beteiligt. Nur Segelbootfahrer missachteten die mit Bojen und Schildern gekennzeichnete Grenze des Schutzgebietes noch häufiger.

Am Starnberger See waren SUP und Kanufahren die Sportarten, die nach dem Motorbootfahren die meisten Störungen der Wasservögel in der ganzjährigen Schutzzone der Roseninselbucht verursachten.

Wir fordern deshalb die teilweise noch jungen Verbände der Trendsportart auf, das Thema Vogelschutz stärker in ihre Öffentlichkeits- und Ausbildungsarbeit zu integrieren und bietet seine Zusammenarbeit an. „Aus Sicht des LBV ist eine Informationskampagne für naturverträgliches Stehpaddeln dringend notwendig“, so Matthias Bull.

"Outdoor-Sport im Einklang mit der Natur"

Müllsammelaktion | © S. Stolzenwald © S. Stolzenwald
Müllsammelaktion am Rothsee

"Seit meinem 17. Lebensjahr fühle ich mich auf dem Wasser zuhause. Mich fasziniert beim Stand Up Paddling (SUP) die Kombination aus Naturerlebnis und Freizeitsport. Aber egal ob SUP oder Mountainbiken oder Klettern – Outdoor-Sport macht nur dann Sinn, wenn er im Einklang mit der Natur betrieben wird! So sind beispielsweise Vögel während der Brutzeit störungsanfällig. Werden sie häufig aufgeschreckt und verlassen ihr Nest, kühlen die Eier aus und die Brut kann verloren gehen.

Dabei sind Outdoor-Sportler eigentlich auch Naturliebhaber, es fehlt ihnen nur häufig das nötige Hintergrundwissen! Der LBV betreibt deshalb seit Jahren Aufklärungsarbeit. An der Umweltstation Rothsee findet beispielsweise jedes Jahr ein Sommerfest statt. Auch ich habe dort immer einen kleinen Infostand zum Thema SUP. Hier kann ich den Sportlern den Lebensraum Gewässer näherbringen.

Zudem beteiligt sich der LBV am Rothsee auch am sogenannten Clean-up-Event, einer Müllsammelaktion. Dabei haben wir im Frühjahr 2019 mit SUP-Boards die Uferbereiche abgefahren, die vom Land aus schwer erreichbar sind, und den Müll eingesammelt. Wir müssen in unseren heimischen Gewässern anfangen, denn über die Flüsse und Wasserwege gelangt der Plastikmüll irgendwann ins Meer. Zugleich konnten wir so den Beteiligten vor Ort den sensiblen Lebensraum Wasser näherbringen."

Kommentar von LBV-Mitarbeiter Alexander Stark

„Knigge“ für Stehpaddler

In seiner Arbeit nennt Bull verschiedene Maßnahmen, die ein konfliktärmeres Miteinander von Vogelschutz und Freizeitnutzung gewährleisten können. Diese richten sich insbesondere an den behördlichen und verbandlichen Naturschutz, Landschaftsplanungsbüros, Wassersportverbände, Surfschulen, Verleihstationen von Wassersportequipment sowie die Jägerschaft.

Daneben kann auch jeder einzelne Sportler dazu beitragen Störungen zu vermeiden. Hierzu hat Matthias Bull aus seiner Masterarbeit einfache Verhaltensregeln für die naturverträgliche Ausübung des Stand Up Paddlings abgeleitet:

  • Freiwilliger Verzicht auf SUP zur Vogelzugzeit im Zeitraum von Anfang Oktober bis Ende März.
  • Ganzjährig einen großen Abstand von mindestens 300 Metern zu Vogelansammlungen einhalten
  • Nur bestehende Einstiegsstellen wie Häfen, Badestrände und Slipanlagen in Gewässer nutzen
  • Abstand halten zu Naturschutzgebietsgrenzen, Winterruhezonen, Flachwasserbereichen und Schilfgürteln
  • Informieren Sie sich im Vorfeld eines Ausfluges über Schutzgebiete und Befahrungsregeln am Zielort

Hintergrund

Die Erhebungen des Studenten für Naturschutz und Landschaftsplanung der Hochschule Anhalt fanden in den Wintern 2016/17 und 2017/18 statt. Auslöser der Untersuchung waren sich häufende Beschwerden von Vogelschützern über massive Störungen der Wasservögel durch die neue Trendsportart. Andere Sportarten, die im Vergleich untersucht wurden waren insbesondere Motorboot- und Kanufahren, Rudern und Segeln.

Die Ergebnisse der Masterarbeit zum Thema „Stand Up Paddling (SUP) sind nun publiziert und hier nachzulesen .

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